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Smothered, The Inevitable End (Soulseller/Soulfood, 2013)

Smothered, The Inevitable EndDie ungestüme Wucht von DISMEMBERs „Override the Overture“ oder NIHILISTs „Abnormally Deceased“ wird vermutlich keine Band der Welt mehr vergleichbar hinbekommen, den räudigen Groove von UNLEASHEDs „The Immortals“ ebenfalls nicht. Warum nicht? Weil heutigen Death-Metal-Bands das relevante Maß an Naivität fehlt, mit dem man nur in einem noch weitestgehend unerforschten Terrain (= der Spielwiese eines eben erst in Formung befindlichen neuen Genres) zu Werke gehen kann. Hat ein Genre bereits Geschichte (und die des Death Metal ist inzwischen fast zweieinhalb Jahrzehnte alt und entsprechend ausdifferenziert, vielfach durchreflektiert und mit wechselseitigen Querverweisen im Schaffen der heute aktiven dritten, vierten, fünften Generation von Bands verinnerlicht) und wurden dessen zentrale Trademarks bereits in zahlreichen Referenzwerken entwickelt, verfeinert und dokumentiert, dann ist ein „naiver“ (oder wahlweise auch „nativer“) Zugang kaum mehr möglich – und von heutigen, neu auf dem Genre-Parkett debütierenden Bands auch nicht mehr erwartbar. Wer heute im Death Metal anfängt, steht bereits – ob er es will oder nicht – auf den Schultern von Riesen und muss, will er einen eigenen Akzent setzen und Interesse auf sein künstlerisches Tun lenken, diese überragen, ohne dabei zu vergessen, dass ihm dieses überhaupt nur durch das Stehen auf den erwähnten Schultern möglich ist.

Die Spielräume, sich innerhalb eines Genres ein eigenständiges Profil zu erarbeiten, sind also extrem eng gesteckt, es wie die „Altvorderen“ zu einer Band mit Klassikerstatus zu bringen, ist ohnehin so gut wie ausgeschlossen. Nicht wenige Bands wählen daher den Weg in die Progressivität – und solche Bands braucht es, um die Innovationsmaschine am Laufen zu halten und durch die Reinterpretation und reflektierte Infragestellung des Etablierten immer wieder Neues auszuprobieren und zu schaffen: Neues, das sich möglicherweise eines Tages selbst zu einem Genre verfestigt, sich als eigenständige Struktur etabliert, Wurzeln und Triebe schlägt, auswuchert und sich verselbstständigt. Progressivität ist wichtig, denn – wie es der jedweder Metal-Affinität unverdächtige Herbert Grönemeyer einmal in einem Song auf den Punkt brachte – „Stillstand ist der Tod“. Auf der anderen Seite braucht es aber auch solche Bands, die die klassischen Standards am Leben halten und uns durch immer wieder neue Variation des Kanonischen vor Augen führen, wie zeitlos das Schaffen der Klassiker doch war und ist. Das schärft den Blick fürs Wesentliche und lädt ein zur Neuenteckung wie auch zur immer wieder neuen Analyse und Auseinandersetzung (und damit letztlich wieder zur Innovation).

Es ist daher sowohl erfrischend wie auch erfreulich, wenn einzelne Bands das Ungestüme der Pionier- und Entdeckerphase des Death Metal in einer Weise wiederaufleben lassen, die sehr nahe an den Geist der Anfangstage heranreicht, ohne dabei konstruiert oder gewollt wirken oder mit jeder Note in ehrfürchtiger Anbetung zu erstarren. Was damals Sprengkraft und Innovationspotenzial hatte, ist in seiner heutigen Rekonstruktion natürlich wertkonservativ und rückwärtsgewandt; als respektvolles Denkmal wie auch als Futter für all diejenigen, die für zusätzliche Releases aus der Frühzeit der oben erwähnten Pioniere des Stockholm-Sounds sich von Teilen ihrer sonstigen Plattensammlung, möglicherweise sogar von Körperteilen, trennen würden, taugt es aber optimal.

Der langen Rede kürzestmöglicher Sinn: Kauft euch SMOTHEREDs Debütalbum „The Inevitable End“ und die frühen 90er sind zurück: in eurem Ohr, in eurem Kopf, in eurem Leben, in dem Bier in eurer Hand. So einfach ist das. Und vor allem so geil.

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Mixtape-Dilemma, oder: Die Leiche lebt!

Death MetalEin Freund hat mich gebeten, eine Mix-CD mit einem Querschnitt durch das Genre Death Metal für ihn zu erstellen. Selbst auferlegt habe ich mir – leichtfertig, wie ich inzwischen feststellen muss!! –, die CD bis zum Carcass-Konzert am 7.11. in Oberhausen fertigzustellen.

Nachdem ich zunächst und eher nebenher bottom-up mit der intuitiven Zuordnung von Songs aus meiner digitalen Musiktruhe zu einer Brennliste begonnen habe, stellt sich mir mit zunehmendem Hin- und Herverschieben von Titeln immer wieder neu die Frage, was sich eigentlich auf der anvisierten Audio-CD unterbringen lässt und was auf ihr untergebracht werden sollte – und damit die Frage danach, welche Funktion eine Mix-CD, der die Eigenschaft der Begrenztheit auf ca. 70 Minuten Spieldauer physikalisch inhärent ist, eigentlich primär , was sie ganz grundsätzlich dokumentieren soll und welche Konsequenzen dies für die Formulierung und Gewichtung von Auswahlkriterien in Hinblick auf die Songzusammenstellung hat.

Natürlich könnte ich einfach irgendeine Auswahl vornehmen, etwa nach dem Kriterium „Ich gebe mir jetzt exakt 15 Minuten Zeit, um eine CD zusammenzustellen“ … und dann die Kugel). Der Vorteil eines solchen Vorgehens läge darin, intellektuelle Reflexionen über das Genre als solches sowie ein allzu langwieriges selbstkritisches Hinterfragen des subjektiven Auswahlverhaltens durch eine hart gesetzte Deadline zu unterbinden. Heraus käme ein stark subjektiv gefärbter Spontanquerschnitt durch das, was ich intuitiv dem Genre zurechne; auf der anderen Seite bliebe höchstwahrscheinlich vieles außen vor, was mir in eben jenen 15 Minuten zufälligerweise gerade nicht in den Sinn kommt, das mir bei einer Ausdehnung der Deadline auf 20, 30, 40 Minuten oder in einem anderen 15-Minuten-Zeitraum an einem anderen Tag und mit anderer Tagesform aber möglicherweise durchaus und sehr zentral eingefallen wäre.

Wäre ich mit einer solchen Auswahl aber auch morgen noch zufrieden? Spiegelte sie den Kern dessen wieder, was Death Metal eigentlich ist? Oder, um das Problem vom großen Ganzen ins kleinteilige Partikuläre zu verlagern: Kein Song repräsentiert für sich allein das gesamte Genre – und jeder Song ist anders. Wenn also schon ein Song keinen idealtypischen Eindruck vom Genre vermitteln kann, wie sollen es dann 12 oder maximal 15 unterschiedliche Songs tun (von denen jeder einzelne ja wiederum das Genre alleine bestensfalls ausschnitthaft und damit unzureichend charakterisiert)?

Die Herausforderung liegt darin, bei der Songauswahl zwar Vielfalt zuzulassen, zugleich aber nicht Vielfalt um jeden Preis anzustreben. Unternähme man Letzteres, liefe man Gefahr, nur die eher untypischen Extreme des Genres zu dokumentieren und somit den Kern, das Verbindende der Akteure im Genre unterzurepräsentieren. Zugleich waren aber gerade die extremen Randbereiche des Genres (beispielsweise die Grenzgänger zwischen Death Metal und Jazz, zwischen Death Metal und Grindcore, zwischen Death Metal und Ambient/Drone) diejenigen Bereiche, aus denen immer wieder Innovationen in den Kern des Genres zurückwirkten, die das Genre in einigermaßen regelmäßigen Abständen neu belebten oder die durch den Brückenschlag zu anderen musikalischen Ausdrucksformen und die Integration „fremder“ künstlerischer Mittel das, was das Genre im Kern ausmacht, zumindest indirekt stärkten und neu definierten.

Was gehört also auf eine Mix-CD, die einerseits – strukturell betrachtet – die stilistische Bandbreite des Genres, andererseits – genetisch betrachtet – in mindestens gleichem Maße auch die Entwicklung des Genres von dessen Pionierzeiten („Underground“) bis hin zu seiner heutigen Ausprägung umfasst? Wer die „Klassiker“ und – aus heutiger Sicht – die kanonisierten Säulenheiligen des Genres sind, ist schnell entschieden. Welche Ausschnitte aus dem Schaffen der Klassiker (wenn man nicht gerade – wie z.B. MASSACRE – nur eine einzige Scheibe veröffentlicht hat) aber als repräsentativ in eine Querschnitts-Compilation aufgenommen werden sollten, ist eine ganz andere Frage:

  • Ist beispielsweise DEATHs Crystal Mountain noch prototypischer US-Death-Metal oder bereits zu progressiv? Wären Open Casket, Pull the Plug oder gar Zombie Ritual nicht die viel bessere (und auch unter genetischer Perspektive sinnvollere) Wahl, auch wenn man damit der beachtlichen Entwicklung im Schaffen Chuck Schuldiners (sicherlich auch aus dessen eigener Sicht, ruhe er in Frieden) nur bedingt gerecht würde?
  • Sollte man von einer „klassischen“ Band wie GRAVE, die auch mit ihren gegenwärtigen Outputs noch sehr überzeugende Vertreter der Zunft abgeben, eher ein stilprägendes Frühwerk in die Auswahl aufnehmen – oder darf’s auch Disembodied Steps von dero letzten Output aus 2012 sein, das zwar nicht mehr jung und hungrig, dafür aber mit einem über die Jahre gereiften Groove daherkommt, der trotz der derzeitigen Schwemme junger, sich an eben jenem, von Grave mitgeprägten Sound orientierenden Bands seinesgleichen sucht?
  • Wäre es – nicht nur von der Produktion her – den anderen Klassikern in der Auswahl gegenüber unangemessen, AUTOPSY mit dem grandiosen She Is a Funeral aus ihrem 2013er Album zu berücksichtigen, das die gesamte Entwicklung des Doomdeath-Subgenres verinnerlicht und reflektiert hat (was den Frühwerken noch nicht möglich war)?
  • Darf in einer Auswahl, die anstrebt, jede ausgewählte Band mit nur jeweils einem Song zu berücksichtigen, neben einem Stück von ENTOMBED auch ein Stück von NIHILIST (also Entombed minus Johnny Hedlund) vertrteten sein, deren Demos den prototypischen Stockholm-Sound noch ursprünglicher, roher und unbehauener zur Geltung brachten als die nur unwesentlich späteren Album-Outputs der Erstgenannten, die dann einen zentralen Beitrag zur Explosion des Gernes in Nordeuropa leisteten?

Derolei Fragen aber noch nicht genug! Ganz unabhängig von der Frage der Auswahl einzelner Songs aus dem Oeuvre einzelner Klassiker ergeben sich weitere Komplikationen hinsichtlich der Frage nach der übergreifenden Signifikanz jüngerer Releases, nach der Auswahl von Songs in Abhängigkeit zur Funktion der Kompilation und nicht zuletzt hinsichtlich der Relevanz von Bands aus angrenzenden Genres:

  • Hat eine (neue) Band wie SKELETAL REMAINS, denen es in einzelnen Songs gelingt, den 90er-Jahre-US-Death-Metal direkter auf den Punkt bringen als manche der klassischen Florida-Bands (die z.T. eher im Albumformat, denn in Einzelsongs prototypisch für das Genre sind, das sie schufen), etwas in einer strukturell wie auch historisch begründbaren Auswahl wie der hier angestrebten zu suchen oder eher doch nicht?
  • Was ist generell mit der „New Wave of Death Metal“, die sich in den letzten Jahren abzeichnet und die solch vielversprechende Debüts wie jene von z.B. DESERTED FEAR (2012), KAOTIK (2012) oder WOUND (2013) hervorgebracht hat?
  • Bei der Auswahl einzelner Songs aus dem Schaffen einzelner Bands mehr Wert auf Eingängigkeit gelegt werden – oder darf eine technische Death-Metal-Band ruhig sehr technischen Stück vertreten sein? Ich denke hier an die Frage, wie man Bands wie MORBID ANGEL, NILE, CANNIBAL CORPSE, ATHEIST oder SUFFOCATION – beziehungsweise auf dieser Seite des Ozeans: SPAWN OF POSSESSION oder DECAPITATED – am besten zugäglich macht für Ohren, die mit der Spielart des „Technical Death Metal“ noch nicht oder nur bedingt vertraut sind.
  • Wo genau grenzt man Death Metal von Nachbargenres ab, wo wir doch wissen, dass Genregrenzen eher vage sind und bei genauerer Betrachtung eine Abstraktion darstellen, um deren Existenz sich die meisten der ernstzunehmenden Bands ohnehin kaum scheren? (Vergleiche die immer mal wieder wiederholte Aussage von Jeff Walker/CARCASS, seine Band spiele, wenn überhaupt ein bestimmtes Genre, dann „Heavy Metal“ beziehungsweise „Carcass-Musik“) Gehören beispielsweise bestimmte Alben von NAPALM DEATH zum Death Metal oder wäre diese Band für eine Songauswahl zum Thema „Was ist Death Metal?“ – obwohl sie fraglos nicht wenige innovative Impulse in den Kernbereich gerade auch des Death Metal eingebracht hat – dann doch zu randständig? Und überhaupt: Stilprägend für das Genre, gerade in der Anfangszeit, waren ja auch ganz zentral die frühen Thrash-Bands, auch wenn sich einige Todesmetaller in Statements z.T. sehr dezidiert von deren Stil absetzten; in der Pionierphase etwa des schwedischen Death Metal lässt sich die schrittweise Emanzipation aus dem Thrash sehr gut nachvollziehen (siehe z.B. die 3-CD-Kompilation zur Genregeschichte von Daniel Ekeroth).

… und, UND, und, und, und

Es ist und bleibt schwierig. Wer am Ende dieses Blogeintrags eine Art Fazit oder gar Lösung erwartet hat, muss (systematisch) enttäuscht werden. Vermutlich sollte man nur Mixtapes oder -CDs zu Genres zusammenstellen, in denen man nicht so sehr, sondern eher nur als Gelegenheitshörer sich heimisch fühlt. Persönlich ziehe ich als Fazit: Ich werde diese Aufgabe zuende bringen – und zwar zu einem Ende, mit dem ich hoffentlich werde leben können. Danach werde ich mich am Besten nie wieder daran versuchen, ein Death-Metal-Mixtape zusammenzustellen. Bestätigt hat mich das beschriebene Unterfangen aber einmal mehr in Folgendem: Das Genre lebt und ist auch nach inzwischen mehr als einem Vierteljahrhundert lebendig und dynamisch. Genau das ist es ja, was mir bei der Herstellung einer vernünftigen Songauswahl zum Dilemma gereicht. ;-)

In dieserlei Sinne: Die Leiche lebt! – Beziehungsweise (im genretypisch gewendeten Wortsinn:) Operation gelückt: Patient tot. :D


( Diskussionsthread zum Mixtape-Dilemma im RockHard-Forum )

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Renaissance, nicht „retro“: Wound, Inhale the Void (F.D.A. Rekotz/Soulfood, 2013)

woundWarum nicht einmal ein Stück Death Metal unter Nutzung lediglich simpelster ästhetischer Kategorien beschreiben? Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht?

Nun denn: Das Debütalbum der Wiesbadener Death-Metal-Formation Wound ist ein schönes Album geworden. Es erquickt das Herz und erfüllt die Seele mit Wonne – nicht nur (aber insbesondere auch) für denjenigen, der ein mit den Trademarks und Traditionslinien des Genres sozialisiertes und an schwerem Gerät der Marke Dismember oder Grave geeichtes Gehör sein Eigen nennt. Geschmackvolle Referenzen und ansprechende Remineszenzen an diese und andere Altvordere gibt es sattsam und zuhauf – und darüber hinaus noch einiges mehr (Elemente „klassischen“ Crustcores, Black Metals und Death’n’Rolls). Dabei agiert das Album einerseits bewahrend (im Sinne eines wohlverstandenen Konservatismus), andererseits aber mit einer relativen kompositorischen Beinfreiheit, die sich nicht darauf beschränkt, lediglich zum x-ten Male die Standards des Genres zu reproduzieren und sich innerhalb derer engen Grenzen kaum innovative Ambitionen zugesteht, sondern die mit Lust (aber nicht über Gebühr) ihre opulent und schmackhaft angerichteten (Blut-)Mahlzeiten mit Kräutern aus anderer Herren Botanisierbüchse würzt, dass es eine wahre Freude ist.

Besonders eindrücklich lässt sich dies am Song „Forever Denial“ nachvollziehen, der in viereinhalb Minuten die Quintessenz aller Einflüsse zusammenfasst, aus denen Wound schöpfen: Der Song beginnt mit angeschwärztem Black-Metal-Geblaste (ähnlich wie auf Teilen des letzten Unleashed-Outputs, aber ungezügelter und frischer), leitet dann über in eine Uptempo-Strophe mit bleischweren Riffs, die Sunlight-Gedächtnis-Sound auffahren und dem Death’n’Roll huldigen. Dann ein kurzes Rock’n’Roll-Lick, bis das Death’n’Roll-Riff wiederkehrt und gedoppelte Crust-Shouts, die sich auch auf einem neueren Napalm-Death-Release vortrefflich machen würden, den Song zum Höhepunkt treiben. Anschließend erneut angeschwärztes Geblaste, zweite Strophe, Rock’n’Roll-Lick, Crust, dann – wie geil ist das denn! – ein locker und unprätentiös aus der Hüfte geballertes Rock’n’Roll-Solo. Der Song schließt mit einem Moshpart, in dem noch mal mächtig Druck aufgebaut wird. Klingt zusammengepuzzelt? Mag man vermuten, ist es aber nicht: Der Song hat einen gewaltigen, immer in der Stockholm-Version des Death Metal wurzelnden Groove, in dem sich die verschiedenen stilistischen Elemente sehr natürlich zusammenfügen und der einen locker-flockig mit sich reißt („Like an Everflowing Stream“, irgendwer?).

Wer nun glaubt, Wound seien eine „progressive“ Band, die sich nur zwischen den Stilen zuhause fühlt und klassischen Death Metal letztlich nur als ein Stilmittel unter vielen denn als echtes Fundament nutzt, der irrt: Wound sind 100% purer, unverfälschter, roh und blutig servierter, „klassischer“ Death Metal – stellenweise sogar derart klassisch, dass man die Jungs fast noch im (schwedischen) Proto-Death-Metal verorten möchte, also in derjenigen Ära stilistischer Freiheit, in der sich der Death Metal noch gar nicht einer eigenen Genre-Existenz bewusst war, die Eckpfeiler dessen, was Death Metal grundlegend ausmacht, noch nicht einzementiert waren und diverse Pioniere, inspiriert von Thrash und Hardcore-Punk, sich gerade erst anschickten, neue Wege des Extremen in der Musik auszuloten. Wound gehen an diese Wurzeln zurück, erfinden dort das Rad (natürlich) nicht neu, legen aber noch mal eine gehörige Schippe neuen Drive drauf: Frühe Dismember, Grave, Entombed und die Nihilist-Demos lassen grüßen, sowohl soundtechnisch als auch in punkto Songwriting. Der Gesang ist ebenfalls viel näher an den Shouts schwedischer Genre-Pioniere wie Corpse, Merciless oder Nihilist als am Growling der fortgeschrittenen 90er. Für heutige Ohren klingt das wie eine Death-Metal-Stimme mit Black-Metal- und/oder Hardcore-Einschlag – aus Sicht der späten 80er ist es purster und ursprünglichster Death Metal.

Insgesamt umfasst „Inhale the Void“ acht vollwertige Songs, ein kurzes Intro sowie – als das Album beschließendes Stück und Titeltrack – eine Akustiknummer, die wehmütige Erinnerungen an Metallica zu Zeiten Cliff Burtons (!) heraufbeschwört.

FAZIT:

Nach ihrem bereits vielbeachteten Demo „Confess to Filth“, das der Band Ende 2012 die Auszeichnung als „Demoband des Monats“ im RockHard einbrachte, legen Wound mit „Inhale the Void“ den Grundstein für ein hoffentlich ebenso beachtliches künftiges Oeuvre. An einigen wenigen Stellen in dem einen oder anderen Song des Albums bleibt zwar kompositorisch noch ein wenig Luft nach oben – diese werden die vier Jungs aus Wiesbaden bis zu ihrem nächsten Release aber mit Sicherheit noch locker weginhalieren können. Insgesamt ist „Inhale the Void“ ein wummerndes und druckvolles, dabei ungemein bösartiges und ergo den geneigten DM-Hörer vollumfäglich(st) entzückendes Statement, mit welchem eine weitere Band (neben im Vorjahr herausragenden Acts wie Skeletal Remains, Deserted Fear oder Kaotik) den Nachweis antritt, dass im Death-Metal-Genre in kreativer Hinsicht auch heute noch jede Menge Potenzial schlummert. Die neue Garde genrespezifischer und hochklassiger Bands, die in den letzten zwei, drei Jahren – maßgeblich gefördert von Labels wie F.D.A. Rekotz, die auch Wound herausbringen – auf den Markt drängen, ist – trotz ihres Bekenntnisses zu alten bis z.T. sehr alten Referenzwerken – alles andere als „retro“: Sie ist nicht rückwärtsgerichtet, sondern knüpft an Kanonisches an, um Neues zu erschaffen und ihre Referenzen unter zeitgemäßen Vorzeichen weiterzuentwickeln. „Death-Metal-Renaissance wäre, wenn schon ein Etikett benötigt wird, daher deutlich angemessener.

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Sodom, Epitome of Torture (Steamhammer, 2013)

sodom-epitome-of-torture-cover-artwork„Die neue Sodom“ ist da – und das Metal-Feuilleton fragt sich, was ihm wohl ins Haus stehen mag: Stagnation auf hohem Niveau (aka „In War and Pieces pt. II“)? Ein bloßes Pflichtalbum? Flüssiger Stahl an Ruhrgebiets-Romantik? „Das Ohr ist der Weg“, befand weiland bereits Jazz-Papst Joachim-Ernst Berendt. Hören wir also, und verschaffen wir unseren Ohren ein erstes Bild:

MY FINAL BULLET: Starker, kraftvoller Opener mit akustischem Intro und einer typischen Sodom-Strophe, die leicht an KNARRENHEINZ vom Vorgängeralbum erinnert, sich dann aber zu einem „Hey hey hey, hier kommt Alex“-haften Mitgröl-Refrain steigert. Zwischendurch gibts einen kleinen progressiven instrumentalen Mittelteil mit Gitarrensolo, in dessen zweiter Hälfte – oha! – ein erster Maiden-esker Melodieverlauf anklingt. Insgesamt ein erstklassiger Dosenöffner, der live sicherlich zum mächtigen Stimmungskracher avancieren dürfte. Die verschiedenen Stilelemente, die in diesem Song zusammenfinden – klassische Sodom-Trademarks und Power-Metal-Elemente – können, wie noch zu zeigen sein wird, als programmatisch für das gesamte Album „gelesen“ werden. Auf den nachfolgenden beiden Tracks erschließt sich das einem aber (erst mal) noch nicht:

Der selbstbetitelte Song S.O.D.O.M. ist vom Grundkonzept her eher Sodom-Stangenware – allerdings mit einem sympathischen Punk-Einschlag und einem geshouteten Refrain, bei dem der Song richtig zündet (und der live sicherlich krachen dürfte). Der Song hat was, fällt gegenüber dem tollen Opener trotzdem etwas ab.

Der Titeltrack EPITOME OF TORTURE hätte stilistisch auch auf den Vorgänger „In War and Pieces“ gepasst (Marke HELLFIRE, aber nicht ganz so kompakt zündend) – wäre dort dann aber tendenziell einer der schwächeren Songs gewesen. Klar: Der Song hat trotzdem noch einiges an Power. Nach bisherigem Stand meines Höreindrucks ist dies aber derjenige der insgesamt zehn Songs, der nach mehrfachem Durchhören am unauffälligsten bleibt.

Track Nr. 3 STIGMATIZED ballert, wenn man sich mal an Toms Death-Metal-Growls gewöhnt hat, was das Zeug hält und mit großem Kaliber auf alles, was Gehirnmasse ist und ist brutaler klassischer Sodom-Thrash im prototypischsten Sinne. Schöne Nummer – die schätzen zu lernen bei mir aber diverse Durchläufe gebraucht hat (Der Song war ja bereits vorab veröffentlicht; insofern kannte ich ihn schon vorher; entsprechend waren meine Erwartungen an das neue Album – zunächst – eher moderat). Der Song knallt richtig – für Überraschungen sorgen auf dem Album dennoch andere Stücke.

CANNIBAL: simpel gestrickt, aber ungemein wirkungsvoll, in etwa so wie eine Splittergranate. Der Song verweist stilistisch deutlich zurück auf das letzte Album (v.a. auf dessen Titeltrack) – und ich habe ja wiederholt betont, dass ich „In War and Pieces“ bislang für das kaum toppbare Meisterwerk der Band halte (ungeachtet der Tatsache, dass Herr Angelripper in diversen Interviews zum neuen Album betont hat, das letzte Album sei vom Sound her zu metalcore-mäßig und überproduziert gewesen).

SHOOT TODAY – KILL TOMORROW haut in etwa dieselbe stilistische Kerbe und erinnert im Refrain sehr deutlich an STORM RAGING UP, einen meiner absoluten Favourites auf dem vorigen Album. Wie ich dem Legacy-Interview zur neuen Scheibe entnehme, singt Tom an einer Stelle dieses Songs (die man heraushört) durch ein 2 Meter langes Abwasserrohr. ;)

INVOCATING THE DEMONS: Der Song könnte – wenn man sich den Gesang wegdenkt – fast ein Maiden-Song sein (man vergleiche, was Gitarre + Rhythmusgruppe im Intro und im Refrain machen, mal bitteschön mit „Two Minutes to Midnight“ sowie mit Songs von der „A Matter of Life and Death“-Scheibe). Geiler Song: Maiden-typischer Groove meets Angelripper. :-)

Ebenfalls sehr überraschend wie überzeugend: Das außergewöhnlich melodische INTO THE SKIES OF WAR, das sich unmittelbar im Ohr festsetzt und erneut eher im Power-Metal- als im Thrash-Genre anzusiedeln ist. Auch hier winken Gitarre und Rhythmusgruppe – gerade im Refrain – erneut heftig in Richtung Maiden (die Gitarre in Richtung Adrian Smith).

KATJUSCHA ist knackiger Thrash mit Folklore-Einschlag und nimmt auf dem Album in etwa die Rolle ein, die auf anderen Sodom-Alben die jeweils einzeln vertretenen deutschsprachigen Songs hatten. Ein schneller Thrasher, der aber mit dem Titeltrack EPITOME OF TORTURE das Schicksal teilt, zu sehr Standard zu sein und daher gegenüber dem Rest des Albums eher unauffällig zu bleiben.

TRACING THE VICTIM: Ein typisches Adrian-Smith-Intro, dann eine typische, simple wie effektive, Sodom-Strophe, gefolgt von einem Refrain, in dem Angelripper mit sich selbst einen (für seine Verhältnisse) harmonischen (!) Wechselgesang anstimmt – was zum Teilen an FROM HERE TO ETERNITY von Maiden und zu Teilen an so manche der melodischeren Motörhead-Sachen kennt, in denen Lemmy mit sich selbst im Duett singt. ;-) Sehr geil, gerade weil nach der Standard-Strophe unerwartet melodisch und sich steigernd! Ein guter Rausschmeißer.

Nach mehrfachem Hören muss ich sagen, dass meine erste Skepsis, das Album könne gegenüber dem Vorgänger zu stark abfallen, verflogen ist. Klar: „In War and Pieces“ war ein Meisterwerk – und dennoch hat das neue Album seinen besonderen Reiz und lässt sich letztlich mit dem Vorgänger gar nicht wirklich gut vergleichen. Während das vorige Album in punkto Sound, Brutalität und schierer Power aus einem Guss war, ist das neue Album vielseitig, aufgrund der teilweise deutlichen Orientierung in Richtung Power Metal in einigen Songs sogar von einer durchaus positiven musikalischen Grundstimmung, an anderer Stelle (STIGMATIZED) dann aber auch wieder derber als der Vorgänger.

Insgesamt verhält sich dieses Album zu seinem Vorgänger somit ähnlich wie Kreators Letztling „Phantom Antichrist“ zum Vorgänger „Hordes of Chaos“: Während „Hordes of Chaos“ durch Kompaktheit, Einheitlichkeit und Ehrfurcht gebietende Gewalt besticht, ist „Phantom Antichrist“ verspielter, melodischer, z.T. experimenteller, so dass BEIDE Platten ihre Daseinsberechtigung haben, ohne den Vergleich mit der jeweils anderen fürchten zu müssen.

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