Smothered, The Inevitable End (Soulseller/Soulfood, 2013)

Smothered, The Inevitable EndDie ungestüme Wucht von DISMEMBERs „Override the Overture“ oder NIHILISTs „Abnormally Deceased“ wird vermutlich keine Band der Welt mehr vergleichbar hinbekommen, den räudigen Groove von UNLEASHEDs „The Immortals“ ebenfalls nicht. Warum nicht? Weil heutigen Death-Metal-Bands das relevante Maß an Naivität fehlt, mit dem man nur in einem noch weitestgehend unerforschten Terrain (= der Spielwiese eines eben erst in Formung befindlichen neuen Genres) zu Werke gehen kann. Hat ein Genre bereits Geschichte (und die des Death Metal ist inzwischen fast zweieinhalb Jahrzehnte alt und entsprechend ausdifferenziert, vielfach durchreflektiert und mit wechselseitigen Querverweisen im Schaffen der heute aktiven dritten, vierten, fünften Generation von Bands verinnerlicht) und wurden dessen zentrale Trademarks bereits in zahlreichen Referenzwerken entwickelt, verfeinert und dokumentiert, dann ist ein „naiver“ (oder wahlweise auch „nativer“) Zugang kaum mehr möglich – und von heutigen, neu auf dem Genre-Parkett debütierenden Bands auch nicht mehr erwartbar. Wer heute im Death Metal anfängt, steht bereits – ob er es will oder nicht – auf den Schultern von Riesen und muss, will er einen eigenen Akzent setzen und Interesse auf sein künstlerisches Tun lenken, diese überragen, ohne dabei zu vergessen, dass ihm dieses überhaupt nur durch das Stehen auf den erwähnten Schultern möglich ist.

Die Spielräume, sich innerhalb eines Genres ein eigenständiges Profil zu erarbeiten, sind also extrem eng gesteckt, es wie die „Altvorderen“ zu einer Band mit Klassikerstatus zu bringen, ist ohnehin so gut wie ausgeschlossen. Nicht wenige Bands wählen daher den Weg in die Progressivität – und solche Bands braucht es, um die Innovationsmaschine am Laufen zu halten und durch die Reinterpretation und reflektierte Infragestellung des Etablierten immer wieder Neues auszuprobieren und zu schaffen: Neues, das sich möglicherweise eines Tages selbst zu einem Genre verfestigt, sich als eigenständige Struktur etabliert, Wurzeln und Triebe schlägt, auswuchert und sich verselbstständigt. Progressivität ist wichtig, denn – wie es der jedweder Metal-Affinität unverdächtige Herbert Grönemeyer einmal in einem Song auf den Punkt brachte – „Stillstand ist der Tod“. Auf der anderen Seite braucht es aber auch solche Bands, die die klassischen Standards am Leben halten und uns durch immer wieder neue Variation des Kanonischen vor Augen führen, wie zeitlos das Schaffen der Klassiker doch war und ist. Das schärft den Blick fürs Wesentliche und lädt ein zur Neuenteckung wie auch zur immer wieder neuen Analyse und Auseinandersetzung (und damit letztlich wieder zur Innovation).

Es ist daher sowohl erfrischend wie auch erfreulich, wenn einzelne Bands das Ungestüme der Pionier- und Entdeckerphase des Death Metal in einer Weise wiederaufleben lassen, die sehr nahe an den Geist der Anfangstage heranreicht, ohne dabei konstruiert oder gewollt wirken oder mit jeder Note in ehrfürchtiger Anbetung zu erstarren. Was damals Sprengkraft und Innovationspotenzial hatte, ist in seiner heutigen Rekonstruktion natürlich wertkonservativ und rückwärtsgewandt; als respektvolles Denkmal wie auch als Futter für all diejenigen, die für zusätzliche Releases aus der Frühzeit der oben erwähnten Pioniere des Stockholm-Sounds sich von Teilen ihrer sonstigen Plattensammlung, möglicherweise sogar von Körperteilen, trennen würden, taugt es aber optimal.

Der langen Rede kürzestmöglicher Sinn: Kauft euch SMOTHEREDs Debütalbum „The Inevitable End“ und die frühen 90er sind zurück: in eurem Ohr, in eurem Kopf, in eurem Leben, in dem Bier in eurer Hand. So einfach ist das. Und vor allem so geil.

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Death Metal

2 Antworten zu “Smothered, The Inevitable End (Soulseller/Soulfood, 2013)

  1. Pingback: Wenn der Sensemann kommt: Atomwinter, Death Doomination (EP, Moshroom Records 2013) | imploding thought

  2. Pingback: So oder so: Der Gott des Gemetzels. Massacre: Back From Beyond (Century Media/Universal) | imploding thought

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s