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Mixtape-Dilemma, oder: Die Leiche lebt!

Death MetalEin Freund hat mich gebeten, eine Mix-CD mit einem Querschnitt durch das Genre Death Metal für ihn zu erstellen. Selbst auferlegt habe ich mir – leichtfertig, wie ich inzwischen feststellen muss!! –, die CD bis zum Carcass-Konzert am 7.11. in Oberhausen fertigzustellen.

Nachdem ich zunächst und eher nebenher bottom-up mit der intuitiven Zuordnung von Songs aus meiner digitalen Musiktruhe zu einer Brennliste begonnen habe, stellt sich mir mit zunehmendem Hin- und Herverschieben von Titeln immer wieder neu die Frage, was sich eigentlich auf der anvisierten Audio-CD unterbringen lässt und was auf ihr untergebracht werden sollte – und damit die Frage danach, welche Funktion eine Mix-CD, der die Eigenschaft der Begrenztheit auf ca. 70 Minuten Spieldauer physikalisch inhärent ist, eigentlich primär , was sie ganz grundsätzlich dokumentieren soll und welche Konsequenzen dies für die Formulierung und Gewichtung von Auswahlkriterien in Hinblick auf die Songzusammenstellung hat.

Natürlich könnte ich einfach irgendeine Auswahl vornehmen, etwa nach dem Kriterium „Ich gebe mir jetzt exakt 15 Minuten Zeit, um eine CD zusammenzustellen“ … und dann die Kugel). Der Vorteil eines solchen Vorgehens läge darin, intellektuelle Reflexionen über das Genre als solches sowie ein allzu langwieriges selbstkritisches Hinterfragen des subjektiven Auswahlverhaltens durch eine hart gesetzte Deadline zu unterbinden. Heraus käme ein stark subjektiv gefärbter Spontanquerschnitt durch das, was ich intuitiv dem Genre zurechne; auf der anderen Seite bliebe höchstwahrscheinlich vieles außen vor, was mir in eben jenen 15 Minuten zufälligerweise gerade nicht in den Sinn kommt, das mir bei einer Ausdehnung der Deadline auf 20, 30, 40 Minuten oder in einem anderen 15-Minuten-Zeitraum an einem anderen Tag und mit anderer Tagesform aber möglicherweise durchaus und sehr zentral eingefallen wäre.

Wäre ich mit einer solchen Auswahl aber auch morgen noch zufrieden? Spiegelte sie den Kern dessen wieder, was Death Metal eigentlich ist? Oder, um das Problem vom großen Ganzen ins kleinteilige Partikuläre zu verlagern: Kein Song repräsentiert für sich allein das gesamte Genre – und jeder Song ist anders. Wenn also schon ein Song keinen idealtypischen Eindruck vom Genre vermitteln kann, wie sollen es dann 12 oder maximal 15 unterschiedliche Songs tun (von denen jeder einzelne ja wiederum das Genre alleine bestensfalls ausschnitthaft und damit unzureichend charakterisiert)?

Die Herausforderung liegt darin, bei der Songauswahl zwar Vielfalt zuzulassen, zugleich aber nicht Vielfalt um jeden Preis anzustreben. Unternähme man Letzteres, liefe man Gefahr, nur die eher untypischen Extreme des Genres zu dokumentieren und somit den Kern, das Verbindende der Akteure im Genre unterzurepräsentieren. Zugleich waren aber gerade die extremen Randbereiche des Genres (beispielsweise die Grenzgänger zwischen Death Metal und Jazz, zwischen Death Metal und Grindcore, zwischen Death Metal und Ambient/Drone) diejenigen Bereiche, aus denen immer wieder Innovationen in den Kern des Genres zurückwirkten, die das Genre in einigermaßen regelmäßigen Abständen neu belebten oder die durch den Brückenschlag zu anderen musikalischen Ausdrucksformen und die Integration „fremder“ künstlerischer Mittel das, was das Genre im Kern ausmacht, zumindest indirekt stärkten und neu definierten.

Was gehört also auf eine Mix-CD, die einerseits – strukturell betrachtet – die stilistische Bandbreite des Genres, andererseits – genetisch betrachtet – in mindestens gleichem Maße auch die Entwicklung des Genres von dessen Pionierzeiten („Underground“) bis hin zu seiner heutigen Ausprägung umfasst? Wer die „Klassiker“ und – aus heutiger Sicht – die kanonisierten Säulenheiligen des Genres sind, ist schnell entschieden. Welche Ausschnitte aus dem Schaffen der Klassiker (wenn man nicht gerade – wie z.B. MASSACRE – nur eine einzige Scheibe veröffentlicht hat) aber als repräsentativ in eine Querschnitts-Compilation aufgenommen werden sollten, ist eine ganz andere Frage:

  • Ist beispielsweise DEATHs Crystal Mountain noch prototypischer US-Death-Metal oder bereits zu progressiv? Wären Open Casket, Pull the Plug oder gar Zombie Ritual nicht die viel bessere (und auch unter genetischer Perspektive sinnvollere) Wahl, auch wenn man damit der beachtlichen Entwicklung im Schaffen Chuck Schuldiners (sicherlich auch aus dessen eigener Sicht, ruhe er in Frieden) nur bedingt gerecht würde?
  • Sollte man von einer „klassischen“ Band wie GRAVE, die auch mit ihren gegenwärtigen Outputs noch sehr überzeugende Vertreter der Zunft abgeben, eher ein stilprägendes Frühwerk in die Auswahl aufnehmen – oder darf’s auch Disembodied Steps von dero letzten Output aus 2012 sein, das zwar nicht mehr jung und hungrig, dafür aber mit einem über die Jahre gereiften Groove daherkommt, der trotz der derzeitigen Schwemme junger, sich an eben jenem, von Grave mitgeprägten Sound orientierenden Bands seinesgleichen sucht?
  • Wäre es – nicht nur von der Produktion her – den anderen Klassikern in der Auswahl gegenüber unangemessen, AUTOPSY mit dem grandiosen She Is a Funeral aus ihrem 2013er Album zu berücksichtigen, das die gesamte Entwicklung des Doomdeath-Subgenres verinnerlicht und reflektiert hat (was den Frühwerken noch nicht möglich war)?
  • Darf in einer Auswahl, die anstrebt, jede ausgewählte Band mit nur jeweils einem Song zu berücksichtigen, neben einem Stück von ENTOMBED auch ein Stück von NIHILIST (also Entombed minus Johnny Hedlund) vertrteten sein, deren Demos den prototypischen Stockholm-Sound noch ursprünglicher, roher und unbehauener zur Geltung brachten als die nur unwesentlich späteren Album-Outputs der Erstgenannten, die dann einen zentralen Beitrag zur Explosion des Gernes in Nordeuropa leisteten?

Derolei Fragen aber noch nicht genug! Ganz unabhängig von der Frage der Auswahl einzelner Songs aus dem Oeuvre einzelner Klassiker ergeben sich weitere Komplikationen hinsichtlich der Frage nach der übergreifenden Signifikanz jüngerer Releases, nach der Auswahl von Songs in Abhängigkeit zur Funktion der Kompilation und nicht zuletzt hinsichtlich der Relevanz von Bands aus angrenzenden Genres:

  • Hat eine (neue) Band wie SKELETAL REMAINS, denen es in einzelnen Songs gelingt, den 90er-Jahre-US-Death-Metal direkter auf den Punkt bringen als manche der klassischen Florida-Bands (die z.T. eher im Albumformat, denn in Einzelsongs prototypisch für das Genre sind, das sie schufen), etwas in einer strukturell wie auch historisch begründbaren Auswahl wie der hier angestrebten zu suchen oder eher doch nicht?
  • Was ist generell mit der „New Wave of Death Metal“, die sich in den letzten Jahren abzeichnet und die solch vielversprechende Debüts wie jene von z.B. DESERTED FEAR (2012), KAOTIK (2012) oder WOUND (2013) hervorgebracht hat?
  • Bei der Auswahl einzelner Songs aus dem Schaffen einzelner Bands mehr Wert auf Eingängigkeit gelegt werden – oder darf eine technische Death-Metal-Band ruhig sehr technischen Stück vertreten sein? Ich denke hier an die Frage, wie man Bands wie MORBID ANGEL, NILE, CANNIBAL CORPSE, ATHEIST oder SUFFOCATION – beziehungsweise auf dieser Seite des Ozeans: SPAWN OF POSSESSION oder DECAPITATED – am besten zugäglich macht für Ohren, die mit der Spielart des „Technical Death Metal“ noch nicht oder nur bedingt vertraut sind.
  • Wo genau grenzt man Death Metal von Nachbargenres ab, wo wir doch wissen, dass Genregrenzen eher vage sind und bei genauerer Betrachtung eine Abstraktion darstellen, um deren Existenz sich die meisten der ernstzunehmenden Bands ohnehin kaum scheren? (Vergleiche die immer mal wieder wiederholte Aussage von Jeff Walker/CARCASS, seine Band spiele, wenn überhaupt ein bestimmtes Genre, dann „Heavy Metal“ beziehungsweise „Carcass-Musik“) Gehören beispielsweise bestimmte Alben von NAPALM DEATH zum Death Metal oder wäre diese Band für eine Songauswahl zum Thema „Was ist Death Metal?“ – obwohl sie fraglos nicht wenige innovative Impulse in den Kernbereich gerade auch des Death Metal eingebracht hat – dann doch zu randständig? Und überhaupt: Stilprägend für das Genre, gerade in der Anfangszeit, waren ja auch ganz zentral die frühen Thrash-Bands, auch wenn sich einige Todesmetaller in Statements z.T. sehr dezidiert von deren Stil absetzten; in der Pionierphase etwa des schwedischen Death Metal lässt sich die schrittweise Emanzipation aus dem Thrash sehr gut nachvollziehen (siehe z.B. die 3-CD-Kompilation zur Genregeschichte von Daniel Ekeroth).

… und, UND, und, und, und

Es ist und bleibt schwierig. Wer am Ende dieses Blogeintrags eine Art Fazit oder gar Lösung erwartet hat, muss (systematisch) enttäuscht werden. Vermutlich sollte man nur Mixtapes oder -CDs zu Genres zusammenstellen, in denen man nicht so sehr, sondern eher nur als Gelegenheitshörer sich heimisch fühlt. Persönlich ziehe ich als Fazit: Ich werde diese Aufgabe zuende bringen – und zwar zu einem Ende, mit dem ich hoffentlich werde leben können. Danach werde ich mich am Besten nie wieder daran versuchen, ein Death-Metal-Mixtape zusammenzustellen. Bestätigt hat mich das beschriebene Unterfangen aber einmal mehr in Folgendem: Das Genre lebt und ist auch nach inzwischen mehr als einem Vierteljahrhundert lebendig und dynamisch. Genau das ist es ja, was mir bei der Herstellung einer vernünftigen Songauswahl zum Dilemma gereicht. ;-)

In dieserlei Sinne: Die Leiche lebt! – Beziehungsweise (im genretypisch gewendeten Wortsinn:) Operation gelückt: Patient tot. :D


( Diskussionsthread zum Mixtape-Dilemma im RockHard-Forum )

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Black Tusk, Tend No Wounds (Relapse, 2013)

blacktuskVorab: Schön, dass mit Black Tusk eine weitere Band das EP-Format für eine zeitgemäße Demonstration ihrer Kunst nutzen. In Zeiten digitaler Song-by-Song-Downloads, in denen Full-Length-Alben nur dann Sinn machen, wen man tatsächlich auf Albumlänge etwas mitzuteilen hat, bietet die EP ein interessantes Format, um kompakt – aber deutlich über Single-Länge – einen Eindruck vom aktuellen Entwicklungsstand des eigenen künstlerischen Schaffens oder einfach nur eine Momentaufnahme dessen zu bieten, wozu man gerade Lust hatte.

Und davon bieten Black Tusk auf „Tend No Wounds“ eine ganze Menge: Die Scheibe ist kompakt, ist schnörkellos, klingt wie aus einem Guss und – bis auf das unerwartete Cello-Intro zu „The Weak and the Wise“ – nach der Methode „Jungs, kommt rüber, ich habe Bier da, lasst uns ein paar Songs jammen und aufnehmen, hallodaseidihrjaschon, ab in die Garage, Stecker rein und los!“ erarbeitet. Die Scheibe ist eine Midtempo-Groovewalze, die fast gänzlich – naja, gänzlich – auf Schnörkel oder sonstige virtuose Kapriolen verzichtet, dafür mit einem Gitarrensound aufwartet, der direkt aus dem Sumpf geschöpft ist, der schwül, schlammig, schweren Kopfes, mit schweißnassem Shirt und sechzehn Tequilas zu viel im Hirn gegen drückende Hitze und träge Moskitoschwärme ansägt – „swamp metal“, wie es die Band selbst einmal genannt hat. Die Kompositionen klingen durchweg nach Jam und – dies für alle, die hier Musik für den verkopften Informationszeitaltergenossen von heute erwarten – alles andere als „Ich setz mich jetzt mal an mein Klavier oder meine Akustische und denk mir ein paar feine, durchdachte Liedchen mit dazugehörigen Präludien, Bridges und Tempowechseln aus, notiere diese feinsäuberlich im Partitursatz auf büttengeschöpftem Notenpapier, entlocke dazu dann noch in einer inspirierten Stunde bei Kerzenschein meinem komplizierten Gehirn ein paar wohltemperierte Zeilen, möglicherweise gar ein Sonett, – dann nehme ich dazu ein Demo auf, und am Ende arrangier ich das mit den anderen hochgradig komplexen Jungs zu einem trefflichen Stück Tonkunst, das auf verschiedenen Bewusstseins- und Strukturebenen unerschöplich aufs Neue zu Interpretationen und Deutungen einlädt!“.

Das alles gibt es bei Black Tusk nicht. Dafür: ein Bekenntnis dazu, dass man andere auch dadurch glücklich machen kann, indem man ihnen eine simple Struktur in gemächlicher Gelassenheit, aber mit der größtmöglichen Wucht und Selbstverständlichkeit in die Gehirne hämmert. Das Ausreizen einfachster Riffs gepaart mit zum Maximum aufgedrehter Distortion erreicht in einigen Passagen der Scheibe nahezu Drone-Qualitäten, wird dabei aber nie abgehoben, sondern bleibt stets auf ein aufs Notwendigste reduziertes Rock- und Hardcore-Fundament zementiert. Hier gibt es nichts, aber auch gar nichts (also rieng! nada!), was auch nur im Ansatz als „progressiv“ (miss-)interpretiert werden könnte; nicht einmal am Rande lassen Black Tusk irgendwelche songwriterisch kühnen Ambitionen erkennen. Ihre sporadischen Tourkollegen von Red Fang haben das Trio aus Savannah mal als „echte Road Dogs“ bezeichnet – und genau das ist es, was die EP „Tend No Wounds“ so geil macht: ihre Ungestümheit, ihre Unmittelbarkeit, das Erdige und vollständig Anti-Artifizielle, das Ganze vorgetragen mit einer derart relaxten Attitüde, wie sie sich vermutlich nur nach vier Wochen im Minivan on the road mit nur einer einzigen Dusche (am Anfang) und maximal zwei Shirts, dafür einigen hundert Dosen Bier im Gepäck erwerben lässt. Entsprechend lassen die Songs auf „Tend No Wounds“ vollgestopfte, winzige, verschwitzte Clubkeller assoziieren, in denen Band und ergebenes Publikum interaktiv subtropisches Klima und hemmungsloses Ausrasten zelebrieren.

  • Anspieltipp: alles (Einen Komplett-Stream der EP gibt es hier).
  • Zum Einstieg ins Oeuvre: alles (inklusive der Vorgängeralben „Set the Dial“ und „Taste the Sin“).
  • Wenn’s mal ganz schnell gehen muss: Der letzte Track der EP, „In Days of Woe“, der einen guten Eindruck vom Gesamtbild vermittelt und der bereits vorab im Netz veröffentlicht wurde (hier beziehungsweise hier).

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The Ocean, Pelagial (Metal Blade, 2013)

ocean-pelagialEines vorweg: In dieser Annäherung an das neue Album von The Ocean – das selbst eine Annäherung zum Thema hat – wird es zunächst einmal über weite Strecken überhaupt nicht um die Musik gehen. Oder vielleicht doch um Musik – aber nicht so sehr darum, wie das Album klingt, als darum, was das Album musikalisch beschreibt und in welcher Tradition des künstlerischen Zugriffs auf die außermusikalische „Wirklichkeit“ die Band mit diesem ihrem Anspruch steht. Der Vollständigkeit halber – und um den Erwartungen an eine Musik-Rezension gerecht zu werden – werde ich am Ende aber auch noch den Versuch einer stilistischen Einordnung vornehmen und Bezugs- und Vergleichspunkte zu anderen Künstlern und Werken im weiten Feld des Rock/Metal aufzeigen, und damit werde ich selbstverständlich scheitern, denn jeder Versuch der Einordnung, „Schubladisierung“ und somit Homogenisierung muss bei einem Werk, das als Konzeptkunst angelegt ist und seine musikalischen und stilistischen Mittel der Angemessenheit zum Konzept unterordnet, zwangsläufig fehlschlagen. Aber auch das Fehlgehen stilistischer Beschreibung vermag viel über ein Werk auszusagen (sozusagen ex negativo), und entsprechend wird auch das programmierte Scheitern am Ende dieses kurzen Versuchs über Pelagial nicht ganz sinnlos sein.

Klar: Es lässt sich immer sagen „Hör dir die Platte doch einfach an, wenn du wissen willst, wie sie klingt und was sie auszeichnet“ – und letztlich darum geht es ja beim kritisch-würdigenden Schreiben über Musik. Dennoch hat auch der Versuch der intellektuellen Erschließung dessen, was ein Werk im Kern ausmacht (also die Herausforderung, seine Quintessenz in ein anderes, nicht-musikalisches Medium mit klaren Beschränkungen – die Sprache – zu übertragen), einen eigenen Wert. Zumindest, wenn es darum geht, den Eindruck vom Werk intersubjektiv fassbar und kommunizierbar zu machen. (Wem es bereits an dieser Stelle zu abgedreht zugeht, der möge hier einfach aussteigen. Denn:)

Pelagial ist große Konzeptkunst. Etwas, das man analytisch ganz anders angehen muss als die neuen Alben von Sodom und Orchid, über die ich meine letzten beiden Betrachtungen verfasst habe (und die ebenfalls „Knaller“ sind, aber eben in einem gänzlich anderen Feld).

Pelagial ist eine einzige lange Komposition (Der Begriff „Song“ wird dem Werk nicht gerecht) von 53 Minuten Länge, die musikalisch einen sukzessiven Abstieg von der Wasseroberfläche bis zum Grund der Tiefsee beschreibt: Programmmusik im besten Sinne und vom Impetus her zutiefst romantisch, sofern man Parallelen zur „klassischen“ Musik ziehen und in einer Rezension im Feld „Metal“ zulassen möchte (wobei Genregrenzen bei der Besprechung dieses Werks eher hinderlich als hilfreich sind und schon gar nicht auf den Kern der Sache führen, um den es hier – und den Musikern – geht).

Liszt, Smetana, Mahler assoziiert man als typische Vertreter des Instrumentalmusik-zu-einem-Konzept-Schreibens aus der Romantik, aber auch Camille Saint-Saens (Karneval der Tiere) und Ottorino Respighi mit Römische Brunnen (Fontane di Roma, 1916) und Römische Pinien (Pini di Roma, 1924). Vor allem Letzterer ist mir beim Hören von Pelagial als interessanter Vergleich unmittelbar in den Sinn gekommen – wohlgemerkt: nicht stilistisch (The Ocean machen keine „klassische“ Musik im engeren Sinne, sondern nach wie vor etwas im Schnittbereich und Spannungsfeld aus Postrock, Progressive Rock, Hardcore, Thrash Metal, Sludge, Doom, Drone und Ambient), aber durchaus konzeptuell. Dennoch ist ein Vergleich des Beginns der Fontane di Roma (Hörbeispiel) mit dem Pelagial-Intro „Epipelagic“ (Hörbeispiel) nicht ohne Reiz.

Die Parallele zur Programmmusik klassischer Prägung gewinnt auch dadurch an Schärfe, dass Pelagial ursprünglich als reines Instrumentalwerk konzipiert und sogar bereits aufgenommen war, bevor kurzfristig doch noch eine alternative Version mit Gesang ausgearbeitet wurde. Die Band selbst enthält sich – sehr gut! – der Entscheidung, welche der beiden Versionen die Referenzversion für ihr Konzept darstellen soll und hat einfach beide Versionen auf das Album gepackt. Die weitere Rezeption des Werks wird entscheiden, welche Version sich als die kanonische durchsetzen wird; vermutlich – konventionellen Hörerwartungen geschuldet – wird es diejenige mit Gesangsspur(en) sein, und das ist durchaus zu rechtfertigen, bringt doch der Gesang diverse zusätzliche Facetten ins Spiel, die weit mehr als reine Dreingaben zum instrumental ausgereiften Opus darstellen. Umgekehrt hat die rein instrumentale Version aber ebenfalls ihre Reize und manch feine Facetten, die sich gerade erst bei Nichtvorhandensein des Gesangs erschließen. Eine Präferenz für eine der beiden Versionen macht die andere somit nicht verzichtbar; stattdessen bekommt man zwei alternative Zugänge zum Konzept (Programm), um dessen künstlerische Bearbeitung es Pelagial geht.

Thematisch beschreibt das Album einen Abstieg in die Tiefe. Spätestens seit Frank Schätzings Der Schwarm gehört es zum populären Wissen über die Meere, dass wir über den Weltraum (= die Tiefe über uns) weit mehr wissen als über die Tiefsee (= die Tiefe unter uns). Pelagial nimmt den tiefsten bekannten Punkt der Weltmeere – den Marianengraben – als Punkt maximaler Entgrenzung und beschreibt die Annäherung an diesen Punkt in einem kontinuierlichen Abstieg, der in den lichtdurchfluteten Strömungen knapp unterhalb der Wasseroberfläche beginnt und dann Schritt um Schritt in immer dunklere und ungewissere Bereiche vordringt, in denen das Versiegen des Lichts, der Anstieg des Wasserdrucks sowie das Fehlen gesicherten Wissens darum, was dort eigentlich ist, kongenial in Musik umgesetzt werden.

Als Bezugspunkte für die strukturelle Entfaltung des Themas dienen dabei die verschiedenen Tiefenzonen der offenen See (Pelagial), nach denen das Album benannt ist und zu denen z.B. die Wikipedia eine kompakte Übersicht bietet. In der Komposition sind für das selektive Hören formal elf Anwahlpunkte gesetzt, deren erste neun sich auf die fünf Tiefenzonen beziehen; dennoch handelt es sich insgesamt um eine übergangslose Komposition, in der die Tiefenzonen nicht einzeln abgehandelt werden, sondern fließend ineinander übergehen. Einzelne „Tracks“ herauszugreifen macht dabei ebensowenig Sinn wie die Tracks in einer anderen Reihenfolge zu hören als derjenigen, die der Konzeption des Werks entspricht: Das zentrale Thema ist die kontinuierliche und langsame Abwärtsbewegung hin ins Ungewisse, ewig Dunkle und Unergründliche, in die Zone maximalster Lebensfeindlichkeit im (eigentlich das Leben symbolisierenden) Element Wasser. Die letzten beiden Teile der Komposition (Tracks 10 und 11) beschreiben das endgültige Absinken auf den absoluten Grund (Demersal, Benthal).

Neben seiner thematischen hat Pelagial auch eine philosophisch-ästhetische Dimension: Es leistet einen Beitrag zur Bestätigung des „Sinns“ von künstlerischen Zugriffen auf Themen und auf die Wirklichkeit: Kunst bildet Wirklichkeit nicht ab – Kunst schafft vielmehr Wirklichkeit(en) über Wirklichkeit und macht gerade dadurch Wirklichkeit, die entweder nicht erfahrbar oder ohne Interpretation nicht begreifbar ist (oder beides), erfahrbar im Sinne einer Vorstellung, die erzeugt wird auf dem Wege einer ästhetischen Konstruktion, deren Medium in diesem Fall der musikalische Ausdruck ist: Wie auch immer sich ein Abstieg in die Tiefsee tatsächlich anfühlen mag, das eigentliche Thema des Albums ist das Ungewisse, das Vordringen von der Zone des Lebens hin in die Zone maximaler Lebensfeindlichkeit, die sukzessive Aufgabe von Sicherheit und Orientierung zugunsten eines Übergangs in einen Bereich absoluten Nicht-Wissens, der sich mit keinerlei Begrifflichkeit mehr fassen lässt, die im „Leben oben“ Sinn und Orientierung stiften. Die Reise in die Tiefe ist dabei irreversibel konzipiert: Langsam und kontinuierlich passt sich der Organismus, passen sich die musikalischen Mittel den sich verändernden Licht-, Druck-, Orientierungs-, Wissens- und Erkenntnisverhältnissen an. Das musikalische Ich transformiert, am Ende ist es da, wo es angekommen ist, und nur da noch sinnhaft daseinsfähig. Entsprechend kann man den Abstieg bis auf den Grund auch als eine Entgrenzung lesen, als Transformationsprozess eines Individuums oder Bewusstseins, das sich in seinem Denken, Wahernehmen, Empfinden, vielleicht auch in seiner Morphologie, immer weiter von denjenigen, die in der Zone des Lebens geblieben sind (uns Hörern), entfernt und dessen Berichte, die aus zunehmender Tiefe zu uns empordringen, für uns zunehmend unverständlicher, schwerer fassbar, mysteriöser werden, bis es seine Sprache schließlich gänzlich verliert und das Ende der Komposition erreicht ist, an welchem „es“ – je nach Perspektive – entweder am Ziel seiner Wünsche angekommen ist (Track 11 trägt den Zwischentitel „Benthic: The Origin of our Wishes“) oder aber einen Zustand maximaler Entgrenzung zu seiner Art erreicht hat.

Das Werk lädt zu allerlei Assoziationen ein – und auch zu verschiedenen weiteren Lesarten als denen, die ich hier skizziert habe (und die für eine erste Annäherung an das Werk genügen sollen). Die Texte der Fassung mit Gesang, die von Andrei Tarkowskis Film „Stalker“ (1979) inspiriert sind, habe ich dabei noch gar nicht miteinbezogen, sondern mich auf das Konzept und den musikalischen Ausdruck beschränkt, die für beide Fassungen in gleicher Weise gültig sind.

Zuletzt noch der konventionelle Teil einer Musikrezension: der des programmierten Scheiterns (s.o.), will sagen: des Versuchs einer stilistischen Einordnung des Albums:

Vom Songwriting erinnert Pelagial an die ganz frühen Genesis (Peter-Gabriel-Ära): Das Stück ist lyrisch und durchkomponiert, zu jeder Zeit transparent und verarbeitet eine Fülle an Melodien, Strukturen und Instrumentierungen, ohne eine davon plakativ dominant zu setzen, was dem Ganzen einen zentralen Teil seines Reizes (auch beim wiederholten Hören) verleiht. „Supper’s Ready“ von 1972 mit seinen 23 Minuten Spielzeit gibt eine gute Referenz ab, um die Parallelen zu entdecken. Loïc Rossetti zeigt neben Sludge- und Hardcore-Shouts in diversen Passagen einen hochkonzentrierten, narrativen Klargesang, der mich – zusammen mit den Instrumentierungen, über denen er operiert – stark an das vorgenannte und weitere Stücke der frühen Genesis mit Peter Gabriel erinnert (als Beispiel seien etwa die ersten Takte des zweiten Gesangseinsatzes in „Bathyalpelagic I: Impasses“ oder auch der zunächst instrumentale Part in den Minuten 5 bis 7 von „Hadopelagic I: Let Them Believe“ angeführt).

Das Opus beginnt verspielt, leicht, variantenreich, lichtdurchflutet, beim Eintauchen in die See berstend vor Lust am Spiel mit dem Element Wasser. Mit dem Vordringen in die Tiefe wird das musikalische Fundament dann zunehmend doomiger, sludgiger, fetter, verzerrter, roher, drückender, doch auch hier finden sich immer wieder überraschend lyrische Wendungen. Periphery, Tesseract, Animals as Leaders lassen verschiedentlich stilistisch grüßen, auch frühe Dream Theater oder gar Threshold, das Ganze wirkt aber, wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, erstaunlicherweise nie verkopft, sondern wie aus einem Guss. Die Sterilität und Artifizialität, ja der bisweilen „akademische“ Stil manch anderer Progrock-Acts geht The Ocean völlig ab. Trotz aller Konzipiertheit und Durchdachtheit geht die Hauptstoßrichtung des Dargebotenen trotzdem primär immer auf den Bauch und auf die eher instinktgesteuerten Teile des Bewusstseins – und genau das verleiht dem Werk sein großes suggestives Potenzial. Daneben gibt es unglaublich viel zu entdecken, und ich spreche hier nicht nur von unerwarteten kompositorischen Wendungen und „Tricks“, sondern vor allem auch von musikalischen Überraschungen, die sich aber stets organisch ins Gesamtkonzept fügen.

Ganz besonders hervorzuheben als stilistische Nachbarn und Einflussgeber sind Mastodon, und hier insbesondere deren grandioses Überalbum Crack the Skye von 2009, dessen stilistisches Toolkit bei Pelagial verschiedentlich Pate gestanden hat (exemplarisch hierfür sei „Bathyalpelagic II: The Wish in Dreams“ angeführt). Daneben finden sich aber auch Parallelen zum zweiten Mastodon-Opus Leviathan (2004), das bezeichnenderweise ebenfalls das Element Wasser auf Albumlänge behandelte. Dennoch sind The Ocean natürlich weit davon entfernt, als Mastodon-Kopie durchzugehen – dafür ist ihr Stil viel zu eigenständig. Und das macht sie so verdammt gut.

Fazit:

Pelagial ist für mich das bislang außergewöhnlichste und faszinierendste, auch intellektuell herausforderndste, Album des Jahres 2013 – ein Album, das einem auf höchstem musikalischen Niveau und mit einem überzeugend umgesetzten Gesamtkonzept vor Ohren führt, was das Wort „Hör-Erlebnis bedeuten kann. Dass das Album trotz des komplexen Themas und seiner ungewöhnlichen Struktur in allen Teilen transparent und nachvollziehbar, über weite Teile sogar durchaus eingängig, bleibt, zeugt von der kompositorischen Gereiftheit und Klasse, die hier aufgefahren wird. Hier wird nie der Blick fürs Ganze verloren, an keiner Stelle verlieren sich die Arrangements in reinem Gefrickel. Lässt man sich einmal auf dieses Album ein, braucht es keine mehreren Durchgänge, um sich – wie es häufiger mal in Rezensionen zu Prog-Alben heißt – dessen Reiz und Wert „zu erarbeiten“. Statt dessen zieht dieses Werk unmittelbar in Bann. Dass es bei wiederholtem Wieder-Hören dann immer noch neue Details zu entdecken gibt, ist ganz großes Kino. Trotz im Einzelnen stilistischer Parallelen zum Schaffen manch anderer Prog-Acts legen The Ocean dabei sehr souverän ein ganz eigenes stilistisches Gesamtkonzept vor.

Insofern teile ich voll und ganz die Einschätzung anderer Rezensenten, dass The Ocean mit Pelagial auf Augenhöhe mit Mastodons Crack the Skye angekommen sind, und freue mich auf den gemeinsamen Gig von Mastodon und The Ocean am 31.5.2013 in der Kölner Essigfabrik.

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