Monatsarchiv: September 2014

Robert Plant, lullaby and … the Ceaseless Roar (Nonesuch/Warner Bros. Records, 2014)

Robert Plant, lullaby and ... the Ceaseleass RoarWas Robert Plant auf seinem zehnten Solo-Album präsentiert, ist die Quintessenz eines Musikerlebens, das stilistisch nie auf der Stelle trat oder frühere Großtaten zu konservieren sich bemühte, sondern stets mit offenem Ohr durch die Welt reisend Neues in sein künstlerisches Repertoire integriert und dabei Schritt um Schritt alles Prätentiöse, Gekünstelte, Gewollte, jedwede überpointierte Phrase, jede noch so kleine Überstilisierung im Ausdruck abgelegt hat. Was uns 2014 begegnet, ist Skelett und Kern der Plant’schen Seele, vielleicht die vollendete Formel dessen, was im optimalsten Fall im letzten Drittel eines erfüllten Musikerlebens stehen kann: eine maximale Reduktion der eingesetzten Mittel bei gleichzeitiger maximaler Verfeinerung des emotionalen Ausdrucks. Das Beeindruckende daran: Das Ganze wirkt zu keiner Sekunde so, als habe Plant seine Mittel nur deshalb reduziert, weil seine Stimme, altersbedingt, heutzutage mit einem geringeren Stimmumfang auskommen und auch mit Volumen und Dynamik klug haushalten muss. Hier sind wir Zeuge einer ästhetischen Verfeinerung mit dem durch das Alter geklärten Blick für das Wesentliche, das Relevante, das wirklich Notwendige und das im Schlichten Schöne. Vorgetragen werden die Stücke so natürlich, so selbstverständlich, fast wie beiläufig, dass es einem vorkommt, als stünde er gerade hier neben uns, der Robert, an der Bushaltestelle, vor dem Teeregal im Supermarkt, sinnierend vor einer Werbetafel mit dem Aufdruck „Manic Nirvana“ oder in sonstiger profaner Umgebung, und summte einfach so vor sich hin, gedankenverloren bei alltäglichen Verrichtungen, einfach weil ihm gerade danach ist.

Das ist große Kunst.

Auch die Instrumentierung ist nicht plakativ, sondern luftig, bedacht, zurückgenommen, und gerade dadurch an genau den richtigen Stellen enorm akzentuiert. Hier gibt es viel Freiraum zum Atmen – Freiraum, den der junge Plant mit der Allmacht seiner stimmlichen Gewalt raumgreifend wie respekteinflößend ausgefüllt und gestaltet hätte. Der alte Plant gestaltet ebenfalls, tritt dabei aber kaum mehr in den Vordergrund als die bedacht agierenden Instrumentalisten – und dominiert die Szene dennoch wie ein stets präsentes, Freiräume beanspruchendes, sich seiner Historizität bewusstes (diese aber nur punktuell aufblitzen lassendes) Orakel. Musikalisch findet sich in der herrlich spärlichen Instrumentierung bei genauem Hinhören vieles wieder, was Plants musikalischen Weg gekreuzt und definiert hat: Bluesiges, Folkiges, Orientalisches, ganz selten auch mal ein harter Akkord – alles in größtmöglicher Zurückhaltung, ganz so als wolle uns der Künstler sagen „Seht her: Dies alles sind Schnappschüsse dessen, was ich war oder hätte sein können. Und ich war so vieles. All das habe ich in früheren Phasen meines Schaffens bis ins Kleinste studiert, verinnerlicht, durchexerziert – und damit war alles gesagt. Deshalb deute ich es hier einfach nur mal kurz an, wo es mir gerade in den Sinn kommt. Tiefergehende Einlassungen zur Sache entnehmt bitte meinen früherem Werk. Das müsst ihr aber nicht hören – die Andeutung genügt. Ich habe mir ihre Formgebung reiflich überlegt, und sie repräsentiert nur und genau das, was ich im Laufe meines Lebens über diesen und jenen Stil gelernt habe. Also vergeudet nicht eure Zeit mit Rekonstruktion, mit dem Schwelgen im Gestern, sondern hört euch nur dieses eine Album an, das die Quintessenz all dessen enthält, womit ich mich über Jahrzehnte beschäftigt habe – und verwendet die dadurch gesparte Zeit auf euer eigenes Leben. Auf dass es ein gutes und erfülltes werde.“

Das Herrliche ist, dass Plant 2014 so down to earth ist. So menschlich. Er war es auf seinen vorigen Alben schon, mindestens seit „Fate of Nations“. Wurde es immer mehr. Und ist jetzt ganz bei uns angekommen, ganz zuhause, im Wohnzimmer, nicht ins Sofa gefläzt, sondern eher auf kurzem Besuch an die Küchendurchreiche gelehnt. Einer von uns. Ganz authentisch. Aber eben immer eine Spur empfindsamer als wir Normalsterblichen. Und trotzdem unüberheblich, wiewohl stets und überall die Signatur der Legende hinterlassend. So glaubhaft, dass er im Gegenzug wieder damit kokettieren kann.

Robert Plant 2014 macht uns Staunen – gerade in seiner Schlichtheit, die ein Resultat umsichtiger, sich stetig vorwärts tastender, neugieriger, nie stillstehender Verfeinerung ist.

Jeder Mensch trägt in sich das Egozentrische, Narzisstische, das Widerstreben, Göttern zu huldigen. Robert Plants neues Album lehrt uns zu gleichen Teilen schmerzhaft und erfüllend, dass es immer mindestens einen gibt, vor dem wir uns unserer Nichtigkeit bewusst werden: den Ausnahmesänger des 20. Jahrhunderts, der auch mit 66 Jahren nichts, aber auch gar nichts von seiner Gabe eingebüßt hat, uns die Welt zu erschließen, in feinen und feinsten Nuancen.

Robert Plant ist so vieles. Sein neues Album ist aber vor allem eines: Anrührend. Perfekt.

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Jona im Feuerofen: Bölzer, Aura (Iron Bonehead, 2013) / Soma (Invictus, 2014)

BölzerEs ist beeindruckend, nachgerade sensationell, wie es dem Schweizer Duo BÖLZER mit lediglich zwei EPs gelingt, all das, was Death und Black Metal im Kern schon immer aufregend gemacht hat, zu einer ungemein fesselnden und dabei sehr eigenständigen Interpretation extremer, entfesselter Klangkunst zu verdichten. Das Gespür des Duos für Atmosphäre ist nicht anders als begnadet zu nennen – und das ganz ohne aufgeblasene Drum- oder überproduzierte Gitarrensounds. Urgewalt wird hier basisch, den Gesetzen organischer Entwicklung angenähert, erzeugt: Die Gitarren atmen Krume, Glut und Lavakruste, das Klangbild sirrt, wummert, dröhnt und vibriert, dass der Erdmantel in seinen Grundfesten erzittert und sich artifizielle Nähmaschinen-Sounds dagegen wie laue Lüftchen ausnehmen. Ein Song wie ‚Entranced By The Wolfshook‘ ist, das behaupte ich schon jetzt, ein erhabenes Stück Musik für die Ewigkeit: Was Led Zeppelin für den Hardrock mit ‚Kashmir‘ gelang, glückt BÖLZER mit diesem Song für den Schnittbereich aus Death, Black und Sludge Metal: ein musikalischer Monolith wie aus einem Guss, der einen aufregenden Aufbruch ins musikalisch Unerforschte verheißt. Der zugehörigen Faszination kann man sich nur schwer (ach was: gar nicht!) entziehen.

Stilistisch liegen verschiedene Parallelen auf der Hand, die der eigenwilligen Signatur des Duos aber bestenfalls in Einzelaspekten gerecht werden: In ihrer unerbittlichen Konsequenz erinnern die Kompositionen an Bolt Thrower, der finstere Groove lässt Bands wie Necros Christos oder Grave Miasma assoziieren, der schiere Wahnsinn verweist vage in Richtung Watain und Consorten. Die Songs entwickeln sich intuitiv-orgiastisch und stehen dabei z.T. deutlicher in der Tradition des Black als des Death Metal, die Gitarrenarbeit oszilliert zwischen der Wucht sehr alter, sehr tiefer Schwedeneruptionen und flirrenden Post-Black-Metal-Soundwänden, die dem inneren Auge Fiebertraumbilder vom Innenleben in Brand gesetzter Wespennester bescheren. Das Ganze stelle man sich als durch den tiefsten, zähesten und stinkendsten Morast gezogen vor, den der Sludge zu bieten hat, und mit dem süßlich-eitrigen Virus doomiger Autopsy-Momente versetzt. Hall verleiht Weite und übersphärische Größe, aber nur genau so weit, dass das Klangbild insgesamt nicht verschwimmt und für den Betrachter präzise als innere Struktur reproduzierbar bleibt. Das Resultat entwickelt eine Wucht, die weniger von außen als aus dem eigenen Inneren heraus an einem zehrt, zerrt, nagt und wildert: Nicht der Aufprall des stählernen 40-Tonners ist es, der ihrer Gewalt zum Bilde gereicht, sondern die septisch-schwärende Wucherung im Abdomen des Irrsinnigen, die zum Bersten gespannte Lunge des Apnoetauchers, der Flammen inhalierende Atemzug Jonas im Feuerofen, der grollende letzte Gedanke Gottes vor dem Verstummen allen Seins.

Man muss kein impressionistisch orientierter Zeitgenosse sein, um BÖLZER zu schätzen. Man kann die beiden Scheib(ch)en auch einfach als einen außerordentlich gelungenen Karriereauftakt einer talentierten Band hören, die trotz künstlerischer Jugend bereits Kompositionen von beachtlicher Reife hervorbringt, die die Fundamente, auf denen sie errichtet sind, nicht leugnen, die sich mit überkommenen Mustern des Genres aber nicht in Gänze erfassen lassen und die über aller Raserei mit nur wenig Eingewöhnung eine enorme Eingängigkeit entwickeln.

Auf das Debütalbum, das für 2015 in Aussicht gestellt ist, darf man gespannt sein. Aura (2013) und Soma (2014) werfen bis dahin schon einmal gewaltige Schatten voraus. Gewaltige!

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