Monatsarchiv: August 2013

Was glücklich macht: Bombus, The Poet and the Parrot (Century Media/Universal, 2013)

bombusDieses Album kommt auf den ersten Blick, vor allem soundtechnisch, im Stoner-Gewand daher, wurzelt aber wenn nicht knie-, dann zumindest knöcheltief in der frühen New Wave of British Heavy Metal, als Hardrock und Punk kongenial fusionierten. Zunächst einmal wurden die Hawkwind-Spacerock-Abfahrten des Debuts deutlich zurückgefahren zugunsten eines knackigeren, rock’n‘rolligeren Grundansatzes, der immer mal wieder frühe Motörhead als Referenz durchscheinen lässt. Die Hooks lassen hier und da frühe Maiden anklingen, vereinzelt finden sich sogar Twin-Leads in bester Lizzy-Manier. Bisweilen erinnert (mich) das (entfernt) an das Nucleus-Album von Dawnbringer (eines meiner persönlichen Top-10-Alben der letzten fünf Jahre). Während Dawnbringer riff- und hooktechnisch die Apotheose der frühen NWOBHM (vor allem Maiden) aber sehr explizit betreiben, bleiben die entsprechenden stilistischen Symbole bei Bombus mehr Verweis und Zitat als konzeptuelle Folie und Fundament: Bombus haben, das muss betont werden, einen sehr eigenständigen, ausgereiften, in sich stimmigen und originellen Gesamtansatz, zu dem sich kaum direkte Vergleiche ziehen lassen. Wenig informativ (für mich auch nur bedingt nachvollziehbar) sind die bemühten Vergleiche in einschlägigen Rezensionen wie etwa (sinngemäß) „Mastodon, die ihre alten Entombed-Platten wiederentdeckt haben“ oder „Motörhead gekreuzt mit Entombed und Venom“. Das alles trifft es bestensfalls ansatzweise, denn das Ergebnis geht, wenngleich gewisse Stilelemente der benannten Bands fraglos vorhanden sein mögen, in punkto Sound und Gesamteindruck dann doch in eine sehr eigene Richtung: Bombus zelebrieren einen warmen Stoner-Sound mit fließendem, kaum über Midtempo hinausgehenden Groove, manch überraschender harmonischer Wendung und einer coolen Bassarbeit (die man eindrucksvoll z.B. in der zweiten Hälfte des Titelstücks nachhören kann). Der (durchgängig gedoppelte) Gesang oszilliert irgendwo zwischen dem jungen Herrn Kilmister, frühen Mastodon und Chris Black (Dawnbringer). Auch wenn hin und wieder mal in schönster „Overkill“-Tradition Druck gemacht wird (etwa im Opener „Enter the Night“ und in dem vorab als Single veröffentlichten „Apparatus“) so ist der überwiegende Teil des Materials eher getragen, wuchtig und erhaben, in gewisser Weise sogar hymnisch. Der Ansatz beim Songwriting mag dabei auf den ersten Blick simpel anmuten, bei näherem Hinhören finden sich aber zahlreiche originelle Details und überraschende Wendungen, die einem – ja, genau! – unwillkürlich ein beseeltes Grinsen ins Gesicht zaubern. Hat man sich einmal in den Ansatz der Band eingehört (bei mir hat es nicht sofort „Klick“ gemacht – ab Mitte des zweiten Durchlaufs dann aber doppelt), entfaltet das Album enormes Suchtpotenzial und – macht glücklich (So einfach kann das manchmal sein!).

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Eingeordnet unter Hardrock, Heavy Metal, NWOBHM, Stoner Rock

Renaissance, nicht „retro“: Wound, Inhale the Void (F.D.A. Rekotz/Soulfood, 2013)

woundWarum nicht einmal ein Stück Death Metal unter Nutzung lediglich simpelster ästhetischer Kategorien beschreiben? Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht?

Nun denn: Das Debütalbum der Wiesbadener Death-Metal-Formation Wound ist ein schönes Album geworden. Es erquickt das Herz und erfüllt die Seele mit Wonne – nicht nur (aber insbesondere auch) für denjenigen, der ein mit den Trademarks und Traditionslinien des Genres sozialisiertes und an schwerem Gerät der Marke Dismember oder Grave geeichtes Gehör sein Eigen nennt. Geschmackvolle Referenzen und ansprechende Remineszenzen an diese und andere Altvordere gibt es sattsam und zuhauf – und darüber hinaus noch einiges mehr (Elemente „klassischen“ Crustcores, Black Metals und Death’n’Rolls). Dabei agiert das Album einerseits bewahrend (im Sinne eines wohlverstandenen Konservatismus), andererseits aber mit einer relativen kompositorischen Beinfreiheit, die sich nicht darauf beschränkt, lediglich zum x-ten Male die Standards des Genres zu reproduzieren und sich innerhalb derer engen Grenzen kaum innovative Ambitionen zugesteht, sondern die mit Lust (aber nicht über Gebühr) ihre opulent und schmackhaft angerichteten (Blut-)Mahlzeiten mit Kräutern aus anderer Herren Botanisierbüchse würzt, dass es eine wahre Freude ist.

Besonders eindrücklich lässt sich dies am Song „Forever Denial“ nachvollziehen, der in viereinhalb Minuten die Quintessenz aller Einflüsse zusammenfasst, aus denen Wound schöpfen: Der Song beginnt mit angeschwärztem Black-Metal-Geblaste (ähnlich wie auf Teilen des letzten Unleashed-Outputs, aber ungezügelter und frischer), leitet dann über in eine Uptempo-Strophe mit bleischweren Riffs, die Sunlight-Gedächtnis-Sound auffahren und dem Death’n’Roll huldigen. Dann ein kurzes Rock’n’Roll-Lick, bis das Death’n’Roll-Riff wiederkehrt und gedoppelte Crust-Shouts, die sich auch auf einem neueren Napalm-Death-Release vortrefflich machen würden, den Song zum Höhepunkt treiben. Anschließend erneut angeschwärztes Geblaste, zweite Strophe, Rock’n’Roll-Lick, Crust, dann – wie geil ist das denn! – ein locker und unprätentiös aus der Hüfte geballertes Rock’n’Roll-Solo. Der Song schließt mit einem Moshpart, in dem noch mal mächtig Druck aufgebaut wird. Klingt zusammengepuzzelt? Mag man vermuten, ist es aber nicht: Der Song hat einen gewaltigen, immer in der Stockholm-Version des Death Metal wurzelnden Groove, in dem sich die verschiedenen stilistischen Elemente sehr natürlich zusammenfügen und der einen locker-flockig mit sich reißt („Like an Everflowing Stream“, irgendwer?).

Wer nun glaubt, Wound seien eine „progressive“ Band, die sich nur zwischen den Stilen zuhause fühlt und klassischen Death Metal letztlich nur als ein Stilmittel unter vielen denn als echtes Fundament nutzt, der irrt: Wound sind 100% purer, unverfälschter, roh und blutig servierter, „klassischer“ Death Metal – stellenweise sogar derart klassisch, dass man die Jungs fast noch im (schwedischen) Proto-Death-Metal verorten möchte, also in derjenigen Ära stilistischer Freiheit, in der sich der Death Metal noch gar nicht einer eigenen Genre-Existenz bewusst war, die Eckpfeiler dessen, was Death Metal grundlegend ausmacht, noch nicht einzementiert waren und diverse Pioniere, inspiriert von Thrash und Hardcore-Punk, sich gerade erst anschickten, neue Wege des Extremen in der Musik auszuloten. Wound gehen an diese Wurzeln zurück, erfinden dort das Rad (natürlich) nicht neu, legen aber noch mal eine gehörige Schippe neuen Drive drauf: Frühe Dismember, Grave, Entombed und die Nihilist-Demos lassen grüßen, sowohl soundtechnisch als auch in punkto Songwriting. Der Gesang ist ebenfalls viel näher an den Shouts schwedischer Genre-Pioniere wie Corpse, Merciless oder Nihilist als am Growling der fortgeschrittenen 90er. Für heutige Ohren klingt das wie eine Death-Metal-Stimme mit Black-Metal- und/oder Hardcore-Einschlag – aus Sicht der späten 80er ist es purster und ursprünglichster Death Metal.

Insgesamt umfasst „Inhale the Void“ acht vollwertige Songs, ein kurzes Intro sowie – als das Album beschließendes Stück und Titeltrack – eine Akustiknummer, die wehmütige Erinnerungen an Metallica zu Zeiten Cliff Burtons (!) heraufbeschwört.

FAZIT:

Nach ihrem bereits vielbeachteten Demo „Confess to Filth“, das der Band Ende 2012 die Auszeichnung als „Demoband des Monats“ im RockHard einbrachte, legen Wound mit „Inhale the Void“ den Grundstein für ein hoffentlich ebenso beachtliches künftiges Oeuvre. An einigen wenigen Stellen in dem einen oder anderen Song des Albums bleibt zwar kompositorisch noch ein wenig Luft nach oben – diese werden die vier Jungs aus Wiesbaden bis zu ihrem nächsten Release aber mit Sicherheit noch locker weginhalieren können. Insgesamt ist „Inhale the Void“ ein wummerndes und druckvolles, dabei ungemein bösartiges und ergo den geneigten DM-Hörer vollumfäglich(st) entzückendes Statement, mit welchem eine weitere Band (neben im Vorjahr herausragenden Acts wie Skeletal Remains, Deserted Fear oder Kaotik) den Nachweis antritt, dass im Death-Metal-Genre in kreativer Hinsicht auch heute noch jede Menge Potenzial schlummert. Die neue Garde genrespezifischer und hochklassiger Bands, die in den letzten zwei, drei Jahren – maßgeblich gefördert von Labels wie F.D.A. Rekotz, die auch Wound herausbringen – auf den Markt drängen, ist – trotz ihres Bekenntnisses zu alten bis z.T. sehr alten Referenzwerken – alles andere als „retro“: Sie ist nicht rückwärtsgerichtet, sondern knüpft an Kanonisches an, um Neues zu erschaffen und ihre Referenzen unter zeitgemäßen Vorzeichen weiterzuentwickeln. „Death-Metal-Renaissance wäre, wenn schon ein Etikett benötigt wird, daher deutlich angemessener.

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Eingeordnet unter Death Metal, Wound