Monatsarchiv: November 2013

God save the … nein, halt: Die neue Single von Mustasch („Feared and Hated“, Gain/Sony Music, 2013)

Mustasch, Feared and HatedAm vergangenen Mittwoch ist Mustaschs Beitrag zur Eröffnung der Weihnachtszeit erscheinen – mag man meinen, wenn man die Single „Feared and Hated“ zum ersten Mal hört und zunächst mit sechzehn Takten zweistimmigen „Ah-ahs“ im betulichen Tempo begrüßt wird. Maria und Josef!, ist man spontan versucht auszurufen, wo sind sie nur hin, der Mustasch-typische Biss und das Löwengebrüll aus „Mine“ und Consorten?

Keine Bange: Der Schein trügt. Stille Nacht geht anders, und das Intro des Songs führt zunächst augenzwinkernd aufs (winterliche) Glatteis. Auch wenn sich das Intro erst nach vollständiger Erschließung des Songs kohärent in den Gesamteindruck fügt (eigentlich eine recht originelle Anspielung auf unsere linearen Hörgewohnheiten), so ist die Single „Feared and Hated“, vorab ausgekopppelt aus dem am 15.01. erscheinenden neuen Album „Thank You For The Demon“ alles andere als ein besinnlicher Weihnachtsschunkler. Er ist aber auch nicht zu 150% das, was man von Mustasch nach den letzten beiden – großartigen – Alben „Mustasch“ (2009) und „Sounds Like Hell Looks Like Heaven“ (2012) erwartet hätte, nämlich keine Fortschreibung des bewährten Stils mit neuen Riffs, sondern kann durchaus als eine Erweiterung des stilistischen Repertoires der Band angesehen werden – ob nur für diesen einen Song oder für das gesamte kommende Album, wird im Januar herauszufinden sein. Gerade das macht diesen Song als Teaser so gut.

Zur Beruhigung sei vorweggeschickt: Was Mustasch mit „Feared and Hated“ unternehmen, entfernt sich keineswegs meilenweit von dem, wofür die Band steht; statt dessen werden aus der ureigenen Kernkompetenz der Band – einem Händchen für knackige Riffs und sich unmittelbar ins Ohr groovende Songs sowie der unverwechselbaren Stimme von Ralf Gyllenhammar – neue Facetten herauspräpariert, die man nicht unbedingt erwartet hätte, die aber, so sie nun als Song vorliegen, durchaus Sinn ergeben und zu gefallen wissen. Die  Bezugspunkte heißen dabei weniger Dio, Black Sabbath und Danzig, als vielmehr – man staune! – Queen, Uriah Heep und Thin Lizzy. Das zeigt sich in mehrstimmigen Gesangsharmonien (Queen, Heep), das zeigt sich in einem Strophen-Riff mit vorwärtspreschendem Drumming im Stile von „Keep Yourself Alive“ oder „Headlong“ (Queen), das zeigt sich in Twin Leads à la Lizzy, die in der Wiederholung zu Triple Leads à la Brian May gesteigert werden. Über all dem: Gyllenhammar, mal gehetzt vorwärtsshoutend (wie man das von ihm kennt), mal mit sich selbst im Duett oder gegenläufig harmonierend (Chorus), das Ganze mit einem Charme vorgetragen, der – ohne Gotteslästerung betreiben zu wollen – in manchen Augenblicken zwar nicht der stimmlichen Brillanz, aber durchaus dem Charme Freddie Mercurys aufregend nahe kommt. Auch die dezent narzisstisch angehauchten Lyrics (die Gyllenhammar stets mit einem Augenzwinkern in der Stimme vorträgt) lassen den Geist von Freddie assoziieren, was man als warmherzige Hommage oder eben auch als originell transformierte stilistische Anleihe bei einer der ganz großen Referenzbands des Progressive Rock werten kann.

Das ist toll, das ist überraschend, und das ist – hat man erste Irritationen überwunden – ungemein überzeugend und mitreißend. „Feared and Hated“ macht Lust aufs kommende Album. Enorme Lust.

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Live-Review: The Ocean, Hacride, Shining, Tides From Nebula (Essen, Zeche Carl, 15.11.2013)

Pelagial Tour 2013Meine ausführliche Review zum Konzert von The Ocean, Hacride, Shining und Tides From Nebula im Rahmen der „Pelagial Tour 2013“ ist heute auf der Website des Legacy-Magazins erschienen.

Zum Artikel:
THE OCEAN, HACRIDE, SHINING, TIDES FROM NEBULA @ Essen, Zeche Carl – 15.11.2013
(Legacy „Live Zone“)

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Theory in Practice, Colonizing the Sun (2002): eine Huldigung

Theory in PracticeKennt ihr das? Manche Songs packen einen derart, dass man kaum, dass der letzte Ton verklungen ist, wieder (und wieder (und wieder)) die Repeat-Taste drückt, weil man das, was man eben gehört hat, einfach kaum glauben mag, und/oder weil man nicht wahrhaben möchte, dass es schon (wieder) vorbei ist und/oder auch einfach nur deshalb, weil es so geil ist.

Aktuell geht es mir so mit dem Titeltrack des 2002er Albums Colonizing the Sun der unglaublichen schwedischen Prog-Death-Combo Theory in Practice – was einerseits schade ist, da ich dadurch (Der besagte Titeltrack ist zugleich der Album-Opener) kaum dazu komme, auch die übrigen Titel zu hören, andererseits aber auch wieder berechtigt, weil dieser Song so vieles in sich birgt, dass sich weder Herz noch Hirn noch Nacken noch Geist (Wiederhole ich mich?) daran satthören können.

Ich habe Reviews gelesen, in denen die Musik dieses Albums – offenbar in Ermangelung präziserer Beschreibungskategorien – als „einfach nur krank“ (im wohlmeinenden Sinne) beschrieben wurde. Diese Einschätzung kann ich bedingt nachvollziehen, informativ ist sie – wie anerkennend sie auch gemeint sein mag – aber nicht, zumal sie zu dem Fehlschluss einlädt, auf dem Album regiere letztlich entweder nichts als frickeliges Chaos oder aber nichts als schiere Kakophonie und Lärm.

Nichts dergleichen ist der Fall. Das Album – beziehungsweise der eine Song, dem die vorliegende Review ausschließlich gewidmet ist – ist in höchstem Grade strukturiert. „In höchstem Grade“ meint: bis in die sprichwörtlichen Haarspitzen (oder auch die metaphorischen Synapsen). Nichts ist hier fehl am Platz, und nichts ist an einem Platz, an den es nicht hingehört – selbst wenn hier z.T. tonnenweise Instrumentalspuren übereinander gelegt wurden und bei beiläufigem ersten Hören (Für beiläufiges Hören ist, notabene, diese Scheibe nicht gemacht) vieles kompliziert und überfrachtet anmuten mag. Der Ton macht die Musik, und zwar der einzelne, bis hinein in die Singularität jedes Schlags auf die Snaredrum, jeder Sechzehntelnote aus einem Gitarrenlauf. Und Noten, jahaaa!, Noten gibt es in diesem Song mehr als genug. Man mag staunen, wie viele entfesselte Noten in fünfeinhalb Minuten passen! Stellwenweise spritzt die Musikalität – überbordend, schäumend – nur so aus den Boxen heraus, als sei Zeit das eigentlich knappe Gut in jenem Land an der Schnittstelle von Theorie und Praxis, an dem es Noten zuhauf, aber der Sekunden nur wenige gibt, um sie loszuwerden. Ergo muss es schnell getan sein, das Werk, sie zu formen, sie artikuliert auszustoßen, sie hinter-, neben-, über- und untereinander zu schichten, bevor sie schon wieder weg und verhallt sind – immer unterworfen dem erhabenen Großen und Einen: dem Song, den es in all den mannigfachen, flüchtigen wie rasanten Emanationen der Klangwerdung zu konstituieren gilt und dem alles – alles! – unterworfen ist.

Denn: So komplex die Strukturen, so fordernd die Cluster auch sein mögen, die hier erzeugt und aneinandergefügt werden – nie erschöpft sich das Dargebotene in bloßer musikalischer Taschenspielerei oder in Kaskaden selbstbezogenen Gefrickels. Im Gegenteil: Theory in Practice gelingt es wie kaum einer anderen Band ihres Metiers, trotz aller technischer Achterbahnfahrten Songs mit Ohrwurmcharakter (oder besser: Geirnwurmcharakter) zu schaffen – zwar nicht auf den ersten Blick … und vielleicht auch nicht auf den zweiten … bis sie dich endlich kriegen.

Eine Genrezuordnung lässt sich kaum treffen. Am ehesten lässt sich das Fundament als Melodic Death Metal beschreiben, doch mit Bands, die prototypischerweise diesem Genre zugerechnet werden, haben Theory in Practice nur wenig gemein. Dem kompositorischen Ansatz lässt sich eher durch den Vergleich mit den Tonmalereien romantischer Programmmusik beikommen, wenngleich Theory in Practice trotz allem (a) eine Death-Metal-Band bleiben und (b) ihre tonmalerischen Quintessenzen in nach einer gewissen Einhörphase durchaus „eingängig“ zu nennenden Vier- bis Sechsminutenstrukturen unterzubringen wissen.

Die Anlage von Colonizing the Sun ist der eines Kammermusikensembles vergleichbar, bei dem die einzelnen Instrumente abwechselnd solieren, wärend die jeweils anderen dafür das Fundament bilden. Dabei – hier nähert sich das Ganze dem Jazz an – wetteifern die Instrumente permanent darum, wer als nächstes unter der brodelnden Oberfläche hervorbrechen und brillieren darf. Die Basis bildet ein treibender Dreivierteltakt, der im Mittelteil durch einen fließenden Viervierteltakt abgelöst wird, über den sich ab Zählerstand 2:30 bzw. 2:58 hochmelodische Gitarrensoli legen, die sich achtelnd und sechzehntelnd in höchste Höhen schrauben und die aus dem Handgelenk geschüttelt haben zu dürfen sicherlich auch ein Brian May stolz wäre. Auch Keyboards gibt es hier, und zwar nicht zu knapp – im Gegensatz zu Mainstream-Melodeath-Combos allerdings nicht  dazu degradiert, nur den Sound fetter zu machen, sondern als emanzipiertes Soloinstrument aufspielend (mit Anklängen an die Hochzeiten von Emerson, Lake & Palmer).

Textlich entwirft der Song – für Death Metal ungewöhnlich – ein trostreiches Bild vom Tod, in dem das Sterben als die Loslösung von den Unzulänglichkeiten des Körperlichen und Diesseitigen und als ein Aufgehen im verschlingenden Feuer der Sonne erscheint, welches das Individuum, gelöst von allem Irdischen, zu Klarheit und Vollkommenheit reifen und als Lichtfunke in die Unendlichkeit des Alls eingehen lässt. Das ist natürlich abgefahren hoch zehn, aber von hoher metaphorischer Kraft und überdies poetisch anspruchsvoll umgesetzt. Der aberwitzige Komplett-Break bei Zählerstand 3:51, von dem ich beim ersten Hören dachte, es könne sich dabei nur um einen Aufnahmefehler handeln, fügt sich perfekt in die Textdramaturgie: Nachdem zuvor die Transformation des Individums zu Licht beschrieben wurde, kommt nun gewissermaßen das Fazit des Ganzen:

„Those thought of as gone, united as one
Colonizing the sun, finaly released
A haven for the deceased
Awaken to a new form of life in symbiosis with the stars“

Das Motiv, das die Gitarre schließlich im Outro zum Besten gibt (und  das zuvor vom Keyboard angebahnt wird), gehört mit zum Besten, was ich in den letzten Jahren als Song-Outro gehört habe und könnte in endloser Wiederholung so weitergehen – wenn nicht das Fadeout wäre, das ebendiese Hoffnung enttäuscht und zugleich ewige Wiederkehr andeutet.

Was für ein Song!

Bleibt mir nur, erneut auf Repeat zu drücken und auch beim siebzigsten Durchlauf wieder unwillkürlich die Kinnlade runterzuklappen.

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Mixtape-Dilemma, oder: Die Leiche lebt!

Death MetalEin Freund hat mich gebeten, eine Mix-CD mit einem Querschnitt durch das Genre Death Metal für ihn zu erstellen. Selbst auferlegt habe ich mir – leichtfertig, wie ich inzwischen feststellen muss!! –, die CD bis zum Carcass-Konzert am 7.11. in Oberhausen fertigzustellen.

Nachdem ich zunächst und eher nebenher bottom-up mit der intuitiven Zuordnung von Songs aus meiner digitalen Musiktruhe zu einer Brennliste begonnen habe, stellt sich mir mit zunehmendem Hin- und Herverschieben von Titeln immer wieder neu die Frage, was sich eigentlich auf der anvisierten Audio-CD unterbringen lässt und was auf ihr untergebracht werden sollte – und damit die Frage danach, welche Funktion eine Mix-CD, der die Eigenschaft der Begrenztheit auf ca. 70 Minuten Spieldauer physikalisch inhärent ist, eigentlich primär , was sie ganz grundsätzlich dokumentieren soll und welche Konsequenzen dies für die Formulierung und Gewichtung von Auswahlkriterien in Hinblick auf die Songzusammenstellung hat.

Natürlich könnte ich einfach irgendeine Auswahl vornehmen, etwa nach dem Kriterium „Ich gebe mir jetzt exakt 15 Minuten Zeit, um eine CD zusammenzustellen“ … und dann die Kugel). Der Vorteil eines solchen Vorgehens läge darin, intellektuelle Reflexionen über das Genre als solches sowie ein allzu langwieriges selbstkritisches Hinterfragen des subjektiven Auswahlverhaltens durch eine hart gesetzte Deadline zu unterbinden. Heraus käme ein stark subjektiv gefärbter Spontanquerschnitt durch das, was ich intuitiv dem Genre zurechne; auf der anderen Seite bliebe höchstwahrscheinlich vieles außen vor, was mir in eben jenen 15 Minuten zufälligerweise gerade nicht in den Sinn kommt, das mir bei einer Ausdehnung der Deadline auf 20, 30, 40 Minuten oder in einem anderen 15-Minuten-Zeitraum an einem anderen Tag und mit anderer Tagesform aber möglicherweise durchaus und sehr zentral eingefallen wäre.

Wäre ich mit einer solchen Auswahl aber auch morgen noch zufrieden? Spiegelte sie den Kern dessen wieder, was Death Metal eigentlich ist? Oder, um das Problem vom großen Ganzen ins kleinteilige Partikuläre zu verlagern: Kein Song repräsentiert für sich allein das gesamte Genre – und jeder Song ist anders. Wenn also schon ein Song keinen idealtypischen Eindruck vom Genre vermitteln kann, wie sollen es dann 12 oder maximal 15 unterschiedliche Songs tun (von denen jeder einzelne ja wiederum das Genre alleine bestensfalls ausschnitthaft und damit unzureichend charakterisiert)?

Die Herausforderung liegt darin, bei der Songauswahl zwar Vielfalt zuzulassen, zugleich aber nicht Vielfalt um jeden Preis anzustreben. Unternähme man Letzteres, liefe man Gefahr, nur die eher untypischen Extreme des Genres zu dokumentieren und somit den Kern, das Verbindende der Akteure im Genre unterzurepräsentieren. Zugleich waren aber gerade die extremen Randbereiche des Genres (beispielsweise die Grenzgänger zwischen Death Metal und Jazz, zwischen Death Metal und Grindcore, zwischen Death Metal und Ambient/Drone) diejenigen Bereiche, aus denen immer wieder Innovationen in den Kern des Genres zurückwirkten, die das Genre in einigermaßen regelmäßigen Abständen neu belebten oder die durch den Brückenschlag zu anderen musikalischen Ausdrucksformen und die Integration „fremder“ künstlerischer Mittel das, was das Genre im Kern ausmacht, zumindest indirekt stärkten und neu definierten.

Was gehört also auf eine Mix-CD, die einerseits – strukturell betrachtet – die stilistische Bandbreite des Genres, andererseits – genetisch betrachtet – in mindestens gleichem Maße auch die Entwicklung des Genres von dessen Pionierzeiten („Underground“) bis hin zu seiner heutigen Ausprägung umfasst? Wer die „Klassiker“ und – aus heutiger Sicht – die kanonisierten Säulenheiligen des Genres sind, ist schnell entschieden. Welche Ausschnitte aus dem Schaffen der Klassiker (wenn man nicht gerade – wie z.B. MASSACRE – nur eine einzige Scheibe veröffentlicht hat) aber als repräsentativ in eine Querschnitts-Compilation aufgenommen werden sollten, ist eine ganz andere Frage:

  • Ist beispielsweise DEATHs Crystal Mountain noch prototypischer US-Death-Metal oder bereits zu progressiv? Wären Open Casket, Pull the Plug oder gar Zombie Ritual nicht die viel bessere (und auch unter genetischer Perspektive sinnvollere) Wahl, auch wenn man damit der beachtlichen Entwicklung im Schaffen Chuck Schuldiners (sicherlich auch aus dessen eigener Sicht, ruhe er in Frieden) nur bedingt gerecht würde?
  • Sollte man von einer „klassischen“ Band wie GRAVE, die auch mit ihren gegenwärtigen Outputs noch sehr überzeugende Vertreter der Zunft abgeben, eher ein stilprägendes Frühwerk in die Auswahl aufnehmen – oder darf’s auch Disembodied Steps von dero letzten Output aus 2012 sein, das zwar nicht mehr jung und hungrig, dafür aber mit einem über die Jahre gereiften Groove daherkommt, der trotz der derzeitigen Schwemme junger, sich an eben jenem, von Grave mitgeprägten Sound orientierenden Bands seinesgleichen sucht?
  • Wäre es – nicht nur von der Produktion her – den anderen Klassikern in der Auswahl gegenüber unangemessen, AUTOPSY mit dem grandiosen She Is a Funeral aus ihrem 2013er Album zu berücksichtigen, das die gesamte Entwicklung des Doomdeath-Subgenres verinnerlicht und reflektiert hat (was den Frühwerken noch nicht möglich war)?
  • Darf in einer Auswahl, die anstrebt, jede ausgewählte Band mit nur jeweils einem Song zu berücksichtigen, neben einem Stück von ENTOMBED auch ein Stück von NIHILIST (also Entombed minus Johnny Hedlund) vertrteten sein, deren Demos den prototypischen Stockholm-Sound noch ursprünglicher, roher und unbehauener zur Geltung brachten als die nur unwesentlich späteren Album-Outputs der Erstgenannten, die dann einen zentralen Beitrag zur Explosion des Gernes in Nordeuropa leisteten?

Derolei Fragen aber noch nicht genug! Ganz unabhängig von der Frage der Auswahl einzelner Songs aus dem Oeuvre einzelner Klassiker ergeben sich weitere Komplikationen hinsichtlich der Frage nach der übergreifenden Signifikanz jüngerer Releases, nach der Auswahl von Songs in Abhängigkeit zur Funktion der Kompilation und nicht zuletzt hinsichtlich der Relevanz von Bands aus angrenzenden Genres:

  • Hat eine (neue) Band wie SKELETAL REMAINS, denen es in einzelnen Songs gelingt, den 90er-Jahre-US-Death-Metal direkter auf den Punkt bringen als manche der klassischen Florida-Bands (die z.T. eher im Albumformat, denn in Einzelsongs prototypisch für das Genre sind, das sie schufen), etwas in einer strukturell wie auch historisch begründbaren Auswahl wie der hier angestrebten zu suchen oder eher doch nicht?
  • Was ist generell mit der „New Wave of Death Metal“, die sich in den letzten Jahren abzeichnet und die solch vielversprechende Debüts wie jene von z.B. DESERTED FEAR (2012), KAOTIK (2012) oder WOUND (2013) hervorgebracht hat?
  • Bei der Auswahl einzelner Songs aus dem Schaffen einzelner Bands mehr Wert auf Eingängigkeit gelegt werden – oder darf eine technische Death-Metal-Band ruhig sehr technischen Stück vertreten sein? Ich denke hier an die Frage, wie man Bands wie MORBID ANGEL, NILE, CANNIBAL CORPSE, ATHEIST oder SUFFOCATION – beziehungsweise auf dieser Seite des Ozeans: SPAWN OF POSSESSION oder DECAPITATED – am besten zugäglich macht für Ohren, die mit der Spielart des „Technical Death Metal“ noch nicht oder nur bedingt vertraut sind.
  • Wo genau grenzt man Death Metal von Nachbargenres ab, wo wir doch wissen, dass Genregrenzen eher vage sind und bei genauerer Betrachtung eine Abstraktion darstellen, um deren Existenz sich die meisten der ernstzunehmenden Bands ohnehin kaum scheren? (Vergleiche die immer mal wieder wiederholte Aussage von Jeff Walker/CARCASS, seine Band spiele, wenn überhaupt ein bestimmtes Genre, dann „Heavy Metal“ beziehungsweise „Carcass-Musik“) Gehören beispielsweise bestimmte Alben von NAPALM DEATH zum Death Metal oder wäre diese Band für eine Songauswahl zum Thema „Was ist Death Metal?“ – obwohl sie fraglos nicht wenige innovative Impulse in den Kernbereich gerade auch des Death Metal eingebracht hat – dann doch zu randständig? Und überhaupt: Stilprägend für das Genre, gerade in der Anfangszeit, waren ja auch ganz zentral die frühen Thrash-Bands, auch wenn sich einige Todesmetaller in Statements z.T. sehr dezidiert von deren Stil absetzten; in der Pionierphase etwa des schwedischen Death Metal lässt sich die schrittweise Emanzipation aus dem Thrash sehr gut nachvollziehen (siehe z.B. die 3-CD-Kompilation zur Genregeschichte von Daniel Ekeroth).

… und, UND, und, und, und

Es ist und bleibt schwierig. Wer am Ende dieses Blogeintrags eine Art Fazit oder gar Lösung erwartet hat, muss (systematisch) enttäuscht werden. Vermutlich sollte man nur Mixtapes oder -CDs zu Genres zusammenstellen, in denen man nicht so sehr, sondern eher nur als Gelegenheitshörer sich heimisch fühlt. Persönlich ziehe ich als Fazit: Ich werde diese Aufgabe zuende bringen – und zwar zu einem Ende, mit dem ich hoffentlich werde leben können. Danach werde ich mich am Besten nie wieder daran versuchen, ein Death-Metal-Mixtape zusammenzustellen. Bestätigt hat mich das beschriebene Unterfangen aber einmal mehr in Folgendem: Das Genre lebt und ist auch nach inzwischen mehr als einem Vierteljahrhundert lebendig und dynamisch. Genau das ist es ja, was mir bei der Herstellung einer vernünftigen Songauswahl zum Dilemma gereicht. ;-)

In dieserlei Sinne: Die Leiche lebt! – Beziehungsweise (im genretypisch gewendeten Wortsinn:) Operation gelückt: Patient tot. :D


( Diskussionsthread zum Mixtape-Dilemma im RockHard-Forum )

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