Archiv der Kategorie: Hardrock

[Live] Uriah Heep, Zeche Bochum, 09.12.2014

Uriah Heep live on stage

Wenn man sich mit Anfang 40 mal wieder richtig jung fühlen möchte, geht man auf ein Uriah-Heep-Konzert. Wie praktisch, dass die Hardrock-Urgesteine, die in diesem Jahr ihr 45. (!) Bandjubiläum feiern, gerade ein neues Album draußen haben und mit diesem auf Tour sind. Die Zeche ist rappelvoll, der Altersdurchschnitt liegt irgendwo jenseits der 55. Die Show ist zwar routiniert, die Band ist aber nach wie vor mit viel Freude bei der Sache. Klassiker wie ‚Gypsy‘, ‚Easy Livin‘ und ‚July Morning‘ sind Pflicht, um ‚Lady In Black‘ kommt man natürlich ebenfalls nicht herum. Dass insbesondere der letztgenannte Song von der Band bereits  zigtausende Male dargeboten wurde, ist überdeutlich. Die Songs des neuen Albums, die in der Setlist den Löwenanteil stellen, sowie ‚What Kind Of God‘ vom Vor-Vorgänger „Wake The Sleeper“ wirken dagegen wesentlich frischer, hier hat die Band ganz offensichtlich großen Spaß. Mit ‚The Magician’s Birthday‘ wird schließlich – durchaus überzeugend – auch ein Long-Song aus der Prog-Frühphase der Band zum Besten gegeben. Die Riffs sitzen, der mehrstimminge Gesang kommt tadellos, und Bernie Show macht – wie gewohnt – als Frontmann einen verdammt guten und sympathischen Job. Ur-Mitglied Mick Box, inzwischen 67, bleibt hingegen über weite Teile des Sets statischGesten; bei ‚Lady In Black‘ lässt er sich dann aber doch zu einer Ansage hinreißen und erntet dafür großen Applaus.

Das letzte Mal live gesehen habe ich Heep vor 23 Jahren – auch damals galten sie bereits als alte Herren. Damals wie heute haben sie aber gezeigt, dass sie (a) Clubs von der Größe der Zeche noch locker voll bekommen, (b) eine richtig gute, abwechslungsreiche und unterhaltsame Rock-Show abliefern können, die manch junger Band des Genres in nichts nachsteht, dafür aber auf mehrere Jahrzehnte Erfahrung zurückgreifen kann, (c) eine derjenigen Bands aus den späten Sechzigern sind, die sich schon immer als Live-Band verstanden haben und bei denen ergo das, was man auf Konserve präsentiert bekommt, auch auf der Bühne überzeugend reproduziert wird (inklusive Leadvocals und Gesangsharmonien). Das ist im wahrsten Sinne „alte Schule“.

Zu den Vorgruppen nur wenige Worte: 21OCTAYNE bemühen sich redlich, werden aber mit ihrem Puzzle aus sehr durchschnittlichen, schon sehr oft anderweitig gehörten Standard-Versatzstücken des 70er- und insbesondere des 80er-Rock kaum nenneswert weiter von sich reden machen als über ihren lokalen Wirkungskreis hinaus. Immerhin aber ein sympathischer Auftritt, der – auch aufgrund mitgebrachter Fanbase – vom Publikum wohlwollend aufgenommen wird.

VOODOO CIRCLE sind hingegen eher ärgerlich: Mit zig Effekten aufgepumpte, in punkto Songwriting aber strunzlangweilige Power-Rock-Songs paaren sich mit einer derart überzogenen Rockstar-Attitüde – insbesondere des Sängers David Readman (unter anderem auch bekannt von Pink Cream 69) –, dass es alles sprengt, was man sich an Realsatire vorstellen kann (Spinal Tap, irgendwer?). Readman ist nicht Coverdale (und davon, es tatsächlich zu sein, auch die eine oder andere Galaxie entfernt), scheint das aber als einziger noch nicht so recht mitbekommen zu haben. Gut, dass das Set irgendwann vorüber ist. Der einzig interessante Song ist das Led-Zeppelin-Cover ‚Rock and Roll‘ ganz am Ende, das einigermaßen passabel dargeboten wird; im Kontext des gesamten Auftritts ist diese Coverversion aber eigentlich eine Frechheit.

Egal: URIAH HEEP entschädigen mit ihrem anschließenden Auftritt locker für die Lebenszeit, die man gezwungenermaßen den Support Acts geopfert hat, um endlich den Hauptact sehen zu können. Und Bernie Shaw demonstriert mit seiner unprätentiösen, charmanten und immer auch ein wenig lausbubenhaften Art, dass die wahren Meister ihres Fachs peinliches Rockstargehampel à la VOODOO CIRCLE nicht einmal im Ansatz nötig haben, um auf voller Linie zu überzeugen.

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Legacy #91: Fallujah, Blackberry Smoke, Inanimate Existence, Pillory, Omnihility, The Black Dahlia Murder

Legacy #91Sommerloch geht anders: Der Juni war wieder LEGACY-Monat. Sollte der Sommer sonst nichts zu bieten haben, trägt einen die 290-seitige Ausgabe #91 bei wohldosierter Lektüre locker bis in den heißen Herbst. Beigetragen habe ich zum neuen Heft Reviews und Beiträge zu den folgenden Bands und Releases:

[1] Unter dem Titel „Bluest, soult, gospelt und rockt“ habe ich dem hierzulande noch als Geheimtipp gehandelten, in den USA aber längst auf Chartpositionen rangierenden Southern-Rock/Blues/Gospel/Country-Quintett BLACKBERRY SMOKE aus Georgia auf den Zahn gefühlt. Fans von Bob Seger, Lynyrd Skynyrd, den Black Crowes, den Rolling Stones, The Allman Brothers oder The Free sollten unbedingt ein Ohr riskieren; und auch, wer vom jüngsten Springsteen-Output enttäuscht ist, hat gute Chancen, aus dero Album „The Whippoorwill“ Trost und neuen Lebensmut zu schöpfen. Trotz „klassischer“ Vorbilder wirken BLACKBERRY SMOKE dabei niemals antiquiert; sie in die Retro-Ecke einzuordnen, wird ihrem Schaffen nicht gerecht. Hier wird nicht Gestriges wiederbelebt, sondern unverkrampft an ungebrochene Traditionen angeknüpft und diese in zeitgemäßem Gewand weitergeführt. Die Scheibe habe ich mit 13 von 15 Punkten rezensiert, im Interview äußern sich die fünf Bandmitglieder zu ihren stilistischen Wurzeln, zum Songwriting und zum Aufnahmeprozess.

[2] BLACKBERRY SMOKEs „The Whippoorwill“ ist fraglos ein klasse Album – mein persönliches Highlight des Monats hört aber auf den Namen „The Flesh Prevails“ und kommt von den US-Prog-Deathern FALLUJAH. Hier treffen Atheist auf Dream Theater, Deafheaven auf Pink Floyd, Cynic auf Portishead – aber nicht in Form anstrengenden „Musik-für-Musiker“-Gefrickels, sondern als ungemein stimmig wie stimmungsvoll arrangiertes, die Fühler weit in Richtung Progressive Metal ausstreckendes Stil- und Melodienfüllhorn. Die Fundamente bilden technischer und melodischer Death Metal; wer aber in so vielen musikalischen Welten zuhause ist wie FALLUJAH, der kann aus allen Welten das Beste schöpfen und daraus einen einzigartigen Breitwandfilm fürs innere Auge erschaffen. Ich habe lange überlegt, ob ich das Album mit 15 Punkten bewerten soll; dass es letztlich nur 14 wurden, ist eher dem Zaudern vor der Höchstpunktzahl als rationalen Erwägungen geschuldet. Im Interview spreche ich mit der Band unter der Überschrift „Goldene Zeiten“ darüber, wie man künstlerische Grenzen aufspürt und sprengt, auf den ersten Blick Unvereinbares zusammenbringt und sich kreativ immer wieder neu herausfordert. Angst vor künstlerischer Stagnation hat Alex Hofmann für die Zukunft nicht. Es gibt ja noch so viel zu entdecken…

[3] Progressiven Death Metal mit einigen Überraschungen bieten auch die Kalifornier INANIMATE EXISTENCE auf ihrem Zweitwerk „A Never-Ending Cycle Of Atonement“. Technischer Death Metal trifft hier auf smoothe Fusion-Parts und Instrumentierungen mit Flöte, Bongo und Harfe (!). Während FALLUJAH Genregrenzen sprengen, bleiben INANIMATE EXISTENCE klar im Tech Death verortet, erweitern diesen aber von innen heraus durch das Spiel mit ungewöhnlichen Klangfarben und durch die Integration von Jazz-Elementen. Ein ebenfalls beachtliches Album, lediglich die Vocals sind auf Dauer etwas eintönig. Das aber ist Jammern auf hohem Niveau. Es wird spannend sein, die weitere Entwicklung dieser Band im Auge zu behalten. Für das Album, gab es von mir 11 Punkte, im Interview habe ich mich mit der Band unter dem Titel „Das Ohr ist der Weg“ u.a. darüber unterhalten, was Songschreiben und Goldschürfen geminsam haben, welchen Einfluss Musiker wie Al Di Meola auf das Album hatten und welche übergreifende Rahmenhandlung die einzelnen Songs verbindet.

[4] Gäbe es einen Studiengang „Angewandter Death Metal“, so klänge ein Einser-Referat im Diplomandenseminar möglicherweise genau so wie das Album „Deathscapes Of The Subconscious“ von OMNIHILITY – nämlich nach einer enorm ambitionierten Umsetzung einschlägiger Lektionen aus dem Kanon des Faches, ausgeführt durch Personen, die mit profunder Sachkenntnis und ungeheurem Fleiß zu Werke gehen. In den besten Momenten gelingt es dabei, auch eigene Akzente zu setzen; für das nächste (dann dritte) Release sollte man aber ins Auge fassen, mehr stilistische Eigenständigkeit zu wagen, um sich deutlicher von der Masse an genrerelevanten Veröffentlichungen abzuheben. Fürs Album gabs 10 Punkte. Im Interview „Die for Metal? Live for Metal!“ gewährt die Band einen Blick hinter die Kulissen des Albums und gibt Auskunft über ihre nächsten Pläne, über Brückenschläge zur klassischen Musik und über die Metalszene in ihrer Heimat Oregon.

[5] Wem der Weg zur Schönheit nicht über zweispurig ausgebaute Auffahrtsstraßen, sondern über komplexe, vertrackte, eigenaktiv zu erarbeitende Pfade führt, der sollte sich mit dem Namen PILLORY anfreunden. Die Stücke auf „Evolutionary Miscarriage“ kommen klug ausgetüftelt daher und laden ein zur (Wieder-)Entdeckung des analytischen Gehörs. Statt fetter Groovewalze regieren an Jazz angelehnte Strukturen, über denen die einzelnen Instrumente mit mal mehr, mal weniger ausgeprägten Freiheitsgraden operieren. Hat man sich einmal in den Klangkosmos von PILLORY vorgetastet, funktionieren die Songs hervorragend als Sudoku für das intellektuell anspruchsvolle Synapsenkollektiv. Dafür satte 11 Punkte.

[6] Zu guter Letzt liefere ich in #91 die Review der neuen DVD „Fool ‚Em All“ von THE BLACK DAHLIA MURDER nach. Im letzten Heft habe ich zwar mit Band-Mastermind Trevor Strnad bereits über den Doppel-Silberling gesprochen, gesehen hatte ich ihn mangels Promocopy allerdings noch nicht. Das wurde nun nachgeholt – und zwar mit großem Genuss: Das Opus wartet mit einer 78-minütigen Tourdokumentation sowie 58 Minuten Liveaufnahmen aus dem Jahr 2013 auf. Die Konzertaufnahmen sind sauber produziert, ansprechend gefilmt und taugen hervorragend zum Headbangen vor dem heimischen Fernseher. In der Tourdokumentation präsentiert sich die Band inklusive Roadcrew hinter, neben und abseits der Bühne, gerne auch im Tourbus und bevorzugt in ausgelassenem Zustand, als Spaß- und Grasguerilla, die dem alltäglichen Wahnsinn des Tourlebens vor allem eines entgegensetzt: Jux und Dollerei bis zum Umfallen. Insgesamt ein gelungenes wie anarchisches Porträt einer grundsympathischen Band, das ohne aufgesetzte Dramaturgie auskommt und gerade dadurch besticht.

Für Heft #92 (Erscheinungstermin: 16. September) rezensiere ich u.a. die neuen Alben von MASTODON, EARTH, BEYOND CREATION, EARTHSHIP und ONKEL TOM, das auf FDA Rekotz neu aufgelegte erste Demo der brasilianischen Death-Threasher (oder Thrash-Deather?) von CONSIDERED DEAD sowie die zum 25. Bandjubiläum wiederveröffentlichte legendäre Ein-Track-EP „I“ von MESHUGGAH. Daneben interviewe ich Tom Angetripper (zum neuen ONKEL-TOM-Album, zu den nächsten Plänen von SODOM und zur Metalszene im Allgemeinenm), DESERTED FEAR (Studiobericht zum angekündigten, derzeit noch namenlosen zweiten Album, ergänzt um ein ausführliches, online erscheinendes Interview), DECAPITATED (zum neuen Album „Blood Mantra“) und CONSIDERED DEAD. Zum Ausnahmestatus von MASTODON müssen (auch wenn das neue Album die Klassiker der Band nicht unbedingt toppt) keine Worte mehr verloren werden. Wer auf Prog/Tech-Death der Marke DESCEND und INANIMATE EXISTENCE, gerne auch frühe CYNIC und DEATH, steht, der darf, kann und sollte sich schon jetzt das Album „Earthborn Evolution“ der Kanadier BEYOND CREATION auf dem Einkaufszettel vormerken. Unbedingt!

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Was WAR und IST und WIRD: ein Blick zurück voraus (Rückblick 2013)

2013Was bleibt hängen aus einem Jahr mal mehr, mal weniger konzentrierter Beobachtung der gitarrenorientierten Musikszene? Welche Alben oder Songs, die einen direkt nach Erscheinen umgehauen haben, erweisen sich auch auf längere Sicht als langlebig, welche Veröffentlichungen hat man unterschätzt, was ist – wissentlich oder unwissentlich – an einem vorbeigegangen und welche Releases entpuppten sich subjektiv betrachtet als Strohfeuer mit zunächst großem Initialeffekt, aber letztlich doch eher kurzer Halbwertszeit?

Mein persönliches Album des Jahres ist ohne Zweifel „Pelagial“ von THE OCEAN. Auch DEFEATERs „Letters Home“, dessen Erscheinen ich sehr entgegengefiebert hatte, rangiert weit oben in meiner Alben-für-die-Insel-Liste für das Jahr 2013. Da ich mich zu beiden Releases bereits ausführlich hier und hier geäußert habe, will ich sie nicht erneut in derjenigen epischen Breite zelebrieren, die ihnen zweifelsohne zusteht, sondern mich an dieser Stelle denjenigen Alben zuwenden, zu denen ich über die Monate immer wieder mal „unbedingt noch was schreiben wollte“, die in diesem Blog dann aber doch – unverdientermaßen und meistens aus Zeitgründen – unberücksichtigt geblieben sind. Alben, die im vergangenen Jahr bereits mit eigenen Blog-Einträgen gewürdigt wurden (BOMBUS, MOTÖRHEAD, TWILIGHT OF THE GODS, PHIL ANSELMO, ONSLAUGHT, WOUND, BLACK TUSK, ORCHID, SODOM; siehe Übersicht), werde ich dabei nicht erneut aufführen.

2013 war das Jahr einiger sensationeller Comebacks. Da ist zum einen CARCASS‘ „Surgical Steel“ mit Übersongs wie „A Congleated Clot of Blood“, „The Granulating Dark Satanic Mills“ und „Mount of Extinction“ oder dem 80er-Relikt „Thrasher’s Abbatoir“. Auch wenn sich das Album eher an der „Necroticism“/“Heartwork“-Phase der Band orientiert und damit möglicherweise den einen oder anderen Fan der grindigen Frühphase enttäuscht hat, beweisen CARCASS, dass es auch 2013 kaum eine andere Band in ihrem Genre gibt, die groovenden Death Metal derart locker aus der Hüfte ballert wie die Liverpooler Genre-Pioniere. Zu Recht wurde das Album in der Metalpresse vielfach zum Album oder Comeback-Album des Jahres ausgerufen – und es steht zu hoffen, dass mit CARCASS auch künftig zu rechnen sein wird, nicht nur auf den Bühnen, sondern auch weiterhin in den Studios dieser Welt.

Als ähnlich souverän und über jede Kritik erhaben muss das Monument „13“ gelten, das BLACK SABBATH anno 2013 in Beinahe-Originalbesetzung abgeliefert haben und von dem ich mir im Vorfeld nicht einmal ansatzweise diejenige Klasse erträumt hatte, die es dann tatsächlich vorlegte. Tatsächlich hatte ich dem Sabbath-Comeback sogar schon lange vor Veröffentlichung jedwede Relevanz abgesprochen und mir das Album daher auch gar nicht direkt am Erscheinungstag besorgt – sondern erst drei oder vier Wochen später, und auch dann eher halbherzig denn aus echter Überzeugung (vermutlich einfach nur deshalb, weil ich als Fan der „alten“ Sabbath dann doch ein schlechtes Gewissen hatte, dieses Werk unbeachtet zu lassen). Umso schmerzhafter traf mich dann die Erkenntnis, dass ich mir mit meiner frevelhaften Ignoranz volle drei bis vier Wochen selbstverschuldete Nicht-Erleuchtung eingehandelt hatte: Die Herren Iommi, Butler & Osbourne versuchen sich erst gar nicht an einem stilistischen Querschnitt durch alle ihre gemeinsamen Klassiker, sondern knüpfen vielmehr sehr fokussiert an die eigene Frühphase an – nicht nur mit dem Outro, das eben jenes Regen-Sample verwendet, mit dem weiland 1970 das selbstbetitelte Album-Debüt sowie dessen selbstbetitelter Opener eingeleitet wurde (und das entsprechend zum Ausklang des neuen Albums für einen ordentlichen Gänsehauteffekt sorgt). Auf „13“ regiert das Midtempo, und einmal mehr beweist Riffgott Tony Iommi, ähnlich wie bereits auf dem 2009 unter dem Bandnamen HEAVEN & HELL mit Ronnie James Dio eingespielten Sabbath-Mark-II-Comeback „The Devil You Know“ souveränstmöglich, dass Heaviness alles andere als eine Sache der Geschwindigkeit ist. Brecher wie „End of the Beginning“ oder „God Is Dead?“ überraschen beim ersten Hören durch ihren gemächlich anmutenden Aufbau, fräsen sich dann aber mit einer derartigen Wucht und Hartnäckigkeit ins Hirn, dass sie dort auch Monate später noch ihr Unwesen treiben. Ein Paukenschlag, der seinesgleichen sucht – und entweder ein würdiger Abschluss für das bis dato unabgeschlossene Mark-I-Kapitel der Band oder eben auch ein neuer Anfang; die Liedzeile „Is this the end of the beginning / or the beginning of the end“ mag diesbezüglich als Cliffhanger gelesen werden und macht gespannt, ob hier noch etwas nachkommt (dann möglicherweise sogar mit Bill Ward an den Drums?).

Mit einem dicken Ausrufezeichen in den Veröffentlichungslisten für 2013 zu versehen sind darüber hinaus eine Reihe weiterer Alben – allen voran das unglaubliche selbstbetitelte Album der US-Prog-Thrasher REVOCATION, das über die volle Distanz von zehn eigenen Songs und einem Metallica-Cover mustergültig demonstriert, dass hochambitionierter technischer Anspruch kein bisschen zu Lasten der Songdienlichkeit gehen muss. Was das Trio aus Massachusetts hier auf Albumlänge darbietet, ist zum einen aberwitzige Handwerkskunst in Perfektion, zum anderen ein mitreißendes Thrash-/Death-Monster mit einer Fülle an brillanten Ideen, aus denen, wie es Frank Albrecht treffend fürs RockHard beschrieb, „andere Bands eine Diskographie stricken“ würden. Um das glauben zu können, muss man es selbst gehört haben.

Nicht zu vergessen auch das aktuelle Hardcore-Punk-Gewitter „Live By The Code“ mit dem Übersong „I’m Only Stronger“, das TERROR in diesem Jahr auf die Menschheit haben niedergehen lassen: Hier kommt jeder Song wie ein wütender Affront und ist jedes Riff eine musikgewordene Faust in die Fresse. Man mag diese Art Hardcore primitiv finden, man kann es aber auch als „Harte Schule, aufs Essenzielle reduziert“ und damit als minimalistisch(st)en Ausdruck eines rauen, räudigen Street-Punk mit Thrash-Gitarren begreifen. Oder auch einfach nur geil finden.

Nicht zu vergessen weiterhin das ironisch-pseudointellektualistische beziehungsweise sympathisch-versponnene „Nanobots“-Album von THEY MIGHT BE GIANTS, das zwar alles andere als Metal ist, das ich aber einfach nicht unerwähnt lassen kann. Wer schert sich schon um Genregrenzen? Wenn ein Popalbum ein derartiges Ideen-, Melodien- und Absurde-Pointen-Feuerwerk abbrennt wie dieses, dann ist mir herzlich egal, in welcher musikalischen Tradition es steht. Nicht umsonst lasse ich mir mit dem Untertitel dieses Blogs „Metal … and more ein Hintertürchen offen, meinen Senf quer durch die Bank und über Genregrenzen hinweg zu allem dazuzugeben, das mir würdig erscheint, aus der jährlich anwachsenden Masse der Releases herausgehoben und für zumindest einen Blogeintrag auf ein Podest gestellt und sorgsamer Musterung unterzogen zu werden.^^ Und weiter: AUGUST BURNS REDs „Rescue & Restore“, das ich erstmalig konzentriert auf einer langen Autofahrt durch Frankreich hörte und das mich direkt umgehauen hat. Ist Metalcore bis auf wenige Ausnahmen (die bislang auf Namen wie PARKWAY DRIVE und KILLSWITCH ENGAGE hörten) ansonsten eher nicht so mein Ding, hat mich dieses Album davon überzeugt, dass es auch im Metalcore (noch) herausragende und richtungsweisende Vertreter gibt, die sich durch Originalität und sogar eine gewisse Progressivität von der Masse der Übrigen abheben. Möglicherweise fällt mir das aber nur deshalb so sehr auf, weil für mich die breite Masse der Genrebands im Metalcore-Sektor einfach allzu austauschbar klingt und mir das Genre insgesamt als stilistisch viel zu eng gesteckt erscheint, als dass darin noch Originelles zu tun wäre. Wie auch immer: AUGUST BURNS RED hätten mit ihrer neuen Scheibe auf jeden Fall einen eigenen Blogeintrag verdient gehabt. Vielleicht später einmal.

Als eine weitere Sternstunde des Muskjahres ist darüber hinaus das außergewöhnliche, sich einer stereotypen Schubladisierung entziehende und ungemein suggestive „Sunbather“ von DEAFHEAVEN zu nennen. Das Album vertont die Glückseligkeit, sich durch geschlossene Augenlider dem Gleißen der Sonne hinzugeben. Um diese Erfahrung so eindringlich als möglich nachvollziehbar zu machen, wird unter Verwendung von Black-Metal-Patterns ein Effekt erzeugt, der maximales Eintauchen ermöglicht. Selten war Sonnenbaden derart intensiv. Fantastisch.

Fantastisch auch: STEVEN WILSONs Prog-Meisterwerk „The Raven That Refused To Sing“, das Doppelalbum „Opposites“ von BIFFY CLYRO, das beweist, dass klug komponierter Progressive Rock durchaus pop- und radiokompatibel sein kann („Different People“ war in diesem Jahr einer der großen Ohrwürmer, die mich nicht mehr losgelassen haben), „The Headless Ritual“ von AUTOPSY, auf dem sich die Death-Urgesteine altersgereift mit einem ihrer besten Outputs ever präsentieren (göttlich darauf u.a.: „She Is a Funeral“), sowie „One Of Us Is The Killer“ von THE DILLINGER ESCAPE PLAN, in dem Extremmetall und Pop-Appeal kongenial zum Wahnsinn mit Methode fusioniert werden. Waren die Dillingers mit ihrem ADHS-Metal früher bisweilen über längere Distanz dann doch etwas anstrengend, haben sie inzwischen zu einer beunruhigend perfekten Balance zwischen Irrsinn und Selbstkontrolle gefunden, bei welcher die Songs gerade durch ihre Eingängigkeit noch zusätzliche Energie gewinnen. Das hat gleichermaßen Wucht und Wirkung.

Äußerst druckvoll ausgefallen ist auch das Livedokument „Dying Alive“ zum 2012er Tourabschluss von KREATOR in der Oberhausener Turbinenhalle: eine erstklassige, interessant gefilmte Produktion, die zeigt, wie man trotz der Konkurrenz durch YouTube-Amateurvideos auch heute noch ein Konzert filmisch so in Szene kann, dass die Atmosphäre einer KREATOR-Show (beinahe) so konserviert wird, als sei man dabeigewesen. Natürlich ist das „echte“ Live-Feeling durch nichts zu toppen; als jemand, der beim Gig in Oberhausen vor Ort und im Getümmel war, hat mich der Film trotzdem begeistert. Sympathisch war auch die zugehörige Filmpremiere im August in der Essener Lichtburg – mit der kompletten Band und Teilen der Crew sowie anschließender Frage- und Autogrammstunde.

Zu Jahresende hat mich dann noch die neue DEICIDE „In The Minds Of Evil“ weggeblasen. Zwar ist die Platte als Ganze auf Dauer etwas monoton, das Teil groovt aber wie Sau und stellt das letzte Release der Gotteslästerer aus Florida noch einmal locker in den Schatten. Zusammen mit CARCASS und AUTOPSY belegen DEICIDE eindrücklich, dass diejenigen Bands, die sich Ende der 80er/Anfang der 90er aufmachten, tonnenschwere Pflöcke in das unerforschte Terrain des noch jungen Genres einzurammen, auch heutzutage bei der Definition von Death Metal noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben. Daneben haben in 2013 erneut verschiedene junge Bands gezeigt, dass die Orientierung an Old-School-Trademarks im Death Metal keineswegs zu einer nur rückwärtsgerichteten (und damit stilistisch stagnierenden) Entwicklung führen muss: Bands wie ATOMWINTER („Atomic Death Metal“) oder die bereits an anderer Stelle besprochenen WOUND („Inhale The Void“) halten klassische Tugenden höchst eindrucksvoll am Leben und zeigen damit, wie zeitlos der von den Genrepionieren (DISMEMBER, MERCILESS, NIHILIST, frühe ENTOMBED, frühe DEATH, MASSACRE sowie den oben erwähnten, noch oder wieder aktiven „Klassikern“) geprägte Stil auch heute noch funktioniert. Überhaupt war Death Metal auch 2013 wieder eines der spannendsten Genres mit vielen frischen Bands, die sich zwischen „klassischen“ Strukturen und modernen Sounds eigene Positionen erarbeiten und damit das Genre nicht nur am Leben halten, sondern auch – evo-, nicht revolutionär – weiterentwickeln.

Wie in jedem Jahr wurde 2013 (leider) auch in der Musikszene (wieder) gestorben. Besonders hart in diesem Jahr (für mich) der Tod von Lou Reed (siehe Nachruf) sowie (für die gesamte Metal-Szene) der Verlust von Jeff Hanneman. Tatsächlich stammen, wie ich mich noch einmal vergewissert habe, die allermeisten meiner SLAYER-Favourites aus der Feder von Jeff. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie ein neues SLAYER-Album klingen mag, auf dem Hanneman nicht am Songwriting beteiligt ist, lasse mich aber gerne überraschen. So unersetzlich der Hanneman-Pol im bisherigen künstlerischen Prozess von SLAYER auch war (und bleiben wird), so sehr sei es natürlich auch dieser Band – wie auch anderen vor ihnen – zugestanden, trotz des Todes eines zentralen Bandmitglieds weiterzumachen und – hoffentlich – wieder zu irgendeiner Art von Form zu finden (nicht nur live, sondern auch auf Tonträger). Neu erfinden werden sie sich dabei sicherlich nicht, denn alle Neu-Erfindung wäre nicht mehr SLAYER. Man wird im nächsten Jahr zu beobachten haben, wie die Band damit umgeht, trotz Verlusts von 50% ihrer Kernbesetzung (Lombardo wurde kurz vor Hannemans Tod von Kerry King gegangen) den Status quo zu erhalten. Kaum eine andere Band (außer MOTÖRHEAD natürlich) genießt quer durch alle Metal-Genres einen derartigen Kult-Status und eine derartige Szene-Credibility. Damit umzugehen wird für die Herren King und Araya sicherlich ein heikles Geschäft.

Worauf freue ich mich in 2014?

Zunächst darauf, dass das Jahr so weitergeht wie es beginnt: Als sporadischer Rezensent für das LEGACY-Magazin hatte ich bereits das Vergnügen, die kommenden Releases von DESCEND, MUSTASCH und CYNIC, die im Januar und Februar erscheinen werden, ausgiebig durchzuhören. Auch wenn das Jahr noch lang ist und genau besehen noch nicht einmal begonnen hat, muss ich DESCENDs „Wither“ schon jetzt als ersten Kandidaten für mein persönliches Album des Jahres in 2014 vormerken. Auch MUSTASCH werden mit „Thank You For The Demon“ nicht enttäuschen, und das neue CYNIC-Album „Kindly Bent To Free Us“ geht konsequent den Weg weiter, den die Herren Masdival und Reinert mit ihrer 2012er EP „Carbon-Based Anatomy“ eingeschlagen haben. Entsprechend wird auch dieses Album (wieder) polarisieren; für Fans, die bereit sind, die Entwicklug der Band seit „Focus“ (1993) mitzugehen (zu denen ich mich selbst zähle), handelt es sich fraglos um ein starkes Album. Mehr dazu in meiner Review für die März-Ausgabe des LEGACY.

Mehr als gespannt bin ich darüber hinaus auf die kommenden Alben von MASTODON, OVERKILL und LEGION OF THE DAMNED, auf die kürzlich von Jimmy Page in einem Interview angekündigten Re-Releases sämtlicher LED-ZEPPELIN-Alben mit zusätzlichem, unveröffentlichten Material sowie – sofern beide noch Wirklichkeit werden – auf die inzwischen mehrfach angekündigten und verschobenen Scheiben von ENTOMBED und SLAYER. Sowie auf all diejenigen Releases, von deren Existenz ich bislang noch überhaupt nichts weiß und die ich im Laufe des Jahres zu entdecken plane. Denn das Entdecken ist es doch, das die Musikszene insbesondere für Metal-Afficionados so spannend macht und spannend hält: Nicht anders als Alexander von Humboldt im 19. Jahrhundert vor den unerforschten Gebieten der Welt seiner Zeit stehen wir jedes Jahr im Dezember vor den weißen Flecken auf der musikalischen Landkarte des kommenden Jahres – hoffend, auch in den nächsten zwölf Monaten wieder ausgiebig finden, staunen und unseren Horizont erweitern zu dürfen. ;-)

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Eingeordnet unter Black Metal, Death Metal, Hardcore, Hardrock, Heavy Metal, Metalcore, Progressive Metal, Rock, Stoner Rock, Thrash Metal

Legacy #88: Descend, Magenta Harvest, Mustasch u.a.

Legacy #88Mit der heute erscheinenden Ausgabe #88 des Legacy-Magazins begehe ich meinen Einstand als Legacy-Autor. Für #88 habe ich die folgenden Alben und Bands unter die Lupe genommen:

[1] Review: DESCEND „Wither“ (Inverse Records): Ein Meilenstein der progressiven Extremmusik und mein persönliches Album des Monats. (15/15 Punkte; Veröffentlichung: 24. Januar 2014).

[2] Artikel: DESCEND: Hintergrund-Interview zum neuen Album und zur Band; eine erweiterte Fassung des Artikels ist online auf http://www.legacy.de abrufbar.

[3] Review: MAGENTA HARVEST, „Volatile Waters“ (Inverse Records): Vielversprechendes Debüt der finnischen Melodic-Death-Debütanten, das enorm groovt und Laune macht. (12/15 Punkte; Veröffentlichung: 10. Januar 2014).

[4] Artikel: MAGENTA HARVEST: Interview mit Details zur Band sowie zum Songwriting und zu den Lyrics von „Volatile Waters“; eine erweiterte Fassung des Artikels ist online auf http://www.legacy.de abrufbar.

[5] Review: MUSTASCH „Thank You For The Demon“ (Gain Music/Sony): Das neue Album der schwedischen Heavyrocker – das mit der grandiosen Single „Feared and Hated“ bereits seit November seinen lautstarken Schatten vorauswirft. Mustasch-Fans (und solche, die es noch werden wollen) können hier bedenkenlos zugreifen. (11/15 Punkte; Veröffentlichung: 15. Januar 2014).

[6] Review: THE VELVET UNDERGROUND, „White Light / White Heat – 45th Anniversary Edition“ (Universal/Polydor/Verve): Eines der ganz großen Pionier- und Referenzwerke für Punk, Noise, Drone und extreme Musik schlechthin – zum 45-jährigen Jubiläum neu aufgelegt mit tonnenweise Bonusmaterial. Heute wie damals unverzichtbar. (Keine Punktwertung, da Klassiker; Veröffentlichung: 6. Dezember 2013).

[7] Review: RE-ARMED, „Rottendam“ (Eternal Sound/NMD): Eigentwilliger Titel, wenig überzeugende und in punkto Originalität & Songwriting auch nicht mehr als durchschnittliche Mixtur aus Groove, Thrash und Death Metal mit ein paar bemüht-progressiven Einsprengseln. Nichts, was im Ohr bleibt oder das man unbedingt haben müsste. (7/15 Punkte; Veröffentlichung: 21. Januar 2014).

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Eingeordnet unter Death Metal, Hardrock, Heavy Metal, Progressive Metal, Rock, Thrash Metal

God save the … nein, halt: Die neue Single von Mustasch („Feared and Hated“, Gain/Sony Music, 2013)

Mustasch, Feared and HatedAm vergangenen Mittwoch ist Mustaschs Beitrag zur Eröffnung der Weihnachtszeit erscheinen – mag man meinen, wenn man die Single „Feared and Hated“ zum ersten Mal hört und zunächst mit sechzehn Takten zweistimmigen „Ah-ahs“ im betulichen Tempo begrüßt wird. Maria und Josef!, ist man spontan versucht auszurufen, wo sind sie nur hin, der Mustasch-typische Biss und das Löwengebrüll aus „Mine“ und Consorten?

Keine Bange: Der Schein trügt. Stille Nacht geht anders, und das Intro des Songs führt zunächst augenzwinkernd aufs (winterliche) Glatteis. Auch wenn sich das Intro erst nach vollständiger Erschließung des Songs kohärent in den Gesamteindruck fügt (eigentlich eine recht originelle Anspielung auf unsere linearen Hörgewohnheiten), so ist die Single „Feared and Hated“, vorab ausgekopppelt aus dem am 15.01. erscheinenden neuen Album „Thank You For The Demon“ alles andere als ein besinnlicher Weihnachtsschunkler. Er ist aber auch nicht zu 150% das, was man von Mustasch nach den letzten beiden – großartigen – Alben „Mustasch“ (2009) und „Sounds Like Hell Looks Like Heaven“ (2012) erwartet hätte, nämlich keine Fortschreibung des bewährten Stils mit neuen Riffs, sondern kann durchaus als eine Erweiterung des stilistischen Repertoires der Band angesehen werden – ob nur für diesen einen Song oder für das gesamte kommende Album, wird im Januar herauszufinden sein. Gerade das macht diesen Song als Teaser so gut.

Zur Beruhigung sei vorweggeschickt: Was Mustasch mit „Feared and Hated“ unternehmen, entfernt sich keineswegs meilenweit von dem, wofür die Band steht; statt dessen werden aus der ureigenen Kernkompetenz der Band – einem Händchen für knackige Riffs und sich unmittelbar ins Ohr groovende Songs sowie der unverwechselbaren Stimme von Ralf Gyllenhammar – neue Facetten herauspräpariert, die man nicht unbedingt erwartet hätte, die aber, so sie nun als Song vorliegen, durchaus Sinn ergeben und zu gefallen wissen. Die  Bezugspunkte heißen dabei weniger Dio, Black Sabbath und Danzig, als vielmehr – man staune! – Queen, Uriah Heep und Thin Lizzy. Das zeigt sich in mehrstimmigen Gesangsharmonien (Queen, Heep), das zeigt sich in einem Strophen-Riff mit vorwärtspreschendem Drumming im Stile von „Keep Yourself Alive“ oder „Headlong“ (Queen), das zeigt sich in Twin Leads à la Lizzy, die in der Wiederholung zu Triple Leads à la Brian May gesteigert werden. Über all dem: Gyllenhammar, mal gehetzt vorwärtsshoutend (wie man das von ihm kennt), mal mit sich selbst im Duett oder gegenläufig harmonierend (Chorus), das Ganze mit einem Charme vorgetragen, der – ohne Gotteslästerung betreiben zu wollen – in manchen Augenblicken zwar nicht der stimmlichen Brillanz, aber durchaus dem Charme Freddie Mercurys aufregend nahe kommt. Auch die dezent narzisstisch angehauchten Lyrics (die Gyllenhammar stets mit einem Augenzwinkern in der Stimme vorträgt) lassen den Geist von Freddie assoziieren, was man als warmherzige Hommage oder eben auch als originell transformierte stilistische Anleihe bei einer der ganz großen Referenzbands des Progressive Rock werten kann.

Das ist toll, das ist überraschend, und das ist – hat man erste Irritationen überwunden – ungemein überzeugend und mitreißend. „Feared and Hated“ macht Lust aufs kommende Album. Enorme Lust.

Ein Kommentar

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Alive and kicking (ass): Motörhead, Aftershock (UDR/EMI, 2013)

MotörheadIch muss gestehen, dass ich an das neue Motörhead-Album keine großen Erwartungen hatte. Genau genommen hatte ich mich auf eine Enttäuschung eingestellt. Nach dem großartigen Motörizer (2008) hatte mich das 2010 rausgehauene The Wörld Is Yours eher enttäuscht. Da in 2010 sowohl das 35-jährige Bandjubiläum als auch Lemmys 65. Geburtstag anstanden, musste wohl um jeden Preis ein neues Album her, um diese Ereignisse auch diskographisch zu zelebrieren. Das Ergebnis war nicht wirklich schlecht, produktionstechnisch fraglos ohne Tadel, in punkto Songwriting aber über weite Teile bestenfalls Motörhead-Durchschnitt, mehr mäßig motivierte Wiederauflage nur allzu bekannter Trademarks (teilweise bis hin zum Selbstzitat) als ein Meilenstein im Portfolio der beiden Rock’n’Roll-Institutionen die es damit zu würdigen galt. Lemmys Gesang mutete über weite Strecken eher lustlos und kurzatmig an. Kein Glanzlicht also, für mich bis heute eines der am seltensten gehörten Alben der gesamten Motörhead-Historie.

Dass ich nicht umhin komme, mich in diesem Blog zum neuen Motörhead-Album zu äußern, war in Anbetracht der vielen Jahre, die mich diese Band inzwischen begleitet (Nö Sleep ’til Hammersmith war eine meiner ersten für eigenes Geld erworbenen Schallplatten), schon lange klar. Angesichts der ernsten gesundheitlichen Probleme, mit denen sich Mr. Kilmister in den letzten Monaten herumzuschlagen hatte, befürchtete ich aber, dass vom neuen Album, wie schon vom Vorgänger, erneut keine Höchstleistungen zu erwarten sein dürften, da Exzellenz, gerade im Künstlerischen, ja gemeinhin am besten in weitgehender Unabhängigkeit von äußeren Widrigkeiten gedeiht. Entsprechend hatte ich mich bereits darauf eingestellt, wohl eher einen Abgesang auf frühere Großtaten denn eine ernsthafte Würdigung des aktuellen Werks schreiben zu müssen.

Aber oho – weit gefehlt! Das neue Album ist zwar sicherlich nicht das beste Album in der Motörhead-Diskographie (Das kann ja auch niemand ernsthaft erwarten), aber weit besser als im Vorfeld anzunehmen war. Präziser ausgedrückt: Aftershock ist erstaunlich gut und schließt an die Klasse von Motörizer (2008) sowie seiner beiden Vorgänger Kiss of Death (2006) und Inferno (2004) an. Darüber hinaus dürfte es sich um eines der stilistisch vielseitigsten Alben der Bandgeschichte handeln. Konservative Motörheadisten brauchen aber nicht zu befürchten, Holy Lemmy und seine Crew hätten sich von ihren gewohntren Trademarks entfernt: Adenauers Slogan aus dem Bundestagswahlkampf 1957 „Keine Experimente!“ lässt sich problemlos auch diesem Album als Motto aufprägen; und dennoch ist die Scheibe erfrischend abwechslungsreich, was darauf zurückzuführen ist, dass einzelne Songs mal den einen, mal den anderen Eckpfeiler des charakteristisch-unnachahmlichen Motörhead-Sounds besonders akzentuieren und zur Geltung bringen.

Nach mehreren Hördurchläufen halte ich im Folgenden zu einigen der insgesamt 14 Songs erste (natürlich subjektiv geprägte) Eindrücke fest. Dabei ergibt sich bereits ein guter Umriss dessen, was das Album auszeichnet (s. Fazit):

  • DUST AND GLASS: Ein nachdenklicher Blues mit wohltuend zurückgenommener Instrumentiertung, ein wenig im Stile des Steppenwolf-Klassikers „The Pusher”, aber mit einem sehr smoothen Lemmy am Gesang. Erinnert mich mit seiner melancholischen Grundhaltung an „Lost in the Ozone“ und „Devils“ vom Bastards-Album, zwei meiner persönlichen Favourites im Motörhead-Gesamtwerk. Für mich ganz klar eines der großen Highlights des Albums – weil es die Tradition der (mal mehr, mal weniger originellen) ruhigieren Nummern im Motörhead-Schaffen fortsetzt – und weil ich einen Song dieser Art nicht unbedingt auf dem neuen Album erwartet hätte. Der Song beweist (zumindest mir) einmal mehr: Lemmys Vortrag ist insbesondere dann besonders eindringlich, wenn er sich zurücknimmt. Im Gegensatz zu früheren Songs, in denen Lemmys Gesang – als Stilmittel – brüchig daherkommt, tritt er hier sehr sanft auf, was das dem Ganzen einen noch verletzlicheren und zugleich abgeklärten, fast magischen, Duktus verleiht: Knapp drei Minuten Quintessenz einer gesamten Lebenserfahrung, das ist es, was der Gesang vermittelt. Das ist, in seiner ganzen Einfachheit, ganz große Klasse. Und dass Mr. Kilmister ein großer Freund des traditionellen Rhythm’n’Blues ist, ist ja hinlänglich bekannt (Ich erinnere mich an Interviews, in denen er andeutete, dass er, würden seine Mitstreiter ihn nur lassen, sowieso viel stärker in die Bluesrichtung gehen würde.)
  • LOST WOMAN BLUES ist – der Titel ist Programm – ebenfalls eine schöne Slow-Blues-Nummer, die im Gegensatz zu „Dust and Glass“ aber mit einer fetteren Instrumentierung aufwartet und dadurch sehr heavy und erdig ist; „Iron Horse“ lässt grüßen. Im Schlussteil wird dann ordentlich Gas gegeben, Assoziationen zum „Roadhouse Blues“ der Doors sind sicherlich nicht verkehrt.
  • END OF TIME ist ein schneller Blues, der als Reminsezenz an eigene Klassiker im Stile von „Stay Clean“ und „No Class“ durchgehen kann. Insbesondere die Strophe mit ihrer treibenden Gitarrenarbeit ist sehr gefällig und schreit geradezu nach rhythmischem Kopfnicken. Die Gitarre wirkt durchgängig wie locker aus der Hüfte geschossen. Klassikerzitat hin oder her, diese Nummer ist obercool. Man muss sich ja nicht immer neu erfinden, sondern kann auch Bewährtes variieren, wenn es nur überzeugend dargeboten wird – und hier ist das definitiv der Fall. „Rock Out“ vom Motörizer-Album lässt grüßen.
  • QUEEN OF THE DAMNED hingegen ballert einem zwar einen Ace of Spades-artigen Einstieg vor den Latz, ist aber in punkto Songwriting (v.a. was die wenig originellen Gesangslinien betrifft) ziemliche Motörhead-Stangenware. Schade irgendwie. Die stellenweise an „Damage Case“ erinnernde Gitarrenarbeit von Phil rettet den Song letztlich aber über den Durchschnitt, ist ordentlich dreckig-spritzig und macht angenehm Druck.
  • SILENCE WHEN YOU SPEAK TO ME: Die Songs aus der mittleren Phase der Band, in denen Lemmy mit sich selbst im Duett singt, habe ich meist gemocht. „Silence“ erinnert mit mit seinem dominanten, wummernden Bass zu gleichen Teilen an „Overnight Sensation“ (ebenfalls einer meiner Favourites im Motörhead-Backkatalog) und an „Love Me Like a Reptile“ von der Ace of Spades. Sehr überzeugende Nummer.
  • CRYING SHAME rockt munter drauf los und verweist erneut in die Overnight Sensation-Zeit zurück (vergleiche „Listen to Your Heart“). Das Piano im Refrain weckt freudige Erinnerungen an „Going to Brazil“ sowie an den einen oder anderen Stones-Klassiker.
  • Das ebenfalls munter rockende DO YOU BELIEVE schlägt in dieselbe stilistische Kerbe und erinnert an „Don’t Waste Your Time“ vom Sacrifice-Album (nur ohne Piano). Die Nummer ist nicht unbedingt ein Highlight der Platte, läuft aber fraglos gut rein. Erneut gibt es coole Soli von Phil.
  • KEEP YOUR POWDER DRY schließlich positioniert sich zwischen den Rolling Stones und (!) AC/DC. Gitarrensound und Riff könnten problemlos als Previously Unreleased Track aus den Aufnahmesessions zu High Voltage durchgehen. Der Schluss des Songs ist sogar ein direktes AC/DC-Zitat. Erfrischend launig und partytauglich!

FAZIT:

Aftershock ist ein Album, das im Gesamteindruck 100% Motörhead bietet und das zugleich als eine reflektierte Rückschau über das bisherige Gesamtoeuvre gehört werden kann, insofern stärker als je zuvor die verschiedenen stilistischen Einflüsse, die die Band schon immer ausgezeichnet haben, herausgearbeitet und nebeneinandergestellt werden. Eine vergleichbare Variationsbreite – zumindest annähernd – findet sich höchstens auf den beiden Früh-90er-Releases 1916 und Bastards. Kann man Aftershock also als reflektiertes Alterswerk bezeichnen? Man wird sehen, was noch kommt. Reflektiert mit Sicherheit, alt aber bestimmt nicht: Dafür rocken Motörhead 2013 (erfreulicherweise wieder) frischer als zuvor. Und so soll es sein. The creature lives – bleibt nur zu wünschen, dass Lemmy rasch wieder voll auf die Beine kommt, um die eine oder andere Perle des neuen Albums bald auch live unter Volk zu bringen – getreu bewährtem Motto:

„We are Motörhead – and we’re gonna kick your ass!”

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Gold von gestern für den Kanon von morgen: Twilight of the Gods, Fire on the Mountain (Season of Mist, 2013)

Twilight of the GodsRussische Forscher haben kürzlich angekündigt, aus der DNA eines in der Arktis gefundenen Mammuts ein Exemplar dieser vor 10.000 Jahren ausgestorbenen Tierart klonen zu wollen. Na dann mal los, Freunde! In der Zwischenzeit machen wir uns ein paar Gedanken darüber, die Wiederbelebung welcher Spezies sonst noch so von Interesse sein könnte. Der junge David Coverdale wäre ein Beispiel – musikhistorisch betrachtet. Oder Ronnie James Dio, zu Sabbath-, Rainbow- oder „Holy Diver“-Zeiten. Und vielleicht klonen wir die Riffs und die Rhythmusfraktion gleich mit, die gleichermaßen Fundament wie auch verschwenderisch Spielraum bereitstellten, damit Sänger (ach was: Monolithen!) dieses Kalibers am Übergang vom Hardrock zur Ursuppe des frühen Heavy Metal die mannigfachen Facetten ihrer Sangesgabe überhaupt erst voll ausschöpfen und mit großem Gestus und Lust zur adrenalingetriebenen Koloratur frei über Beats, Riffs und Takte dahinschwelgen lassen konnten.

Alan Averill von Twilight of the Gods (aka A.A. Nemtheanga von Primordial) räumt offen ein, niemals ein Dio zu werden. Das macht ihn höchst sympathisch. Noch sympathischer macht ihn die Tatsache, dass die Art und Weise, wie er auf „Fire on the Mountain“ drauflossingt, -shoutet und -phrasiert, zwar in punkto Stimmumfang und Intonation nicht ganz an die Altvorderen heranreichen mag, in punkto Timbre, Vibe und Charme aber unwillkürlich die Sternstunden Coverdales mit Deep Purple oder diese und jene Großtat des jungen Dio assoziieren lässt. So herrlich unprätentiös und authentisch hat seit Astral Doors’ Astralism lange kein Frontmann mehr losgelegt und den Hardrock alter (bzw. den Heavy Metal früher) Schule stimmgewaltig wiederaufleben lassen. Und eigentlich hinkt sogar der Vergleich mit Astral Doors – denn Twilight of the Gods sind den bluesgeschwängerten Wurzeln des Genres viel näher als die Doors, die ihren Sound mit Orgel und vorzugsweise Uptempo anheizen, wo Twilight of the Gods sehr souverän ein Bekenntnis zum getragenen (unteren) Mitdtempo an den Tag legen: Ein gutes Riff ist ein gutes Riff ist ein gutes Riff, und ein exzellenter Song kann auch im unteren Midtempo und mit aufgelockerter Instrumentierung heavy as fuck sein und zünden, wenn nur der Groove ordentlich Feuer macht und der Vokalist die Aura versprüht, Räume, Kuppeln, Kathedralen mit gleicher Selbstverständlichkeit zum Virbrieren bringen zu können wie den kleinen, intimen Club.

Was bietet „Fire on the Mountain“? Sieben erhaben treibende Proto-Metal-Perlen von altem Schrot und Korn, die – gleichsam durch die Zeiten gereist und gereift – aus dem Stand mitzureißen verstehen wie Teile des klassischen Kanons („Holy Diver“, „Burn“, „Long Live Rock’n’Roll“, „Man on the Silver Mountain“, um nur ein paar Referenzen zu zitieren).

Ich habe mir das Album am Erscheinungstag vor einer längeren Autofahrt neben anderen Dingen, auf die ich (eigentlich) ein Ohr werfen wollte, auf den Musik-Stick fürs Auto gepackt. Letztendlich habe ich die gesamten fünfeinhalb Stunden Fahrt nichts anderes gehört als immer wieder diese eine Scheibe – und mit zunehmender Begeisterung den Stau, der meine Fahrt um mindestens zwei Stunden verlängert hat, nicht mehr verflucht, sondern als Segnung begrüßt.

Naja, vielleicht ist das auch ein bisschen dick aufgetragen. Aber um die Klasse dieses Albums zu würdigen, muss man schon dicke Geschütze auffahren. ;-)

P.S.: Wer nicht mit Deep Purple, Dio & Co. sozialisiert wurde, sondern (Die Tragik der späten Geburt) direkt mit „True Metal“ (hust!) sozialisiert wurde, wird diesem Album möglicherweise so nicht viel abgewinnen können. Bei ersteren allerdings sollten die Ohren mindestens Augen (und vielleicht sogar offene Münder) machen.

Anspieltipps: Der Stampfer Sword of Damocles, das fast schon soulige Preacher Man, der Rausschmeißer At Dawn We Ride … ach was: alles!

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