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Jona im Feuerofen: Bölzer, Aura (Iron Bonehead, 2013) / Soma (Invictus, 2014)

BölzerEs ist beeindruckend, nachgerade sensationell, wie es dem Schweizer Duo BÖLZER mit lediglich zwei EPs gelingt, all das, was Death und Black Metal im Kern schon immer aufregend gemacht hat, zu einer ungemein fesselnden und dabei sehr eigenständigen Interpretation extremer, entfesselter Klangkunst zu verdichten. Das Gespür des Duos für Atmosphäre ist nicht anders als begnadet zu nennen – und das ganz ohne aufgeblasene Drum- oder überproduzierte Gitarrensounds. Urgewalt wird hier basisch, den Gesetzen organischer Entwicklung angenähert, erzeugt: Die Gitarren atmen Krume, Glut und Lavakruste, das Klangbild sirrt, wummert, dröhnt und vibriert, dass der Erdmantel in seinen Grundfesten erzittert und sich artifizielle Nähmaschinen-Sounds dagegen wie laue Lüftchen ausnehmen. Ein Song wie ‚Entranced By The Wolfshook‘ ist, das behaupte ich schon jetzt, ein erhabenes Stück Musik für die Ewigkeit: Was Led Zeppelin für den Hardrock mit ‚Kashmir‘ gelang, glückt BÖLZER mit diesem Song für den Schnittbereich aus Death, Black und Sludge Metal: ein musikalischer Monolith wie aus einem Guss, der einen aufregenden Aufbruch ins musikalisch Unerforschte verheißt. Der zugehörigen Faszination kann man sich nur schwer (ach was: gar nicht!) entziehen.

Stilistisch liegen verschiedene Parallelen auf der Hand, die der eigenwilligen Signatur des Duos aber bestenfalls in Einzelaspekten gerecht werden: In ihrer unerbittlichen Konsequenz erinnern die Kompositionen an Bolt Thrower, der finstere Groove lässt Bands wie Necros Christos oder Grave Miasma assoziieren, der schiere Wahnsinn verweist vage in Richtung Watain und Consorten. Die Songs entwickeln sich intuitiv-orgiastisch und stehen dabei z.T. deutlicher in der Tradition des Black als des Death Metal, die Gitarrenarbeit oszilliert zwischen der Wucht sehr alter, sehr tiefer Schwedeneruptionen und flirrenden Post-Black-Metal-Soundwänden, die dem inneren Auge Fiebertraumbilder vom Innenleben in Brand gesetzter Wespennester bescheren. Das Ganze stelle man sich als durch den tiefsten, zähesten und stinkendsten Morast gezogen vor, den der Sludge zu bieten hat, und mit dem süßlich-eitrigen Virus doomiger Autopsy-Momente versetzt. Hall verleiht Weite und übersphärische Größe, aber nur genau so weit, dass das Klangbild insgesamt nicht verschwimmt und für den Betrachter präzise als innere Struktur reproduzierbar bleibt. Das Resultat entwickelt eine Wucht, die weniger von außen als aus dem eigenen Inneren heraus an einem zehrt, zerrt, nagt und wildert: Nicht der Aufprall des stählernen 40-Tonners ist es, der ihrer Gewalt zum Bilde gereicht, sondern die septisch-schwärende Wucherung im Abdomen des Irrsinnigen, die zum Bersten gespannte Lunge des Apnoetauchers, der Flammen inhalierende Atemzug Jonas im Feuerofen, der grollende letzte Gedanke Gottes vor dem Verstummen allen Seins.

Man muss kein impressionistisch orientierter Zeitgenosse sein, um BÖLZER zu schätzen. Man kann die beiden Scheib(ch)en auch einfach als einen außerordentlich gelungenen Karriereauftakt einer talentierten Band hören, die trotz künstlerischer Jugend bereits Kompositionen von beachtlicher Reife hervorbringt, die die Fundamente, auf denen sie errichtet sind, nicht leugnen, die sich mit überkommenen Mustern des Genres aber nicht in Gänze erfassen lassen und die über aller Raserei mit nur wenig Eingewöhnung eine enorme Eingängigkeit entwickeln.

Auf das Debütalbum, das für 2015 in Aussicht gestellt ist, darf man gespannt sein. Aura (2013) und Soma (2014) werfen bis dahin schon einmal gewaltige Schatten voraus. Gewaltige!

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Wenn der Sensemann kommt: Atomwinter, Death Doomination (EP, 2013)

Atomwinter, Death DoominationATOMWINTER aus Niedersachsen haben mit dem Titel ihres  Debütalbums „Atomic Death Metal“ kompakt auf den Punkt gebracht,  wie man sich ihren Sound vorzustellen hat: als expressionistische Klangkulisse für die Welt nach dem GAU. Nachdem bereits das Debüt einen deutlichen Akzent in der jüngst wieder explodierenden Death-Metal-Szene setzen konnte, legt man mit der zu Jahresende erschienenen EP „Death Doomination“ noch mal eine Schippe Kohlen nach und hält die Todesmaschine auf konstant hohem Niveau am Glühen.

Über das Coverartwork (das auch für Death-Metal-Afficionados Geschmackssache ist) sollte man sich vielleicht noch einmal in Ruhe Gedanken machen, will man potenzielle Hörer nicht von vornherein verschrecken; das, was musikalisch geboten wird, ist über jeden Zweifel erhaben und sollte sich für niveaubewusste Szene-Gourmands jedweder Geschmacksdiskussion entziehen. Hier brennt die Hütte nicht nur, sondern wird mit gröbstem Räumgerät fachgerecht in Grund und Boden gewalzt. Wo andere halbgar vor sich hingniedeln mögen, räumen ATOMWINTER auf und hinterlassen eine Schneise völliger Vernichtung.

Die Band fährt dabei einen ähnlich überzeugenden Old-School-Ansatz wie Kollegen der Güteklasse DESERTED FEAR, KAOTIK, SMOTHERED, SLAUGHTERDAY oder SKELETAL REMAINS. Eine zentrale Referenz bildet ein gut abgehangener Stockholm-Sound, der vorzugsweise im Midtempo meuchelt und gerade dadurch demonstriert, weshalb in der Kategorie, in welcher man antritt, nur eine tiefgestimmte Gitarre eine richtig gestimmte Gitarre ist.

Neben Stockholmer Ziselierkunst höre ich TERRORIZER als eine weitere Referenz heraus, was einerseits am finsteren Organ von Sänger Christopher Lehmann und andererseits am herrlich metzelnden Riffing insbesondere im Song „Of Dying Things“ liegen dürfte (vgl. z.B. die Stücke „Mayhem“ oder „Hordes of Zombies“ von den letzten beiden TERRORIZER-Alben). „Purify the Spawn“ verweist zudem in Richtung NECROS CHRISTOS, was ebenfalls nicht die schlechteste Referenz ist („Doom of the Occult“ halte ich für eines der besten Death-Metal-Releases der vergangenen fünf Jahre). Als Krönung gibt es – der Titel der EP ist Programm – eine satte Portion herrlich schleppenden, gallig-zähen und giftige Fäden ziehenden Doomdeath à la AUTOPSY (siehe z.B. die entsprechenden Parts im zweiten Teil des Titeltracks „Death Doomination“).

Insgesamt führen ATOMWINTER auf „Death Doomination“ sehr überzeugend Trademarks der europäischen und der US-amerikanischen Todesbleischule zusammen. Man kann die EP ohne Qualitätsabfall vor oder nach Scheiben aller vorgenannten Genrevertreter auflegen. Oder auch alleine hören, ohne sich zuvor anderweitig aufzuwärmen. Das Teil kommt direkt auf den Punkt, ist bis an die Zähne bewaffnet und setzt seine Waffen auch ein. Alle.

Man darf hoffen, dass der EP in Bälde das fällige zweite Album nachfolgt. „Atomic Death Metal“ und „Death Doomination“ haben das Feld bestellt – nun wäre die Zeit reif für den sprichwörtlichen Schnitter. ;-)

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Was WAR und IST und WIRD: ein Blick zurück voraus (Rückblick 2013)

2013Was bleibt hängen aus einem Jahr mal mehr, mal weniger konzentrierter Beobachtung der gitarrenorientierten Musikszene? Welche Alben oder Songs, die einen direkt nach Erscheinen umgehauen haben, erweisen sich auch auf längere Sicht als langlebig, welche Veröffentlichungen hat man unterschätzt, was ist – wissentlich oder unwissentlich – an einem vorbeigegangen und welche Releases entpuppten sich subjektiv betrachtet als Strohfeuer mit zunächst großem Initialeffekt, aber letztlich doch eher kurzer Halbwertszeit?

Mein persönliches Album des Jahres ist ohne Zweifel „Pelagial“ von THE OCEAN. Auch DEFEATERs „Letters Home“, dessen Erscheinen ich sehr entgegengefiebert hatte, rangiert weit oben in meiner Alben-für-die-Insel-Liste für das Jahr 2013. Da ich mich zu beiden Releases bereits ausführlich hier und hier geäußert habe, will ich sie nicht erneut in derjenigen epischen Breite zelebrieren, die ihnen zweifelsohne zusteht, sondern mich an dieser Stelle denjenigen Alben zuwenden, zu denen ich über die Monate immer wieder mal „unbedingt noch was schreiben wollte“, die in diesem Blog dann aber doch – unverdientermaßen und meistens aus Zeitgründen – unberücksichtigt geblieben sind. Alben, die im vergangenen Jahr bereits mit eigenen Blog-Einträgen gewürdigt wurden (BOMBUS, MOTÖRHEAD, TWILIGHT OF THE GODS, PHIL ANSELMO, ONSLAUGHT, WOUND, BLACK TUSK, ORCHID, SODOM; siehe Übersicht), werde ich dabei nicht erneut aufführen.

2013 war das Jahr einiger sensationeller Comebacks. Da ist zum einen CARCASS‘ „Surgical Steel“ mit Übersongs wie „A Congleated Clot of Blood“, „The Granulating Dark Satanic Mills“ und „Mount of Extinction“ oder dem 80er-Relikt „Thrasher’s Abbatoir“. Auch wenn sich das Album eher an der „Necroticism“/“Heartwork“-Phase der Band orientiert und damit möglicherweise den einen oder anderen Fan der grindigen Frühphase enttäuscht hat, beweisen CARCASS, dass es auch 2013 kaum eine andere Band in ihrem Genre gibt, die groovenden Death Metal derart locker aus der Hüfte ballert wie die Liverpooler Genre-Pioniere. Zu Recht wurde das Album in der Metalpresse vielfach zum Album oder Comeback-Album des Jahres ausgerufen – und es steht zu hoffen, dass mit CARCASS auch künftig zu rechnen sein wird, nicht nur auf den Bühnen, sondern auch weiterhin in den Studios dieser Welt.

Als ähnlich souverän und über jede Kritik erhaben muss das Monument „13“ gelten, das BLACK SABBATH anno 2013 in Beinahe-Originalbesetzung abgeliefert haben und von dem ich mir im Vorfeld nicht einmal ansatzweise diejenige Klasse erträumt hatte, die es dann tatsächlich vorlegte. Tatsächlich hatte ich dem Sabbath-Comeback sogar schon lange vor Veröffentlichung jedwede Relevanz abgesprochen und mir das Album daher auch gar nicht direkt am Erscheinungstag besorgt – sondern erst drei oder vier Wochen später, und auch dann eher halbherzig denn aus echter Überzeugung (vermutlich einfach nur deshalb, weil ich als Fan der „alten“ Sabbath dann doch ein schlechtes Gewissen hatte, dieses Werk unbeachtet zu lassen). Umso schmerzhafter traf mich dann die Erkenntnis, dass ich mir mit meiner frevelhaften Ignoranz volle drei bis vier Wochen selbstverschuldete Nicht-Erleuchtung eingehandelt hatte: Die Herren Iommi, Butler & Osbourne versuchen sich erst gar nicht an einem stilistischen Querschnitt durch alle ihre gemeinsamen Klassiker, sondern knüpfen vielmehr sehr fokussiert an die eigene Frühphase an – nicht nur mit dem Outro, das eben jenes Regen-Sample verwendet, mit dem weiland 1970 das selbstbetitelte Album-Debüt sowie dessen selbstbetitelter Opener eingeleitet wurde (und das entsprechend zum Ausklang des neuen Albums für einen ordentlichen Gänsehauteffekt sorgt). Auf „13“ regiert das Midtempo, und einmal mehr beweist Riffgott Tony Iommi, ähnlich wie bereits auf dem 2009 unter dem Bandnamen HEAVEN & HELL mit Ronnie James Dio eingespielten Sabbath-Mark-II-Comeback „The Devil You Know“ souveränstmöglich, dass Heaviness alles andere als eine Sache der Geschwindigkeit ist. Brecher wie „End of the Beginning“ oder „God Is Dead?“ überraschen beim ersten Hören durch ihren gemächlich anmutenden Aufbau, fräsen sich dann aber mit einer derartigen Wucht und Hartnäckigkeit ins Hirn, dass sie dort auch Monate später noch ihr Unwesen treiben. Ein Paukenschlag, der seinesgleichen sucht – und entweder ein würdiger Abschluss für das bis dato unabgeschlossene Mark-I-Kapitel der Band oder eben auch ein neuer Anfang; die Liedzeile „Is this the end of the beginning / or the beginning of the end“ mag diesbezüglich als Cliffhanger gelesen werden und macht gespannt, ob hier noch etwas nachkommt (dann möglicherweise sogar mit Bill Ward an den Drums?).

Mit einem dicken Ausrufezeichen in den Veröffentlichungslisten für 2013 zu versehen sind darüber hinaus eine Reihe weiterer Alben – allen voran das unglaubliche selbstbetitelte Album der US-Prog-Thrasher REVOCATION, das über die volle Distanz von zehn eigenen Songs und einem Metallica-Cover mustergültig demonstriert, dass hochambitionierter technischer Anspruch kein bisschen zu Lasten der Songdienlichkeit gehen muss. Was das Trio aus Massachusetts hier auf Albumlänge darbietet, ist zum einen aberwitzige Handwerkskunst in Perfektion, zum anderen ein mitreißendes Thrash-/Death-Monster mit einer Fülle an brillanten Ideen, aus denen, wie es Frank Albrecht treffend fürs RockHard beschrieb, „andere Bands eine Diskographie stricken“ würden. Um das glauben zu können, muss man es selbst gehört haben.

Nicht zu vergessen auch das aktuelle Hardcore-Punk-Gewitter „Live By The Code“ mit dem Übersong „I’m Only Stronger“, das TERROR in diesem Jahr auf die Menschheit haben niedergehen lassen: Hier kommt jeder Song wie ein wütender Affront und ist jedes Riff eine musikgewordene Faust in die Fresse. Man mag diese Art Hardcore primitiv finden, man kann es aber auch als „Harte Schule, aufs Essenzielle reduziert“ und damit als minimalistisch(st)en Ausdruck eines rauen, räudigen Street-Punk mit Thrash-Gitarren begreifen. Oder auch einfach nur geil finden.

Nicht zu vergessen weiterhin das ironisch-pseudointellektualistische beziehungsweise sympathisch-versponnene „Nanobots“-Album von THEY MIGHT BE GIANTS, das zwar alles andere als Metal ist, das ich aber einfach nicht unerwähnt lassen kann. Wer schert sich schon um Genregrenzen? Wenn ein Popalbum ein derartiges Ideen-, Melodien- und Absurde-Pointen-Feuerwerk abbrennt wie dieses, dann ist mir herzlich egal, in welcher musikalischen Tradition es steht. Nicht umsonst lasse ich mir mit dem Untertitel dieses Blogs „Metal … and more ein Hintertürchen offen, meinen Senf quer durch die Bank und über Genregrenzen hinweg zu allem dazuzugeben, das mir würdig erscheint, aus der jährlich anwachsenden Masse der Releases herausgehoben und für zumindest einen Blogeintrag auf ein Podest gestellt und sorgsamer Musterung unterzogen zu werden.^^ Und weiter: AUGUST BURNS REDs „Rescue & Restore“, das ich erstmalig konzentriert auf einer langen Autofahrt durch Frankreich hörte und das mich direkt umgehauen hat. Ist Metalcore bis auf wenige Ausnahmen (die bislang auf Namen wie PARKWAY DRIVE und KILLSWITCH ENGAGE hörten) ansonsten eher nicht so mein Ding, hat mich dieses Album davon überzeugt, dass es auch im Metalcore (noch) herausragende und richtungsweisende Vertreter gibt, die sich durch Originalität und sogar eine gewisse Progressivität von der Masse der Übrigen abheben. Möglicherweise fällt mir das aber nur deshalb so sehr auf, weil für mich die breite Masse der Genrebands im Metalcore-Sektor einfach allzu austauschbar klingt und mir das Genre insgesamt als stilistisch viel zu eng gesteckt erscheint, als dass darin noch Originelles zu tun wäre. Wie auch immer: AUGUST BURNS RED hätten mit ihrer neuen Scheibe auf jeden Fall einen eigenen Blogeintrag verdient gehabt. Vielleicht später einmal.

Als eine weitere Sternstunde des Muskjahres ist darüber hinaus das außergewöhnliche, sich einer stereotypen Schubladisierung entziehende und ungemein suggestive „Sunbather“ von DEAFHEAVEN zu nennen. Das Album vertont die Glückseligkeit, sich durch geschlossene Augenlider dem Gleißen der Sonne hinzugeben. Um diese Erfahrung so eindringlich als möglich nachvollziehbar zu machen, wird unter Verwendung von Black-Metal-Patterns ein Effekt erzeugt, der maximales Eintauchen ermöglicht. Selten war Sonnenbaden derart intensiv. Fantastisch.

Fantastisch auch: STEVEN WILSONs Prog-Meisterwerk „The Raven That Refused To Sing“, das Doppelalbum „Opposites“ von BIFFY CLYRO, das beweist, dass klug komponierter Progressive Rock durchaus pop- und radiokompatibel sein kann („Different People“ war in diesem Jahr einer der großen Ohrwürmer, die mich nicht mehr losgelassen haben), „The Headless Ritual“ von AUTOPSY, auf dem sich die Death-Urgesteine altersgereift mit einem ihrer besten Outputs ever präsentieren (göttlich darauf u.a.: „She Is a Funeral“), sowie „One Of Us Is The Killer“ von THE DILLINGER ESCAPE PLAN, in dem Extremmetall und Pop-Appeal kongenial zum Wahnsinn mit Methode fusioniert werden. Waren die Dillingers mit ihrem ADHS-Metal früher bisweilen über längere Distanz dann doch etwas anstrengend, haben sie inzwischen zu einer beunruhigend perfekten Balance zwischen Irrsinn und Selbstkontrolle gefunden, bei welcher die Songs gerade durch ihre Eingängigkeit noch zusätzliche Energie gewinnen. Das hat gleichermaßen Wucht und Wirkung.

Äußerst druckvoll ausgefallen ist auch das Livedokument „Dying Alive“ zum 2012er Tourabschluss von KREATOR in der Oberhausener Turbinenhalle: eine erstklassige, interessant gefilmte Produktion, die zeigt, wie man trotz der Konkurrenz durch YouTube-Amateurvideos auch heute noch ein Konzert filmisch so in Szene kann, dass die Atmosphäre einer KREATOR-Show (beinahe) so konserviert wird, als sei man dabeigewesen. Natürlich ist das „echte“ Live-Feeling durch nichts zu toppen; als jemand, der beim Gig in Oberhausen vor Ort und im Getümmel war, hat mich der Film trotzdem begeistert. Sympathisch war auch die zugehörige Filmpremiere im August in der Essener Lichtburg – mit der kompletten Band und Teilen der Crew sowie anschließender Frage- und Autogrammstunde.

Zu Jahresende hat mich dann noch die neue DEICIDE „In The Minds Of Evil“ weggeblasen. Zwar ist die Platte als Ganze auf Dauer etwas monoton, das Teil groovt aber wie Sau und stellt das letzte Release der Gotteslästerer aus Florida noch einmal locker in den Schatten. Zusammen mit CARCASS und AUTOPSY belegen DEICIDE eindrücklich, dass diejenigen Bands, die sich Ende der 80er/Anfang der 90er aufmachten, tonnenschwere Pflöcke in das unerforschte Terrain des noch jungen Genres einzurammen, auch heutzutage bei der Definition von Death Metal noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben. Daneben haben in 2013 erneut verschiedene junge Bands gezeigt, dass die Orientierung an Old-School-Trademarks im Death Metal keineswegs zu einer nur rückwärtsgerichteten (und damit stilistisch stagnierenden) Entwicklung führen muss: Bands wie ATOMWINTER („Atomic Death Metal“) oder die bereits an anderer Stelle besprochenen WOUND („Inhale The Void“) halten klassische Tugenden höchst eindrucksvoll am Leben und zeigen damit, wie zeitlos der von den Genrepionieren (DISMEMBER, MERCILESS, NIHILIST, frühe ENTOMBED, frühe DEATH, MASSACRE sowie den oben erwähnten, noch oder wieder aktiven „Klassikern“) geprägte Stil auch heute noch funktioniert. Überhaupt war Death Metal auch 2013 wieder eines der spannendsten Genres mit vielen frischen Bands, die sich zwischen „klassischen“ Strukturen und modernen Sounds eigene Positionen erarbeiten und damit das Genre nicht nur am Leben halten, sondern auch – evo-, nicht revolutionär – weiterentwickeln.

Wie in jedem Jahr wurde 2013 (leider) auch in der Musikszene (wieder) gestorben. Besonders hart in diesem Jahr (für mich) der Tod von Lou Reed (siehe Nachruf) sowie (für die gesamte Metal-Szene) der Verlust von Jeff Hanneman. Tatsächlich stammen, wie ich mich noch einmal vergewissert habe, die allermeisten meiner SLAYER-Favourites aus der Feder von Jeff. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie ein neues SLAYER-Album klingen mag, auf dem Hanneman nicht am Songwriting beteiligt ist, lasse mich aber gerne überraschen. So unersetzlich der Hanneman-Pol im bisherigen künstlerischen Prozess von SLAYER auch war (und bleiben wird), so sehr sei es natürlich auch dieser Band – wie auch anderen vor ihnen – zugestanden, trotz des Todes eines zentralen Bandmitglieds weiterzumachen und – hoffentlich – wieder zu irgendeiner Art von Form zu finden (nicht nur live, sondern auch auf Tonträger). Neu erfinden werden sie sich dabei sicherlich nicht, denn alle Neu-Erfindung wäre nicht mehr SLAYER. Man wird im nächsten Jahr zu beobachten haben, wie die Band damit umgeht, trotz Verlusts von 50% ihrer Kernbesetzung (Lombardo wurde kurz vor Hannemans Tod von Kerry King gegangen) den Status quo zu erhalten. Kaum eine andere Band (außer MOTÖRHEAD natürlich) genießt quer durch alle Metal-Genres einen derartigen Kult-Status und eine derartige Szene-Credibility. Damit umzugehen wird für die Herren King und Araya sicherlich ein heikles Geschäft.

Worauf freue ich mich in 2014?

Zunächst darauf, dass das Jahr so weitergeht wie es beginnt: Als sporadischer Rezensent für das LEGACY-Magazin hatte ich bereits das Vergnügen, die kommenden Releases von DESCEND, MUSTASCH und CYNIC, die im Januar und Februar erscheinen werden, ausgiebig durchzuhören. Auch wenn das Jahr noch lang ist und genau besehen noch nicht einmal begonnen hat, muss ich DESCENDs „Wither“ schon jetzt als ersten Kandidaten für mein persönliches Album des Jahres in 2014 vormerken. Auch MUSTASCH werden mit „Thank You For The Demon“ nicht enttäuschen, und das neue CYNIC-Album „Kindly Bent To Free Us“ geht konsequent den Weg weiter, den die Herren Masdival und Reinert mit ihrer 2012er EP „Carbon-Based Anatomy“ eingeschlagen haben. Entsprechend wird auch dieses Album (wieder) polarisieren; für Fans, die bereit sind, die Entwicklug der Band seit „Focus“ (1993) mitzugehen (zu denen ich mich selbst zähle), handelt es sich fraglos um ein starkes Album. Mehr dazu in meiner Review für die März-Ausgabe des LEGACY.

Mehr als gespannt bin ich darüber hinaus auf die kommenden Alben von MASTODON, OVERKILL und LEGION OF THE DAMNED, auf die kürzlich von Jimmy Page in einem Interview angekündigten Re-Releases sämtlicher LED-ZEPPELIN-Alben mit zusätzlichem, unveröffentlichten Material sowie – sofern beide noch Wirklichkeit werden – auf die inzwischen mehrfach angekündigten und verschobenen Scheiben von ENTOMBED und SLAYER. Sowie auf all diejenigen Releases, von deren Existenz ich bislang noch überhaupt nichts weiß und die ich im Laufe des Jahres zu entdecken plane. Denn das Entdecken ist es doch, das die Musikszene insbesondere für Metal-Afficionados so spannend macht und spannend hält: Nicht anders als Alexander von Humboldt im 19. Jahrhundert vor den unerforschten Gebieten der Welt seiner Zeit stehen wir jedes Jahr im Dezember vor den weißen Flecken auf der musikalischen Landkarte des kommenden Jahres – hoffend, auch in den nächsten zwölf Monaten wieder ausgiebig finden, staunen und unseren Horizont erweitern zu dürfen. ;-)

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Mixtape-Dilemma, oder: Die Leiche lebt!

Death MetalEin Freund hat mich gebeten, eine Mix-CD mit einem Querschnitt durch das Genre Death Metal für ihn zu erstellen. Selbst auferlegt habe ich mir – leichtfertig, wie ich inzwischen feststellen muss!! –, die CD bis zum Carcass-Konzert am 7.11. in Oberhausen fertigzustellen.

Nachdem ich zunächst und eher nebenher bottom-up mit der intuitiven Zuordnung von Songs aus meiner digitalen Musiktruhe zu einer Brennliste begonnen habe, stellt sich mir mit zunehmendem Hin- und Herverschieben von Titeln immer wieder neu die Frage, was sich eigentlich auf der anvisierten Audio-CD unterbringen lässt und was auf ihr untergebracht werden sollte – und damit die Frage danach, welche Funktion eine Mix-CD, der die Eigenschaft der Begrenztheit auf ca. 70 Minuten Spieldauer physikalisch inhärent ist, eigentlich primär , was sie ganz grundsätzlich dokumentieren soll und welche Konsequenzen dies für die Formulierung und Gewichtung von Auswahlkriterien in Hinblick auf die Songzusammenstellung hat.

Natürlich könnte ich einfach irgendeine Auswahl vornehmen, etwa nach dem Kriterium „Ich gebe mir jetzt exakt 15 Minuten Zeit, um eine CD zusammenzustellen“ … und dann die Kugel). Der Vorteil eines solchen Vorgehens läge darin, intellektuelle Reflexionen über das Genre als solches sowie ein allzu langwieriges selbstkritisches Hinterfragen des subjektiven Auswahlverhaltens durch eine hart gesetzte Deadline zu unterbinden. Heraus käme ein stark subjektiv gefärbter Spontanquerschnitt durch das, was ich intuitiv dem Genre zurechne; auf der anderen Seite bliebe höchstwahrscheinlich vieles außen vor, was mir in eben jenen 15 Minuten zufälligerweise gerade nicht in den Sinn kommt, das mir bei einer Ausdehnung der Deadline auf 20, 30, 40 Minuten oder in einem anderen 15-Minuten-Zeitraum an einem anderen Tag und mit anderer Tagesform aber möglicherweise durchaus und sehr zentral eingefallen wäre.

Wäre ich mit einer solchen Auswahl aber auch morgen noch zufrieden? Spiegelte sie den Kern dessen wieder, was Death Metal eigentlich ist? Oder, um das Problem vom großen Ganzen ins kleinteilige Partikuläre zu verlagern: Kein Song repräsentiert für sich allein das gesamte Genre – und jeder Song ist anders. Wenn also schon ein Song keinen idealtypischen Eindruck vom Genre vermitteln kann, wie sollen es dann 12 oder maximal 15 unterschiedliche Songs tun (von denen jeder einzelne ja wiederum das Genre alleine bestensfalls ausschnitthaft und damit unzureichend charakterisiert)?

Die Herausforderung liegt darin, bei der Songauswahl zwar Vielfalt zuzulassen, zugleich aber nicht Vielfalt um jeden Preis anzustreben. Unternähme man Letzteres, liefe man Gefahr, nur die eher untypischen Extreme des Genres zu dokumentieren und somit den Kern, das Verbindende der Akteure im Genre unterzurepräsentieren. Zugleich waren aber gerade die extremen Randbereiche des Genres (beispielsweise die Grenzgänger zwischen Death Metal und Jazz, zwischen Death Metal und Grindcore, zwischen Death Metal und Ambient/Drone) diejenigen Bereiche, aus denen immer wieder Innovationen in den Kern des Genres zurückwirkten, die das Genre in einigermaßen regelmäßigen Abständen neu belebten oder die durch den Brückenschlag zu anderen musikalischen Ausdrucksformen und die Integration „fremder“ künstlerischer Mittel das, was das Genre im Kern ausmacht, zumindest indirekt stärkten und neu definierten.

Was gehört also auf eine Mix-CD, die einerseits – strukturell betrachtet – die stilistische Bandbreite des Genres, andererseits – genetisch betrachtet – in mindestens gleichem Maße auch die Entwicklung des Genres von dessen Pionierzeiten („Underground“) bis hin zu seiner heutigen Ausprägung umfasst? Wer die „Klassiker“ und – aus heutiger Sicht – die kanonisierten Säulenheiligen des Genres sind, ist schnell entschieden. Welche Ausschnitte aus dem Schaffen der Klassiker (wenn man nicht gerade – wie z.B. MASSACRE – nur eine einzige Scheibe veröffentlicht hat) aber als repräsentativ in eine Querschnitts-Compilation aufgenommen werden sollten, ist eine ganz andere Frage:

  • Ist beispielsweise DEATHs Crystal Mountain noch prototypischer US-Death-Metal oder bereits zu progressiv? Wären Open Casket, Pull the Plug oder gar Zombie Ritual nicht die viel bessere (und auch unter genetischer Perspektive sinnvollere) Wahl, auch wenn man damit der beachtlichen Entwicklung im Schaffen Chuck Schuldiners (sicherlich auch aus dessen eigener Sicht, ruhe er in Frieden) nur bedingt gerecht würde?
  • Sollte man von einer „klassischen“ Band wie GRAVE, die auch mit ihren gegenwärtigen Outputs noch sehr überzeugende Vertreter der Zunft abgeben, eher ein stilprägendes Frühwerk in die Auswahl aufnehmen – oder darf’s auch Disembodied Steps von dero letzten Output aus 2012 sein, das zwar nicht mehr jung und hungrig, dafür aber mit einem über die Jahre gereiften Groove daherkommt, der trotz der derzeitigen Schwemme junger, sich an eben jenem, von Grave mitgeprägten Sound orientierenden Bands seinesgleichen sucht?
  • Wäre es – nicht nur von der Produktion her – den anderen Klassikern in der Auswahl gegenüber unangemessen, AUTOPSY mit dem grandiosen She Is a Funeral aus ihrem 2013er Album zu berücksichtigen, das die gesamte Entwicklung des Doomdeath-Subgenres verinnerlicht und reflektiert hat (was den Frühwerken noch nicht möglich war)?
  • Darf in einer Auswahl, die anstrebt, jede ausgewählte Band mit nur jeweils einem Song zu berücksichtigen, neben einem Stück von ENTOMBED auch ein Stück von NIHILIST (also Entombed minus Johnny Hedlund) vertrteten sein, deren Demos den prototypischen Stockholm-Sound noch ursprünglicher, roher und unbehauener zur Geltung brachten als die nur unwesentlich späteren Album-Outputs der Erstgenannten, die dann einen zentralen Beitrag zur Explosion des Gernes in Nordeuropa leisteten?

Derolei Fragen aber noch nicht genug! Ganz unabhängig von der Frage der Auswahl einzelner Songs aus dem Oeuvre einzelner Klassiker ergeben sich weitere Komplikationen hinsichtlich der Frage nach der übergreifenden Signifikanz jüngerer Releases, nach der Auswahl von Songs in Abhängigkeit zur Funktion der Kompilation und nicht zuletzt hinsichtlich der Relevanz von Bands aus angrenzenden Genres:

  • Hat eine (neue) Band wie SKELETAL REMAINS, denen es in einzelnen Songs gelingt, den 90er-Jahre-US-Death-Metal direkter auf den Punkt bringen als manche der klassischen Florida-Bands (die z.T. eher im Albumformat, denn in Einzelsongs prototypisch für das Genre sind, das sie schufen), etwas in einer strukturell wie auch historisch begründbaren Auswahl wie der hier angestrebten zu suchen oder eher doch nicht?
  • Was ist generell mit der „New Wave of Death Metal“, die sich in den letzten Jahren abzeichnet und die solch vielversprechende Debüts wie jene von z.B. DESERTED FEAR (2012), KAOTIK (2012) oder WOUND (2013) hervorgebracht hat?
  • Bei der Auswahl einzelner Songs aus dem Schaffen einzelner Bands mehr Wert auf Eingängigkeit gelegt werden – oder darf eine technische Death-Metal-Band ruhig sehr technischen Stück vertreten sein? Ich denke hier an die Frage, wie man Bands wie MORBID ANGEL, NILE, CANNIBAL CORPSE, ATHEIST oder SUFFOCATION – beziehungsweise auf dieser Seite des Ozeans: SPAWN OF POSSESSION oder DECAPITATED – am besten zugäglich macht für Ohren, die mit der Spielart des „Technical Death Metal“ noch nicht oder nur bedingt vertraut sind.
  • Wo genau grenzt man Death Metal von Nachbargenres ab, wo wir doch wissen, dass Genregrenzen eher vage sind und bei genauerer Betrachtung eine Abstraktion darstellen, um deren Existenz sich die meisten der ernstzunehmenden Bands ohnehin kaum scheren? (Vergleiche die immer mal wieder wiederholte Aussage von Jeff Walker/CARCASS, seine Band spiele, wenn überhaupt ein bestimmtes Genre, dann „Heavy Metal“ beziehungsweise „Carcass-Musik“) Gehören beispielsweise bestimmte Alben von NAPALM DEATH zum Death Metal oder wäre diese Band für eine Songauswahl zum Thema „Was ist Death Metal?“ – obwohl sie fraglos nicht wenige innovative Impulse in den Kernbereich gerade auch des Death Metal eingebracht hat – dann doch zu randständig? Und überhaupt: Stilprägend für das Genre, gerade in der Anfangszeit, waren ja auch ganz zentral die frühen Thrash-Bands, auch wenn sich einige Todesmetaller in Statements z.T. sehr dezidiert von deren Stil absetzten; in der Pionierphase etwa des schwedischen Death Metal lässt sich die schrittweise Emanzipation aus dem Thrash sehr gut nachvollziehen (siehe z.B. die 3-CD-Kompilation zur Genregeschichte von Daniel Ekeroth).

… und, UND, und, und, und

Es ist und bleibt schwierig. Wer am Ende dieses Blogeintrags eine Art Fazit oder gar Lösung erwartet hat, muss (systematisch) enttäuscht werden. Vermutlich sollte man nur Mixtapes oder -CDs zu Genres zusammenstellen, in denen man nicht so sehr, sondern eher nur als Gelegenheitshörer sich heimisch fühlt. Persönlich ziehe ich als Fazit: Ich werde diese Aufgabe zuende bringen – und zwar zu einem Ende, mit dem ich hoffentlich werde leben können. Danach werde ich mich am Besten nie wieder daran versuchen, ein Death-Metal-Mixtape zusammenzustellen. Bestätigt hat mich das beschriebene Unterfangen aber einmal mehr in Folgendem: Das Genre lebt und ist auch nach inzwischen mehr als einem Vierteljahrhundert lebendig und dynamisch. Genau das ist es ja, was mir bei der Herstellung einer vernünftigen Songauswahl zum Dilemma gereicht. ;-)

In dieserlei Sinne: Die Leiche lebt! – Beziehungsweise (im genretypisch gewendeten Wortsinn:) Operation gelückt: Patient tot. :D


( Diskussionsthread zum Mixtape-Dilemma im RockHard-Forum )

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