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Legacy #92: Tom Angelripper, Deserted Fear, Decapitated, Earth, Earthship, Meshuggah & Co.

Legacy #92Juli und August waren heiße Monate – nicht nur meteorologisch, sondern auch in punkto neuer Releases. Da die LEGACY-Ausgabe #92 aufgrund der Festivalsaison gegenüber dem üblichen Zwei-Monats-Turnus verspätet erscheint, ist der Berichtszeitraum und damit die Fülle der Releases größer als sonst schon. Masse muss nicht Klasse heißen, doch in diesem Fall gab es diverse einschlägige Scheiben, auf deren analytische Inohrenscheinnahme ich mich teilweise bereits Monate im Voraus gefreut hatte.

Meine beiden persönlichen Alben der Saison kommen von EARTH und – wie könnte es anders sein – von MASTODON, beachtlich und ebenfalls herausragend sind weiterhin die Zweitlinge von EARTHSHIP und von BEYOND CREATION sowie – mit unfassbarem Hitpotenzial – die neue Scheibe von ONKEL TOM (die ich allesamt für die aktuelle Ausgabe rezensiert habe). Darüber hinaus sind auch die neuen Releases von CANNIBAL CORPSE und DECAPITATED erstklassig, beide Bands präsentieren sich stilistisch innovativ wie kaum zuvor.

Neben neun Reviews habe ich zur Ausgabe wieder verschiedene Interviews beigesteuert:

Mit Tom Angelripper führte ich ein einstündiges Telefoninterview, das sich als so ergiebig entpuppte, dass dabei nicht nur der für das Heft vorgesehene Zweiseiter, sondern darüber hinaus auch ein ebenso langer zusätzlicher Artikel heraussprang, der auf der LEGACY-Website veröffentlicht ist. Während der Text im Heft vor allem um das neue Studiowerk „H.E.L.D“ von ONKEL TOM kreist, geht es im Online-Bonusinterview um den ganzen Rest, insbesondere um ein mögliches neues SODOM-Release, die Metalszene im Allgemeinen sowie die „Goldenen Achzigerjahre“ im Speziellen

Mit Fabian von DESERTED FEAR habe ich neben einem Studio-Vorbericht zum (nicht nur von mir mit Spannung erwarteten) kommenden zweiten Album „Kingdom Of Worms“ ein Interview über die bewegten zwei Jahre seit dem vielbeachteten Debüt der Band sowie das Songwriting und die Aufnahme der neuen Scheibe geführt. Den Studiobericht gibt’s im Heft, das Interview online. Weil es so schön ist, wird es im nächsten LEGACY obendrauf noch einen weiteren Zweiseiter zum Album geben, diesmal u.a. mit Schwerpunkt auf den kleinen, aber feinen Weiterentwicklungen im Songwriting der Band sowie Hintergründen zu den Lyrics. Passend dazu kommt dann auch die schonungslose Review des am 24.10. erscheinenden Albums (das – so viel sei schon verraten – selbst kritischster Analyse souverän standhält und dessen die Band, dessen bin ich mir sicher, erneut ein deutliches Stück voranbringen wird).

Mit Vogg von DECAPITATED habe ich mich über das neue Album der polnischen Death-Metal-Institution, den Gesundheitszustand von Drummer Covan, den Alltag als Musiker und Bandmanager in Personalunion sowie die Lage der Welt unterhalten. Amüsant darüber hinaus auch mein Interview mit den brasilianischen Newcomern von CONSIDERED DEAD, bei dem es – aktuellen Ereignissen geschuldet – zwangsläufig nicht nur um Metal, sondern auch um Fußball im Allgemeinen sowie die geschichtsträchtige Halbfinalniederlage der Seleção gegen Deutschland ging. Wer auf Old-School-Death-Metal mit erkennbaren Thrash-Wurzeln (Slayyeeeeerrr!!) steht, sollte übrigens unbedingt das jüngst von F.D.A. Rekotz wiederveröffentlichte Demo dieser Band antesten (Anspieltipp: ‚Claiming Insanity‘).

Zum 25-jährigen Bandjubiläum von MESHUGGAH gab es im September übrigens ein Re-Release der Ein-Track-EP „I“. Das musste unbedingt auch noch einmal besprochen werden – nicht nur des Jubiläums wegen, sondern vor allem auch, weil das darauf enthaltene 25-minütige Stück Proggeschichte die stilistische Formel der Schweden so kongenial zusammenfasst wie vermutlich kaum ein anderes Werk der Band.

Die ausführlichen Releases zu allen von mir besprochenen Tonträgern finden sich im Heft. Als Teaser seien hier pro Album nur jeweils zwei zusammenfassende Sätze vorausgeschickt – den Rest sowie weitere 270 Seiten Lesestoff gibt es wie gewohnt beim Zeitschriftenhändler. ;-)

  • BEYOND CREATION „Earthborn Evolution“
    (Season of Mist)
    Die Kanadier präsentieren auf ihrem zweiten Album technischen, leicht angejazzten Death Metal, der zwar spielerisch und kompositorisch anspruchsvoll daherkommt, der aber dank eines durchgängig nachvollziehbaren Riffings, diverser grandioser Hooklines und epischer Gitarrensoli niemals verkopft wirkt. Wer sich für frühe Cynic oder die progressiven Alben aus dem Oeuvre von Death begeistern kann, wird an dieser Scheibe seine Freude haben. (13/15 Punkte)
  • EARTH „Primitive And Deadly“
    (Southern Lord)
    Wo sich der Großmeister der Langsamkeit, Dylan Carlson, in den vergangenen Jahren zugunsten glasklar zelebrierter Americana unter stetiger Reduktion des musikalisch Erforderlichen eine gewisse Askese auferlegte, wird nun wieder hemmungslos den fetten Garagensounds mit feinen, den Riffs immanenten Rückkopplungen gefrönt. EARTH gelingt es mit „Primitive And Deadly“, die Höhepunkte ihres bisherigen Schaffens in einzigartiger Weise zu integrieren und auf en neues Level zu heben. (13/15 Punkte)
  • MASTODON „Once More ‚Round The Sun“
    (Reprise/Warner)
    „Once More ‚Round The Sun“ vereint über weite Strecken die Trademarks der beiden letzten Alben, ohne die Sludge-Kante früherer Großtaten gänzlich abzulegen. Auch wenn man nicht die Einzigartigkeit von „Crack the Skye“ oder die Erbarmungslosigkeit eines „Leviathan“ erreicht, ergibt sich unterm Strich eine Scheibe, die einmal mehr und überzeugend beweist, welche stilistische Eigenständigkeit sich MASTODON innerhalb der Metalszene erspielt haben. Gäbe es diese Band nicht, man müsste sie erfinden. (12/15 Punkte)
  • EARTHSHIP „Withered“
    (Pelagic Records)
    EARTHSHIPs musikalische Signatur verknüpft die Sludge-Urgewalt von Mastodons Frühwerk („Remission“, anybody?) stilsicher einerseits mit Death’n’Roll-Elementen inklusive Sunlight-Sound und andererseits mit Bezügen auf ganz frühe Black Sabbath. Der Sound ist heavy as fuck und quetscht einen mit der Wucht eines im Standgas operierenden 40-Tonners gegen die Wand. Fans der genannten Einflüsse kommen an dieser Scheibe kaum vorbei. (12/15 Punkte)
  • CONSIDERED DEAD „Mentally Tortured“
    (FDA Rekotz)
    Was auf „Mentally Tortured“, dem Re-Release des Demos der brasilianischen Newcomer, aus den Boxen ballert, ist in ungefähr die Schnittmenge dessen, was frühe Slayer, klassische Sepultura sowie die Prototypen ganz alter Stockholmer und Ostküsten-Schule fabriziert haben: interkontinentaler Old-School-Death-Metal, der seine Thrash-Wurzeln stolz zur Schau stellt – oder auch schnörkellos effektiver US-Thrash mit ranziger Death-Metal-Schlagseite. Das Teil versprüht jede Menge Old-School-Charme bis hin zum organischen, nicht allzu transparenten Sound. (10/15 Punkte)
  • ONKEL TOM „H.E.L.D.“
    (Steamhammer/SPV)
    Erneut zelebriert der ONKEL seine prollig-charmante, gerne mal mit einem Augenzwinkern apostrophierte Mischung aus Deutschpunk, Deutschrock und Metal, und fährt dazu ein abwechslungsreiches 13-Gänge-Menü mit ungemeiner Hitdichte auf. Sämtliche Songs der Scheibe haben Ohrwurmcharakter, sind knackig, süffig und lassen sich direkt mitgrölen – sogar nüchern, wenn’s denn sein muss. (12/15 Punkte)
  • MESHUGGAH „I“ (Reissue)
    (Nuclear Blast)
    ‚I‘ bezeichnete 2004 nicht weniger als eine Vermessung des stilistischen Kosmos, den MESHUGGAH mit ihren ersten vier Alben entworfen hatten, und zugleich ein sperriges wie aufregendes Stück progressiven Thrash Metals, das Hirn und Ohr auf eine zieloffene musikalische Entdeckungsreise schickte, die auch beim x-ten Hören noch zu faszinieren verstand. Ein kleines Meisterwerk von zeitloser Größe, neu aufgelegt zum diesjährigen Bandjubiläum, das 25 Jahre MESHUGGAH paradigmatisch wie kein anderes Stück der Band auf den Punkt bringt. (–)
  • THEORY OF A DEADMAN „Savages“
    (Roadrunner)
    Wer sich immer schon gefragt hat, wie eine Band klingen mag, die null Prozent künstlerische Ambitionen hat und deren ausschließlicher Antrieb darin besteht, um jeden Preis ins Mainstreamradio kommen zu wollen, der braucht diese Scheibe unbedingt; ansonsten braucht sie keiner. Da der Monat so viele andere spannende Releases zu bieten hat, lässt sich der Rezensent dazu erweichen, die hier vorgelegte Dreistigkeit zumindest teilweise mit „Geschmäcker sind verschieden“ zu entschuldigen und das Album mit maßlos übertriebenen 4 Zählern zu würdigen, befürchtend, ihm damit eine seiner höchsten ernstgemeinten Bewertungen überhaupt zu bescheren. (4/15 Punkte)

Fürs nächste Heft, bei dem schon jetzt die redaktionelle Deadline naht, wird es von mir Reviews und Artikel u.a. zu den folgenden Bands geben (alphabetisch): 7 H.Target, Abysmal Dawn, Atriarch, Bastard Feast, Black Crown Initiate, Deserted Fear, Dying Out Flame, Robert Plant, Tantal. Das neue Album von Robert Plant ist bei mir natürlich außer jeder Konkurrenz (und schon jetzt, obgleich erst jüngst erschienen, der heißeste Anwärter auf mein persönliches Album des Jahres). Mein Album des Monats ist ansonsten die unfassbar wüste, herrlich wilde und arschcool runtergezockte BASTARD-FEAST-Scheibe „Osculum Infame“. Dazu dann aber mehr in Bälde… ;-)

 

 

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Sodom, Epitome of Torture (Steamhammer, 2013)

sodom-epitome-of-torture-cover-artwork„Die neue Sodom“ ist da – und das Metal-Feuilleton fragt sich, was ihm wohl ins Haus stehen mag: Stagnation auf hohem Niveau (aka „In War and Pieces pt. II“)? Ein bloßes Pflichtalbum? Flüssiger Stahl an Ruhrgebiets-Romantik? „Das Ohr ist der Weg“, befand weiland bereits Jazz-Papst Joachim-Ernst Berendt. Hören wir also, und verschaffen wir unseren Ohren ein erstes Bild:

MY FINAL BULLET: Starker, kraftvoller Opener mit akustischem Intro und einer typischen Sodom-Strophe, die leicht an KNARRENHEINZ vom Vorgängeralbum erinnert, sich dann aber zu einem „Hey hey hey, hier kommt Alex“-haften Mitgröl-Refrain steigert. Zwischendurch gibts einen kleinen progressiven instrumentalen Mittelteil mit Gitarrensolo, in dessen zweiter Hälfte – oha! – ein erster Maiden-esker Melodieverlauf anklingt. Insgesamt ein erstklassiger Dosenöffner, der live sicherlich zum mächtigen Stimmungskracher avancieren dürfte. Die verschiedenen Stilelemente, die in diesem Song zusammenfinden – klassische Sodom-Trademarks und Power-Metal-Elemente – können, wie noch zu zeigen sein wird, als programmatisch für das gesamte Album „gelesen“ werden. Auf den nachfolgenden beiden Tracks erschließt sich das einem aber (erst mal) noch nicht:

Der selbstbetitelte Song S.O.D.O.M. ist vom Grundkonzept her eher Sodom-Stangenware – allerdings mit einem sympathischen Punk-Einschlag und einem geshouteten Refrain, bei dem der Song richtig zündet (und der live sicherlich krachen dürfte). Der Song hat was, fällt gegenüber dem tollen Opener trotzdem etwas ab.

Der Titeltrack EPITOME OF TORTURE hätte stilistisch auch auf den Vorgänger „In War and Pieces“ gepasst (Marke HELLFIRE, aber nicht ganz so kompakt zündend) – wäre dort dann aber tendenziell einer der schwächeren Songs gewesen. Klar: Der Song hat trotzdem noch einiges an Power. Nach bisherigem Stand meines Höreindrucks ist dies aber derjenige der insgesamt zehn Songs, der nach mehrfachem Durchhören am unauffälligsten bleibt.

Track Nr. 3 STIGMATIZED ballert, wenn man sich mal an Toms Death-Metal-Growls gewöhnt hat, was das Zeug hält und mit großem Kaliber auf alles, was Gehirnmasse ist und ist brutaler klassischer Sodom-Thrash im prototypischsten Sinne. Schöne Nummer – die schätzen zu lernen bei mir aber diverse Durchläufe gebraucht hat (Der Song war ja bereits vorab veröffentlicht; insofern kannte ich ihn schon vorher; entsprechend waren meine Erwartungen an das neue Album – zunächst – eher moderat). Der Song knallt richtig – für Überraschungen sorgen auf dem Album dennoch andere Stücke.

CANNIBAL: simpel gestrickt, aber ungemein wirkungsvoll, in etwa so wie eine Splittergranate. Der Song verweist stilistisch deutlich zurück auf das letzte Album (v.a. auf dessen Titeltrack) – und ich habe ja wiederholt betont, dass ich „In War and Pieces“ bislang für das kaum toppbare Meisterwerk der Band halte (ungeachtet der Tatsache, dass Herr Angelripper in diversen Interviews zum neuen Album betont hat, das letzte Album sei vom Sound her zu metalcore-mäßig und überproduziert gewesen).

SHOOT TODAY – KILL TOMORROW haut in etwa dieselbe stilistische Kerbe und erinnert im Refrain sehr deutlich an STORM RAGING UP, einen meiner absoluten Favourites auf dem vorigen Album. Wie ich dem Legacy-Interview zur neuen Scheibe entnehme, singt Tom an einer Stelle dieses Songs (die man heraushört) durch ein 2 Meter langes Abwasserrohr. ;)

INVOCATING THE DEMONS: Der Song könnte – wenn man sich den Gesang wegdenkt – fast ein Maiden-Song sein (man vergleiche, was Gitarre + Rhythmusgruppe im Intro und im Refrain machen, mal bitteschön mit „Two Minutes to Midnight“ sowie mit Songs von der „A Matter of Life and Death“-Scheibe). Geiler Song: Maiden-typischer Groove meets Angelripper. :-)

Ebenfalls sehr überraschend wie überzeugend: Das außergewöhnlich melodische INTO THE SKIES OF WAR, das sich unmittelbar im Ohr festsetzt und erneut eher im Power-Metal- als im Thrash-Genre anzusiedeln ist. Auch hier winken Gitarre und Rhythmusgruppe – gerade im Refrain – erneut heftig in Richtung Maiden (die Gitarre in Richtung Adrian Smith).

KATJUSCHA ist knackiger Thrash mit Folklore-Einschlag und nimmt auf dem Album in etwa die Rolle ein, die auf anderen Sodom-Alben die jeweils einzeln vertretenen deutschsprachigen Songs hatten. Ein schneller Thrasher, der aber mit dem Titeltrack EPITOME OF TORTURE das Schicksal teilt, zu sehr Standard zu sein und daher gegenüber dem Rest des Albums eher unauffällig zu bleiben.

TRACING THE VICTIM: Ein typisches Adrian-Smith-Intro, dann eine typische, simple wie effektive, Sodom-Strophe, gefolgt von einem Refrain, in dem Angelripper mit sich selbst einen (für seine Verhältnisse) harmonischen (!) Wechselgesang anstimmt – was zum Teilen an FROM HERE TO ETERNITY von Maiden und zu Teilen an so manche der melodischeren Motörhead-Sachen kennt, in denen Lemmy mit sich selbst im Duett singt. ;-) Sehr geil, gerade weil nach der Standard-Strophe unerwartet melodisch und sich steigernd! Ein guter Rausschmeißer.

Nach mehrfachem Hören muss ich sagen, dass meine erste Skepsis, das Album könne gegenüber dem Vorgänger zu stark abfallen, verflogen ist. Klar: „In War and Pieces“ war ein Meisterwerk – und dennoch hat das neue Album seinen besonderen Reiz und lässt sich letztlich mit dem Vorgänger gar nicht wirklich gut vergleichen. Während das vorige Album in punkto Sound, Brutalität und schierer Power aus einem Guss war, ist das neue Album vielseitig, aufgrund der teilweise deutlichen Orientierung in Richtung Power Metal in einigen Songs sogar von einer durchaus positiven musikalischen Grundstimmung, an anderer Stelle (STIGMATIZED) dann aber auch wieder derber als der Vorgänger.

Insgesamt verhält sich dieses Album zu seinem Vorgänger somit ähnlich wie Kreators Letztling „Phantom Antichrist“ zum Vorgänger „Hordes of Chaos“: Während „Hordes of Chaos“ durch Kompaktheit, Einheitlichkeit und Ehrfurcht gebietende Gewalt besticht, ist „Phantom Antichrist“ verspielter, melodischer, z.T. experimenteller, so dass BEIDE Platten ihre Daseinsberechtigung haben, ohne den Vergleich mit der jeweils anderen fürchten zu müssen.

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