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Gold von gestern für den Kanon von morgen: Twilight of the Gods, Fire on the Mountain (Season of Mist, 2013)

Twilight of the GodsRussische Forscher haben kürzlich angekündigt, aus der DNA eines in der Arktis gefundenen Mammuts ein Exemplar dieser vor 10.000 Jahren ausgestorbenen Tierart klonen zu wollen. Na dann mal los, Freunde! In der Zwischenzeit machen wir uns ein paar Gedanken darüber, die Wiederbelebung welcher Spezies sonst noch so von Interesse sein könnte. Der junge David Coverdale wäre ein Beispiel – musikhistorisch betrachtet. Oder Ronnie James Dio, zu Sabbath-, Rainbow- oder „Holy Diver“-Zeiten. Und vielleicht klonen wir die Riffs und die Rhythmusfraktion gleich mit, die gleichermaßen Fundament wie auch verschwenderisch Spielraum bereitstellten, damit Sänger (ach was: Monolithen!) dieses Kalibers am Übergang vom Hardrock zur Ursuppe des frühen Heavy Metal die mannigfachen Facetten ihrer Sangesgabe überhaupt erst voll ausschöpfen und mit großem Gestus und Lust zur adrenalingetriebenen Koloratur frei über Beats, Riffs und Takte dahinschwelgen lassen konnten.

Alan Averill von Twilight of the Gods (aka A.A. Nemtheanga von Primordial) räumt offen ein, niemals ein Dio zu werden. Das macht ihn höchst sympathisch. Noch sympathischer macht ihn die Tatsache, dass die Art und Weise, wie er auf „Fire on the Mountain“ drauflossingt, -shoutet und -phrasiert, zwar in punkto Stimmumfang und Intonation nicht ganz an die Altvorderen heranreichen mag, in punkto Timbre, Vibe und Charme aber unwillkürlich die Sternstunden Coverdales mit Deep Purple oder diese und jene Großtat des jungen Dio assoziieren lässt. So herrlich unprätentiös und authentisch hat seit Astral Doors’ Astralism lange kein Frontmann mehr losgelegt und den Hardrock alter (bzw. den Heavy Metal früher) Schule stimmgewaltig wiederaufleben lassen. Und eigentlich hinkt sogar der Vergleich mit Astral Doors – denn Twilight of the Gods sind den bluesgeschwängerten Wurzeln des Genres viel näher als die Doors, die ihren Sound mit Orgel und vorzugsweise Uptempo anheizen, wo Twilight of the Gods sehr souverän ein Bekenntnis zum getragenen (unteren) Mitdtempo an den Tag legen: Ein gutes Riff ist ein gutes Riff ist ein gutes Riff, und ein exzellenter Song kann auch im unteren Midtempo und mit aufgelockerter Instrumentierung heavy as fuck sein und zünden, wenn nur der Groove ordentlich Feuer macht und der Vokalist die Aura versprüht, Räume, Kuppeln, Kathedralen mit gleicher Selbstverständlichkeit zum Virbrieren bringen zu können wie den kleinen, intimen Club.

Was bietet „Fire on the Mountain“? Sieben erhaben treibende Proto-Metal-Perlen von altem Schrot und Korn, die – gleichsam durch die Zeiten gereist und gereift – aus dem Stand mitzureißen verstehen wie Teile des klassischen Kanons („Holy Diver“, „Burn“, „Long Live Rock’n’Roll“, „Man on the Silver Mountain“, um nur ein paar Referenzen zu zitieren).

Ich habe mir das Album am Erscheinungstag vor einer längeren Autofahrt neben anderen Dingen, auf die ich (eigentlich) ein Ohr werfen wollte, auf den Musik-Stick fürs Auto gepackt. Letztendlich habe ich die gesamten fünfeinhalb Stunden Fahrt nichts anderes gehört als immer wieder diese eine Scheibe – und mit zunehmender Begeisterung den Stau, der meine Fahrt um mindestens zwei Stunden verlängert hat, nicht mehr verflucht, sondern als Segnung begrüßt.

Naja, vielleicht ist das auch ein bisschen dick aufgetragen. Aber um die Klasse dieses Albums zu würdigen, muss man schon dicke Geschütze auffahren. ;-)

P.S.: Wer nicht mit Deep Purple, Dio & Co. sozialisiert wurde, sondern (Die Tragik der späten Geburt) direkt mit „True Metal“ (hust!) sozialisiert wurde, wird diesem Album möglicherweise so nicht viel abgewinnen können. Bei ersteren allerdings sollten die Ohren mindestens Augen (und vielleicht sogar offene Münder) machen.

Anspieltipps: Der Stampfer Sword of Damocles, das fast schon soulige Preacher Man, der Rausschmeißer At Dawn We Ride … ach was: alles!

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Philip H. Anselmo & The Illegals, Walk Through Exits Only (Season of Mist/Soulfood, 2013)

anselmoEndlich mal wieder eine wahrhaft außergewöhnliche Scheibe!

„Walk Through Exits Only“ wird polarisieren – was wesentlich vom Blickwinkel und Zugang zum musikalisch Dargebotenen abhängen dürfte. Erwartet man eine Platte, die direkt eingängig daherkommt wie z.B. ein Großteil (nicht alles) des (zweifelsohne großartigen) Pantera-Backkatalogs, so wird man zweifelsohne rüde enttäuscht: Anselmo bietet nichts an, was sich als eingängige Beschallung für die Thrash-Party oder als Begleitsound fürs Rübeschütteln auf ermüdenden Autofahrten eignet.

Aber: Herr Anselmo hat solches (a) gar nicht nötig und (b) auch überhaupt nicht im Sinn. Bereits das Intro „Music Media is My Whore“ proklamiert, was auf der Scheibe von vorne bis hinten Programm ist, und das ist: „The rise of authentic anti-music“, und zwar in derolei größtmöglich „relentless“ vorexerzierter und auf maximale „distortion“ (gesellschaftlich oder klanglich, oder beides) angelegter Ausgestaltung.

Was uns Anselmo hier präsentiert, ist ein musikalisches Dokument, das nur jemand in dieser Form überzeugend abgeben kann, der verschiedene Traditionslinien – Thrash Metal, Hardcore, klassischen Heavy Metal, Southern Metal -, biographisch wie musikalisch glaubhaft, komplett durchreflektiert, kritisch gewürdigt und mit dem Skalpell auf ihr Wesentliches (Ursprüngliches) reduziert hat, um mit den gewonnenen Quintessenz(en) bar jeglicher genre- und subgenre-spezifischen stilistischen Restriktionen frei als Stilmittel operieren zu können. Das Ergebnis ist konzeptionell mehr Statement denn breitenwirksam angelegtes musikalisches Produkt, stellt aber sehr wohl – und genau deshalb bleibt es in jeder Sekunde Musik und nicht verkopfte Programmkunst – ein primär ästhetisch motiviertes Zeugnis des Ringens mit musikalischen Traditionslinien dar, das gezielt mit Hör- und Strukturerwartungen bricht, dabei aber nie ins Beliebige, Mittelmäßige oder Unentschiedene abdriftet. Im Gegenteil: Das vorgelegte Ergebnis des – man kann es aus den Kompositionen heraushören – sicherlich schwierigen und zermürbenden kreativen Prozesses ist alles andere als unentschieden; in punkto Intensität und Brutalität hängt es sogar diverse neuere Releases im Grindcore-, Hardcore- und Death-Metal-Segment locker ab, ohne auch nur einmal in den Rückspiegel zu blicken.

Das bedeutet aber nicht, dass Anselmo eine Grind- oder Hardcore- oder Death-Metal-Scheibe abgeliefert hat – beileibe nicht: „Walk Through Exits Only“ ist nichts von all dem. „Walk Through Exits Only“ ist sperrig, sperrig, und nochmals sperrig. Eingängigkeit im Sinne von Strukturen, die sich dem mit einem oder mehreren der benannten Genres sozialisierten Ohr unmittelbar erschließen, gibt es nicht. Nicht vordergründig, nicht plakativ. Und dennoch gibt es Strukturen, Aha-Erlebnisse, fiese Ankerhaken, die enormes Suchtpotenzial eröffnen – die sich aber oftmals erst auf den zweiten, dritten, vierten Blick erschließen – und die dann, über Umwege, über Kontrastierungen mit den eigenen Hörgewohnheiten und Genreerfahrungen (Thrash, Death, Sludge, Hardcore, Noise, Industrial, Trip Hop, Drone, Free Jazz) eben doch wieder „eingängig“ werden (können), hängen bleiben, sich eingraben, -fräsen, -hämmern, die einem Brust, Kehle und Synapsen zuschnüren, verknoten, verschweißen, neu verdrahten und in brutalsten Drum-, Gitarren- und Keif-Eruptionen wieder freisprengen.

Sein Konzept stellt Anselmo von vorn herein klar. Messerscharf. Insofern muss die eingangs benannte erste Perspektive auf das Werk notwendigerweise zu Frustrationen führen, da sie die künstlerische Intention eklatant verkennt und folgerichtig einem Missverständnis aufsitzt: „Authentic anti-music“ will alles andere als an konventionelle Hörerwartungen anknüpfen. Und das ist nur konsequent: Jemand mit der künstlerischen Biographie eines Anselmo könnte mit dem Versuch, an eigene frühere Großtaten (Pantera, Down, etc.) stilistisch anzuknüpfen, nur verlieren. Entsprechend ist sein eigener Spielraum mit fortschreitender künstlerischer Biographie mehr und mehr begrenzt, jeder neue Schritt zu 95% ein Schritt in die falsche Richtung. Auf den Schultern von Riesen zu stehen, die man selbst miterrichtet hat, hat schon so manchen in die Jahre gekommenen Künstler zur „lame duck“ verkommen lassen. Nicht so Anselmo: sein Befreiungsschlag ist das Ausbrechen aus dem Erwarteten, Nicht-Erfüllbaren, Konventionellen, hin zu einem gereiften Meta-Werk zum Zustand der Gesellschaft, der Musikindustrie, der eigenen Psyche. „Walk Through Exits Only“ ist pure, destillierte, 100%-ige Aggression, Vernichtung, musikalische wie inhaltliche Dekonstruktion – und das gleichermaßen überzeugend wie wuchtig. Dem gesamten Album unterliegt, trotz seiner vielfältigen (mit ans Sadistische grenzendem Genuss zelebrierten) Brüche und bewusst provozierten Hör-Irritationen, ein hundsgemeiner, rollender, sich ins Hirn fräsender und dort Gift und Galle verspritzender Groove. Über diesem Fundament, das in seinen besten Momenten in apokalyptisches Kriegsgetümmel zu kippen droht, ohne aber den schmalen Grat zum wahllosen Chaos jemals tatsächlich zu überschreiten, thronen erhaben Anselmos Shouts mit einem Grad von Angepisstheit, den man in dieser Qualität und Eindringlichkeit, zugleich auch Verletzlichkeit, von ihm noch nicht gehört hat. Und man hat schon einiges von ihm gehört.

Wie eingangs schon gesagt: Ein wahrhaft außergewöhnliches Album, das schon jetzt einen festen und hohen Platz in meiner persönlichen Bestenliste für 2013 gebucht hat. Ein vergleichbar überzeugend und kohärent eingelöstes Versprechen auf „authentic“ und „relentless“ vorgetragene „anti-music“ wird man mit Sicherheit lange nicht mehr zu hören bekommen. Hut ab, Philip Hansen Anselmo, für dieses unglaubliche Spätwerk!

P.S.: Als Anspieltipp fürs vorsichtige Herantasten sei das vorab als Video ausgekoppelte „Bedridden“ empfohlen, das – sofern man dieses Attribut überhaupt auf „Walk Through Exits Only“ anwenden kann – unter den acht Stücken des Albums noch am ehesten „konventionelle“ Züge aufweist.

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Orchid, The Mouths of Madness (Nuclear Blast, 2013)

Orchid, The Mouths of MadnessWie soll man sich dem neuen Album einer Band nähern, das aufgrund des kürzlich erfolgten Majordeals mit Nuclear Blast zum Erscheinungstermin in den meisten der einschlägigen Rock- und Metalmagazinen mit ganzseitigen Anzeigen beworben wird und das dementsprechend PR-bedingt gegenüber anderen Veröffentlichungen von vornherein einen Medienaufmerksamkeitsbonus einfährt? Kritisch natürlich.

Um es gleich vorwegzunehmen: Bereits vor der neuen Veröffentlichung habe ich mich als einen großen Bewunderer der Band betrachtet – und daran hat sich auch nach intensivem Antesten des neuen Albums „The Mouths of Madness“ nichts geändert – eher im Gegenteil, denn:

(1) Die Band macht auf ihrem neuen Album nicht nur so gut wie alles alles richtig (was im optimalen Falle das Erwartbare gewesen wäre), sondern

(2) versteht es zudem, mit diversen Stücken und Stilelementen durchaus zu überraschen (was nicht zwangsläufig erwartbar gewesen wäre: Es gibt genügend junge Bands, die, gerade nach Abschließen eines Major-Deals, eher auf Nummer sicher gehen würden, um die mühsam erspielte Fangemeinde nicht zu verschrecken).

Orchid gelingt es mit ihrem neuen Album eindrucksvoll, sich von den immer mal wieder kritisch geäußerten Vorwürfen eines Mitschwimmens auf der 70er-Retrowelle ohne eigenständige Stilmerkmale freizuschwimmen. Der Band ist mit „The Mouths of Madness“ ein überzeugendes Statement gelungen, dass sie weit mehr sind (und können) als eine bloße Black-Sabbath-Kopie – wenngleich, und das betont die Band ja gerne selbst häufig in Interviews, die Sabbath der 70er ganz klar und nach wie vor einen (man beachten: „einen“, nicht „den“!) Haupteinfluss ihrer Musik darstellen.

Doch eins nach dem anderen:

Allzu oft werden Orchid auf ihre Bezüge zu frühen Black Sabbath reduziert. Es ist sonnenklar, dass neun von zehn Songs aus den bisherigen Releases „Through the Devil’s Doorway“ (EP, 2009), „Capricorn“ (Album, 2011) und „Heretic“ (EP, 2012) den Geist der 70er-Sabbath-Ära nicht nur atmen, sondern tief inhaliert haben, und dass in jedem dieser Songs Remineszenzen an jeweils zwei oder mehr klassische Sabbath-Nummern anklingen. Diese Band schwimmt – in Ermangelung einer besseren Metapher wähle ich diese – auf einem See großartiger Sabbath-Kompositionen und greift davon ausgehend nach anderen Gewächsen, die an dessen Rändern wuchern. Und das kommt der Sache, um die es geht, wohl am nächsten: Orchid sind eben kein bloßes Plagiat des Originals, sondern eine Art logischer Weiterentwicklung. Oder besser: eine evolutionsgeschichtliche Nebenlinie. Sie knüpfen da an, wo Sabbath so um 1975, maximal 1978 standen, und führen vor, wie ausgehend von diesem Stand in einem Paralleluniversum (das in Orchid dann durchaus real wird) die Sabbath-Geschichte hätte weitergehen können. Dabei – Hier greift die Evolutionsperspektive durchaus! – starten sie zunächst als weitgehend Sabbath-getreue Kopie („Through the Devil’s Doorway“, 2009) und beziehen dann schrittweise und mit Bedacht weitere Elemente mit ein: auf dem Debüt „Capricorn“ (2011) durchaus vorhanden, aber eher noch verhalten, auf dem vorliegenden Zweitling „The Mouths of Madness“ weitaus deutlicher und selbstbewusster. Die Einflüsse beziehen Orchid selbstverständlich komplett aus dem 70er-Universum. Die Melange, die Orchid aus dem Füllhorn dieser Ära schöpfen, kann dabei – und dies ist eines der Hauptverdienste der Band – durchaus als eigenständiges Gebräu gewürdigt werden, das Songwriting und die Produktion ebenfalls: Bei aller soundtechnischer Liebe zum (originalen wie originellen) Detail wirkt die Verarbeitung der 70er an keiner Stelle wie ein Griff in die Mottenkiste, sondern wie eine den Originalen angemessene Transposition in die Gegenwart – mit deutlicher eigener Note.

Randnotiz: Während in bisherigen Analysen zur Band eigentlich immer nur die Sabbath-Bezüge herausgestellt wurden, wird ihr Bezug zu Led Zeppelin hingegen viel zu selten thematisiert. Das neue Album bestätigt mich nicht nur in der Annahme, dass Orchid ihre Einflüsse insgesamt deutlich breiter offenlegen als bisher, sondern auch darin, dass insbesondere der Zeppelin-Einfluss (der ansatzweise auch schon auf „Capricorn“ zu erkennen war) nun z.T. wesentlich klarer zutage tritt. Darüber hinaus geht Theo Mindells Stimme nur noch ansatzweise als authentische Kopie des „Madman“ Ozzy durch und ist jetzt – noch deutlicher als bisher schon – in Äquidistanz zum frühen Ozzy und zu Blackie Lawless zu verorten.

Die Songs auf „The Mouths of Madness“ in der Einzelkritik:

Bereits beim Album-Opener fällt mir auf, dass man für eine angemessene Bewertung der einzelnen Songs und des Albums als Ganzem kaum umhinkommt, detailliert Bezüge zu diesen und jenen Einflüssen herauszuarbeiten. Es ist ein wesentliches Merkmal des Orchid’schen Songwritings, diverse Einflüsse zusammenzubringen und daraus – in den meisten Fällen erfolgreich – etwas Eigenes zu köcheln. Also dann:

  • THE MOUTHS OF MADNESS: Ein erhabener Opener, der die Scheibe würdig eröffnet und gekonnt die Brücke von „Capricorn“ zur Erweiterung des eigenen stilistischen Spektrums schlägt: Dem mächtigen Eingangsriff, das den Refrain vorwegnimmt, folgt eine treibende Strophe mit galoppierendem Beat, der den Gesang vor sich hertreibt (in Richtung Schafott? ;). Freunde von The Devil’s Blood werden an dieser Strophe ihre Freude haben – Orchid-Fans sowieso. Die Band zeigt alle ihre Stärken – insbesondere diejenige, Songs zu schreiben, die sich direkt beim ersten Hören im Ohr verhaken. Die Bridge ab 03:36 bringt ein Jimi-Hendrix-Gedenk-Lick, bevor sie sich mit einer Iommi-Überleitung zum erneuten Gesangseinsatz steigert. Kleines Detail: Das Mini-Lick zwischen dem jeweils ersten und zweiten Durchgang des Hauptriffs (im Intro und in den Refrains) kann man als subtile Remineszenz an Hendrix‘ Crosstown Traffic lesen. Wenn man denn möchte. ;) Auf jeden Fall macht der Song das 70er-Panoptikum schon mal weit auf – inklusive düsterer Psychedelic-Schwaden und allem, was dazugehört. Das Outro bringt einen kleinen, aber nicht weiter vertieften Querverweis auf War Pigs – womit das „Wir können auch Sabbath, aber nicht nur„-Trademark gesetzt ist.
  • MARCHING DOGS OF WAR und SILENT ONE sind die Songs mit den direktesten Sabbath-Bezügen auf der Scheibe: Das treibende Hauptriff von MARCHING DOGS wie auch die Gesangslinie der Strophe erinnern unwillkürlich an Children of the Grave. Auch Capricorn, der starke Titeltrack des Vorgängeralbums, klingt an. Überraschend dann ab 03:15 der bluesige Instrumentalpart mit – wie schon in anderen Rezensionen erwähnt – an den Roadhouse Blues der Doors erinnernder Mundharmonika (N.B.: Auch in Sabbaths The Wizard gab es einen Harmonica-Part). Das Gitarrensolo lässt Led Zeppelin anklingen (Stairway to Heaven, Schlussteil). Das Intro von SILENT ONE zitiert War Pigs wie auch N.I.B., gefolgt von einem typischen Iommi-Riff. Ab 04:52 wird es dann psychedelisch-finster mit schauriger Friedhofsglocke (Das Intro des allerersten Sabbath-Albums lässt grüßen). Der Text behandelt – dazu passend – den Cthulhu-Mythos von Lovecraft.
  • NOMAD: Im Intro lassen Pink Floyd grüßen, das simple Hauptriff könnte auch von Boston stammen, die Gitarrenphrase im Refrain klingt wie Iommi auf dem letzten Heaven-and-Hell-Album „The Devil You Know“. Der schnelle, rock’n’rollige Mittelteil erinnert an die Strophe von Never Say Die. Während bei den übrigen Songs des Albums die verschiedenen stilistischen Einflüsse homogen ineinanderfließen, wirkt dieser Song eher puzzlehaft. Für meinen Geschmack der schwächste Song des Albums.
  • MOUNTAINS OF STEEL: Das Eingangsriff lässt das Intro zu Sabbaths A National Acrobat anklingen. Ein getragener Song im fetten warmen 70er-Sound. Rötliche Abendsonne über dem Highway ins Nirgendwo. Plötzlich taucht auch noch ein Blues-Piano am Straßenrand auf und bringt – wie so oft bei Orchid – eine unerwartete Wendung. Während der erste Teil des Songs gefällig und irgendwie „schön“ vor sich hinwogte, schleicht sich nun in die Indian-Summer-Stimmung eine unterschwellige dramatische Note ein. Der Song markiert die Mitte des Albums – oder eröffnet dessen grandiosen zweiten Teil (je nach Perspektive).
  • LEAVING IT ALL BEHIND: Das Intro mit seinem Flanger-Gitarreneffekt erinnert mich an einen meiner All-time-Led-Zeppelin-Favourites: Night Flight vom gewaltigen „Physical Graffiti“-Doppelalbum. Die Strophe dann hat einen ähnlich stampfenden Unterbau wie When the Levee Breaks, dem monumentalen letzten Song der „Led Zeppelin IV“, darüber flirren Southern-Rock-Gitarren, was einen irren Kontrast zwischen stahlschwerem Groove und Leichtigkeit schafft. Diese Spannung behält der Song über die volle Siebeneinhalbminuten-Distanz bei. Ab Minute 4:30 finden wir eine weitere Remineszenz an den Schlussteil von Stairway to Heaven … und irgendwie wünscht man sich bei diesem Schlussteil als Krönung noch die „uh-uh“s aus Sympathy for the Devil von den Stones hinzu. Letztere bleibt die Band zwar schuldig – der Song ist dennoch grandios. Die einzige Fehlentscheidung ist das Fade-out am Schluss – das überdies viel zu früh kommt. Fade-outs sind – dies finde ich generell – in den allermeisten Fällen verzichtbar bis ärgerlich – sofern sie nicht bewusst als Stilmittel eingesetzt werden (z.B. um das Thema des Songs zu untermauern -> siehe z.B. manche Songs von Bolt Thrower, bei denen die Kriegsmaschinerie halt immer weiter walzt…). Wenn ich mir das überflüssige Fade-out wegdenke, ist dieser Song für mich das große Highlight dieses Albums.
  • LOVING HAND OF GOD: Witzig, wenngleich von der Band sicherlich nicht beabsichtigt (oder etwa doch?): Der Basspart, der den Song dominant durchzieht, erinnert an das großartige Papa was a Rolling Stone von The Temptations und verleiht dem gesamten Song ein souliges Fundament. Die Strophe kann insgesamt als soulig reinterpretierte War Pigs-Variation durchgehen; die Überleitung und der Instrumentalteil ab 03:12 untermauern die War Pigs-Orientierung. Eine coole Nummer, die in den Strophen die in LEAVING IT ALL BEHIND vorgegebene Kontrastierung von Leichtigkeit und Schwere unter anderen stilistischen Vorzeichen wiederaufgreift.
  • WIZARD OF WAR: Dieser Song ist simpel. Dieser Song ist fokussiert, nicht ausladend und verzichtet auf jede überflüssige Note. Er leistet sich im Vergleich zu den beiden im Albumkontext vorangehenden Songs auch keinerlei Schnörkel. Der Song wurde vorab auf EP veröffentlicht und wurde von mir daher vor dem Release des Albums schon etliche Male ausführlich laut gehört. Der Song hat sich dabei nicht im mindesten abgenutzt – im Gegenteil: Er ist einfach ein Kracher, der sich als genau das ausgibt, was er ist: ein knochentrockenes Stück Hardrock, das keine acht Sekunden benötigt, um auf den Punkt zu kommen und bei dem nach 3 Minuten und 18 Sekunden auch alles gesagt ist – in exakt dem Zeitraum, dessen es bedurft hätte, um wirklich alles, aber kein einziges Wort zu wenig oder zu viel zu sagen. Der Song kann als die logische Weiterentwicklung des Openers Into the Sun von der 2009er-EP „Through the Devil’s Doorway“ durchgehen. Und klar: Hier stand – natürlich – auch Paranoid von Black Sabbath Pate. Geschenkt. Geiler Song.
  • SEE YOU ON THE OTHER SIDE: Das Intro klingt, als seien Blue Öyster Cults Don’t Fear the Reaper und die schnellen Parts aus Dazed and Confused von der „Led Zeppelin I“ als Kontrahenten in einen Boxring geworfen worden – sehr geil! Die Licks erinnern an Thin Lizzy und an Led Zeppelin (eher die späteren als die frühen), der Gesang stellenweise an Radar Love von Golden Earring. Überraschend und intensiv ist der Zwischenteil mit Flamenco-Gitarre – der den langsamen, erdigen Parts von Led Zeppelin ähnelt, über denen sich Robert Plant mit bluesigem Timbre frei variierend austobt (vergleiche hier ebenfalls Dazed and Confused sowie Babe I’m Gonna Leave You oder Since I’ve Been Loving You. In struktureller Hinsicht weist der Song Parallelen zu Sabbaths Sabbra Cadabra auf – sowohl was die groovigen Parts anbetrifft als auch hinsichtlich des unerwarteten bluesigen Mittelteils.

FAZIT: See You on the Other Side bildet einen großartigen Abschluss zu einem insgesamt überzeugenden Album, das einerseits von stilistischer Offenheit und, erneut, vom großartigen Songwriting-Potenzial der Band zeugt, das aber zugleich andeutet, dass der Band nicht so ganz klar ist, wo sie auf längere Sicht stilistisch hinwill. Das ist nicht schlimm, sondern Teil einer normalen Entwicklung und macht gespannt auf Weiteres. Insgesamt präsentiert das Album einige Meisterwerke und kaum Durchhänger. Der „ganz große Wurf“ ist es, wie der Rezensent des Metal Hammer feststellte, noch nicht – aber diese Einschätzung hat möglicherweise auch damit zu tun, dass der Band – u.a. aufgrund des großen Hypes, der seit bei Erscheinen ihres Debütalbums seitens einiger Journalisten um sie gemacht wurde und wird – mit leicht überzogenen Erwartungen begegnet wird. Schraubt man die Erwartungen auf Normalmaß zurück, kann man, mit kleinen Abstrichen, durchaus von einem beachtlichen Wurf sprechen – wobei diverse Songs des Albums andeuten, dass bei der Band nach wie vor Luft nach oben ist. Das schmälert aber nicht die vorgelegte Leistung, sondern spricht vielmehr für die Ausnahmequalität der Band.

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Sodom, Epitome of Torture (Steamhammer, 2013)

sodom-epitome-of-torture-cover-artwork„Die neue Sodom“ ist da – und das Metal-Feuilleton fragt sich, was ihm wohl ins Haus stehen mag: Stagnation auf hohem Niveau (aka „In War and Pieces pt. II“)? Ein bloßes Pflichtalbum? Flüssiger Stahl an Ruhrgebiets-Romantik? „Das Ohr ist der Weg“, befand weiland bereits Jazz-Papst Joachim-Ernst Berendt. Hören wir also, und verschaffen wir unseren Ohren ein erstes Bild:

MY FINAL BULLET: Starker, kraftvoller Opener mit akustischem Intro und einer typischen Sodom-Strophe, die leicht an KNARRENHEINZ vom Vorgängeralbum erinnert, sich dann aber zu einem „Hey hey hey, hier kommt Alex“-haften Mitgröl-Refrain steigert. Zwischendurch gibts einen kleinen progressiven instrumentalen Mittelteil mit Gitarrensolo, in dessen zweiter Hälfte – oha! – ein erster Maiden-esker Melodieverlauf anklingt. Insgesamt ein erstklassiger Dosenöffner, der live sicherlich zum mächtigen Stimmungskracher avancieren dürfte. Die verschiedenen Stilelemente, die in diesem Song zusammenfinden – klassische Sodom-Trademarks und Power-Metal-Elemente – können, wie noch zu zeigen sein wird, als programmatisch für das gesamte Album „gelesen“ werden. Auf den nachfolgenden beiden Tracks erschließt sich das einem aber (erst mal) noch nicht:

Der selbstbetitelte Song S.O.D.O.M. ist vom Grundkonzept her eher Sodom-Stangenware – allerdings mit einem sympathischen Punk-Einschlag und einem geshouteten Refrain, bei dem der Song richtig zündet (und der live sicherlich krachen dürfte). Der Song hat was, fällt gegenüber dem tollen Opener trotzdem etwas ab.

Der Titeltrack EPITOME OF TORTURE hätte stilistisch auch auf den Vorgänger „In War and Pieces“ gepasst (Marke HELLFIRE, aber nicht ganz so kompakt zündend) – wäre dort dann aber tendenziell einer der schwächeren Songs gewesen. Klar: Der Song hat trotzdem noch einiges an Power. Nach bisherigem Stand meines Höreindrucks ist dies aber derjenige der insgesamt zehn Songs, der nach mehrfachem Durchhören am unauffälligsten bleibt.

Track Nr. 3 STIGMATIZED ballert, wenn man sich mal an Toms Death-Metal-Growls gewöhnt hat, was das Zeug hält und mit großem Kaliber auf alles, was Gehirnmasse ist und ist brutaler klassischer Sodom-Thrash im prototypischsten Sinne. Schöne Nummer – die schätzen zu lernen bei mir aber diverse Durchläufe gebraucht hat (Der Song war ja bereits vorab veröffentlicht; insofern kannte ich ihn schon vorher; entsprechend waren meine Erwartungen an das neue Album – zunächst – eher moderat). Der Song knallt richtig – für Überraschungen sorgen auf dem Album dennoch andere Stücke.

CANNIBAL: simpel gestrickt, aber ungemein wirkungsvoll, in etwa so wie eine Splittergranate. Der Song verweist stilistisch deutlich zurück auf das letzte Album (v.a. auf dessen Titeltrack) – und ich habe ja wiederholt betont, dass ich „In War and Pieces“ bislang für das kaum toppbare Meisterwerk der Band halte (ungeachtet der Tatsache, dass Herr Angelripper in diversen Interviews zum neuen Album betont hat, das letzte Album sei vom Sound her zu metalcore-mäßig und überproduziert gewesen).

SHOOT TODAY – KILL TOMORROW haut in etwa dieselbe stilistische Kerbe und erinnert im Refrain sehr deutlich an STORM RAGING UP, einen meiner absoluten Favourites auf dem vorigen Album. Wie ich dem Legacy-Interview zur neuen Scheibe entnehme, singt Tom an einer Stelle dieses Songs (die man heraushört) durch ein 2 Meter langes Abwasserrohr. ;)

INVOCATING THE DEMONS: Der Song könnte – wenn man sich den Gesang wegdenkt – fast ein Maiden-Song sein (man vergleiche, was Gitarre + Rhythmusgruppe im Intro und im Refrain machen, mal bitteschön mit „Two Minutes to Midnight“ sowie mit Songs von der „A Matter of Life and Death“-Scheibe). Geiler Song: Maiden-typischer Groove meets Angelripper. :-)

Ebenfalls sehr überraschend wie überzeugend: Das außergewöhnlich melodische INTO THE SKIES OF WAR, das sich unmittelbar im Ohr festsetzt und erneut eher im Power-Metal- als im Thrash-Genre anzusiedeln ist. Auch hier winken Gitarre und Rhythmusgruppe – gerade im Refrain – erneut heftig in Richtung Maiden (die Gitarre in Richtung Adrian Smith).

KATJUSCHA ist knackiger Thrash mit Folklore-Einschlag und nimmt auf dem Album in etwa die Rolle ein, die auf anderen Sodom-Alben die jeweils einzeln vertretenen deutschsprachigen Songs hatten. Ein schneller Thrasher, der aber mit dem Titeltrack EPITOME OF TORTURE das Schicksal teilt, zu sehr Standard zu sein und daher gegenüber dem Rest des Albums eher unauffällig zu bleiben.

TRACING THE VICTIM: Ein typisches Adrian-Smith-Intro, dann eine typische, simple wie effektive, Sodom-Strophe, gefolgt von einem Refrain, in dem Angelripper mit sich selbst einen (für seine Verhältnisse) harmonischen (!) Wechselgesang anstimmt – was zum Teilen an FROM HERE TO ETERNITY von Maiden und zu Teilen an so manche der melodischeren Motörhead-Sachen kennt, in denen Lemmy mit sich selbst im Duett singt. ;-) Sehr geil, gerade weil nach der Standard-Strophe unerwartet melodisch und sich steigernd! Ein guter Rausschmeißer.

Nach mehrfachem Hören muss ich sagen, dass meine erste Skepsis, das Album könne gegenüber dem Vorgänger zu stark abfallen, verflogen ist. Klar: „In War and Pieces“ war ein Meisterwerk – und dennoch hat das neue Album seinen besonderen Reiz und lässt sich letztlich mit dem Vorgänger gar nicht wirklich gut vergleichen. Während das vorige Album in punkto Sound, Brutalität und schierer Power aus einem Guss war, ist das neue Album vielseitig, aufgrund der teilweise deutlichen Orientierung in Richtung Power Metal in einigen Songs sogar von einer durchaus positiven musikalischen Grundstimmung, an anderer Stelle (STIGMATIZED) dann aber auch wieder derber als der Vorgänger.

Insgesamt verhält sich dieses Album zu seinem Vorgänger somit ähnlich wie Kreators Letztling „Phantom Antichrist“ zum Vorgänger „Hordes of Chaos“: Während „Hordes of Chaos“ durch Kompaktheit, Einheitlichkeit und Ehrfurcht gebietende Gewalt besticht, ist „Phantom Antichrist“ verspielter, melodischer, z.T. experimenteller, so dass BEIDE Platten ihre Daseinsberechtigung haben, ohne den Vergleich mit der jeweils anderen fürchten zu müssen.

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