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Robert Plant, lullaby and … the Ceaseless Roar (Nonesuch/Warner Bros. Records, 2014)

Robert Plant, lullaby and ... the Ceaseleass RoarWas Robert Plant auf seinem zehnten Solo-Album präsentiert, ist die Quintessenz eines Musikerlebens, das stilistisch nie auf der Stelle trat oder frühere Großtaten zu konservieren sich bemühte, sondern stets mit offenem Ohr durch die Welt reisend Neues in sein künstlerisches Repertoire integriert und dabei Schritt um Schritt alles Prätentiöse, Gekünstelte, Gewollte, jedwede überpointierte Phrase, jede noch so kleine Überstilisierung im Ausdruck abgelegt hat. Was uns 2014 begegnet, ist Skelett und Kern der Plant’schen Seele, vielleicht die vollendete Formel dessen, was im optimalsten Fall im letzten Drittel eines erfüllten Musikerlebens stehen kann: eine maximale Reduktion der eingesetzten Mittel bei gleichzeitiger maximaler Verfeinerung des emotionalen Ausdrucks. Das Beeindruckende daran: Das Ganze wirkt zu keiner Sekunde so, als habe Plant seine Mittel nur deshalb reduziert, weil seine Stimme, altersbedingt, heutzutage mit einem geringeren Stimmumfang auskommen und auch mit Volumen und Dynamik klug haushalten muss. Hier sind wir Zeuge einer ästhetischen Verfeinerung mit dem durch das Alter geklärten Blick für das Wesentliche, das Relevante, das wirklich Notwendige und das im Schlichten Schöne. Vorgetragen werden die Stücke so natürlich, so selbstverständlich, fast wie beiläufig, dass es einem vorkommt, als stünde er gerade hier neben uns, der Robert, an der Bushaltestelle, vor dem Teeregal im Supermarkt, sinnierend vor einer Werbetafel mit dem Aufdruck „Manic Nirvana“ oder in sonstiger profaner Umgebung, und summte einfach so vor sich hin, gedankenverloren bei alltäglichen Verrichtungen, einfach weil ihm gerade danach ist.

Das ist große Kunst.

Auch die Instrumentierung ist nicht plakativ, sondern luftig, bedacht, zurückgenommen, und gerade dadurch an genau den richtigen Stellen enorm akzentuiert. Hier gibt es viel Freiraum zum Atmen – Freiraum, den der junge Plant mit der Allmacht seiner stimmlichen Gewalt raumgreifend wie respekteinflößend ausgefüllt und gestaltet hätte. Der alte Plant gestaltet ebenfalls, tritt dabei aber kaum mehr in den Vordergrund als die bedacht agierenden Instrumentalisten – und dominiert die Szene dennoch wie ein stets präsentes, Freiräume beanspruchendes, sich seiner Historizität bewusstes (diese aber nur punktuell aufblitzen lassendes) Orakel. Musikalisch findet sich in der herrlich spärlichen Instrumentierung bei genauem Hinhören vieles wieder, was Plants musikalischen Weg gekreuzt und definiert hat: Bluesiges, Folkiges, Orientalisches, ganz selten auch mal ein harter Akkord – alles in größtmöglicher Zurückhaltung, ganz so als wolle uns der Künstler sagen „Seht her: Dies alles sind Schnappschüsse dessen, was ich war oder hätte sein können. Und ich war so vieles. All das habe ich in früheren Phasen meines Schaffens bis ins Kleinste studiert, verinnerlicht, durchexerziert – und damit war alles gesagt. Deshalb deute ich es hier einfach nur mal kurz an, wo es mir gerade in den Sinn kommt. Tiefergehende Einlassungen zur Sache entnehmt bitte meinen früherem Werk. Das müsst ihr aber nicht hören – die Andeutung genügt. Ich habe mir ihre Formgebung reiflich überlegt, und sie repräsentiert nur und genau das, was ich im Laufe meines Lebens über diesen und jenen Stil gelernt habe. Also vergeudet nicht eure Zeit mit Rekonstruktion, mit dem Schwelgen im Gestern, sondern hört euch nur dieses eine Album an, das die Quintessenz all dessen enthält, womit ich mich über Jahrzehnte beschäftigt habe – und verwendet die dadurch gesparte Zeit auf euer eigenes Leben. Auf dass es ein gutes und erfülltes werde.“

Das Herrliche ist, dass Plant 2014 so down to earth ist. So menschlich. Er war es auf seinen vorigen Alben schon, mindestens seit „Fate of Nations“. Wurde es immer mehr. Und ist jetzt ganz bei uns angekommen, ganz zuhause, im Wohnzimmer, nicht ins Sofa gefläzt, sondern eher auf kurzem Besuch an die Küchendurchreiche gelehnt. Einer von uns. Ganz authentisch. Aber eben immer eine Spur empfindsamer als wir Normalsterblichen. Und trotzdem unüberheblich, wiewohl stets und überall die Signatur der Legende hinterlassend. So glaubhaft, dass er im Gegenzug wieder damit kokettieren kann.

Robert Plant 2014 macht uns Staunen – gerade in seiner Schlichtheit, die ein Resultat umsichtiger, sich stetig vorwärts tastender, neugieriger, nie stillstehender Verfeinerung ist.

Jeder Mensch trägt in sich das Egozentrische, Narzisstische, das Widerstreben, Göttern zu huldigen. Robert Plants neues Album lehrt uns zu gleichen Teilen schmerzhaft und erfüllend, dass es immer mindestens einen gibt, vor dem wir uns unserer Nichtigkeit bewusst werden: den Ausnahmesänger des 20. Jahrhunderts, der auch mit 66 Jahren nichts, aber auch gar nichts von seiner Gabe eingebüßt hat, uns die Welt zu erschließen, in feinen und feinsten Nuancen.

Robert Plant ist so vieles. Sein neues Album ist aber vor allem eines: Anrührend. Perfekt.

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Alive and kicking (ass): Motörhead, Aftershock (UDR/EMI, 2013)

MotörheadIch muss gestehen, dass ich an das neue Motörhead-Album keine großen Erwartungen hatte. Genau genommen hatte ich mich auf eine Enttäuschung eingestellt. Nach dem großartigen Motörizer (2008) hatte mich das 2010 rausgehauene The Wörld Is Yours eher enttäuscht. Da in 2010 sowohl das 35-jährige Bandjubiläum als auch Lemmys 65. Geburtstag anstanden, musste wohl um jeden Preis ein neues Album her, um diese Ereignisse auch diskographisch zu zelebrieren. Das Ergebnis war nicht wirklich schlecht, produktionstechnisch fraglos ohne Tadel, in punkto Songwriting aber über weite Teile bestenfalls Motörhead-Durchschnitt, mehr mäßig motivierte Wiederauflage nur allzu bekannter Trademarks (teilweise bis hin zum Selbstzitat) als ein Meilenstein im Portfolio der beiden Rock’n’Roll-Institutionen die es damit zu würdigen galt. Lemmys Gesang mutete über weite Strecken eher lustlos und kurzatmig an. Kein Glanzlicht also, für mich bis heute eines der am seltensten gehörten Alben der gesamten Motörhead-Historie.

Dass ich nicht umhin komme, mich in diesem Blog zum neuen Motörhead-Album zu äußern, war in Anbetracht der vielen Jahre, die mich diese Band inzwischen begleitet (Nö Sleep ’til Hammersmith war eine meiner ersten für eigenes Geld erworbenen Schallplatten), schon lange klar. Angesichts der ernsten gesundheitlichen Probleme, mit denen sich Mr. Kilmister in den letzten Monaten herumzuschlagen hatte, befürchtete ich aber, dass vom neuen Album, wie schon vom Vorgänger, erneut keine Höchstleistungen zu erwarten sein dürften, da Exzellenz, gerade im Künstlerischen, ja gemeinhin am besten in weitgehender Unabhängigkeit von äußeren Widrigkeiten gedeiht. Entsprechend hatte ich mich bereits darauf eingestellt, wohl eher einen Abgesang auf frühere Großtaten denn eine ernsthafte Würdigung des aktuellen Werks schreiben zu müssen.

Aber oho – weit gefehlt! Das neue Album ist zwar sicherlich nicht das beste Album in der Motörhead-Diskographie (Das kann ja auch niemand ernsthaft erwarten), aber weit besser als im Vorfeld anzunehmen war. Präziser ausgedrückt: Aftershock ist erstaunlich gut und schließt an die Klasse von Motörizer (2008) sowie seiner beiden Vorgänger Kiss of Death (2006) und Inferno (2004) an. Darüber hinaus dürfte es sich um eines der stilistisch vielseitigsten Alben der Bandgeschichte handeln. Konservative Motörheadisten brauchen aber nicht zu befürchten, Holy Lemmy und seine Crew hätten sich von ihren gewohntren Trademarks entfernt: Adenauers Slogan aus dem Bundestagswahlkampf 1957 „Keine Experimente!“ lässt sich problemlos auch diesem Album als Motto aufprägen; und dennoch ist die Scheibe erfrischend abwechslungsreich, was darauf zurückzuführen ist, dass einzelne Songs mal den einen, mal den anderen Eckpfeiler des charakteristisch-unnachahmlichen Motörhead-Sounds besonders akzentuieren und zur Geltung bringen.

Nach mehreren Hördurchläufen halte ich im Folgenden zu einigen der insgesamt 14 Songs erste (natürlich subjektiv geprägte) Eindrücke fest. Dabei ergibt sich bereits ein guter Umriss dessen, was das Album auszeichnet (s. Fazit):

  • DUST AND GLASS: Ein nachdenklicher Blues mit wohltuend zurückgenommener Instrumentiertung, ein wenig im Stile des Steppenwolf-Klassikers „The Pusher”, aber mit einem sehr smoothen Lemmy am Gesang. Erinnert mich mit seiner melancholischen Grundhaltung an „Lost in the Ozone“ und „Devils“ vom Bastards-Album, zwei meiner persönlichen Favourites im Motörhead-Gesamtwerk. Für mich ganz klar eines der großen Highlights des Albums – weil es die Tradition der (mal mehr, mal weniger originellen) ruhigieren Nummern im Motörhead-Schaffen fortsetzt – und weil ich einen Song dieser Art nicht unbedingt auf dem neuen Album erwartet hätte. Der Song beweist (zumindest mir) einmal mehr: Lemmys Vortrag ist insbesondere dann besonders eindringlich, wenn er sich zurücknimmt. Im Gegensatz zu früheren Songs, in denen Lemmys Gesang – als Stilmittel – brüchig daherkommt, tritt er hier sehr sanft auf, was das dem Ganzen einen noch verletzlicheren und zugleich abgeklärten, fast magischen, Duktus verleiht: Knapp drei Minuten Quintessenz einer gesamten Lebenserfahrung, das ist es, was der Gesang vermittelt. Das ist, in seiner ganzen Einfachheit, ganz große Klasse. Und dass Mr. Kilmister ein großer Freund des traditionellen Rhythm’n’Blues ist, ist ja hinlänglich bekannt (Ich erinnere mich an Interviews, in denen er andeutete, dass er, würden seine Mitstreiter ihn nur lassen, sowieso viel stärker in die Bluesrichtung gehen würde.)
  • LOST WOMAN BLUES ist – der Titel ist Programm – ebenfalls eine schöne Slow-Blues-Nummer, die im Gegensatz zu „Dust and Glass“ aber mit einer fetteren Instrumentierung aufwartet und dadurch sehr heavy und erdig ist; „Iron Horse“ lässt grüßen. Im Schlussteil wird dann ordentlich Gas gegeben, Assoziationen zum „Roadhouse Blues“ der Doors sind sicherlich nicht verkehrt.
  • END OF TIME ist ein schneller Blues, der als Reminsezenz an eigene Klassiker im Stile von „Stay Clean“ und „No Class“ durchgehen kann. Insbesondere die Strophe mit ihrer treibenden Gitarrenarbeit ist sehr gefällig und schreit geradezu nach rhythmischem Kopfnicken. Die Gitarre wirkt durchgängig wie locker aus der Hüfte geschossen. Klassikerzitat hin oder her, diese Nummer ist obercool. Man muss sich ja nicht immer neu erfinden, sondern kann auch Bewährtes variieren, wenn es nur überzeugend dargeboten wird – und hier ist das definitiv der Fall. „Rock Out“ vom Motörizer-Album lässt grüßen.
  • QUEEN OF THE DAMNED hingegen ballert einem zwar einen Ace of Spades-artigen Einstieg vor den Latz, ist aber in punkto Songwriting (v.a. was die wenig originellen Gesangslinien betrifft) ziemliche Motörhead-Stangenware. Schade irgendwie. Die stellenweise an „Damage Case“ erinnernde Gitarrenarbeit von Phil rettet den Song letztlich aber über den Durchschnitt, ist ordentlich dreckig-spritzig und macht angenehm Druck.
  • SILENCE WHEN YOU SPEAK TO ME: Die Songs aus der mittleren Phase der Band, in denen Lemmy mit sich selbst im Duett singt, habe ich meist gemocht. „Silence“ erinnert mit mit seinem dominanten, wummernden Bass zu gleichen Teilen an „Overnight Sensation“ (ebenfalls einer meiner Favourites im Motörhead-Backkatalog) und an „Love Me Like a Reptile“ von der Ace of Spades. Sehr überzeugende Nummer.
  • CRYING SHAME rockt munter drauf los und verweist erneut in die Overnight Sensation-Zeit zurück (vergleiche „Listen to Your Heart“). Das Piano im Refrain weckt freudige Erinnerungen an „Going to Brazil“ sowie an den einen oder anderen Stones-Klassiker.
  • Das ebenfalls munter rockende DO YOU BELIEVE schlägt in dieselbe stilistische Kerbe und erinnert an „Don’t Waste Your Time“ vom Sacrifice-Album (nur ohne Piano). Die Nummer ist nicht unbedingt ein Highlight der Platte, läuft aber fraglos gut rein. Erneut gibt es coole Soli von Phil.
  • KEEP YOUR POWDER DRY schließlich positioniert sich zwischen den Rolling Stones und (!) AC/DC. Gitarrensound und Riff könnten problemlos als Previously Unreleased Track aus den Aufnahmesessions zu High Voltage durchgehen. Der Schluss des Songs ist sogar ein direktes AC/DC-Zitat. Erfrischend launig und partytauglich!

FAZIT:

Aftershock ist ein Album, das im Gesamteindruck 100% Motörhead bietet und das zugleich als eine reflektierte Rückschau über das bisherige Gesamtoeuvre gehört werden kann, insofern stärker als je zuvor die verschiedenen stilistischen Einflüsse, die die Band schon immer ausgezeichnet haben, herausgearbeitet und nebeneinandergestellt werden. Eine vergleichbare Variationsbreite – zumindest annähernd – findet sich höchstens auf den beiden Früh-90er-Releases 1916 und Bastards. Kann man Aftershock also als reflektiertes Alterswerk bezeichnen? Man wird sehen, was noch kommt. Reflektiert mit Sicherheit, alt aber bestimmt nicht: Dafür rocken Motörhead 2013 (erfreulicherweise wieder) frischer als zuvor. Und so soll es sein. The creature lives – bleibt nur zu wünschen, dass Lemmy rasch wieder voll auf die Beine kommt, um die eine oder andere Perle des neuen Albums bald auch live unter Volk zu bringen – getreu bewährtem Motto:

„We are Motörhead – and we’re gonna kick your ass!”

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