Monatsarchiv: Januar 2014

Wenn der Sensemann kommt: Atomwinter, Death Doomination (EP, 2013)

Atomwinter, Death DoominationATOMWINTER aus Niedersachsen haben mit dem Titel ihres  Debütalbums „Atomic Death Metal“ kompakt auf den Punkt gebracht,  wie man sich ihren Sound vorzustellen hat: als expressionistische Klangkulisse für die Welt nach dem GAU. Nachdem bereits das Debüt einen deutlichen Akzent in der jüngst wieder explodierenden Death-Metal-Szene setzen konnte, legt man mit der zu Jahresende erschienenen EP „Death Doomination“ noch mal eine Schippe Kohlen nach und hält die Todesmaschine auf konstant hohem Niveau am Glühen.

Über das Coverartwork (das auch für Death-Metal-Afficionados Geschmackssache ist) sollte man sich vielleicht noch einmal in Ruhe Gedanken machen, will man potenzielle Hörer nicht von vornherein verschrecken; das, was musikalisch geboten wird, ist über jeden Zweifel erhaben und sollte sich für niveaubewusste Szene-Gourmands jedweder Geschmacksdiskussion entziehen. Hier brennt die Hütte nicht nur, sondern wird mit gröbstem Räumgerät fachgerecht in Grund und Boden gewalzt. Wo andere halbgar vor sich hingniedeln mögen, räumen ATOMWINTER auf und hinterlassen eine Schneise völliger Vernichtung.

Die Band fährt dabei einen ähnlich überzeugenden Old-School-Ansatz wie Kollegen der Güteklasse DESERTED FEAR, KAOTIK, SMOTHERED, SLAUGHTERDAY oder SKELETAL REMAINS. Eine zentrale Referenz bildet ein gut abgehangener Stockholm-Sound, der vorzugsweise im Midtempo meuchelt und gerade dadurch demonstriert, weshalb in der Kategorie, in welcher man antritt, nur eine tiefgestimmte Gitarre eine richtig gestimmte Gitarre ist.

Neben Stockholmer Ziselierkunst höre ich TERRORIZER als eine weitere Referenz heraus, was einerseits am finsteren Organ von Sänger Christopher Lehmann und andererseits am herrlich metzelnden Riffing insbesondere im Song „Of Dying Things“ liegen dürfte (vgl. z.B. die Stücke „Mayhem“ oder „Hordes of Zombies“ von den letzten beiden TERRORIZER-Alben). „Purify the Spawn“ verweist zudem in Richtung NECROS CHRISTOS, was ebenfalls nicht die schlechteste Referenz ist („Doom of the Occult“ halte ich für eines der besten Death-Metal-Releases der vergangenen fünf Jahre). Als Krönung gibt es – der Titel der EP ist Programm – eine satte Portion herrlich schleppenden, gallig-zähen und giftige Fäden ziehenden Doomdeath à la AUTOPSY (siehe z.B. die entsprechenden Parts im zweiten Teil des Titeltracks „Death Doomination“).

Insgesamt führen ATOMWINTER auf „Death Doomination“ sehr überzeugend Trademarks der europäischen und der US-amerikanischen Todesbleischule zusammen. Man kann die EP ohne Qualitätsabfall vor oder nach Scheiben aller vorgenannten Genrevertreter auflegen. Oder auch alleine hören, ohne sich zuvor anderweitig aufzuwärmen. Das Teil kommt direkt auf den Punkt, ist bis an die Zähne bewaffnet und setzt seine Waffen auch ein. Alle.

Man darf hoffen, dass der EP in Bälde das fällige zweite Album nachfolgt. „Atomic Death Metal“ und „Death Doomination“ haben das Feld bestellt – nun wäre die Zeit reif für den sprichwörtlichen Schnitter. ;-)

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Gigantisch: Descend, Wither (Inverse Records, 2014)

Descend, WitherAlle paar Monate einmal kommt es vor, dass man auf ein Album stößt, das einen direkt hellauf begeistert und dessen Faszination auch nach vielfachem Wiederhören ungebrochen bleibt. Im vergangenen Jahr ging mir das so mit THE OCEANs „Pelagial“ sowie vor wenigen Wochen mit OPETHs „Heritage“, das ich leider erst sehr verspätet ernsthaft zur Kenntnis genommen habe und von dem ich inzwischen nicht mehr lassen kann. Bisweilen wünscht man sich, die Frequenz solcher „Erweckungserlebnisse“ (denn mit nichts anderem lässt sich der Eindruck beschreiben) wäre höher und man komme viel häufiger in den Genuss solcher außergewöhnlicher Entdeckungen. Jeder Mensch, der zumindest halbwegs für Musik zu brennen versteht, wird diese Erfahrung teilen. Und dann ist es aber auch wieder gerade richtig, dass man nur alle Jubelmonate einmal auf Alben stößt, die einem selbst zu persönlichen Klassikern werden – denn käme dies regelmäßiger vor, würde es erwartbar, und wäre es erwartbar, hätten wir ein Schema dafür. Und haben wir einmal ein Schema für etwas, ordnen wir es mit anderen Dingen zusammen, und wenn wir das tun, können wir das Einzigartige des Einzelexemplars schon rein kognitiv gar nicht mehr angemessen fassen.

Es lebe also das seltene Glück des Entdeckens, welches gerade dadurch zum hohen Gut wird, weil es rar gesät ist und einem bisweilen lange Durststrecken aufbürdet. Umso mehr betrachte ich mich als vom Glück begünstigt, der ich im November zum dritten Mal in diesem Jahr mit einer gar außergewöhnlichen Platte zusammengeführt wurde (Hat sie mich gefunden – oder ich sie? Wer weiß…). Die Rede ist von „Wither“, dem zweiten Album der schwedischen Progressive-Death-Metaller DESCEND, das am 24. Januar 2014 (zufälliger- oder auch bezeichnenderweise meinem Geburtstag) erscheinen wird und das ich fürs LEGACY bereits vorab in Ohrenschein nehmen und reviewen durfte. Inzwischen habe ich die Scheibe nicht nur mit 15 von 15 Punkten bewertet (s. LEGACY #88), sondern sie auch deutlich mehr als zwanzigmal durchgehört, von vorne bis hinten und von hinten bis vorn, kreuz und quer, selektiv, konzentriert-analytisch wie auch intuitiv-ertastend, dann wieder konventionell von vorne nach hinten – und immer noch kann ich keinerlei Schwachstelle, sondern ausnahmslos Faszination entdecken. Wenngleich das Album den Verfall programmatisch im Titel trägt – die Songs darauf haben in der Vielzahl der Erkundungen, die ich an und mit ihnen durchgeführt habe, kein bisschen an Eindringlichkeit verloren.

Der Sound von „Wither“ ruht auf einem (melodischen) Death-Metal-Fundament, das Elemente aus unterschiedlichen musikalischen Traditionen (Doom, Folk, Progrock, Fusion Jazz) organisch integriert. Dennoch wirkt das Werk zu keiner Sekunde verkopft und lassen die Songs dem Zuhörer Raum zum Denken, zum Atmen und zu eigener Erkundung. Anstatt der Standardstimmung verwendet die Band eine offene DADGAD-Gitarrenstimmung, die ursprünglich aus dem Folk-Bereich kommt, die zeitweilig aber auch von Jimmy Page verwendet wurde. Zentrales stilistisches Merkmal ist die Kontrastierung von Death-Metal-Parts mit Passagen von zurückgenommener, vielfach akustischer, Instrumentierung. Vereinzelt gibt es auch jazzige Parts, die in Richtung CYNIC verweisen. Auch OPETH dürfen als Referenz nicht unerwähnt bleiben, wenngleich DESCEND ohne Klargesang auskommen. Nichts anderes als gigantisch sind die Momente, in denen aus Düsternis und Verzweiflung plötzlich eine getragene epische Gitarrenmelodie hervorbricht und von Licht kündet, wo Dunkelheit herrscht. Dabei agieren DESCEND zu keiner Zeit egozentrisch oder mit Bombast – ganz im Gegenteil: Über die volle Distanz ist die Performance erstaunlich unprätentiös, unegozentrisch; die Musiker – allesamt fraglos technisch exzellent – nehmen sich wie selbstverständlich zugunsten des Gesamteindrucks zurück, so dass die Songs auf eine natürliche Weise für sich zu stehen scheinen anstatt nur die Band zu präsentieren.

Man ist gut beraten, sich den Namen DESCEND nachhaltig einzuprägen: „Wither“ ist ein in jeder Hinsicht makelloses, perfekt arrangiertes und süchtig machendes Klangkunstwerk von hoher suggestiver Kraft. Das Album hat das Zeug zu einem Meilenstein auf dem Feld der progressiven Extremmusik – und auch darüber hinaus. Entsprechend wünsche ich dieser (bislang noch wenig bekannten) Band, dass ihr für diese Leistung derjenige Erfolg zuteil wird, den sie verdient hat.

Spread the word … und kauft euch diese Platte!

Zum Weiterlesen: Mein Interview mit DESCEND auf der LEGACY-Website

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