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Legacy #89: Cynic, Soreption, Messenger, Five Dollar Crackbitch, Hopeless Youth & more

Legacy #89Seit gestern ist die Ausgabe #89 des Legacy-Magazins im Handel. Beigesteuert habe ich diesmal vier Artikel und vier Album-Reviews. Meine Beiträge im Einzelnen:

[1] Schall, Rauch, Goethe, Nutten & Tod: Artikel/Interview mit den Death-Metal-Debütanten FIVE DOLLAR CRACKBITCH aus dem beschaulichen Andernach (in dem es aber, zumindest mit Erscheinen von „Dehumanization“, heftigst zur Sache gehen dürfte). Ein witziges Interview und ein starker Album-Einstand. Die Band sollte man auf dem Schirm behalten.

[2] Dystopien vom Ich und vom Nichts: Artikel/Interview mit den schwedischen Tech-Deathern SOREPTION, die mit ihrem Zweitwerk „Engineering the Void“ eines meiner persönlichenm Alben des Monats vorgelegt haben. Im Interview sprechen wir über technische Herausforderungen im anspruchsvollen Todesblei-Segment, das aktuelle Album, dessen Lyrics und mehr.

[3] The Kids Aren’t Alright: Hardcore aus Montréal mit jeder Menge Energie und Wut im Gepäck präsentieren uns HOPELESS YOUTH auf ihrem Debüt „Disgust“. Ich sprach mit den Jungs über die Szene in Montréal, ihren Zorn auf die Verhältnisse an und für sich, über Straight Edge und den bisherigen Werdegang ihres Projekts.

[4] Battery: „Thrash ist pure, ungezügelte Gewalt: roh, unverfälscht, authentisch. Live zu thrashen ist wie ein Rausch, die Stimmung von Aggressivität und Wut, in die du dich dabei hineinspielst, ist einzigartig.“ O-Ton der Dänen BATTERY, die als junge Vertreter des Genres antreten, um inspiriert vom Geist der Klassiker und mit jeder Menge 80er-Charme im Sound die Fahne des Thrash Metal hochzuhalten. Ich sprach mit ihnen über Thrash im Allgemeinen und ihr Debütalbum „Armed with Rage“ im Speziellen.

[5] Review: CYNIC, „Kindly Bent To Free Us“ (Season of Mist/Soulfood): Grandioses neues Album der Früher-Tech-Death-und-jetzt-Progrock-Kultcombo. Muss man haben und kriegt von mir satte 12 Punkte. Wird aber, wie bereits dero vorige Veröffentlichungen, erneut polarisieren: Wer alte Progdeath-Schule will, ist hier (erneut) nicht gut bedient. Wer den Entwicklungsprozess dieser Band über die Jahre mitgegangen ist, bekommt hier aber (erneut) hochklassiges neues Futter.

[6] Review: SOREPTION, „Engineering The Void“ (Unique Leader): Ein Highlight für alle Tech-Death-Gourmets und eines meiner persönlichen Alben des Monats: Technisch anspruchsvolles und trotzdem eingängiges Material im Schnittbereich von Acts wie Gojira, Spawn of Possession, Decapitated, Gorod, Necrophagist und Rivers of Nihil. Habe ich mich gefreut, die Band auch interviewen zu dürfen. Ganz stark! 13 Punkte.

[7] Review: MESSENGER, „Illusory Blues“ (Svart Records): Ich musste mich bei der Lektorin erst rückversichern, ob es denn hinnehmbar sei, meine Review zu diesem Album mit einem Satz von 100 Wörtern Länge zu beginnen. Denn anders war dem Album nicht beizukommen. Man lese selbst – und kaufe! Hatte zuvor noch nie von dieser Band gelesen. Meine außergewöhnlichste Album-Entdeckung der letzten Monate. Zweifelsfreie 13 Punkte.

[8] Review: ATOMWINTER, „Death Doomination“ (Eigenproduktion): Nachdem ich diese MCD schon in meinem Blog rezensiert hatte, musste ich sie auch fürs LEGACY in Wort und Tat würdigen. Haut jeden um, der auf Old-School-Death-Metal schwedischer wie auch US-amerikanischer Prägung steht und nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Alles andere wäre irritierend. 12 Punkte, aber sowas von!

Zudem gibt es auf der LEGACY-Website eine nur online erscheinende ausführliche Review des DEFEATER-Gigs am 24.01.2014 in der Kölner Essigfabrik:
[9] DEFEATER, CASPIAN, LANDSCAPES, GOODTIME BOYS @ Köln, Essigfabrik (Legacy.de)

Ein Kommentar

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Was WAR und IST und WIRD: ein Blick zurück voraus (Rückblick 2013)

2013Was bleibt hängen aus einem Jahr mal mehr, mal weniger konzentrierter Beobachtung der gitarrenorientierten Musikszene? Welche Alben oder Songs, die einen direkt nach Erscheinen umgehauen haben, erweisen sich auch auf längere Sicht als langlebig, welche Veröffentlichungen hat man unterschätzt, was ist – wissentlich oder unwissentlich – an einem vorbeigegangen und welche Releases entpuppten sich subjektiv betrachtet als Strohfeuer mit zunächst großem Initialeffekt, aber letztlich doch eher kurzer Halbwertszeit?

Mein persönliches Album des Jahres ist ohne Zweifel „Pelagial“ von THE OCEAN. Auch DEFEATERs „Letters Home“, dessen Erscheinen ich sehr entgegengefiebert hatte, rangiert weit oben in meiner Alben-für-die-Insel-Liste für das Jahr 2013. Da ich mich zu beiden Releases bereits ausführlich hier und hier geäußert habe, will ich sie nicht erneut in derjenigen epischen Breite zelebrieren, die ihnen zweifelsohne zusteht, sondern mich an dieser Stelle denjenigen Alben zuwenden, zu denen ich über die Monate immer wieder mal „unbedingt noch was schreiben wollte“, die in diesem Blog dann aber doch – unverdientermaßen und meistens aus Zeitgründen – unberücksichtigt geblieben sind. Alben, die im vergangenen Jahr bereits mit eigenen Blog-Einträgen gewürdigt wurden (BOMBUS, MOTÖRHEAD, TWILIGHT OF THE GODS, PHIL ANSELMO, ONSLAUGHT, WOUND, BLACK TUSK, ORCHID, SODOM; siehe Übersicht), werde ich dabei nicht erneut aufführen.

2013 war das Jahr einiger sensationeller Comebacks. Da ist zum einen CARCASS‘ „Surgical Steel“ mit Übersongs wie „A Congleated Clot of Blood“, „The Granulating Dark Satanic Mills“ und „Mount of Extinction“ oder dem 80er-Relikt „Thrasher’s Abbatoir“. Auch wenn sich das Album eher an der „Necroticism“/“Heartwork“-Phase der Band orientiert und damit möglicherweise den einen oder anderen Fan der grindigen Frühphase enttäuscht hat, beweisen CARCASS, dass es auch 2013 kaum eine andere Band in ihrem Genre gibt, die groovenden Death Metal derart locker aus der Hüfte ballert wie die Liverpooler Genre-Pioniere. Zu Recht wurde das Album in der Metalpresse vielfach zum Album oder Comeback-Album des Jahres ausgerufen – und es steht zu hoffen, dass mit CARCASS auch künftig zu rechnen sein wird, nicht nur auf den Bühnen, sondern auch weiterhin in den Studios dieser Welt.

Als ähnlich souverän und über jede Kritik erhaben muss das Monument „13“ gelten, das BLACK SABBATH anno 2013 in Beinahe-Originalbesetzung abgeliefert haben und von dem ich mir im Vorfeld nicht einmal ansatzweise diejenige Klasse erträumt hatte, die es dann tatsächlich vorlegte. Tatsächlich hatte ich dem Sabbath-Comeback sogar schon lange vor Veröffentlichung jedwede Relevanz abgesprochen und mir das Album daher auch gar nicht direkt am Erscheinungstag besorgt – sondern erst drei oder vier Wochen später, und auch dann eher halbherzig denn aus echter Überzeugung (vermutlich einfach nur deshalb, weil ich als Fan der „alten“ Sabbath dann doch ein schlechtes Gewissen hatte, dieses Werk unbeachtet zu lassen). Umso schmerzhafter traf mich dann die Erkenntnis, dass ich mir mit meiner frevelhaften Ignoranz volle drei bis vier Wochen selbstverschuldete Nicht-Erleuchtung eingehandelt hatte: Die Herren Iommi, Butler & Osbourne versuchen sich erst gar nicht an einem stilistischen Querschnitt durch alle ihre gemeinsamen Klassiker, sondern knüpfen vielmehr sehr fokussiert an die eigene Frühphase an – nicht nur mit dem Outro, das eben jenes Regen-Sample verwendet, mit dem weiland 1970 das selbstbetitelte Album-Debüt sowie dessen selbstbetitelter Opener eingeleitet wurde (und das entsprechend zum Ausklang des neuen Albums für einen ordentlichen Gänsehauteffekt sorgt). Auf „13“ regiert das Midtempo, und einmal mehr beweist Riffgott Tony Iommi, ähnlich wie bereits auf dem 2009 unter dem Bandnamen HEAVEN & HELL mit Ronnie James Dio eingespielten Sabbath-Mark-II-Comeback „The Devil You Know“ souveränstmöglich, dass Heaviness alles andere als eine Sache der Geschwindigkeit ist. Brecher wie „End of the Beginning“ oder „God Is Dead?“ überraschen beim ersten Hören durch ihren gemächlich anmutenden Aufbau, fräsen sich dann aber mit einer derartigen Wucht und Hartnäckigkeit ins Hirn, dass sie dort auch Monate später noch ihr Unwesen treiben. Ein Paukenschlag, der seinesgleichen sucht – und entweder ein würdiger Abschluss für das bis dato unabgeschlossene Mark-I-Kapitel der Band oder eben auch ein neuer Anfang; die Liedzeile „Is this the end of the beginning / or the beginning of the end“ mag diesbezüglich als Cliffhanger gelesen werden und macht gespannt, ob hier noch etwas nachkommt (dann möglicherweise sogar mit Bill Ward an den Drums?).

Mit einem dicken Ausrufezeichen in den Veröffentlichungslisten für 2013 zu versehen sind darüber hinaus eine Reihe weiterer Alben – allen voran das unglaubliche selbstbetitelte Album der US-Prog-Thrasher REVOCATION, das über die volle Distanz von zehn eigenen Songs und einem Metallica-Cover mustergültig demonstriert, dass hochambitionierter technischer Anspruch kein bisschen zu Lasten der Songdienlichkeit gehen muss. Was das Trio aus Massachusetts hier auf Albumlänge darbietet, ist zum einen aberwitzige Handwerkskunst in Perfektion, zum anderen ein mitreißendes Thrash-/Death-Monster mit einer Fülle an brillanten Ideen, aus denen, wie es Frank Albrecht treffend fürs RockHard beschrieb, „andere Bands eine Diskographie stricken“ würden. Um das glauben zu können, muss man es selbst gehört haben.

Nicht zu vergessen auch das aktuelle Hardcore-Punk-Gewitter „Live By The Code“ mit dem Übersong „I’m Only Stronger“, das TERROR in diesem Jahr auf die Menschheit haben niedergehen lassen: Hier kommt jeder Song wie ein wütender Affront und ist jedes Riff eine musikgewordene Faust in die Fresse. Man mag diese Art Hardcore primitiv finden, man kann es aber auch als „Harte Schule, aufs Essenzielle reduziert“ und damit als minimalistisch(st)en Ausdruck eines rauen, räudigen Street-Punk mit Thrash-Gitarren begreifen. Oder auch einfach nur geil finden.

Nicht zu vergessen weiterhin das ironisch-pseudointellektualistische beziehungsweise sympathisch-versponnene „Nanobots“-Album von THEY MIGHT BE GIANTS, das zwar alles andere als Metal ist, das ich aber einfach nicht unerwähnt lassen kann. Wer schert sich schon um Genregrenzen? Wenn ein Popalbum ein derartiges Ideen-, Melodien- und Absurde-Pointen-Feuerwerk abbrennt wie dieses, dann ist mir herzlich egal, in welcher musikalischen Tradition es steht. Nicht umsonst lasse ich mir mit dem Untertitel dieses Blogs „Metal … and more ein Hintertürchen offen, meinen Senf quer durch die Bank und über Genregrenzen hinweg zu allem dazuzugeben, das mir würdig erscheint, aus der jährlich anwachsenden Masse der Releases herausgehoben und für zumindest einen Blogeintrag auf ein Podest gestellt und sorgsamer Musterung unterzogen zu werden.^^ Und weiter: AUGUST BURNS REDs „Rescue & Restore“, das ich erstmalig konzentriert auf einer langen Autofahrt durch Frankreich hörte und das mich direkt umgehauen hat. Ist Metalcore bis auf wenige Ausnahmen (die bislang auf Namen wie PARKWAY DRIVE und KILLSWITCH ENGAGE hörten) ansonsten eher nicht so mein Ding, hat mich dieses Album davon überzeugt, dass es auch im Metalcore (noch) herausragende und richtungsweisende Vertreter gibt, die sich durch Originalität und sogar eine gewisse Progressivität von der Masse der Übrigen abheben. Möglicherweise fällt mir das aber nur deshalb so sehr auf, weil für mich die breite Masse der Genrebands im Metalcore-Sektor einfach allzu austauschbar klingt und mir das Genre insgesamt als stilistisch viel zu eng gesteckt erscheint, als dass darin noch Originelles zu tun wäre. Wie auch immer: AUGUST BURNS RED hätten mit ihrer neuen Scheibe auf jeden Fall einen eigenen Blogeintrag verdient gehabt. Vielleicht später einmal.

Als eine weitere Sternstunde des Muskjahres ist darüber hinaus das außergewöhnliche, sich einer stereotypen Schubladisierung entziehende und ungemein suggestive „Sunbather“ von DEAFHEAVEN zu nennen. Das Album vertont die Glückseligkeit, sich durch geschlossene Augenlider dem Gleißen der Sonne hinzugeben. Um diese Erfahrung so eindringlich als möglich nachvollziehbar zu machen, wird unter Verwendung von Black-Metal-Patterns ein Effekt erzeugt, der maximales Eintauchen ermöglicht. Selten war Sonnenbaden derart intensiv. Fantastisch.

Fantastisch auch: STEVEN WILSONs Prog-Meisterwerk „The Raven That Refused To Sing“, das Doppelalbum „Opposites“ von BIFFY CLYRO, das beweist, dass klug komponierter Progressive Rock durchaus pop- und radiokompatibel sein kann („Different People“ war in diesem Jahr einer der großen Ohrwürmer, die mich nicht mehr losgelassen haben), „The Headless Ritual“ von AUTOPSY, auf dem sich die Death-Urgesteine altersgereift mit einem ihrer besten Outputs ever präsentieren (göttlich darauf u.a.: „She Is a Funeral“), sowie „One Of Us Is The Killer“ von THE DILLINGER ESCAPE PLAN, in dem Extremmetall und Pop-Appeal kongenial zum Wahnsinn mit Methode fusioniert werden. Waren die Dillingers mit ihrem ADHS-Metal früher bisweilen über längere Distanz dann doch etwas anstrengend, haben sie inzwischen zu einer beunruhigend perfekten Balance zwischen Irrsinn und Selbstkontrolle gefunden, bei welcher die Songs gerade durch ihre Eingängigkeit noch zusätzliche Energie gewinnen. Das hat gleichermaßen Wucht und Wirkung.

Äußerst druckvoll ausgefallen ist auch das Livedokument „Dying Alive“ zum 2012er Tourabschluss von KREATOR in der Oberhausener Turbinenhalle: eine erstklassige, interessant gefilmte Produktion, die zeigt, wie man trotz der Konkurrenz durch YouTube-Amateurvideos auch heute noch ein Konzert filmisch so in Szene kann, dass die Atmosphäre einer KREATOR-Show (beinahe) so konserviert wird, als sei man dabeigewesen. Natürlich ist das „echte“ Live-Feeling durch nichts zu toppen; als jemand, der beim Gig in Oberhausen vor Ort und im Getümmel war, hat mich der Film trotzdem begeistert. Sympathisch war auch die zugehörige Filmpremiere im August in der Essener Lichtburg – mit der kompletten Band und Teilen der Crew sowie anschließender Frage- und Autogrammstunde.

Zu Jahresende hat mich dann noch die neue DEICIDE „In The Minds Of Evil“ weggeblasen. Zwar ist die Platte als Ganze auf Dauer etwas monoton, das Teil groovt aber wie Sau und stellt das letzte Release der Gotteslästerer aus Florida noch einmal locker in den Schatten. Zusammen mit CARCASS und AUTOPSY belegen DEICIDE eindrücklich, dass diejenigen Bands, die sich Ende der 80er/Anfang der 90er aufmachten, tonnenschwere Pflöcke in das unerforschte Terrain des noch jungen Genres einzurammen, auch heutzutage bei der Definition von Death Metal noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben. Daneben haben in 2013 erneut verschiedene junge Bands gezeigt, dass die Orientierung an Old-School-Trademarks im Death Metal keineswegs zu einer nur rückwärtsgerichteten (und damit stilistisch stagnierenden) Entwicklung führen muss: Bands wie ATOMWINTER („Atomic Death Metal“) oder die bereits an anderer Stelle besprochenen WOUND („Inhale The Void“) halten klassische Tugenden höchst eindrucksvoll am Leben und zeigen damit, wie zeitlos der von den Genrepionieren (DISMEMBER, MERCILESS, NIHILIST, frühe ENTOMBED, frühe DEATH, MASSACRE sowie den oben erwähnten, noch oder wieder aktiven „Klassikern“) geprägte Stil auch heute noch funktioniert. Überhaupt war Death Metal auch 2013 wieder eines der spannendsten Genres mit vielen frischen Bands, die sich zwischen „klassischen“ Strukturen und modernen Sounds eigene Positionen erarbeiten und damit das Genre nicht nur am Leben halten, sondern auch – evo-, nicht revolutionär – weiterentwickeln.

Wie in jedem Jahr wurde 2013 (leider) auch in der Musikszene (wieder) gestorben. Besonders hart in diesem Jahr (für mich) der Tod von Lou Reed (siehe Nachruf) sowie (für die gesamte Metal-Szene) der Verlust von Jeff Hanneman. Tatsächlich stammen, wie ich mich noch einmal vergewissert habe, die allermeisten meiner SLAYER-Favourites aus der Feder von Jeff. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie ein neues SLAYER-Album klingen mag, auf dem Hanneman nicht am Songwriting beteiligt ist, lasse mich aber gerne überraschen. So unersetzlich der Hanneman-Pol im bisherigen künstlerischen Prozess von SLAYER auch war (und bleiben wird), so sehr sei es natürlich auch dieser Band – wie auch anderen vor ihnen – zugestanden, trotz des Todes eines zentralen Bandmitglieds weiterzumachen und – hoffentlich – wieder zu irgendeiner Art von Form zu finden (nicht nur live, sondern auch auf Tonträger). Neu erfinden werden sie sich dabei sicherlich nicht, denn alle Neu-Erfindung wäre nicht mehr SLAYER. Man wird im nächsten Jahr zu beobachten haben, wie die Band damit umgeht, trotz Verlusts von 50% ihrer Kernbesetzung (Lombardo wurde kurz vor Hannemans Tod von Kerry King gegangen) den Status quo zu erhalten. Kaum eine andere Band (außer MOTÖRHEAD natürlich) genießt quer durch alle Metal-Genres einen derartigen Kult-Status und eine derartige Szene-Credibility. Damit umzugehen wird für die Herren King und Araya sicherlich ein heikles Geschäft.

Worauf freue ich mich in 2014?

Zunächst darauf, dass das Jahr so weitergeht wie es beginnt: Als sporadischer Rezensent für das LEGACY-Magazin hatte ich bereits das Vergnügen, die kommenden Releases von DESCEND, MUSTASCH und CYNIC, die im Januar und Februar erscheinen werden, ausgiebig durchzuhören. Auch wenn das Jahr noch lang ist und genau besehen noch nicht einmal begonnen hat, muss ich DESCENDs „Wither“ schon jetzt als ersten Kandidaten für mein persönliches Album des Jahres in 2014 vormerken. Auch MUSTASCH werden mit „Thank You For The Demon“ nicht enttäuschen, und das neue CYNIC-Album „Kindly Bent To Free Us“ geht konsequent den Weg weiter, den die Herren Masdival und Reinert mit ihrer 2012er EP „Carbon-Based Anatomy“ eingeschlagen haben. Entsprechend wird auch dieses Album (wieder) polarisieren; für Fans, die bereit sind, die Entwicklug der Band seit „Focus“ (1993) mitzugehen (zu denen ich mich selbst zähle), handelt es sich fraglos um ein starkes Album. Mehr dazu in meiner Review für die März-Ausgabe des LEGACY.

Mehr als gespannt bin ich darüber hinaus auf die kommenden Alben von MASTODON, OVERKILL und LEGION OF THE DAMNED, auf die kürzlich von Jimmy Page in einem Interview angekündigten Re-Releases sämtlicher LED-ZEPPELIN-Alben mit zusätzlichem, unveröffentlichten Material sowie – sofern beide noch Wirklichkeit werden – auf die inzwischen mehrfach angekündigten und verschobenen Scheiben von ENTOMBED und SLAYER. Sowie auf all diejenigen Releases, von deren Existenz ich bislang noch überhaupt nichts weiß und die ich im Laufe des Jahres zu entdecken plane. Denn das Entdecken ist es doch, das die Musikszene insbesondere für Metal-Afficionados so spannend macht und spannend hält: Nicht anders als Alexander von Humboldt im 19. Jahrhundert vor den unerforschten Gebieten der Welt seiner Zeit stehen wir jedes Jahr im Dezember vor den weißen Flecken auf der musikalischen Landkarte des kommenden Jahres – hoffend, auch in den nächsten zwölf Monaten wieder ausgiebig finden, staunen und unseren Horizont erweitern zu dürfen. ;-)

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Defeater, Letters Home (Bridge Nine Records, 2013)

defeaterEine spontane und kompakte Einschätzung zum neuesten Output des Quintetts aus Boston, Massachusetts abzugeben, fällt schwer. Dafür gibt es mindestens drei Gründe:

Erstens: das Problem der Vergleichbarkeit. Defeater spielen eine derart eigene Interpretation von Hardcore (die „klassischen“ US-Hardcore kongenial mit Elementen von Alternative Rock, Folk und einer Singer/Songwriter-Attitüde im Stile des frühen Bruce Springsteen verbindet), dass jeder Versuch, sie an den Traditionen und stilistischen Merkmalen eines bestimmten Genres zu messen, zwangsläufig an der Sache vorbeigehen muss. Sie lassen sich befriedigend mit keiner anderen mir bekannten Band vergleichen; auch der Kontext „Hardcore“ ist für eine Würdigung des Albums stilistisch nicht mehr angemessen. (Es gibt derzeit verschiedene Veröffentlichungen im Hardcore-Segment, die mir sehr zusagen – allen voran der großartig ballernde neueste Output von Terror „Live by the Code“ -, doch zwischen Defeater und Terror liegen – obgleich beide (subjektiv) großartig und beide, zumindest irgendwie, „Hardcore-Punk“ – liegen in punkto Stil, künstlerischer Ambition und Attitüde Universen, die einen Vergleich der einen mit der anderen Band aus meiner Sicht absolut verbieten.)

Zweitens: die  subjektive Brille. Das letzte Album der Band – „Empty Days & Sleepless Nights“ aus 2011 – steht auf meiner persönlichen Liste der besten fünf Alben der letzten fünf Jahre. Entsprechend laufe ich natürlich Gefahr, bei der Bewertung von „Letters Home“ den Vorgänger als Standard heranzuziehen – wodurch die Messlatte enorm hoch angesetzt ist. Ich werde mich im Folgenden bemühen, „Letters Home“ weitestgehend ohne Bezugnahme zum Kontext des bisherigen Oeuvres der Band zu betrachten. Vorweg sei bereits verraten, dass „Letters Home“ den Vergleich mit dem Vorgänger nicht wirklich scheuen muss, mit diesem aber nur bis zu einem gewissen Grad tatsächlich zu vergleichen ist. Begründung:

Drittens: die Synthese von Inhalt und Form. Man kann dieses Album auf zweierlei Weise für sich entdecken: einmal ausschließlich vermittelt über die Musik, einmal unter Einbeziehung der Texte. Üblicherweise nähere ich mich Musik sehr gerne auf die erstere Weise – im Falle dieses Albums aber (und weil ich gerade Urlaub habe, was es mir erlaubt, mich auch einmal ausführlicher und weitestgehend frei von äußerem Zeitdruck mit einem Stück Musik zu beschäftigen) wird, sobald man sich einmal auf die Texte und damit die Inhalte eingelassen hat, die Zugangsmöglichkeit ersterer Art für immer verbaut. Denn Defeater sind nicht nur Musiker, sondern insbesondere auch Geschichtenerzähler – und sie nehmen diese Rolle sehr ernst. Entsprechend sind Inhalt und Musik engmaschig miteinander verwoben, ist die musikalisch-stilistische Dimension sehr unmittelbar und direkt auf die Inhalte bezogen und die Musik als deren Transposition in ein zusätzliches ästhetisches Zeichensystem neben der Sprache aufzufassen. Dies wirkt sich aus bin hin in die Auswahl an Handlungsmöglichkeiten, die das eigene stilistische Repertoire bereitstellt: Während Defeater auf „Endless Days & Sleepless Nights“ sowohl „harte“ Songs als auch balladeske Akustiknummern im Portfolio hatten, sind die Akustiknummern auf „Letters Home“ – obgleich es mit Blick auf den Mainstream (Wer würde nicht gerne von seiner Musik leben können) sicherlich diverse gewichtige Argumente gegeben hätte, diese weiterzuführen – vollständig verschwunden, da diese Art Ausdruck zu der Geschichte, die „Letters Home“ uns erzählt, einfach nicht passt beziehungsweise deren Rezeption in allzu stereotype Bahnen lenken würde – mit der Gefahr, im Spagat zwischen authentischem musikalischem Schaffen und Mainstream, wenn auch möglicherweise kommerziell erfolgreich(er), als „eine weitere Balladenband aus dem harten Sektor“ abgestempelt zu werden. Defeater verweigern sich dieser Gefahr und Verlockung und üben sich auf „Letters Home“ in konsequenter stilistischer Selbstbeschneidung: Die Akustiknummern sind verschwunden, „Letters Home“ ist ein „hartes“ Album – sowohl musikalisch wie inhaltlich.

Ich werde im Folgenden einige wenige Worte über die musikalischen Qualitäten des Albums verlieren und anschließend deutlich mehr Worte einer Nachzeichnung des inhaltlichen Konzepts des Albums und der in ihm erzählten Geschichte widmen. Auf diesem Wege nähere ich mich dann – hoffentlich – einem Fazit, das dem Album zumindest ansatzweise gerecht wird. Wir werden sehen. Zunächst:

DIE MUSIK:

In musikalischer Hinsicht präsentieren Defeater auf ihrem inzwischen dritten Full-Length-Release melodischen Hardcore von hoher Intensität, der wohldosiert Alternative-Rock- und Folk-Elemente integriert und der sehr reflektiert Dynamik und Instrumentierung einsetzt, um für das, was textlich dargestellt wird, auf musikalischer Ebene eine hochemotionale bis hochaggressive Entsprechung zu schaffen. Den eigentlichen Brückenschlag zwischen Form (Musik) und Inhalt bildet dabei die Stimme Derek Archambaults, die traditionelle Hardcore-Facetten ebenso virtuos einzusetzen versteht wie fragile, verletzliche Timbres, und die nicht nur den Lyrics Melodie, sondern auch – stimmlich, nicht sprachlich – dem Thema des Albums Ausdruck verleiht.

Das Ergebnis ist noch schonungsloser, noch eindringlicher, schmerzhafter, verzweifelter, zugleich kälter und düsterer als „Empty Days & Sleepless Nights“ und spendet keinerlei Trost. Am Ende bleibt nicht einmal eine Hoffnung. Die Songs sind kompakt, dicht, schnörkellos und stilistisch ganz in den Dienst der erzählten Geschichte gestellt, die in zehn Feldpostbriefen („Letters Home“) aus den Jahren 1943-1945 dokumentiert, wie der Krieg einen jungen Menschen desillusioniert, von sich selbst entfremdet und psychisch zerstört. Die zehn Songs stellen dabei zehn Momentaufnahmen in dieser Entwicklung dar, in umgekehrt chronologischer Anordnung (vom jüngsten Brief zum ältesten), beginnend mit der Erfahrung „All I see is the bastard in me“ im Angesicht des Verlusts des verehrten Bruders (Track 10) bis hin zur Transformation der eigenen Zerrüttung zunächst in Selbst- und schließlich in äußere Aggression nach der Rückkehr in die Heimat („All you see is the bastard in me“, Track 1).

Hat man sich einmal auf das Thema des Albums und die Texte der Songs eingelassen, die im Booklet handschriftlich im Stile von Feldpostbriefen abgebildet sind, lässt sich die Scheibe kaum mehr ohne Schwermut hören: Der musikalische Ausdruck gewinnt durch die Erzählung Sinn, während sich zugleich die Ästhetik der musikalischen Form als symbolisch für die behandelten Themen – Krieg, Hoffnungslosigkeit, Selbstentfremdung, Desillusionierung, Gewalt und Selbsthass – erweist. Eine Trennung von Inhalt und Form und entsprechend ein sich nur an der Musik erfreuendes Erleben des Albums ist dann kaum mehr möglich.

DIE VERBINDUNG VON MUSIK UND TEXT:

Die Sprache der Texte ist nüchtern, hart, direkt, schonungslos; die Darbietung ist grandios und packend (primär durch die Gesangsleistung Derek Archambaults, sekundär aber auch durch das Fundament, das seine Mitmusiker schaffen und das ihm erst den nötigen Raum zum Ausspielen seiner verschiedenen Timbres und stimmlichen Facetten bietet). Alle Musiker – inklusive des Sängers trotz seines markanten Organs – agieren dabei stets songdienlich und fokussiert auf das Thema, wodurch die musikalische Darbietung (und das ist eine Kunst!) den Zugang zum Thema nicht durch kapriziöse Selbstbezogenheit verstellt, sondern vielmehr befördert.

DIE ERZÄHLUNG:

Im Folgenden zeichne ich in enger Orientierung an den Lyrics die Erzählung nach, die uns „Letters Home“ präsentiert. Wohlgemerkt: Die Erzählung erschließt sich rückwärts. Der erste Track des Albums („Bastards“) erzählt uns folglich den Abschluss der Geschichte, der letzte Track („Bled Out“) deren Beginn – wobei verschiedene Bezüge in den Texten über den Beginn der erzählten Handlung hinaus in eine noch weitere Vergangenheit und Vorgeschichte verweisen:

Im ersten Brief (Track 10 „Bled Out“), datiert auf den 11. März 1943, wendet sich unser Protagonist erstmals an seine namenlose Adressatin, bei der es sich, wie wir im weiteren Verlauf der Briefe noch erfahren werden, um die Ehefrau und Mutter seiner beiden Söhne handelt und die zumindest sporadisch auch selbst Briefe an die Front schickt, die uns (als Hörern/Lesern) aber vorenthalten werden. Zu hören bzw. lesen bekommen wir lediglich die „Letters Home“ unseres Protagonisten, der sich – wie wir ebenfalls später noch erfahren werden, offenbar freiwillig – für den Kriegseinsatz im Pazifik gemeldet hat. Der Bruder des Protagonisten ist vor Kurzem bei den Kriegshandlungen ums Leben gekommen:

I feel the cold hand of death is creeping. He took my brother to the ocean floor.

… wofür der Protagonist sich selbst die Schuld gibt:

I’d give my life for his. What could I have done differently? Bled out?

Der Verlust des Bruders und die Ferne von der Heimat – in der, wie wir in Andeutungen erfahren, Protagonist und Ehefrau auch nicht gerade in unkomplizierten Verhältnissen gelebt haben (You’ve got your needle, I’ve got my demons) – stürzt den Schreiber in ein Gefühl von Entwurzelung und Ohnmacht:

I am no one, and I am nothing. I feel the distance. (…) And all I see is the bastard in me. And all I see is the bastard in me. And all I see is the bastard in me.

Im zweiten Brief (Track 9 „Rabbit Foot“), datiert auf den 10. April 1943, wird die Desillusionierung durch den Verlust des geliebten Bruders explizit adressiert; Trost sucht der Protagonist im Alkohol – ob erst neuerdings oder schon länger (s. der vage Verweis auf „my demons“ im ersten Brief), bleibt offen:

Dear hope, I lost you, found solace in a bottle now hat I’m my mother’s only son  (…) now you sleep n the iron blue pacific.

Im dritten Brief (Track 9 „No Savior“), datiert auf den 16. Juni 1943, erfahren wir, dass der Bruder großes Vorbild für den Protagonisten war; wegen ihm hat er sich für den Kriegsdienst gemeldet:

He was the reason I joined up, the man that I’ll never be.

Nach der Hoffnung hat der Protagonist auch jegliche Zuversicht verloren:

Gave away my faith when I gave my brother a coffin. (…)
Your god forgot about us, he’s just a thief & a cheat.
Let me be damned!

Zum Zeitpunkt des vierten Briefes (Track 8 „Dead Set“) vom 18. September 1943 geht es unserem namenloser Schreiber nur noch ums nackte Überleben – jeden Tag aufs Neue:

I’ve got this hope in my chest I’ll see one more sunrise. (…)
The only friends I count as mine are those who would die to save your life.

Und nach wie vor die Verzweiflung über den Verlust des Bruders:

I’ve got my brother’s good luck around my neck every night.

Der Gedanke an die Familie in der Heimat verhindert die völlige Selbstaufgabe:

I’ve got these words that I write so if I don’t make it home they’ll know they were always on my mind.

Der fünfte Brief (Track 7 „No Faith“), datiert auf den 23. Juni 1944, thematisiert die Grausamkeit des Krieges, mit der der Protagonist offensichtlich alltäglich konfrontiert ist, die er aber – ganz typisch für Feldpostbriefe – nur verklausuliert anspricht:

I’m a man of no faith but I am familiar with hell. (…)
It can be seen on every kid scared to death, they wear the pain on their face. (…)
We march on into snow, into rain, our trenches, our fox holes and our early graves.

Sofern die Datierungen der Briefe einen realen historischen Bezugspunkt haben, könnte es sich dabei um die Schlacht um die Marianeninseln (15. Juni bis 10. August 1944) handeln. Dazu würde auch passen, dass – siehe sechster Brief – unser Schreiber im sechsten Brief (Track 8 „No Relief“) vom 19. August 1944 den Kriegseinsatz offenbar hinter sich hat und sich kurz vor der Verschiffung zurück in die Heimat befindet:

How did I make it out alive? I lose the same sleep every night.

Der ständigen Ungewissheit zwischen Leben und Tod entronnen, deutet sich aber bereits an, dass nach allem, was er im Krieg durchgemacht hat, der Protagonist den Krieg nun in seinem eigenen Inneren trägt; eine „Rückkehr in ein „naives“, unbelastetes Leben wird kaum möglich sein. Die entsprechende Passage wird im Song nicht von Derek Archambault (der den Protagonisten verkörpert), sondern von Gast-Vokalist George Hirsch (Blacklisted) dargeboten:

 A wise man once told me there will be no relief, we will never be free  the horrible things & the pain that we’ve seen. And the same man has told me „no matter where we may roam you forgot what you know of that life you once lived, because your home ain’t never home.“

Im siebten Brief (Track 4 „Blood In My Veins“) vom 4. Oktober 1944 nähert sich unser Schreiber der heimatlichen Küste – doch er ahnt immer deutlicher, dass er zwischen Krieg und altem Leben zerrissen bleiben wird:

Can you hear those birds sing? Means we’re closer to shore. Means we’re closer to home, further from love & war, further from what made sense, what we were born to do.

Zudem hat unser Protagonist in der Zwischenzeit aus Briefen seiner Ehefrau erfahren, dass das, was ihn im Krieg am Leben gehalten hat – der Gedanke daran, in sein früheres Zuhause und Leben zurückzukehren – für ihn verloren ist:

Because every lover had lied when they said we’d be fine, when they said in good faith they would sleep alone every night. Hope to come home in one piece with our boys by our side. Now we’re ragged & torn like the flags that we fly, like the ones we lay down on a coffin. (…)
I want to sink to the depths with the letters you write.

Im achten Brief (Track 3 „Hopeless Again“) vom 9. März 1945 ist unser Protagonist zuhause angekommen – und fühlt sich desillusioniert, verlassen, als ein Fremder, dem nichts mehr bleibt als der Griff zur Flasche und Verzweiflung:

I’m giving into my vices, bottle in hand (…) I ain’t been sleeping much nights with my girl sleeping all over town. (…)
In the front lines I watched as good men died – I left a piece of me in foreign country side. In my own home, I’m a stranger now. (…)
I was a husband once, lies built on losing ground.

Der neunte und zehnte Brief sind an den beiden unmittelbar darauf folgenden Tagen verfasst. Der neunte Brief (Track 2 „No Shame“) vom 10. März 1945 beschreibt die Katastrophe, die sich in der Nacht seit dem letzten Brief ereignet hat und die sich offenbar schon länger abzeichnete: Der Protagonist hat seinen inneren Krieg nach außen getragen, um mit Gewalt die Verhältnisse wiederherzustellen, die ihm verloren gegangen sind:

Another day when the sun ain’t shining. Another night with the bottle I drown in. Still hoping. Still waiting. (…) Still holding on to my dreams (…) to pull you off of this hell you’ve been living in with the needle. (…)

I walk the same way home each night to find that back-alley pusher & take his life. (…)
I ain’t ashamed of wat I’ve done (…) The river bed holds the blood & the knife. (…) The man who laid with my wife lays at the bottom of that river where the sun never shines.

Im zehnten Brief (Track 1 „Bastards), datiert auf den 11. März 1944 und offenbar wieder adressiert an die namenlose Ehefrau („I hope this finds you well“), nimmt alles dann ein noch böseres Ende: Verklausuliert erfahren wir, dass unser Schreiber seiner Ehefrau begegnet und auch gegen sie gewalttätig geworden ist:

 A hard lesson learned: learned it well. How to lose every thing, how to push you away, how to lie when I say I will never raise a hand to the ones I love ever again. (…)
You begged + you prayed for your god & his grace to save you from me. (…)

 Angedeutet wird auch, dass sie schwanger war –

the weight you carried inside (…)

– und zwar nicht von ihm –

a weight that ain’t my bloodline (…)

– und dass sie – aufgrund oder in der Folge der tätlichen Auseinandersetzung – dieses Kind („the weight you carried inside“, man beachte das Tempus) verloren hat.

 Der erste Song – und damit die gesamte Erzählung – endet mit der Zeile „and all you see is the bastard in me, womit sich die Brücke schlägt zum „All I see is the bastard in me“ aus dem letzten Song (dem ersten Teil der Erzählung). Die Betonung auf „in me“ kontrastiert dabei implizit mit dem fremden Kind, das (aus Sicht des Protagonisten) ebenfalls ein „bastard“ ist. Die Schlusszeile könnte entsprechend erweitert werden zu:

And all you see is the bastard in me – while you had been carrying a bastard in yourself.

FAZIT:

„Letters Home“ ist ein starkes und packendes Album mit kontinuierlichen Gänsehautmomenten, dessen Erzählung, die bitter, brutal und ernüchternd ist und die keinerlei Hoffnung auf eine positive Wendung andeutet, stets droht, das Hörvergnügen schmerzhaft zu überlagern. Das Album gewinnt dadurch – und durch die musikalische Umsetzung, die die Erzählung kongenial verstärkt – eine ungeheure Intensität. Das Ganze ist wahrlich nichts fürs Nebenbeihören oder zum beschwingten Mitträllern. Lässt man sich aber auf die Synthese von Inhalt und Musik ein, erlebt man ein enorm starkes, eindringliches, unter die Haut gehendes und auch poetisches Stück Musik. Dass das Album einen insgesamt trotzdem nicht runterzieht, ist erstaunlich. Hier zeigt sich die große Kunst des Storytellings: Das Erzählte ist zwar bitter, schrecklich und grausam – trotzdem bleibt stets klar, dass es sich nur um eine Geschichte aus Zeiten handelt, die wir Wohlstandskinder glücklicherweise nicht selbst durchleben mussten. Dadurch, dass das Album über die volle Länge, in jeder Note und in jedem Stück Lyrics diese Distanz wahrt und deutlich macht, läuft es an keiner noch so kleinsten Stelle Gefahr, ins Stereotyp-Melancholische oder gar in den „Emo“-Bereich abzudriften.

„Letters Home“ ist ein hartes Album – ein Album, das in seinen besten Momenten beim Zuhören beinahe physisch schmerzt.

Trotz aller stilistischen Eigenständigkeit der Band (s. eingangs) bleibt und atmet das Album damit Hardcore – im wahrsten und ursprünglichsten Sinne des Wortes.

Ein Kommentar

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