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Legacy #92: Tom Angelripper, Deserted Fear, Decapitated, Earth, Earthship, Meshuggah & Co.

Legacy #92Juli und August waren heiße Monate – nicht nur meteorologisch, sondern auch in punkto neuer Releases. Da die LEGACY-Ausgabe #92 aufgrund der Festivalsaison gegenüber dem üblichen Zwei-Monats-Turnus verspätet erscheint, ist der Berichtszeitraum und damit die Fülle der Releases größer als sonst schon. Masse muss nicht Klasse heißen, doch in diesem Fall gab es diverse einschlägige Scheiben, auf deren analytische Inohrenscheinnahme ich mich teilweise bereits Monate im Voraus gefreut hatte.

Meine beiden persönlichen Alben der Saison kommen von EARTH und – wie könnte es anders sein – von MASTODON, beachtlich und ebenfalls herausragend sind weiterhin die Zweitlinge von EARTHSHIP und von BEYOND CREATION sowie – mit unfassbarem Hitpotenzial – die neue Scheibe von ONKEL TOM (die ich allesamt für die aktuelle Ausgabe rezensiert habe). Darüber hinaus sind auch die neuen Releases von CANNIBAL CORPSE und DECAPITATED erstklassig, beide Bands präsentieren sich stilistisch innovativ wie kaum zuvor.

Neben neun Reviews habe ich zur Ausgabe wieder verschiedene Interviews beigesteuert:

Mit Tom Angelripper führte ich ein einstündiges Telefoninterview, das sich als so ergiebig entpuppte, dass dabei nicht nur der für das Heft vorgesehene Zweiseiter, sondern darüber hinaus auch ein ebenso langer zusätzlicher Artikel heraussprang, der auf der LEGACY-Website veröffentlicht ist. Während der Text im Heft vor allem um das neue Studiowerk „H.E.L.D“ von ONKEL TOM kreist, geht es im Online-Bonusinterview um den ganzen Rest, insbesondere um ein mögliches neues SODOM-Release, die Metalszene im Allgemeinen sowie die „Goldenen Achzigerjahre“ im Speziellen

Mit Fabian von DESERTED FEAR habe ich neben einem Studio-Vorbericht zum (nicht nur von mir mit Spannung erwarteten) kommenden zweiten Album „Kingdom Of Worms“ ein Interview über die bewegten zwei Jahre seit dem vielbeachteten Debüt der Band sowie das Songwriting und die Aufnahme der neuen Scheibe geführt. Den Studiobericht gibt’s im Heft, das Interview online. Weil es so schön ist, wird es im nächsten LEGACY obendrauf noch einen weiteren Zweiseiter zum Album geben, diesmal u.a. mit Schwerpunkt auf den kleinen, aber feinen Weiterentwicklungen im Songwriting der Band sowie Hintergründen zu den Lyrics. Passend dazu kommt dann auch die schonungslose Review des am 24.10. erscheinenden Albums (das – so viel sei schon verraten – selbst kritischster Analyse souverän standhält und dessen die Band, dessen bin ich mir sicher, erneut ein deutliches Stück voranbringen wird).

Mit Vogg von DECAPITATED habe ich mich über das neue Album der polnischen Death-Metal-Institution, den Gesundheitszustand von Drummer Covan, den Alltag als Musiker und Bandmanager in Personalunion sowie die Lage der Welt unterhalten. Amüsant darüber hinaus auch mein Interview mit den brasilianischen Newcomern von CONSIDERED DEAD, bei dem es – aktuellen Ereignissen geschuldet – zwangsläufig nicht nur um Metal, sondern auch um Fußball im Allgemeinen sowie die geschichtsträchtige Halbfinalniederlage der Seleção gegen Deutschland ging. Wer auf Old-School-Death-Metal mit erkennbaren Thrash-Wurzeln (Slayyeeeeerrr!!) steht, sollte übrigens unbedingt das jüngst von F.D.A. Rekotz wiederveröffentlichte Demo dieser Band antesten (Anspieltipp: ‚Claiming Insanity‘).

Zum 25-jährigen Bandjubiläum von MESHUGGAH gab es im September übrigens ein Re-Release der Ein-Track-EP „I“. Das musste unbedingt auch noch einmal besprochen werden – nicht nur des Jubiläums wegen, sondern vor allem auch, weil das darauf enthaltene 25-minütige Stück Proggeschichte die stilistische Formel der Schweden so kongenial zusammenfasst wie vermutlich kaum ein anderes Werk der Band.

Die ausführlichen Releases zu allen von mir besprochenen Tonträgern finden sich im Heft. Als Teaser seien hier pro Album nur jeweils zwei zusammenfassende Sätze vorausgeschickt – den Rest sowie weitere 270 Seiten Lesestoff gibt es wie gewohnt beim Zeitschriftenhändler. ;-)

  • BEYOND CREATION „Earthborn Evolution“
    (Season of Mist)
    Die Kanadier präsentieren auf ihrem zweiten Album technischen, leicht angejazzten Death Metal, der zwar spielerisch und kompositorisch anspruchsvoll daherkommt, der aber dank eines durchgängig nachvollziehbaren Riffings, diverser grandioser Hooklines und epischer Gitarrensoli niemals verkopft wirkt. Wer sich für frühe Cynic oder die progressiven Alben aus dem Oeuvre von Death begeistern kann, wird an dieser Scheibe seine Freude haben. (13/15 Punkte)
  • EARTH „Primitive And Deadly“
    (Southern Lord)
    Wo sich der Großmeister der Langsamkeit, Dylan Carlson, in den vergangenen Jahren zugunsten glasklar zelebrierter Americana unter stetiger Reduktion des musikalisch Erforderlichen eine gewisse Askese auferlegte, wird nun wieder hemmungslos den fetten Garagensounds mit feinen, den Riffs immanenten Rückkopplungen gefrönt. EARTH gelingt es mit „Primitive And Deadly“, die Höhepunkte ihres bisherigen Schaffens in einzigartiger Weise zu integrieren und auf en neues Level zu heben. (13/15 Punkte)
  • MASTODON „Once More ‚Round The Sun“
    (Reprise/Warner)
    „Once More ‚Round The Sun“ vereint über weite Strecken die Trademarks der beiden letzten Alben, ohne die Sludge-Kante früherer Großtaten gänzlich abzulegen. Auch wenn man nicht die Einzigartigkeit von „Crack the Skye“ oder die Erbarmungslosigkeit eines „Leviathan“ erreicht, ergibt sich unterm Strich eine Scheibe, die einmal mehr und überzeugend beweist, welche stilistische Eigenständigkeit sich MASTODON innerhalb der Metalszene erspielt haben. Gäbe es diese Band nicht, man müsste sie erfinden. (12/15 Punkte)
  • EARTHSHIP „Withered“
    (Pelagic Records)
    EARTHSHIPs musikalische Signatur verknüpft die Sludge-Urgewalt von Mastodons Frühwerk („Remission“, anybody?) stilsicher einerseits mit Death’n’Roll-Elementen inklusive Sunlight-Sound und andererseits mit Bezügen auf ganz frühe Black Sabbath. Der Sound ist heavy as fuck und quetscht einen mit der Wucht eines im Standgas operierenden 40-Tonners gegen die Wand. Fans der genannten Einflüsse kommen an dieser Scheibe kaum vorbei. (12/15 Punkte)
  • CONSIDERED DEAD „Mentally Tortured“
    (FDA Rekotz)
    Was auf „Mentally Tortured“, dem Re-Release des Demos der brasilianischen Newcomer, aus den Boxen ballert, ist in ungefähr die Schnittmenge dessen, was frühe Slayer, klassische Sepultura sowie die Prototypen ganz alter Stockholmer und Ostküsten-Schule fabriziert haben: interkontinentaler Old-School-Death-Metal, der seine Thrash-Wurzeln stolz zur Schau stellt – oder auch schnörkellos effektiver US-Thrash mit ranziger Death-Metal-Schlagseite. Das Teil versprüht jede Menge Old-School-Charme bis hin zum organischen, nicht allzu transparenten Sound. (10/15 Punkte)
  • ONKEL TOM „H.E.L.D.“
    (Steamhammer/SPV)
    Erneut zelebriert der ONKEL seine prollig-charmante, gerne mal mit einem Augenzwinkern apostrophierte Mischung aus Deutschpunk, Deutschrock und Metal, und fährt dazu ein abwechslungsreiches 13-Gänge-Menü mit ungemeiner Hitdichte auf. Sämtliche Songs der Scheibe haben Ohrwurmcharakter, sind knackig, süffig und lassen sich direkt mitgrölen – sogar nüchern, wenn’s denn sein muss. (12/15 Punkte)
  • MESHUGGAH „I“ (Reissue)
    (Nuclear Blast)
    ‚I‘ bezeichnete 2004 nicht weniger als eine Vermessung des stilistischen Kosmos, den MESHUGGAH mit ihren ersten vier Alben entworfen hatten, und zugleich ein sperriges wie aufregendes Stück progressiven Thrash Metals, das Hirn und Ohr auf eine zieloffene musikalische Entdeckungsreise schickte, die auch beim x-ten Hören noch zu faszinieren verstand. Ein kleines Meisterwerk von zeitloser Größe, neu aufgelegt zum diesjährigen Bandjubiläum, das 25 Jahre MESHUGGAH paradigmatisch wie kein anderes Stück der Band auf den Punkt bringt. (–)
  • THEORY OF A DEADMAN „Savages“
    (Roadrunner)
    Wer sich immer schon gefragt hat, wie eine Band klingen mag, die null Prozent künstlerische Ambitionen hat und deren ausschließlicher Antrieb darin besteht, um jeden Preis ins Mainstreamradio kommen zu wollen, der braucht diese Scheibe unbedingt; ansonsten braucht sie keiner. Da der Monat so viele andere spannende Releases zu bieten hat, lässt sich der Rezensent dazu erweichen, die hier vorgelegte Dreistigkeit zumindest teilweise mit „Geschmäcker sind verschieden“ zu entschuldigen und das Album mit maßlos übertriebenen 4 Zählern zu würdigen, befürchtend, ihm damit eine seiner höchsten ernstgemeinten Bewertungen überhaupt zu bescheren. (4/15 Punkte)

Fürs nächste Heft, bei dem schon jetzt die redaktionelle Deadline naht, wird es von mir Reviews und Artikel u.a. zu den folgenden Bands geben (alphabetisch): 7 H.Target, Abysmal Dawn, Atriarch, Bastard Feast, Black Crown Initiate, Deserted Fear, Dying Out Flame, Robert Plant, Tantal. Das neue Album von Robert Plant ist bei mir natürlich außer jeder Konkurrenz (und schon jetzt, obgleich erst jüngst erschienen, der heißeste Anwärter auf mein persönliches Album des Jahres). Mein Album des Monats ist ansonsten die unfassbar wüste, herrlich wilde und arschcool runtergezockte BASTARD-FEAST-Scheibe „Osculum Infame“. Dazu dann aber mehr in Bälde… ;-)

 

 

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Legacy #91: Fallujah, Blackberry Smoke, Inanimate Existence, Pillory, Omnihility, The Black Dahlia Murder

Legacy #91Sommerloch geht anders: Der Juni war wieder LEGACY-Monat. Sollte der Sommer sonst nichts zu bieten haben, trägt einen die 290-seitige Ausgabe #91 bei wohldosierter Lektüre locker bis in den heißen Herbst. Beigetragen habe ich zum neuen Heft Reviews und Beiträge zu den folgenden Bands und Releases:

[1] Unter dem Titel „Bluest, soult, gospelt und rockt“ habe ich dem hierzulande noch als Geheimtipp gehandelten, in den USA aber längst auf Chartpositionen rangierenden Southern-Rock/Blues/Gospel/Country-Quintett BLACKBERRY SMOKE aus Georgia auf den Zahn gefühlt. Fans von Bob Seger, Lynyrd Skynyrd, den Black Crowes, den Rolling Stones, The Allman Brothers oder The Free sollten unbedingt ein Ohr riskieren; und auch, wer vom jüngsten Springsteen-Output enttäuscht ist, hat gute Chancen, aus dero Album „The Whippoorwill“ Trost und neuen Lebensmut zu schöpfen. Trotz „klassischer“ Vorbilder wirken BLACKBERRY SMOKE dabei niemals antiquiert; sie in die Retro-Ecke einzuordnen, wird ihrem Schaffen nicht gerecht. Hier wird nicht Gestriges wiederbelebt, sondern unverkrampft an ungebrochene Traditionen angeknüpft und diese in zeitgemäßem Gewand weitergeführt. Die Scheibe habe ich mit 13 von 15 Punkten rezensiert, im Interview äußern sich die fünf Bandmitglieder zu ihren stilistischen Wurzeln, zum Songwriting und zum Aufnahmeprozess.

[2] BLACKBERRY SMOKEs „The Whippoorwill“ ist fraglos ein klasse Album – mein persönliches Highlight des Monats hört aber auf den Namen „The Flesh Prevails“ und kommt von den US-Prog-Deathern FALLUJAH. Hier treffen Atheist auf Dream Theater, Deafheaven auf Pink Floyd, Cynic auf Portishead – aber nicht in Form anstrengenden „Musik-für-Musiker“-Gefrickels, sondern als ungemein stimmig wie stimmungsvoll arrangiertes, die Fühler weit in Richtung Progressive Metal ausstreckendes Stil- und Melodienfüllhorn. Die Fundamente bilden technischer und melodischer Death Metal; wer aber in so vielen musikalischen Welten zuhause ist wie FALLUJAH, der kann aus allen Welten das Beste schöpfen und daraus einen einzigartigen Breitwandfilm fürs innere Auge erschaffen. Ich habe lange überlegt, ob ich das Album mit 15 Punkten bewerten soll; dass es letztlich nur 14 wurden, ist eher dem Zaudern vor der Höchstpunktzahl als rationalen Erwägungen geschuldet. Im Interview spreche ich mit der Band unter der Überschrift „Goldene Zeiten“ darüber, wie man künstlerische Grenzen aufspürt und sprengt, auf den ersten Blick Unvereinbares zusammenbringt und sich kreativ immer wieder neu herausfordert. Angst vor künstlerischer Stagnation hat Alex Hofmann für die Zukunft nicht. Es gibt ja noch so viel zu entdecken…

[3] Progressiven Death Metal mit einigen Überraschungen bieten auch die Kalifornier INANIMATE EXISTENCE auf ihrem Zweitwerk „A Never-Ending Cycle Of Atonement“. Technischer Death Metal trifft hier auf smoothe Fusion-Parts und Instrumentierungen mit Flöte, Bongo und Harfe (!). Während FALLUJAH Genregrenzen sprengen, bleiben INANIMATE EXISTENCE klar im Tech Death verortet, erweitern diesen aber von innen heraus durch das Spiel mit ungewöhnlichen Klangfarben und durch die Integration von Jazz-Elementen. Ein ebenfalls beachtliches Album, lediglich die Vocals sind auf Dauer etwas eintönig. Das aber ist Jammern auf hohem Niveau. Es wird spannend sein, die weitere Entwicklung dieser Band im Auge zu behalten. Für das Album, gab es von mir 11 Punkte, im Interview habe ich mich mit der Band unter dem Titel „Das Ohr ist der Weg“ u.a. darüber unterhalten, was Songschreiben und Goldschürfen geminsam haben, welchen Einfluss Musiker wie Al Di Meola auf das Album hatten und welche übergreifende Rahmenhandlung die einzelnen Songs verbindet.

[4] Gäbe es einen Studiengang „Angewandter Death Metal“, so klänge ein Einser-Referat im Diplomandenseminar möglicherweise genau so wie das Album „Deathscapes Of The Subconscious“ von OMNIHILITY – nämlich nach einer enorm ambitionierten Umsetzung einschlägiger Lektionen aus dem Kanon des Faches, ausgeführt durch Personen, die mit profunder Sachkenntnis und ungeheurem Fleiß zu Werke gehen. In den besten Momenten gelingt es dabei, auch eigene Akzente zu setzen; für das nächste (dann dritte) Release sollte man aber ins Auge fassen, mehr stilistische Eigenständigkeit zu wagen, um sich deutlicher von der Masse an genrerelevanten Veröffentlichungen abzuheben. Fürs Album gabs 10 Punkte. Im Interview „Die for Metal? Live for Metal!“ gewährt die Band einen Blick hinter die Kulissen des Albums und gibt Auskunft über ihre nächsten Pläne, über Brückenschläge zur klassischen Musik und über die Metalszene in ihrer Heimat Oregon.

[5] Wem der Weg zur Schönheit nicht über zweispurig ausgebaute Auffahrtsstraßen, sondern über komplexe, vertrackte, eigenaktiv zu erarbeitende Pfade führt, der sollte sich mit dem Namen PILLORY anfreunden. Die Stücke auf „Evolutionary Miscarriage“ kommen klug ausgetüftelt daher und laden ein zur (Wieder-)Entdeckung des analytischen Gehörs. Statt fetter Groovewalze regieren an Jazz angelehnte Strukturen, über denen die einzelnen Instrumente mit mal mehr, mal weniger ausgeprägten Freiheitsgraden operieren. Hat man sich einmal in den Klangkosmos von PILLORY vorgetastet, funktionieren die Songs hervorragend als Sudoku für das intellektuell anspruchsvolle Synapsenkollektiv. Dafür satte 11 Punkte.

[6] Zu guter Letzt liefere ich in #91 die Review der neuen DVD „Fool ‚Em All“ von THE BLACK DAHLIA MURDER nach. Im letzten Heft habe ich zwar mit Band-Mastermind Trevor Strnad bereits über den Doppel-Silberling gesprochen, gesehen hatte ich ihn mangels Promocopy allerdings noch nicht. Das wurde nun nachgeholt – und zwar mit großem Genuss: Das Opus wartet mit einer 78-minütigen Tourdokumentation sowie 58 Minuten Liveaufnahmen aus dem Jahr 2013 auf. Die Konzertaufnahmen sind sauber produziert, ansprechend gefilmt und taugen hervorragend zum Headbangen vor dem heimischen Fernseher. In der Tourdokumentation präsentiert sich die Band inklusive Roadcrew hinter, neben und abseits der Bühne, gerne auch im Tourbus und bevorzugt in ausgelassenem Zustand, als Spaß- und Grasguerilla, die dem alltäglichen Wahnsinn des Tourlebens vor allem eines entgegensetzt: Jux und Dollerei bis zum Umfallen. Insgesamt ein gelungenes wie anarchisches Porträt einer grundsympathischen Band, das ohne aufgesetzte Dramaturgie auskommt und gerade dadurch besticht.

Für Heft #92 (Erscheinungstermin: 16. September) rezensiere ich u.a. die neuen Alben von MASTODON, EARTH, BEYOND CREATION, EARTHSHIP und ONKEL TOM, das auf FDA Rekotz neu aufgelegte erste Demo der brasilianischen Death-Threasher (oder Thrash-Deather?) von CONSIDERED DEAD sowie die zum 25. Bandjubiläum wiederveröffentlichte legendäre Ein-Track-EP „I“ von MESHUGGAH. Daneben interviewe ich Tom Angetripper (zum neuen ONKEL-TOM-Album, zu den nächsten Plänen von SODOM und zur Metalszene im Allgemeinenm), DESERTED FEAR (Studiobericht zum angekündigten, derzeit noch namenlosen zweiten Album, ergänzt um ein ausführliches, online erscheinendes Interview), DECAPITATED (zum neuen Album „Blood Mantra“) und CONSIDERED DEAD. Zum Ausnahmestatus von MASTODON müssen (auch wenn das neue Album die Klassiker der Band nicht unbedingt toppt) keine Worte mehr verloren werden. Wer auf Prog/Tech-Death der Marke DESCEND und INANIMATE EXISTENCE, gerne auch frühe CYNIC und DEATH, steht, der darf, kann und sollte sich schon jetzt das Album „Earthborn Evolution“ der Kanadier BEYOND CREATION auf dem Einkaufszettel vormerken. Unbedingt!

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Legacy #90: Die Ränder des Extremen, The Black Dahlia Murder, Alterbeast & more

Legacy #90In Ausgabe #90 des Legacy-Magazins (Erscheinungstermin: 30. April) gibt es wieder verschiedene Beiträge aus meiner (digitalen) Feder:

[1] Ich habe mich gefreut, diesmal die traditionsreiche Rubrik „Dead .. But Not Buried“ mit Leben füllen und fünf (nicht tagesaktuelle) Alben meiner Wahl im Zusammenhang besprechen zu dürfen. Dabei habe ich mich für einen thematischen Rahmen entschieden, in den Alben gehören, die zwar alle irgendwie mit Death Metal zu tun haben (insofern sie entweder – als „Proto-Death“-Scheiben – für das Genre prägend waren oder von prominenten seiner Vertreter hervorgebracht wurden), die aber im engeren Sinne allesamt keine echten Death-Metal-Alben sind. Mindestens zwei davon sind nicht einmal ansatzweise dem Todesschrot zuzurechnen, eines davon ist sogar maximalstmöglich von Breakdowns, Growls und tödlich heruntergestimmtem Gitarrenwerk entfernt. Und dennoch: Gerade in der Heterogenität der Zusammenstellung liegt ihr Reiz (zumindest für mich, der ich natürlich inständig hoffe, dass irgendjemand mein Reizerleben teilt): Die Alben sind allesamt an den historischen oder stilistischen Rändern des Genres angesiedelt oder greifen deutlich über diese hinaus: Sie sind Fast-, Noch-nicht-, Mehr-als- oder Nicht-mehr-Death-Metal-Scheiben. Konkret geht es um die folgenden Werke: REPULSION „Horrified“ (1989), MERCILESS „The Awakening“ (1990), THEORY IN PRACTICE „Colonizing The Sun“ (2002), CONTROL DENIED „The Fragile Art Of Existence“ (1999) und ÆON SPOKE „Æon Spoke“ (2007).

[2] Überaus witzig war mein Interview mit Trevor Strnad von THE BLACK DAHLIA MURDER: Unter dem Titel „Leichen im Keller und Monster voraus“ habe ich mich mit ihm über die DVD „Fool ‚Em All“ unterhalten, die zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht einmal als Promo-Copy verfügbar war. Aber man kann ja trotzdem schon mal drüber sprechen und dem Herrn auf den Zahn fühlen, weshalb man diese DVD unbedingt haben muss. Ganz nebenbei habe ich dabei auch noch erfahren, dass der Erfolg von THE BLACK DAHLIA MURDER auf nichts weiter als Lug, Trug, skrupelloser Trickserei und erbarmungslosem Ohrabkauen beruht. Glaubt ihr nicht? Dann lest!

[3] Ebenfalls interessant: Mein Gespräch mit den kalifornischen Tech-Deathern ALTERBEAST aus Kalifornien: Deren Debütalbum „Immortal“ ist im wahrsten Sinne „Futter für die Bestie„. Wer (wie ich) mit dem (in Legacy #89 besprochenen) SOREPTION-Album oder auch mit Acts wie SPAWN OF POSSESSION, ATHEIST, MORBID ANGEL, DECAPITATED, NECROPHAGIST oder DYING FETUS etwas anfangen kann, möglicherweise bei dem einen oder anderen Namen gar Appetit auf wohltemperierte und technisch bestechende Gewalt bekommt, der sollte gemessenen Schrittes, aber nicht zu zögerlich, rückwirkend zum 18. März das Fleischereifachgeschäft seines Vertrauens auf- und heimsuchen und das Produkt eintüten.

[4] Eine Scheibe, die ganz offensichtlich einen langwierigen, kaum geradlinigen und schwierigen Entstehungsprozess hatte, ist das Album-Debüt „Antidote“ der schwedischen Thrasher BENEATH, das ganze zwanzig Jahre zum Werden benötigt hat. Leider klingt das Ganze nicht wirklich nach dem krönenden Ergebnis eines derart langen Reifungsprozesses: Zwar hat das Opus durchaus seine Momente; vieles ist aber halbgar und hätte dringend der strukturierenden Hand eines erfahrenen Produzenten bedurft. Statt einen solchen zu Rate zu ziehen, hat man lieber selbst produziert. Wirklich „schlecht“ ist das Album nicht – so gut wie alles auf der Scheibe hat man in den vergangenen zwanzig Jahren (und auch schon davor) aber leider von zig anderen Bands schon zigmal und um Klassen überzeugender gehört; zum großenteils eher mittelmäßigen Songwriting gesellt sich ein Gesang, der über weite Strecken eher bemüht, stellenweise auch amateurhaft rüberkommt. Insgesamt ist das Album – das räumt die Band selbst ein – eher als Abschluss einer gemeinsamen Bandgeschichte gedacht denn als Eintrittskarte in eine professionelle Zukunft. Aber wer weiß? Wer sich ausführlicher informieren möchte, findet die Details in meinem Interview mit der Band und auch in meiner Review, in der ich die Scheibe – wohlwollend, zugegebenermaßen – mit (noch) 8 von 15 Punkten bedacht habe.

[5] Deutlich überzeugender fällt dagegen „Exilium“ aus, das dritte Album der spanischen Extremmetaller NOCTEM: Freunde epischen Death Metals ohne Berührungsängste zu deutlichen schwarzmetallischen Anleihen sowie der einen oder anderen fetten Synthiefläche dürften hier durchaus in Verzückung verfallen. Ich selbst bin Synthies gegenüber in der Regel eher skeptisch, lasse mich aber bei diesem Album an der einen oder anderen Stelle durchaus mal mitreißen, was insbesondere auch am abwechslungs- und facettenreichen Songwriting liegt. Mein persönlicher Anspieltipp ist der Albumcloser ‚The Adamantine Doors‘. Wert war mir die ganze Sache satte 11 Punkte.

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Legacy #89: Cynic, Soreption, Messenger, Five Dollar Crackbitch, Hopeless Youth & more

Legacy #89Seit gestern ist die Ausgabe #89 des Legacy-Magazins im Handel. Beigesteuert habe ich diesmal vier Artikel und vier Album-Reviews. Meine Beiträge im Einzelnen:

[1] Schall, Rauch, Goethe, Nutten & Tod: Artikel/Interview mit den Death-Metal-Debütanten FIVE DOLLAR CRACKBITCH aus dem beschaulichen Andernach (in dem es aber, zumindest mit Erscheinen von „Dehumanization“, heftigst zur Sache gehen dürfte). Ein witziges Interview und ein starker Album-Einstand. Die Band sollte man auf dem Schirm behalten.

[2] Dystopien vom Ich und vom Nichts: Artikel/Interview mit den schwedischen Tech-Deathern SOREPTION, die mit ihrem Zweitwerk „Engineering the Void“ eines meiner persönlichenm Alben des Monats vorgelegt haben. Im Interview sprechen wir über technische Herausforderungen im anspruchsvollen Todesblei-Segment, das aktuelle Album, dessen Lyrics und mehr.

[3] The Kids Aren’t Alright: Hardcore aus Montréal mit jeder Menge Energie und Wut im Gepäck präsentieren uns HOPELESS YOUTH auf ihrem Debüt „Disgust“. Ich sprach mit den Jungs über die Szene in Montréal, ihren Zorn auf die Verhältnisse an und für sich, über Straight Edge und den bisherigen Werdegang ihres Projekts.

[4] Battery: „Thrash ist pure, ungezügelte Gewalt: roh, unverfälscht, authentisch. Live zu thrashen ist wie ein Rausch, die Stimmung von Aggressivität und Wut, in die du dich dabei hineinspielst, ist einzigartig.“ O-Ton der Dänen BATTERY, die als junge Vertreter des Genres antreten, um inspiriert vom Geist der Klassiker und mit jeder Menge 80er-Charme im Sound die Fahne des Thrash Metal hochzuhalten. Ich sprach mit ihnen über Thrash im Allgemeinen und ihr Debütalbum „Armed with Rage“ im Speziellen.

[5] Review: CYNIC, „Kindly Bent To Free Us“ (Season of Mist/Soulfood): Grandioses neues Album der Früher-Tech-Death-und-jetzt-Progrock-Kultcombo. Muss man haben und kriegt von mir satte 12 Punkte. Wird aber, wie bereits dero vorige Veröffentlichungen, erneut polarisieren: Wer alte Progdeath-Schule will, ist hier (erneut) nicht gut bedient. Wer den Entwicklungsprozess dieser Band über die Jahre mitgegangen ist, bekommt hier aber (erneut) hochklassiges neues Futter.

[6] Review: SOREPTION, „Engineering The Void“ (Unique Leader): Ein Highlight für alle Tech-Death-Gourmets und eines meiner persönlichen Alben des Monats: Technisch anspruchsvolles und trotzdem eingängiges Material im Schnittbereich von Acts wie Gojira, Spawn of Possession, Decapitated, Gorod, Necrophagist und Rivers of Nihil. Habe ich mich gefreut, die Band auch interviewen zu dürfen. Ganz stark! 13 Punkte.

[7] Review: MESSENGER, „Illusory Blues“ (Svart Records): Ich musste mich bei der Lektorin erst rückversichern, ob es denn hinnehmbar sei, meine Review zu diesem Album mit einem Satz von 100 Wörtern Länge zu beginnen. Denn anders war dem Album nicht beizukommen. Man lese selbst – und kaufe! Hatte zuvor noch nie von dieser Band gelesen. Meine außergewöhnlichste Album-Entdeckung der letzten Monate. Zweifelsfreie 13 Punkte.

[8] Review: ATOMWINTER, „Death Doomination“ (Eigenproduktion): Nachdem ich diese MCD schon in meinem Blog rezensiert hatte, musste ich sie auch fürs LEGACY in Wort und Tat würdigen. Haut jeden um, der auf Old-School-Death-Metal schwedischer wie auch US-amerikanischer Prägung steht und nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Alles andere wäre irritierend. 12 Punkte, aber sowas von!

Zudem gibt es auf der LEGACY-Website eine nur online erscheinende ausführliche Review des DEFEATER-Gigs am 24.01.2014 in der Kölner Essigfabrik:
[9] DEFEATER, CASPIAN, LANDSCAPES, GOODTIME BOYS @ Köln, Essigfabrik (Legacy.de)

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Mixtape-Dilemma, oder: Die Leiche lebt!

Death MetalEin Freund hat mich gebeten, eine Mix-CD mit einem Querschnitt durch das Genre Death Metal für ihn zu erstellen. Selbst auferlegt habe ich mir – leichtfertig, wie ich inzwischen feststellen muss!! –, die CD bis zum Carcass-Konzert am 7.11. in Oberhausen fertigzustellen.

Nachdem ich zunächst und eher nebenher bottom-up mit der intuitiven Zuordnung von Songs aus meiner digitalen Musiktruhe zu einer Brennliste begonnen habe, stellt sich mir mit zunehmendem Hin- und Herverschieben von Titeln immer wieder neu die Frage, was sich eigentlich auf der anvisierten Audio-CD unterbringen lässt und was auf ihr untergebracht werden sollte – und damit die Frage danach, welche Funktion eine Mix-CD, der die Eigenschaft der Begrenztheit auf ca. 70 Minuten Spieldauer physikalisch inhärent ist, eigentlich primär , was sie ganz grundsätzlich dokumentieren soll und welche Konsequenzen dies für die Formulierung und Gewichtung von Auswahlkriterien in Hinblick auf die Songzusammenstellung hat.

Natürlich könnte ich einfach irgendeine Auswahl vornehmen, etwa nach dem Kriterium „Ich gebe mir jetzt exakt 15 Minuten Zeit, um eine CD zusammenzustellen“ … und dann die Kugel). Der Vorteil eines solchen Vorgehens läge darin, intellektuelle Reflexionen über das Genre als solches sowie ein allzu langwieriges selbstkritisches Hinterfragen des subjektiven Auswahlverhaltens durch eine hart gesetzte Deadline zu unterbinden. Heraus käme ein stark subjektiv gefärbter Spontanquerschnitt durch das, was ich intuitiv dem Genre zurechne; auf der anderen Seite bliebe höchstwahrscheinlich vieles außen vor, was mir in eben jenen 15 Minuten zufälligerweise gerade nicht in den Sinn kommt, das mir bei einer Ausdehnung der Deadline auf 20, 30, 40 Minuten oder in einem anderen 15-Minuten-Zeitraum an einem anderen Tag und mit anderer Tagesform aber möglicherweise durchaus und sehr zentral eingefallen wäre.

Wäre ich mit einer solchen Auswahl aber auch morgen noch zufrieden? Spiegelte sie den Kern dessen wieder, was Death Metal eigentlich ist? Oder, um das Problem vom großen Ganzen ins kleinteilige Partikuläre zu verlagern: Kein Song repräsentiert für sich allein das gesamte Genre – und jeder Song ist anders. Wenn also schon ein Song keinen idealtypischen Eindruck vom Genre vermitteln kann, wie sollen es dann 12 oder maximal 15 unterschiedliche Songs tun (von denen jeder einzelne ja wiederum das Genre alleine bestensfalls ausschnitthaft und damit unzureichend charakterisiert)?

Die Herausforderung liegt darin, bei der Songauswahl zwar Vielfalt zuzulassen, zugleich aber nicht Vielfalt um jeden Preis anzustreben. Unternähme man Letzteres, liefe man Gefahr, nur die eher untypischen Extreme des Genres zu dokumentieren und somit den Kern, das Verbindende der Akteure im Genre unterzurepräsentieren. Zugleich waren aber gerade die extremen Randbereiche des Genres (beispielsweise die Grenzgänger zwischen Death Metal und Jazz, zwischen Death Metal und Grindcore, zwischen Death Metal und Ambient/Drone) diejenigen Bereiche, aus denen immer wieder Innovationen in den Kern des Genres zurückwirkten, die das Genre in einigermaßen regelmäßigen Abständen neu belebten oder die durch den Brückenschlag zu anderen musikalischen Ausdrucksformen und die Integration „fremder“ künstlerischer Mittel das, was das Genre im Kern ausmacht, zumindest indirekt stärkten und neu definierten.

Was gehört also auf eine Mix-CD, die einerseits – strukturell betrachtet – die stilistische Bandbreite des Genres, andererseits – genetisch betrachtet – in mindestens gleichem Maße auch die Entwicklung des Genres von dessen Pionierzeiten („Underground“) bis hin zu seiner heutigen Ausprägung umfasst? Wer die „Klassiker“ und – aus heutiger Sicht – die kanonisierten Säulenheiligen des Genres sind, ist schnell entschieden. Welche Ausschnitte aus dem Schaffen der Klassiker (wenn man nicht gerade – wie z.B. MASSACRE – nur eine einzige Scheibe veröffentlicht hat) aber als repräsentativ in eine Querschnitts-Compilation aufgenommen werden sollten, ist eine ganz andere Frage:

  • Ist beispielsweise DEATHs Crystal Mountain noch prototypischer US-Death-Metal oder bereits zu progressiv? Wären Open Casket, Pull the Plug oder gar Zombie Ritual nicht die viel bessere (und auch unter genetischer Perspektive sinnvollere) Wahl, auch wenn man damit der beachtlichen Entwicklung im Schaffen Chuck Schuldiners (sicherlich auch aus dessen eigener Sicht, ruhe er in Frieden) nur bedingt gerecht würde?
  • Sollte man von einer „klassischen“ Band wie GRAVE, die auch mit ihren gegenwärtigen Outputs noch sehr überzeugende Vertreter der Zunft abgeben, eher ein stilprägendes Frühwerk in die Auswahl aufnehmen – oder darf’s auch Disembodied Steps von dero letzten Output aus 2012 sein, das zwar nicht mehr jung und hungrig, dafür aber mit einem über die Jahre gereiften Groove daherkommt, der trotz der derzeitigen Schwemme junger, sich an eben jenem, von Grave mitgeprägten Sound orientierenden Bands seinesgleichen sucht?
  • Wäre es – nicht nur von der Produktion her – den anderen Klassikern in der Auswahl gegenüber unangemessen, AUTOPSY mit dem grandiosen She Is a Funeral aus ihrem 2013er Album zu berücksichtigen, das die gesamte Entwicklung des Doomdeath-Subgenres verinnerlicht und reflektiert hat (was den Frühwerken noch nicht möglich war)?
  • Darf in einer Auswahl, die anstrebt, jede ausgewählte Band mit nur jeweils einem Song zu berücksichtigen, neben einem Stück von ENTOMBED auch ein Stück von NIHILIST (also Entombed minus Johnny Hedlund) vertrteten sein, deren Demos den prototypischen Stockholm-Sound noch ursprünglicher, roher und unbehauener zur Geltung brachten als die nur unwesentlich späteren Album-Outputs der Erstgenannten, die dann einen zentralen Beitrag zur Explosion des Gernes in Nordeuropa leisteten?

Derolei Fragen aber noch nicht genug! Ganz unabhängig von der Frage der Auswahl einzelner Songs aus dem Oeuvre einzelner Klassiker ergeben sich weitere Komplikationen hinsichtlich der Frage nach der übergreifenden Signifikanz jüngerer Releases, nach der Auswahl von Songs in Abhängigkeit zur Funktion der Kompilation und nicht zuletzt hinsichtlich der Relevanz von Bands aus angrenzenden Genres:

  • Hat eine (neue) Band wie SKELETAL REMAINS, denen es in einzelnen Songs gelingt, den 90er-Jahre-US-Death-Metal direkter auf den Punkt bringen als manche der klassischen Florida-Bands (die z.T. eher im Albumformat, denn in Einzelsongs prototypisch für das Genre sind, das sie schufen), etwas in einer strukturell wie auch historisch begründbaren Auswahl wie der hier angestrebten zu suchen oder eher doch nicht?
  • Was ist generell mit der „New Wave of Death Metal“, die sich in den letzten Jahren abzeichnet und die solch vielversprechende Debüts wie jene von z.B. DESERTED FEAR (2012), KAOTIK (2012) oder WOUND (2013) hervorgebracht hat?
  • Bei der Auswahl einzelner Songs aus dem Schaffen einzelner Bands mehr Wert auf Eingängigkeit gelegt werden – oder darf eine technische Death-Metal-Band ruhig sehr technischen Stück vertreten sein? Ich denke hier an die Frage, wie man Bands wie MORBID ANGEL, NILE, CANNIBAL CORPSE, ATHEIST oder SUFFOCATION – beziehungsweise auf dieser Seite des Ozeans: SPAWN OF POSSESSION oder DECAPITATED – am besten zugäglich macht für Ohren, die mit der Spielart des „Technical Death Metal“ noch nicht oder nur bedingt vertraut sind.
  • Wo genau grenzt man Death Metal von Nachbargenres ab, wo wir doch wissen, dass Genregrenzen eher vage sind und bei genauerer Betrachtung eine Abstraktion darstellen, um deren Existenz sich die meisten der ernstzunehmenden Bands ohnehin kaum scheren? (Vergleiche die immer mal wieder wiederholte Aussage von Jeff Walker/CARCASS, seine Band spiele, wenn überhaupt ein bestimmtes Genre, dann „Heavy Metal“ beziehungsweise „Carcass-Musik“) Gehören beispielsweise bestimmte Alben von NAPALM DEATH zum Death Metal oder wäre diese Band für eine Songauswahl zum Thema „Was ist Death Metal?“ – obwohl sie fraglos nicht wenige innovative Impulse in den Kernbereich gerade auch des Death Metal eingebracht hat – dann doch zu randständig? Und überhaupt: Stilprägend für das Genre, gerade in der Anfangszeit, waren ja auch ganz zentral die frühen Thrash-Bands, auch wenn sich einige Todesmetaller in Statements z.T. sehr dezidiert von deren Stil absetzten; in der Pionierphase etwa des schwedischen Death Metal lässt sich die schrittweise Emanzipation aus dem Thrash sehr gut nachvollziehen (siehe z.B. die 3-CD-Kompilation zur Genregeschichte von Daniel Ekeroth).

… und, UND, und, und, und

Es ist und bleibt schwierig. Wer am Ende dieses Blogeintrags eine Art Fazit oder gar Lösung erwartet hat, muss (systematisch) enttäuscht werden. Vermutlich sollte man nur Mixtapes oder -CDs zu Genres zusammenstellen, in denen man nicht so sehr, sondern eher nur als Gelegenheitshörer sich heimisch fühlt. Persönlich ziehe ich als Fazit: Ich werde diese Aufgabe zuende bringen – und zwar zu einem Ende, mit dem ich hoffentlich werde leben können. Danach werde ich mich am Besten nie wieder daran versuchen, ein Death-Metal-Mixtape zusammenzustellen. Bestätigt hat mich das beschriebene Unterfangen aber einmal mehr in Folgendem: Das Genre lebt und ist auch nach inzwischen mehr als einem Vierteljahrhundert lebendig und dynamisch. Genau das ist es ja, was mir bei der Herstellung einer vernünftigen Songauswahl zum Dilemma gereicht. ;-)

In dieserlei Sinne: Die Leiche lebt! – Beziehungsweise (im genretypisch gewendeten Wortsinn:) Operation gelückt: Patient tot. :D


( Diskussionsthread zum Mixtape-Dilemma im RockHard-Forum )

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