Philip H. Anselmo & The Illegals, Walk Through Exits Only (Season of Mist/Soulfood, 2013)

anselmoEndlich mal wieder eine wahrhaft außergewöhnliche Scheibe!

„Walk Through Exits Only“ wird polarisieren – was wesentlich vom Blickwinkel und Zugang zum musikalisch Dargebotenen abhängen dürfte. Erwartet man eine Platte, die direkt eingängig daherkommt wie z.B. ein Großteil (nicht alles) des (zweifelsohne großartigen) Pantera-Backkatalogs, so wird man zweifelsohne rüde enttäuscht: Anselmo bietet nichts an, was sich als eingängige Beschallung für die Thrash-Party oder als Begleitsound fürs Rübeschütteln auf ermüdenden Autofahrten eignet.

Aber: Herr Anselmo hat solches (a) gar nicht nötig und (b) auch überhaupt nicht im Sinn. Bereits das Intro „Music Media is My Whore“ proklamiert, was auf der Scheibe von vorne bis hinten Programm ist, und das ist: „The rise of authentic anti-music“, und zwar in derolei größtmöglich „relentless“ vorexerzierter und auf maximale „distortion“ (gesellschaftlich oder klanglich, oder beides) angelegter Ausgestaltung.

Was uns Anselmo hier präsentiert, ist ein musikalisches Dokument, das nur jemand in dieser Form überzeugend abgeben kann, der verschiedene Traditionslinien – Thrash Metal, Hardcore, klassischen Heavy Metal, Southern Metal -, biographisch wie musikalisch glaubhaft, komplett durchreflektiert, kritisch gewürdigt und mit dem Skalpell auf ihr Wesentliches (Ursprüngliches) reduziert hat, um mit den gewonnenen Quintessenz(en) bar jeglicher genre- und subgenre-spezifischen stilistischen Restriktionen frei als Stilmittel operieren zu können. Das Ergebnis ist konzeptionell mehr Statement denn breitenwirksam angelegtes musikalisches Produkt, stellt aber sehr wohl – und genau deshalb bleibt es in jeder Sekunde Musik und nicht verkopfte Programmkunst – ein primär ästhetisch motiviertes Zeugnis des Ringens mit musikalischen Traditionslinien dar, das gezielt mit Hör- und Strukturerwartungen bricht, dabei aber nie ins Beliebige, Mittelmäßige oder Unentschiedene abdriftet. Im Gegenteil: Das vorgelegte Ergebnis des – man kann es aus den Kompositionen heraushören – sicherlich schwierigen und zermürbenden kreativen Prozesses ist alles andere als unentschieden; in punkto Intensität und Brutalität hängt es sogar diverse neuere Releases im Grindcore-, Hardcore- und Death-Metal-Segment locker ab, ohne auch nur einmal in den Rückspiegel zu blicken.

Das bedeutet aber nicht, dass Anselmo eine Grind- oder Hardcore- oder Death-Metal-Scheibe abgeliefert hat – beileibe nicht: „Walk Through Exits Only“ ist nichts von all dem. „Walk Through Exits Only“ ist sperrig, sperrig, und nochmals sperrig. Eingängigkeit im Sinne von Strukturen, die sich dem mit einem oder mehreren der benannten Genres sozialisierten Ohr unmittelbar erschließen, gibt es nicht. Nicht vordergründig, nicht plakativ. Und dennoch gibt es Strukturen, Aha-Erlebnisse, fiese Ankerhaken, die enormes Suchtpotenzial eröffnen – die sich aber oftmals erst auf den zweiten, dritten, vierten Blick erschließen – und die dann, über Umwege, über Kontrastierungen mit den eigenen Hörgewohnheiten und Genreerfahrungen (Thrash, Death, Sludge, Hardcore, Noise, Industrial, Trip Hop, Drone, Free Jazz) eben doch wieder „eingängig“ werden (können), hängen bleiben, sich eingraben, -fräsen, -hämmern, die einem Brust, Kehle und Synapsen zuschnüren, verknoten, verschweißen, neu verdrahten und in brutalsten Drum-, Gitarren- und Keif-Eruptionen wieder freisprengen.

Sein Konzept stellt Anselmo von vorn herein klar. Messerscharf. Insofern muss die eingangs benannte erste Perspektive auf das Werk notwendigerweise zu Frustrationen führen, da sie die künstlerische Intention eklatant verkennt und folgerichtig einem Missverständnis aufsitzt: „Authentic anti-music“ will alles andere als an konventionelle Hörerwartungen anknüpfen. Und das ist nur konsequent: Jemand mit der künstlerischen Biographie eines Anselmo könnte mit dem Versuch, an eigene frühere Großtaten (Pantera, Down, etc.) stilistisch anzuknüpfen, nur verlieren. Entsprechend ist sein eigener Spielraum mit fortschreitender künstlerischer Biographie mehr und mehr begrenzt, jeder neue Schritt zu 95% ein Schritt in die falsche Richtung. Auf den Schultern von Riesen zu stehen, die man selbst miterrichtet hat, hat schon so manchen in die Jahre gekommenen Künstler zur „lame duck“ verkommen lassen. Nicht so Anselmo: sein Befreiungsschlag ist das Ausbrechen aus dem Erwarteten, Nicht-Erfüllbaren, Konventionellen, hin zu einem gereiften Meta-Werk zum Zustand der Gesellschaft, der Musikindustrie, der eigenen Psyche. „Walk Through Exits Only“ ist pure, destillierte, 100%-ige Aggression, Vernichtung, musikalische wie inhaltliche Dekonstruktion – und das gleichermaßen überzeugend wie wuchtig. Dem gesamten Album unterliegt, trotz seiner vielfältigen (mit ans Sadistische grenzendem Genuss zelebrierten) Brüche und bewusst provozierten Hör-Irritationen, ein hundsgemeiner, rollender, sich ins Hirn fräsender und dort Gift und Galle verspritzender Groove. Über diesem Fundament, das in seinen besten Momenten in apokalyptisches Kriegsgetümmel zu kippen droht, ohne aber den schmalen Grat zum wahllosen Chaos jemals tatsächlich zu überschreiten, thronen erhaben Anselmos Shouts mit einem Grad von Angepisstheit, den man in dieser Qualität und Eindringlichkeit, zugleich auch Verletzlichkeit, von ihm noch nicht gehört hat. Und man hat schon einiges von ihm gehört.

Wie eingangs schon gesagt: Ein wahrhaft außergewöhnliches Album, das schon jetzt einen festen und hohen Platz in meiner persönlichen Bestenliste für 2013 gebucht hat. Ein vergleichbar überzeugend und kohärent eingelöstes Versprechen auf „authentic“ und „relentless“ vorgetragene „anti-music“ wird man mit Sicherheit lange nicht mehr zu hören bekommen. Hut ab, Philip Hansen Anselmo, für dieses unglaubliche Spätwerk!

P.S.: Als Anspieltipp fürs vorsichtige Herantasten sei das vorab als Video ausgekoppelte „Bedridden“ empfohlen, das – sofern man dieses Attribut überhaupt auf „Walk Through Exits Only“ anwenden kann – unter den acht Stücken des Albums noch am ehesten „konventionelle“ Züge aufweist.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Hardcore, Heavy Metal, Thrash Metal

Eine Antwort zu “Philip H. Anselmo & The Illegals, Walk Through Exits Only (Season of Mist/Soulfood, 2013)

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