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Legacy #91: Fallujah, Blackberry Smoke, Inanimate Existence, Pillory, Omnihility, The Black Dahlia Murder

Legacy #91Sommerloch geht anders: Der Juni war wieder LEGACY-Monat. Sollte der Sommer sonst nichts zu bieten haben, trägt einen die 290-seitige Ausgabe #91 bei wohldosierter Lektüre locker bis in den heißen Herbst. Beigetragen habe ich zum neuen Heft Reviews und Beiträge zu den folgenden Bands und Releases:

[1] Unter dem Titel „Bluest, soult, gospelt und rockt“ habe ich dem hierzulande noch als Geheimtipp gehandelten, in den USA aber längst auf Chartpositionen rangierenden Southern-Rock/Blues/Gospel/Country-Quintett BLACKBERRY SMOKE aus Georgia auf den Zahn gefühlt. Fans von Bob Seger, Lynyrd Skynyrd, den Black Crowes, den Rolling Stones, The Allman Brothers oder The Free sollten unbedingt ein Ohr riskieren; und auch, wer vom jüngsten Springsteen-Output enttäuscht ist, hat gute Chancen, aus dero Album „The Whippoorwill“ Trost und neuen Lebensmut zu schöpfen. Trotz „klassischer“ Vorbilder wirken BLACKBERRY SMOKE dabei niemals antiquiert; sie in die Retro-Ecke einzuordnen, wird ihrem Schaffen nicht gerecht. Hier wird nicht Gestriges wiederbelebt, sondern unverkrampft an ungebrochene Traditionen angeknüpft und diese in zeitgemäßem Gewand weitergeführt. Die Scheibe habe ich mit 13 von 15 Punkten rezensiert, im Interview äußern sich die fünf Bandmitglieder zu ihren stilistischen Wurzeln, zum Songwriting und zum Aufnahmeprozess.

[2] BLACKBERRY SMOKEs „The Whippoorwill“ ist fraglos ein klasse Album – mein persönliches Highlight des Monats hört aber auf den Namen „The Flesh Prevails“ und kommt von den US-Prog-Deathern FALLUJAH. Hier treffen Atheist auf Dream Theater, Deafheaven auf Pink Floyd, Cynic auf Portishead – aber nicht in Form anstrengenden „Musik-für-Musiker“-Gefrickels, sondern als ungemein stimmig wie stimmungsvoll arrangiertes, die Fühler weit in Richtung Progressive Metal ausstreckendes Stil- und Melodienfüllhorn. Die Fundamente bilden technischer und melodischer Death Metal; wer aber in so vielen musikalischen Welten zuhause ist wie FALLUJAH, der kann aus allen Welten das Beste schöpfen und daraus einen einzigartigen Breitwandfilm fürs innere Auge erschaffen. Ich habe lange überlegt, ob ich das Album mit 15 Punkten bewerten soll; dass es letztlich nur 14 wurden, ist eher dem Zaudern vor der Höchstpunktzahl als rationalen Erwägungen geschuldet. Im Interview spreche ich mit der Band unter der Überschrift „Goldene Zeiten“ darüber, wie man künstlerische Grenzen aufspürt und sprengt, auf den ersten Blick Unvereinbares zusammenbringt und sich kreativ immer wieder neu herausfordert. Angst vor künstlerischer Stagnation hat Alex Hofmann für die Zukunft nicht. Es gibt ja noch so viel zu entdecken…

[3] Progressiven Death Metal mit einigen Überraschungen bieten auch die Kalifornier INANIMATE EXISTENCE auf ihrem Zweitwerk „A Never-Ending Cycle Of Atonement“. Technischer Death Metal trifft hier auf smoothe Fusion-Parts und Instrumentierungen mit Flöte, Bongo und Harfe (!). Während FALLUJAH Genregrenzen sprengen, bleiben INANIMATE EXISTENCE klar im Tech Death verortet, erweitern diesen aber von innen heraus durch das Spiel mit ungewöhnlichen Klangfarben und durch die Integration von Jazz-Elementen. Ein ebenfalls beachtliches Album, lediglich die Vocals sind auf Dauer etwas eintönig. Das aber ist Jammern auf hohem Niveau. Es wird spannend sein, die weitere Entwicklung dieser Band im Auge zu behalten. Für das Album, gab es von mir 11 Punkte, im Interview habe ich mich mit der Band unter dem Titel „Das Ohr ist der Weg“ u.a. darüber unterhalten, was Songschreiben und Goldschürfen geminsam haben, welchen Einfluss Musiker wie Al Di Meola auf das Album hatten und welche übergreifende Rahmenhandlung die einzelnen Songs verbindet.

[4] Gäbe es einen Studiengang „Angewandter Death Metal“, so klänge ein Einser-Referat im Diplomandenseminar möglicherweise genau so wie das Album „Deathscapes Of The Subconscious“ von OMNIHILITY – nämlich nach einer enorm ambitionierten Umsetzung einschlägiger Lektionen aus dem Kanon des Faches, ausgeführt durch Personen, die mit profunder Sachkenntnis und ungeheurem Fleiß zu Werke gehen. In den besten Momenten gelingt es dabei, auch eigene Akzente zu setzen; für das nächste (dann dritte) Release sollte man aber ins Auge fassen, mehr stilistische Eigenständigkeit zu wagen, um sich deutlicher von der Masse an genrerelevanten Veröffentlichungen abzuheben. Fürs Album gabs 10 Punkte. Im Interview „Die for Metal? Live for Metal!“ gewährt die Band einen Blick hinter die Kulissen des Albums und gibt Auskunft über ihre nächsten Pläne, über Brückenschläge zur klassischen Musik und über die Metalszene in ihrer Heimat Oregon.

[5] Wem der Weg zur Schönheit nicht über zweispurig ausgebaute Auffahrtsstraßen, sondern über komplexe, vertrackte, eigenaktiv zu erarbeitende Pfade führt, der sollte sich mit dem Namen PILLORY anfreunden. Die Stücke auf „Evolutionary Miscarriage“ kommen klug ausgetüftelt daher und laden ein zur (Wieder-)Entdeckung des analytischen Gehörs. Statt fetter Groovewalze regieren an Jazz angelehnte Strukturen, über denen die einzelnen Instrumente mit mal mehr, mal weniger ausgeprägten Freiheitsgraden operieren. Hat man sich einmal in den Klangkosmos von PILLORY vorgetastet, funktionieren die Songs hervorragend als Sudoku für das intellektuell anspruchsvolle Synapsenkollektiv. Dafür satte 11 Punkte.

[6] Zu guter Letzt liefere ich in #91 die Review der neuen DVD „Fool ‚Em All“ von THE BLACK DAHLIA MURDER nach. Im letzten Heft habe ich zwar mit Band-Mastermind Trevor Strnad bereits über den Doppel-Silberling gesprochen, gesehen hatte ich ihn mangels Promocopy allerdings noch nicht. Das wurde nun nachgeholt – und zwar mit großem Genuss: Das Opus wartet mit einer 78-minütigen Tourdokumentation sowie 58 Minuten Liveaufnahmen aus dem Jahr 2013 auf. Die Konzertaufnahmen sind sauber produziert, ansprechend gefilmt und taugen hervorragend zum Headbangen vor dem heimischen Fernseher. In der Tourdokumentation präsentiert sich die Band inklusive Roadcrew hinter, neben und abseits der Bühne, gerne auch im Tourbus und bevorzugt in ausgelassenem Zustand, als Spaß- und Grasguerilla, die dem alltäglichen Wahnsinn des Tourlebens vor allem eines entgegensetzt: Jux und Dollerei bis zum Umfallen. Insgesamt ein gelungenes wie anarchisches Porträt einer grundsympathischen Band, das ohne aufgesetzte Dramaturgie auskommt und gerade dadurch besticht.

Für Heft #92 (Erscheinungstermin: 16. September) rezensiere ich u.a. die neuen Alben von MASTODON, EARTH, BEYOND CREATION, EARTHSHIP und ONKEL TOM, das auf FDA Rekotz neu aufgelegte erste Demo der brasilianischen Death-Threasher (oder Thrash-Deather?) von CONSIDERED DEAD sowie die zum 25. Bandjubiläum wiederveröffentlichte legendäre Ein-Track-EP „I“ von MESHUGGAH. Daneben interviewe ich Tom Angetripper (zum neuen ONKEL-TOM-Album, zu den nächsten Plänen von SODOM und zur Metalszene im Allgemeinenm), DESERTED FEAR (Studiobericht zum angekündigten, derzeit noch namenlosen zweiten Album, ergänzt um ein ausführliches, online erscheinendes Interview), DECAPITATED (zum neuen Album „Blood Mantra“) und CONSIDERED DEAD. Zum Ausnahmestatus von MASTODON müssen (auch wenn das neue Album die Klassiker der Band nicht unbedingt toppt) keine Worte mehr verloren werden. Wer auf Prog/Tech-Death der Marke DESCEND und INANIMATE EXISTENCE, gerne auch frühe CYNIC und DEATH, steht, der darf, kann und sollte sich schon jetzt das Album „Earthborn Evolution“ der Kanadier BEYOND CREATION auf dem Einkaufszettel vormerken. Unbedingt!

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Gigantisch: Descend, Wither (Inverse Records, 2014)

Descend, WitherAlle paar Monate einmal kommt es vor, dass man auf ein Album stößt, das einen direkt hellauf begeistert und dessen Faszination auch nach vielfachem Wiederhören ungebrochen bleibt. Im vergangenen Jahr ging mir das so mit THE OCEANs „Pelagial“ sowie vor wenigen Wochen mit OPETHs „Heritage“, das ich leider erst sehr verspätet ernsthaft zur Kenntnis genommen habe und von dem ich inzwischen nicht mehr lassen kann. Bisweilen wünscht man sich, die Frequenz solcher „Erweckungserlebnisse“ (denn mit nichts anderem lässt sich der Eindruck beschreiben) wäre höher und man komme viel häufiger in den Genuss solcher außergewöhnlicher Entdeckungen. Jeder Mensch, der zumindest halbwegs für Musik zu brennen versteht, wird diese Erfahrung teilen. Und dann ist es aber auch wieder gerade richtig, dass man nur alle Jubelmonate einmal auf Alben stößt, die einem selbst zu persönlichen Klassikern werden – denn käme dies regelmäßiger vor, würde es erwartbar, und wäre es erwartbar, hätten wir ein Schema dafür. Und haben wir einmal ein Schema für etwas, ordnen wir es mit anderen Dingen zusammen, und wenn wir das tun, können wir das Einzigartige des Einzelexemplars schon rein kognitiv gar nicht mehr angemessen fassen.

Es lebe also das seltene Glück des Entdeckens, welches gerade dadurch zum hohen Gut wird, weil es rar gesät ist und einem bisweilen lange Durststrecken aufbürdet. Umso mehr betrachte ich mich als vom Glück begünstigt, der ich im November zum dritten Mal in diesem Jahr mit einer gar außergewöhnlichen Platte zusammengeführt wurde (Hat sie mich gefunden – oder ich sie? Wer weiß…). Die Rede ist von „Wither“, dem zweiten Album der schwedischen Progressive-Death-Metaller DESCEND, das am 24. Januar 2014 (zufälliger- oder auch bezeichnenderweise meinem Geburtstag) erscheinen wird und das ich fürs LEGACY bereits vorab in Ohrenschein nehmen und reviewen durfte. Inzwischen habe ich die Scheibe nicht nur mit 15 von 15 Punkten bewertet (s. LEGACY #88), sondern sie auch deutlich mehr als zwanzigmal durchgehört, von vorne bis hinten und von hinten bis vorn, kreuz und quer, selektiv, konzentriert-analytisch wie auch intuitiv-ertastend, dann wieder konventionell von vorne nach hinten – und immer noch kann ich keinerlei Schwachstelle, sondern ausnahmslos Faszination entdecken. Wenngleich das Album den Verfall programmatisch im Titel trägt – die Songs darauf haben in der Vielzahl der Erkundungen, die ich an und mit ihnen durchgeführt habe, kein bisschen an Eindringlichkeit verloren.

Der Sound von „Wither“ ruht auf einem (melodischen) Death-Metal-Fundament, das Elemente aus unterschiedlichen musikalischen Traditionen (Doom, Folk, Progrock, Fusion Jazz) organisch integriert. Dennoch wirkt das Werk zu keiner Sekunde verkopft und lassen die Songs dem Zuhörer Raum zum Denken, zum Atmen und zu eigener Erkundung. Anstatt der Standardstimmung verwendet die Band eine offene DADGAD-Gitarrenstimmung, die ursprünglich aus dem Folk-Bereich kommt, die zeitweilig aber auch von Jimmy Page verwendet wurde. Zentrales stilistisches Merkmal ist die Kontrastierung von Death-Metal-Parts mit Passagen von zurückgenommener, vielfach akustischer, Instrumentierung. Vereinzelt gibt es auch jazzige Parts, die in Richtung CYNIC verweisen. Auch OPETH dürfen als Referenz nicht unerwähnt bleiben, wenngleich DESCEND ohne Klargesang auskommen. Nichts anderes als gigantisch sind die Momente, in denen aus Düsternis und Verzweiflung plötzlich eine getragene epische Gitarrenmelodie hervorbricht und von Licht kündet, wo Dunkelheit herrscht. Dabei agieren DESCEND zu keiner Zeit egozentrisch oder mit Bombast – ganz im Gegenteil: Über die volle Distanz ist die Performance erstaunlich unprätentiös, unegozentrisch; die Musiker – allesamt fraglos technisch exzellent – nehmen sich wie selbstverständlich zugunsten des Gesamteindrucks zurück, so dass die Songs auf eine natürliche Weise für sich zu stehen scheinen anstatt nur die Band zu präsentieren.

Man ist gut beraten, sich den Namen DESCEND nachhaltig einzuprägen: „Wither“ ist ein in jeder Hinsicht makelloses, perfekt arrangiertes und süchtig machendes Klangkunstwerk von hoher suggestiver Kraft. Das Album hat das Zeug zu einem Meilenstein auf dem Feld der progressiven Extremmusik – und auch darüber hinaus. Entsprechend wünsche ich dieser (bislang noch wenig bekannten) Band, dass ihr für diese Leistung derjenige Erfolg zuteil wird, den sie verdient hat.

Spread the word … und kauft euch diese Platte!

Zum Weiterlesen: Mein Interview mit DESCEND auf der LEGACY-Website

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Was WAR und IST und WIRD: ein Blick zurück voraus (Rückblick 2013)

2013Was bleibt hängen aus einem Jahr mal mehr, mal weniger konzentrierter Beobachtung der gitarrenorientierten Musikszene? Welche Alben oder Songs, die einen direkt nach Erscheinen umgehauen haben, erweisen sich auch auf längere Sicht als langlebig, welche Veröffentlichungen hat man unterschätzt, was ist – wissentlich oder unwissentlich – an einem vorbeigegangen und welche Releases entpuppten sich subjektiv betrachtet als Strohfeuer mit zunächst großem Initialeffekt, aber letztlich doch eher kurzer Halbwertszeit?

Mein persönliches Album des Jahres ist ohne Zweifel „Pelagial“ von THE OCEAN. Auch DEFEATERs „Letters Home“, dessen Erscheinen ich sehr entgegengefiebert hatte, rangiert weit oben in meiner Alben-für-die-Insel-Liste für das Jahr 2013. Da ich mich zu beiden Releases bereits ausführlich hier und hier geäußert habe, will ich sie nicht erneut in derjenigen epischen Breite zelebrieren, die ihnen zweifelsohne zusteht, sondern mich an dieser Stelle denjenigen Alben zuwenden, zu denen ich über die Monate immer wieder mal „unbedingt noch was schreiben wollte“, die in diesem Blog dann aber doch – unverdientermaßen und meistens aus Zeitgründen – unberücksichtigt geblieben sind. Alben, die im vergangenen Jahr bereits mit eigenen Blog-Einträgen gewürdigt wurden (BOMBUS, MOTÖRHEAD, TWILIGHT OF THE GODS, PHIL ANSELMO, ONSLAUGHT, WOUND, BLACK TUSK, ORCHID, SODOM; siehe Übersicht), werde ich dabei nicht erneut aufführen.

2013 war das Jahr einiger sensationeller Comebacks. Da ist zum einen CARCASS‘ „Surgical Steel“ mit Übersongs wie „A Congleated Clot of Blood“, „The Granulating Dark Satanic Mills“ und „Mount of Extinction“ oder dem 80er-Relikt „Thrasher’s Abbatoir“. Auch wenn sich das Album eher an der „Necroticism“/“Heartwork“-Phase der Band orientiert und damit möglicherweise den einen oder anderen Fan der grindigen Frühphase enttäuscht hat, beweisen CARCASS, dass es auch 2013 kaum eine andere Band in ihrem Genre gibt, die groovenden Death Metal derart locker aus der Hüfte ballert wie die Liverpooler Genre-Pioniere. Zu Recht wurde das Album in der Metalpresse vielfach zum Album oder Comeback-Album des Jahres ausgerufen – und es steht zu hoffen, dass mit CARCASS auch künftig zu rechnen sein wird, nicht nur auf den Bühnen, sondern auch weiterhin in den Studios dieser Welt.

Als ähnlich souverän und über jede Kritik erhaben muss das Monument „13“ gelten, das BLACK SABBATH anno 2013 in Beinahe-Originalbesetzung abgeliefert haben und von dem ich mir im Vorfeld nicht einmal ansatzweise diejenige Klasse erträumt hatte, die es dann tatsächlich vorlegte. Tatsächlich hatte ich dem Sabbath-Comeback sogar schon lange vor Veröffentlichung jedwede Relevanz abgesprochen und mir das Album daher auch gar nicht direkt am Erscheinungstag besorgt – sondern erst drei oder vier Wochen später, und auch dann eher halbherzig denn aus echter Überzeugung (vermutlich einfach nur deshalb, weil ich als Fan der „alten“ Sabbath dann doch ein schlechtes Gewissen hatte, dieses Werk unbeachtet zu lassen). Umso schmerzhafter traf mich dann die Erkenntnis, dass ich mir mit meiner frevelhaften Ignoranz volle drei bis vier Wochen selbstverschuldete Nicht-Erleuchtung eingehandelt hatte: Die Herren Iommi, Butler & Osbourne versuchen sich erst gar nicht an einem stilistischen Querschnitt durch alle ihre gemeinsamen Klassiker, sondern knüpfen vielmehr sehr fokussiert an die eigene Frühphase an – nicht nur mit dem Outro, das eben jenes Regen-Sample verwendet, mit dem weiland 1970 das selbstbetitelte Album-Debüt sowie dessen selbstbetitelter Opener eingeleitet wurde (und das entsprechend zum Ausklang des neuen Albums für einen ordentlichen Gänsehauteffekt sorgt). Auf „13“ regiert das Midtempo, und einmal mehr beweist Riffgott Tony Iommi, ähnlich wie bereits auf dem 2009 unter dem Bandnamen HEAVEN & HELL mit Ronnie James Dio eingespielten Sabbath-Mark-II-Comeback „The Devil You Know“ souveränstmöglich, dass Heaviness alles andere als eine Sache der Geschwindigkeit ist. Brecher wie „End of the Beginning“ oder „God Is Dead?“ überraschen beim ersten Hören durch ihren gemächlich anmutenden Aufbau, fräsen sich dann aber mit einer derartigen Wucht und Hartnäckigkeit ins Hirn, dass sie dort auch Monate später noch ihr Unwesen treiben. Ein Paukenschlag, der seinesgleichen sucht – und entweder ein würdiger Abschluss für das bis dato unabgeschlossene Mark-I-Kapitel der Band oder eben auch ein neuer Anfang; die Liedzeile „Is this the end of the beginning / or the beginning of the end“ mag diesbezüglich als Cliffhanger gelesen werden und macht gespannt, ob hier noch etwas nachkommt (dann möglicherweise sogar mit Bill Ward an den Drums?).

Mit einem dicken Ausrufezeichen in den Veröffentlichungslisten für 2013 zu versehen sind darüber hinaus eine Reihe weiterer Alben – allen voran das unglaubliche selbstbetitelte Album der US-Prog-Thrasher REVOCATION, das über die volle Distanz von zehn eigenen Songs und einem Metallica-Cover mustergültig demonstriert, dass hochambitionierter technischer Anspruch kein bisschen zu Lasten der Songdienlichkeit gehen muss. Was das Trio aus Massachusetts hier auf Albumlänge darbietet, ist zum einen aberwitzige Handwerkskunst in Perfektion, zum anderen ein mitreißendes Thrash-/Death-Monster mit einer Fülle an brillanten Ideen, aus denen, wie es Frank Albrecht treffend fürs RockHard beschrieb, „andere Bands eine Diskographie stricken“ würden. Um das glauben zu können, muss man es selbst gehört haben.

Nicht zu vergessen auch das aktuelle Hardcore-Punk-Gewitter „Live By The Code“ mit dem Übersong „I’m Only Stronger“, das TERROR in diesem Jahr auf die Menschheit haben niedergehen lassen: Hier kommt jeder Song wie ein wütender Affront und ist jedes Riff eine musikgewordene Faust in die Fresse. Man mag diese Art Hardcore primitiv finden, man kann es aber auch als „Harte Schule, aufs Essenzielle reduziert“ und damit als minimalistisch(st)en Ausdruck eines rauen, räudigen Street-Punk mit Thrash-Gitarren begreifen. Oder auch einfach nur geil finden.

Nicht zu vergessen weiterhin das ironisch-pseudointellektualistische beziehungsweise sympathisch-versponnene „Nanobots“-Album von THEY MIGHT BE GIANTS, das zwar alles andere als Metal ist, das ich aber einfach nicht unerwähnt lassen kann. Wer schert sich schon um Genregrenzen? Wenn ein Popalbum ein derartiges Ideen-, Melodien- und Absurde-Pointen-Feuerwerk abbrennt wie dieses, dann ist mir herzlich egal, in welcher musikalischen Tradition es steht. Nicht umsonst lasse ich mir mit dem Untertitel dieses Blogs „Metal … and more ein Hintertürchen offen, meinen Senf quer durch die Bank und über Genregrenzen hinweg zu allem dazuzugeben, das mir würdig erscheint, aus der jährlich anwachsenden Masse der Releases herausgehoben und für zumindest einen Blogeintrag auf ein Podest gestellt und sorgsamer Musterung unterzogen zu werden.^^ Und weiter: AUGUST BURNS REDs „Rescue & Restore“, das ich erstmalig konzentriert auf einer langen Autofahrt durch Frankreich hörte und das mich direkt umgehauen hat. Ist Metalcore bis auf wenige Ausnahmen (die bislang auf Namen wie PARKWAY DRIVE und KILLSWITCH ENGAGE hörten) ansonsten eher nicht so mein Ding, hat mich dieses Album davon überzeugt, dass es auch im Metalcore (noch) herausragende und richtungsweisende Vertreter gibt, die sich durch Originalität und sogar eine gewisse Progressivität von der Masse der Übrigen abheben. Möglicherweise fällt mir das aber nur deshalb so sehr auf, weil für mich die breite Masse der Genrebands im Metalcore-Sektor einfach allzu austauschbar klingt und mir das Genre insgesamt als stilistisch viel zu eng gesteckt erscheint, als dass darin noch Originelles zu tun wäre. Wie auch immer: AUGUST BURNS RED hätten mit ihrer neuen Scheibe auf jeden Fall einen eigenen Blogeintrag verdient gehabt. Vielleicht später einmal.

Als eine weitere Sternstunde des Muskjahres ist darüber hinaus das außergewöhnliche, sich einer stereotypen Schubladisierung entziehende und ungemein suggestive „Sunbather“ von DEAFHEAVEN zu nennen. Das Album vertont die Glückseligkeit, sich durch geschlossene Augenlider dem Gleißen der Sonne hinzugeben. Um diese Erfahrung so eindringlich als möglich nachvollziehbar zu machen, wird unter Verwendung von Black-Metal-Patterns ein Effekt erzeugt, der maximales Eintauchen ermöglicht. Selten war Sonnenbaden derart intensiv. Fantastisch.

Fantastisch auch: STEVEN WILSONs Prog-Meisterwerk „The Raven That Refused To Sing“, das Doppelalbum „Opposites“ von BIFFY CLYRO, das beweist, dass klug komponierter Progressive Rock durchaus pop- und radiokompatibel sein kann („Different People“ war in diesem Jahr einer der großen Ohrwürmer, die mich nicht mehr losgelassen haben), „The Headless Ritual“ von AUTOPSY, auf dem sich die Death-Urgesteine altersgereift mit einem ihrer besten Outputs ever präsentieren (göttlich darauf u.a.: „She Is a Funeral“), sowie „One Of Us Is The Killer“ von THE DILLINGER ESCAPE PLAN, in dem Extremmetall und Pop-Appeal kongenial zum Wahnsinn mit Methode fusioniert werden. Waren die Dillingers mit ihrem ADHS-Metal früher bisweilen über längere Distanz dann doch etwas anstrengend, haben sie inzwischen zu einer beunruhigend perfekten Balance zwischen Irrsinn und Selbstkontrolle gefunden, bei welcher die Songs gerade durch ihre Eingängigkeit noch zusätzliche Energie gewinnen. Das hat gleichermaßen Wucht und Wirkung.

Äußerst druckvoll ausgefallen ist auch das Livedokument „Dying Alive“ zum 2012er Tourabschluss von KREATOR in der Oberhausener Turbinenhalle: eine erstklassige, interessant gefilmte Produktion, die zeigt, wie man trotz der Konkurrenz durch YouTube-Amateurvideos auch heute noch ein Konzert filmisch so in Szene kann, dass die Atmosphäre einer KREATOR-Show (beinahe) so konserviert wird, als sei man dabeigewesen. Natürlich ist das „echte“ Live-Feeling durch nichts zu toppen; als jemand, der beim Gig in Oberhausen vor Ort und im Getümmel war, hat mich der Film trotzdem begeistert. Sympathisch war auch die zugehörige Filmpremiere im August in der Essener Lichtburg – mit der kompletten Band und Teilen der Crew sowie anschließender Frage- und Autogrammstunde.

Zu Jahresende hat mich dann noch die neue DEICIDE „In The Minds Of Evil“ weggeblasen. Zwar ist die Platte als Ganze auf Dauer etwas monoton, das Teil groovt aber wie Sau und stellt das letzte Release der Gotteslästerer aus Florida noch einmal locker in den Schatten. Zusammen mit CARCASS und AUTOPSY belegen DEICIDE eindrücklich, dass diejenigen Bands, die sich Ende der 80er/Anfang der 90er aufmachten, tonnenschwere Pflöcke in das unerforschte Terrain des noch jungen Genres einzurammen, auch heutzutage bei der Definition von Death Metal noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben. Daneben haben in 2013 erneut verschiedene junge Bands gezeigt, dass die Orientierung an Old-School-Trademarks im Death Metal keineswegs zu einer nur rückwärtsgerichteten (und damit stilistisch stagnierenden) Entwicklung führen muss: Bands wie ATOMWINTER („Atomic Death Metal“) oder die bereits an anderer Stelle besprochenen WOUND („Inhale The Void“) halten klassische Tugenden höchst eindrucksvoll am Leben und zeigen damit, wie zeitlos der von den Genrepionieren (DISMEMBER, MERCILESS, NIHILIST, frühe ENTOMBED, frühe DEATH, MASSACRE sowie den oben erwähnten, noch oder wieder aktiven „Klassikern“) geprägte Stil auch heute noch funktioniert. Überhaupt war Death Metal auch 2013 wieder eines der spannendsten Genres mit vielen frischen Bands, die sich zwischen „klassischen“ Strukturen und modernen Sounds eigene Positionen erarbeiten und damit das Genre nicht nur am Leben halten, sondern auch – evo-, nicht revolutionär – weiterentwickeln.

Wie in jedem Jahr wurde 2013 (leider) auch in der Musikszene (wieder) gestorben. Besonders hart in diesem Jahr (für mich) der Tod von Lou Reed (siehe Nachruf) sowie (für die gesamte Metal-Szene) der Verlust von Jeff Hanneman. Tatsächlich stammen, wie ich mich noch einmal vergewissert habe, die allermeisten meiner SLAYER-Favourites aus der Feder von Jeff. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie ein neues SLAYER-Album klingen mag, auf dem Hanneman nicht am Songwriting beteiligt ist, lasse mich aber gerne überraschen. So unersetzlich der Hanneman-Pol im bisherigen künstlerischen Prozess von SLAYER auch war (und bleiben wird), so sehr sei es natürlich auch dieser Band – wie auch anderen vor ihnen – zugestanden, trotz des Todes eines zentralen Bandmitglieds weiterzumachen und – hoffentlich – wieder zu irgendeiner Art von Form zu finden (nicht nur live, sondern auch auf Tonträger). Neu erfinden werden sie sich dabei sicherlich nicht, denn alle Neu-Erfindung wäre nicht mehr SLAYER. Man wird im nächsten Jahr zu beobachten haben, wie die Band damit umgeht, trotz Verlusts von 50% ihrer Kernbesetzung (Lombardo wurde kurz vor Hannemans Tod von Kerry King gegangen) den Status quo zu erhalten. Kaum eine andere Band (außer MOTÖRHEAD natürlich) genießt quer durch alle Metal-Genres einen derartigen Kult-Status und eine derartige Szene-Credibility. Damit umzugehen wird für die Herren King und Araya sicherlich ein heikles Geschäft.

Worauf freue ich mich in 2014?

Zunächst darauf, dass das Jahr so weitergeht wie es beginnt: Als sporadischer Rezensent für das LEGACY-Magazin hatte ich bereits das Vergnügen, die kommenden Releases von DESCEND, MUSTASCH und CYNIC, die im Januar und Februar erscheinen werden, ausgiebig durchzuhören. Auch wenn das Jahr noch lang ist und genau besehen noch nicht einmal begonnen hat, muss ich DESCENDs „Wither“ schon jetzt als ersten Kandidaten für mein persönliches Album des Jahres in 2014 vormerken. Auch MUSTASCH werden mit „Thank You For The Demon“ nicht enttäuschen, und das neue CYNIC-Album „Kindly Bent To Free Us“ geht konsequent den Weg weiter, den die Herren Masdival und Reinert mit ihrer 2012er EP „Carbon-Based Anatomy“ eingeschlagen haben. Entsprechend wird auch dieses Album (wieder) polarisieren; für Fans, die bereit sind, die Entwicklug der Band seit „Focus“ (1993) mitzugehen (zu denen ich mich selbst zähle), handelt es sich fraglos um ein starkes Album. Mehr dazu in meiner Review für die März-Ausgabe des LEGACY.

Mehr als gespannt bin ich darüber hinaus auf die kommenden Alben von MASTODON, OVERKILL und LEGION OF THE DAMNED, auf die kürzlich von Jimmy Page in einem Interview angekündigten Re-Releases sämtlicher LED-ZEPPELIN-Alben mit zusätzlichem, unveröffentlichten Material sowie – sofern beide noch Wirklichkeit werden – auf die inzwischen mehrfach angekündigten und verschobenen Scheiben von ENTOMBED und SLAYER. Sowie auf all diejenigen Releases, von deren Existenz ich bislang noch überhaupt nichts weiß und die ich im Laufe des Jahres zu entdecken plane. Denn das Entdecken ist es doch, das die Musikszene insbesondere für Metal-Afficionados so spannend macht und spannend hält: Nicht anders als Alexander von Humboldt im 19. Jahrhundert vor den unerforschten Gebieten der Welt seiner Zeit stehen wir jedes Jahr im Dezember vor den weißen Flecken auf der musikalischen Landkarte des kommenden Jahres – hoffend, auch in den nächsten zwölf Monaten wieder ausgiebig finden, staunen und unseren Horizont erweitern zu dürfen. ;-)

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Legacy #88: Descend, Magenta Harvest, Mustasch u.a.

Legacy #88Mit der heute erscheinenden Ausgabe #88 des Legacy-Magazins begehe ich meinen Einstand als Legacy-Autor. Für #88 habe ich die folgenden Alben und Bands unter die Lupe genommen:

[1] Review: DESCEND „Wither“ (Inverse Records): Ein Meilenstein der progressiven Extremmusik und mein persönliches Album des Monats. (15/15 Punkte; Veröffentlichung: 24. Januar 2014).

[2] Artikel: DESCEND: Hintergrund-Interview zum neuen Album und zur Band; eine erweiterte Fassung des Artikels ist online auf http://www.legacy.de abrufbar.

[3] Review: MAGENTA HARVEST, „Volatile Waters“ (Inverse Records): Vielversprechendes Debüt der finnischen Melodic-Death-Debütanten, das enorm groovt und Laune macht. (12/15 Punkte; Veröffentlichung: 10. Januar 2014).

[4] Artikel: MAGENTA HARVEST: Interview mit Details zur Band sowie zum Songwriting und zu den Lyrics von „Volatile Waters“; eine erweiterte Fassung des Artikels ist online auf http://www.legacy.de abrufbar.

[5] Review: MUSTASCH „Thank You For The Demon“ (Gain Music/Sony): Das neue Album der schwedischen Heavyrocker – das mit der grandiosen Single „Feared and Hated“ bereits seit November seinen lautstarken Schatten vorauswirft. Mustasch-Fans (und solche, die es noch werden wollen) können hier bedenkenlos zugreifen. (11/15 Punkte; Veröffentlichung: 15. Januar 2014).

[6] Review: THE VELVET UNDERGROUND, „White Light / White Heat – 45th Anniversary Edition“ (Universal/Polydor/Verve): Eines der ganz großen Pionier- und Referenzwerke für Punk, Noise, Drone und extreme Musik schlechthin – zum 45-jährigen Jubiläum neu aufgelegt mit tonnenweise Bonusmaterial. Heute wie damals unverzichtbar. (Keine Punktwertung, da Klassiker; Veröffentlichung: 6. Dezember 2013).

[7] Review: RE-ARMED, „Rottendam“ (Eternal Sound/NMD): Eigentwilliger Titel, wenig überzeugende und in punkto Originalität & Songwriting auch nicht mehr als durchschnittliche Mixtur aus Groove, Thrash und Death Metal mit ein paar bemüht-progressiven Einsprengseln. Nichts, was im Ohr bleibt oder das man unbedingt haben müsste. (7/15 Punkte; Veröffentlichung: 21. Januar 2014).

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