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Robert Plant, lullaby and … the Ceaseless Roar (Nonesuch/Warner Bros. Records, 2014)

Robert Plant, lullaby and ... the Ceaseleass RoarWas Robert Plant auf seinem zehnten Solo-Album präsentiert, ist die Quintessenz eines Musikerlebens, das stilistisch nie auf der Stelle trat oder frühere Großtaten zu konservieren sich bemühte, sondern stets mit offenem Ohr durch die Welt reisend Neues in sein künstlerisches Repertoire integriert und dabei Schritt um Schritt alles Prätentiöse, Gekünstelte, Gewollte, jedwede überpointierte Phrase, jede noch so kleine Überstilisierung im Ausdruck abgelegt hat. Was uns 2014 begegnet, ist Skelett und Kern der Plant’schen Seele, vielleicht die vollendete Formel dessen, was im optimalsten Fall im letzten Drittel eines erfüllten Musikerlebens stehen kann: eine maximale Reduktion der eingesetzten Mittel bei gleichzeitiger maximaler Verfeinerung des emotionalen Ausdrucks. Das Beeindruckende daran: Das Ganze wirkt zu keiner Sekunde so, als habe Plant seine Mittel nur deshalb reduziert, weil seine Stimme, altersbedingt, heutzutage mit einem geringeren Stimmumfang auskommen und auch mit Volumen und Dynamik klug haushalten muss. Hier sind wir Zeuge einer ästhetischen Verfeinerung mit dem durch das Alter geklärten Blick für das Wesentliche, das Relevante, das wirklich Notwendige und das im Schlichten Schöne. Vorgetragen werden die Stücke so natürlich, so selbstverständlich, fast wie beiläufig, dass es einem vorkommt, als stünde er gerade hier neben uns, der Robert, an der Bushaltestelle, vor dem Teeregal im Supermarkt, sinnierend vor einer Werbetafel mit dem Aufdruck „Manic Nirvana“ oder in sonstiger profaner Umgebung, und summte einfach so vor sich hin, gedankenverloren bei alltäglichen Verrichtungen, einfach weil ihm gerade danach ist.

Das ist große Kunst.

Auch die Instrumentierung ist nicht plakativ, sondern luftig, bedacht, zurückgenommen, und gerade dadurch an genau den richtigen Stellen enorm akzentuiert. Hier gibt es viel Freiraum zum Atmen – Freiraum, den der junge Plant mit der Allmacht seiner stimmlichen Gewalt raumgreifend wie respekteinflößend ausgefüllt und gestaltet hätte. Der alte Plant gestaltet ebenfalls, tritt dabei aber kaum mehr in den Vordergrund als die bedacht agierenden Instrumentalisten – und dominiert die Szene dennoch wie ein stets präsentes, Freiräume beanspruchendes, sich seiner Historizität bewusstes (diese aber nur punktuell aufblitzen lassendes) Orakel. Musikalisch findet sich in der herrlich spärlichen Instrumentierung bei genauem Hinhören vieles wieder, was Plants musikalischen Weg gekreuzt und definiert hat: Bluesiges, Folkiges, Orientalisches, ganz selten auch mal ein harter Akkord – alles in größtmöglicher Zurückhaltung, ganz so als wolle uns der Künstler sagen „Seht her: Dies alles sind Schnappschüsse dessen, was ich war oder hätte sein können. Und ich war so vieles. All das habe ich in früheren Phasen meines Schaffens bis ins Kleinste studiert, verinnerlicht, durchexerziert – und damit war alles gesagt. Deshalb deute ich es hier einfach nur mal kurz an, wo es mir gerade in den Sinn kommt. Tiefergehende Einlassungen zur Sache entnehmt bitte meinen früherem Werk. Das müsst ihr aber nicht hören – die Andeutung genügt. Ich habe mir ihre Formgebung reiflich überlegt, und sie repräsentiert nur und genau das, was ich im Laufe meines Lebens über diesen und jenen Stil gelernt habe. Also vergeudet nicht eure Zeit mit Rekonstruktion, mit dem Schwelgen im Gestern, sondern hört euch nur dieses eine Album an, das die Quintessenz all dessen enthält, womit ich mich über Jahrzehnte beschäftigt habe – und verwendet die dadurch gesparte Zeit auf euer eigenes Leben. Auf dass es ein gutes und erfülltes werde.“

Das Herrliche ist, dass Plant 2014 so down to earth ist. So menschlich. Er war es auf seinen vorigen Alben schon, mindestens seit „Fate of Nations“. Wurde es immer mehr. Und ist jetzt ganz bei uns angekommen, ganz zuhause, im Wohnzimmer, nicht ins Sofa gefläzt, sondern eher auf kurzem Besuch an die Küchendurchreiche gelehnt. Einer von uns. Ganz authentisch. Aber eben immer eine Spur empfindsamer als wir Normalsterblichen. Und trotzdem unüberheblich, wiewohl stets und überall die Signatur der Legende hinterlassend. So glaubhaft, dass er im Gegenzug wieder damit kokettieren kann.

Robert Plant 2014 macht uns Staunen – gerade in seiner Schlichtheit, die ein Resultat umsichtiger, sich stetig vorwärts tastender, neugieriger, nie stillstehender Verfeinerung ist.

Jeder Mensch trägt in sich das Egozentrische, Narzisstische, das Widerstreben, Göttern zu huldigen. Robert Plants neues Album lehrt uns zu gleichen Teilen schmerzhaft und erfüllend, dass es immer mindestens einen gibt, vor dem wir uns unserer Nichtigkeit bewusst werden: den Ausnahmesänger des 20. Jahrhunderts, der auch mit 66 Jahren nichts, aber auch gar nichts von seiner Gabe eingebüßt hat, uns die Welt zu erschließen, in feinen und feinsten Nuancen.

Robert Plant ist so vieles. Sein neues Album ist aber vor allem eines: Anrührend. Perfekt.

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Jona im Feuerofen: Bölzer, Aura (Iron Bonehead, 2013) / Soma (Invictus, 2014)

BölzerEs ist beeindruckend, nachgerade sensationell, wie es dem Schweizer Duo BÖLZER mit lediglich zwei EPs gelingt, all das, was Death und Black Metal im Kern schon immer aufregend gemacht hat, zu einer ungemein fesselnden und dabei sehr eigenständigen Interpretation extremer, entfesselter Klangkunst zu verdichten. Das Gespür des Duos für Atmosphäre ist nicht anders als begnadet zu nennen – und das ganz ohne aufgeblasene Drum- oder überproduzierte Gitarrensounds. Urgewalt wird hier basisch, den Gesetzen organischer Entwicklung angenähert, erzeugt: Die Gitarren atmen Krume, Glut und Lavakruste, das Klangbild sirrt, wummert, dröhnt und vibriert, dass der Erdmantel in seinen Grundfesten erzittert und sich artifizielle Nähmaschinen-Sounds dagegen wie laue Lüftchen ausnehmen. Ein Song wie ‚Entranced By The Wolfshook‘ ist, das behaupte ich schon jetzt, ein erhabenes Stück Musik für die Ewigkeit: Was Led Zeppelin für den Hardrock mit ‚Kashmir‘ gelang, glückt BÖLZER mit diesem Song für den Schnittbereich aus Death, Black und Sludge Metal: ein musikalischer Monolith wie aus einem Guss, der einen aufregenden Aufbruch ins musikalisch Unerforschte verheißt. Der zugehörigen Faszination kann man sich nur schwer (ach was: gar nicht!) entziehen.

Stilistisch liegen verschiedene Parallelen auf der Hand, die der eigenwilligen Signatur des Duos aber bestenfalls in Einzelaspekten gerecht werden: In ihrer unerbittlichen Konsequenz erinnern die Kompositionen an Bolt Thrower, der finstere Groove lässt Bands wie Necros Christos oder Grave Miasma assoziieren, der schiere Wahnsinn verweist vage in Richtung Watain und Consorten. Die Songs entwickeln sich intuitiv-orgiastisch und stehen dabei z.T. deutlicher in der Tradition des Black als des Death Metal, die Gitarrenarbeit oszilliert zwischen der Wucht sehr alter, sehr tiefer Schwedeneruptionen und flirrenden Post-Black-Metal-Soundwänden, die dem inneren Auge Fiebertraumbilder vom Innenleben in Brand gesetzter Wespennester bescheren. Das Ganze stelle man sich als durch den tiefsten, zähesten und stinkendsten Morast gezogen vor, den der Sludge zu bieten hat, und mit dem süßlich-eitrigen Virus doomiger Autopsy-Momente versetzt. Hall verleiht Weite und übersphärische Größe, aber nur genau so weit, dass das Klangbild insgesamt nicht verschwimmt und für den Betrachter präzise als innere Struktur reproduzierbar bleibt. Das Resultat entwickelt eine Wucht, die weniger von außen als aus dem eigenen Inneren heraus an einem zehrt, zerrt, nagt und wildert: Nicht der Aufprall des stählernen 40-Tonners ist es, der ihrer Gewalt zum Bilde gereicht, sondern die septisch-schwärende Wucherung im Abdomen des Irrsinnigen, die zum Bersten gespannte Lunge des Apnoetauchers, der Flammen inhalierende Atemzug Jonas im Feuerofen, der grollende letzte Gedanke Gottes vor dem Verstummen allen Seins.

Man muss kein impressionistisch orientierter Zeitgenosse sein, um BÖLZER zu schätzen. Man kann die beiden Scheib(ch)en auch einfach als einen außerordentlich gelungenen Karriereauftakt einer talentierten Band hören, die trotz künstlerischer Jugend bereits Kompositionen von beachtlicher Reife hervorbringt, die die Fundamente, auf denen sie errichtet sind, nicht leugnen, die sich mit überkommenen Mustern des Genres aber nicht in Gänze erfassen lassen und die über aller Raserei mit nur wenig Eingewöhnung eine enorme Eingängigkeit entwickeln.

Auf das Debütalbum, das für 2015 in Aussicht gestellt ist, darf man gespannt sein. Aura (2013) und Soma (2014) werfen bis dahin schon einmal gewaltige Schatten voraus. Gewaltige!

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Erstkontakt: Mastodons „Once More ‚Round The Sun“ (VÖ 20.6.). Ein Hörbericht

Mastodon, Once More 'Round The SunSeit Monaten warte ich auf dieses Album, mit der Vorab-Review-Copy hat es offenbar nicht hingehauen (oder die Band hat im Vorfeld nur sehr selektiv welche verteilt), entsprechend musste ich bis heute, 20. Juni, 0:00 Uhr MEZ, warten. So weit, so gut: 0:00 Uhr abgewartet, die amazon-Musikbibliothek upgedatet … und wiederholt upgedatet … und schließlich um 00:50 Uhr die Vorbesteller-AutoRip-MP3-Version heruntergeladen:

Erster Durchlauf, dabei nur spontane Notizen (begleitend zur Inohrenscheinnahme), basierend auf unmittelbaren ersten Eindrücken. Kein abschließendes Urteil, für heute nur Vorläufiges und Unredigiertes – Track by Track und ohne nachträgliche Überarbeitung:

(1) Tread Lightly

Atmosphärisch interessantes Intro. Orientalische Anklänge, dann pulsierender Einstieg. Vocals von Troy Sanders, ein wenig wie bei ‚Black Tongue‘. Ist die Zeile „Facing the unknown“ programmatisch für das gesamte Album? Man wird sehen. Stimmungsmäßig liegt der Song im Schnittbereich von ‚Oblivion‘ und ‚Black Tongue‘, der Chorus erinnert auch ein wenig an ‚All The Heavy Lifting‘. Gute, dynamische Nummer mit Mastodon-typischen Trademarks und abschließend einem kurzen Classic-Rock-Gitarrensolo – und ein starker Einstieg.

 (2) The Motherload

Der hohe Gesang von Brann Dailor („This time .. this time…“) erinnert mich spontan irgendwie … an alte Queensryche (‚Revolution Calling‘)?? Das kommt gut, ist für Mastodon aber recht ungewohnt. Der Song geht gut ins Ohr, trotzdem gewinnt man den Eindruck, man lausche einer gänzlich anderen Band als noch zuvor auf The Hunter (von den anderen vier Alben davor ganz zu schweigen). Das muss nicht schlecht sein – es ist ungewohnt und unerwartet. Aber Mastodon haben ja bereits auf Crack The Skye überrascht. Warum nicht auch jetzt wieder? Die Gitarrensoli klingen ebenfalls anders als bisher, noch deutlicher in Richtung Classic Rock gebürstet. Insgesamt entfaltet der Song einen guten Flow, die Gitarren werden noch stärker als auf manchen Songs von The Hunter als  homogen-fließender Wall of Sound in Szene gesetzt, und wenn ich mich nicht täusche, ist mindestens im Schlussteil zur Unterstützung noch eine Hammondorgel mit im Untergrund aktiv, die dem Ganzen zusätzlichen warmen Feinschliff verleiht. Noch einmal angemerkt: Ich schreibe weitgehend assoziativ und begleitend um Er-Hören der Scheibe. Um eine kohärente Beurteilung des großen Ganzen geht es mir an dieser Stelle (noch) nicht. Das kommt erst später. Wie ich den Song insgesamt einschätze, lasse ich fürs Erste offen. Einerseits ist er ungewohnt, andererseits sagt mir irgendeine Intuition, dass es sich dabei möglicherweise um eines der Kernstücke des Albums handeln könnte, das mit der Zeit noch wächst. Also erst einmal weiter einhören in den Mastodon-Sound des Jahres 2014.

 (3) High Road

Interessant, wie sich der schon vorab ausgekoppelte Song im Kontext des Albums anders macht als beim Einzeln-Hören. Gegenüber ‚The Motherload‘ hauen die Troy-Sanders-Vocals und das Grundriff erst mal ordentlich in die ‚Spectrelight‘-Kerbe, lassen womöglich sogar dies und jenes aus der Leviathan-Phase anklingen (ohne freilich dieselbe Brachialität zu erreichen, dazu agiert man anno 2014 deutlich stärker mainstream-orientiert), im Chorus dominiert dann wieder der Klargesang Brann Dailors. Genial die Twin-Gitarrenpassagen im letzten Drittel, die ein warmes und dichtes 70er-Flair verbreiten, ohne aber altbacken zu wirken. Der Song endet mit dem Grundriff. Auch hier: eine gewöhnungsbedürftige Mischung, die die härteren (aber auch dort gegenüber den Vorgängerwerken bereits geglätteten) Parts von The Hunter mit exponiertem melodischen Klargesang und einer noch deutlicher herausgearbeiteten Classic-Rock-Schlagseite zusammenbringt.

 (4) Once More ‚Round The Sun

Endlich kommt mal Brent Hinds zum Zuge! Sein quäkendes Organ hat man irgendwie schon vermisst. Klingt wie eine Mischung aus ‚Divinations‘, ‚All The Heavy Lifting‘ und ‚Octopus Has No Friends‘. Plus eine Prise Rock’n’Roll. Der Song könnte den evolutionären Übergang von Album Nr. 4 Crack The Skye zu Album Nr. 5 The Hunter symbolisieren. Aber wir sind ja inzwischen bereits bei Album Nr. 6.

 (5) Chimes At Midnight

Spacig-getragenes Intro (Verloren im All? Fortsetzung von ‚Stargasm‘?), dann nervöse Gitarrenarbeit à la ‚Bedazzled Fingernails‘, darüber Troy Sanders (vielleicht all zu deutlich) im Stile von ‚Spectrelight‘. Im Chorus dann erneut Brent Hinds – und auch hier irgendwie wieder Anklänge an ‚All The Heavy Lifting‘ (Die Harmonik und Vocals von ‚All The Heavy Lifting‘ müssen der Band ganz offenbar als zentrale Stilelemente aus den Aufnahmesessions zu The Hunter im Ohr hängengeblieben sein…). Als Outro gibt es noch mal das Intro.

 (6) Asleep In The Deep

Interessanter, Pink-Floyd-inspirierter Beginn; mehrstimmiger Gesang über klassischer U2-Gitarre und treibendem Schlagwerk. Atmosphärisch bestechend und originell. Schließlich ein Chorus mit irgendwie irrem Wechselgesang zweier zweistimmiger Vokalfraktionen. Eine zugleich eigenartige wie faszinierende Nummer, die ich mir noch genauer werde anhören müssen. Irgendwo im Hintergrund der Pink-Floyd-artigen Parts gibt es ab und an auch ein Bläser-Synthie. „Atom Heart Mother“ fand ich schon immer klasse. ;) Und irgendwie hat der Song (vor allem gegen Ende) auch was Grungiges. Irgendwie. Überzeugt mich jedenfalls bereits beim ersten Hören.

 (7) Feast Your Eyes

Der Beginn erinnert mich an ‚Octopus Has No Friends‘, der Song insgesamt hätte auch auf Crack The Skye stehen können – z.B. als vierter Track zwischen ‚Quintessence‘ und ‚The Czar‘. Progressive Gitarrenarbeit trifft auf melancholische Heaviness. Wie es scheint, ist die neue Scheibe stilistisch irgendwo zwischen den beiden Vorgängeralben angesiedelt, zwar meist mit einem deutlicheren Ausschlag zugunsten The Hunter, aber dieser Track greift weiter zurück.

 (8) Aunt Lisa

Brann Dailors Stimme ist auf dem neuen Album auffällig präsent; als Mastodon-Ersthörer kann man den Eindruck gewinnen, es handele sich bei ihm um den eigentlichen Sänger der Band, während Brent Hinds und Troy Sanders hin und wieder auch mal einen Part beisteuern. Das liegt natürlich daran, dass Dailor die melodisch prägnanteren Parts singt und daher klarer heraussticht. Ich mochte seine Gesangsbeiträge auf den Vorgängeralben, insbesondere im Song ‚Crack The Skye‘, in dem gerade der Kontrast von Sludge- und Klarvocals einen wesentlichen Teil des Gänsehautfaktors ausmachte. Allerdings hat Dailors Stimme im Vergleich den Stimmen von Hinds und Sanders und gegenüber den Vorgängeralben den geringsten Wiedererkennungswert – will sagen: Hier wurde auf Once More ‚Round The Sun offenbar mit deutlich verändertem Effektinstrumentarium gearbeitet. Während Dailors Stimme bislang sehr effektiv als Akzent im Hintergrund wirkte, rückt ihn die Produktion dieses Albums (nicht nur in diesem Song) wie einen Leadsänger in den Vordergrund. Ob das live funktioniert, wenn der Herr zugleich mit seinen – zumeist recht fordernden – Drumparts beschäftigt ist? Zu ‚Aunt Lisa‘: Der Beginn erinnert mich an ‚Divinations‘, die New-Wave-Rhythmik an den Chorus von ‚Crack The Skye‘. Neben Dailor kommen auch die beiden anderen Sänger zum Zuge. Schräg, bei Mastodon absolut nicht erwartbar, aber irgendwie saucool, sind im Schlussteil die weiblichen Gangshouts „Hey ho – let’s fucking go / hey ho – let’s get up and rock and roll“ über traditionellem Metalriffing – ein Songabschluss ähnlich überraschend wie weiland das unglaubliche Slayer-Riffing in den letzten 20 Sekunden von ‚Burning Man‘ auf dem Debütalbum. Wenn die Shouts nicht mal als augenzwinkernde Remineszenz an Joan Jett (‚I Love Rock’n’Roll‘) gedacht sind … für mich als Kind der 80er sind sie das. Mastodon entwickeln hier den Soundkosmos des Crack-The-Skye-Titeltracks weiter. Könnte einer der Songs sein, die aus dem Album unterm Strich als Highlights herausstechen – auch deshalb, weil man, im Gegensatz zu anderen Songs der Scheiben, nicht zu eng an Songmustern des Vorgängers klebt, sondern auch Neues ausprobiert. Dazu gehören auch die deutlich dominanteren Gesangsparts von Brann Dailor – die, mit Blick auf das Album insgesamt, unter Mastodon-Traditionalisten sicherlich auf geteiltes Echo stoßen dürften.

 (9) Ember City

Treibendes, eher klassisches Metal-Riff mit Mastodon-typischen Koloraturen. Der Wechsel von Troy-Sanders-Strophe zu Klargesang-Chorus gestaltet sich ähnlich wie bei ‚High Road‘ – zugleich ist ‚Ember City‘ ein weiterer Song, der sich (aufgrund des dominanten Klargesangs) weit von dem entfernt, was man von Mastodon erwartet und gewohnt ist. Erneut lässt mich der hohe Gesang frühe Queensryche assoziieren (‚Spreading The Disease‘). Im Mittelteil wird ordentlich – dann wieder Mastodon-typisch – gerifft und gegroovt.

 (10) Halloween

Flotter, treibender Song mit Brent Hinds und Brann Dailor im Wechsel. Der Chorus ist erneut maximal Mastodon-untypisch, aber recht originell. Es gibt einige nette harmonische Wechsel im Riffing. Das ausgedehnte klassische Gitarrensolo weist ein paar (sicherlich augenzwinkernde) Poser-Koloraturen auf (vermutlich Brent Hinds). Das Spiel mit Stereoeffekten während des ausufernden Solos im Schlussteil erinnert an vergleichbare Passagen Led Zeppelins ‚Whole Lotta Love‘ und ist mit Sicherheit eine bewusste Remineszenz. Insgesamt einer der stärksten Songs des Albums, bei dem Brent Hinds endlich mal richtig gut zur Geltung kommt. (Mir liegt noch nicht die CD-Version mit den Songwriting-Credits vor, aber ich gehe stark davon aus, dass dieser Song deutlich Hinds‘ Handschrift trägt.)

 (11) Diamond In The Witch House

Düsterer Midtempo-Groove mit Troy-Sanders-Gesang, der mich in punkto Grundstimmung und Heaviness entfernt an die Strophen von ‚Crack The Skye‘ und ‚Ghost Of Karelia‘ erinnert. Ein Song ohne Klargesang von Brann Dailor und damit ein starker Kontrast zu den vorangegangenen Songs. Der Song nimmt über die Distanz von 7:30 Minuten nicht an Fahrt auf, sondern bleibt im Midtempo und zelebriert den bleischweren Zeppelin so eindrucksvoll wie zuletzt mit ‚Ghost of Karelia‘. Enorm starker Abschluss.

Erste, vorläufige Quintessenz:

Das stilistische Fundament von Once More ‚Round The Sun bilden die Trademarks, die man über die letzten beiden Alben entwickelt hat. Den Gesang ausgenommen, kann man dem Songwriting mindestens Stagnation auf (sehr) hohem Niveau, wenn nicht gar eine kohärente Weiterentwicklung der mit Crack The Skye und The Hunter beschrittenen Pfade bescheinigen. Einigen Einflüssen des Vorgängeralbums spürt man dabei stellenweise noch bewusster nach (Classic Rock, Pink Floyd), die stärkste Veränderung im Gesamtsound sind aber die an vielen Stellen Leadsänger-like in Szene gesetzten Vocals von Brann Dailor – deren Akzente ich auf den beiden Vorgängeralben sehr geschätzt habe und die hier nun vom Kontrastakzent zum dominanten Stilmerkmal weiterentwickelt werden. Auch das Songwriting ordnet sich dem unter und sieht an jeweils prominenter Stelle Passagen vor, die auf die Stimme von Brann Dailor zugeschnitten sind. Das führt unweigerlich zu einer insgesamt deutlich veränderten Gesamtsignatur, an der sich die Geister scheiden werden. Mastodon standen schon immer für Überraschungen und Weiterentwicklung – bei Album Nr. 6 wird der eine oder andere möglicherweise sogar „Mainstream“ schreien. Man kann von einer Band (und gerade von einer Band wie Mastodon) aber nicht erwarten, dass sie rückwärtsgerichtet agiert. So sehr sich mancher ein zweites Remission, Leviathan oder Blood Mountain wünschen mag: Könnte uns ein solches Album tatsächlich überzeugen? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Daher sollte man (gerade) einer Band wie Mastodon zugestehen, sich kontinuierlich weiterzubewegen – auch wenn das Ergebnis unerwartet ist. Erwartungen zu erfüllen ist schließlich ebenfalls eine Art der Stagnation.

Die Zeit und wiederholtes Hören werden zeigen, wie sich die Songs auf Once More ‚Round The Sun für den Mastodon-affinen Hörer kohärent im Kontext des Gesamtwerks verorten lassen. Ein Reinfall ist die neue Scheibe beileibe nicht – gewöhnungsbedürftig schon. Und vielleicht gerade deshalb ein genialer Wurf. Die Zeit wird’s weisen.

Für mich heißt es nun: Zweite Runde
… oder auch: Once more ‚round Once More ‚Round The Sun! ;-)

Update: Etwa 20 Stunden später…

Nach meiner eher zurückhaltend-positiven ersten Einschätzung (s.o.) bin ich nun überzeugt, dass auch Once More ‚Round The Sun zu 100% Mastodon ist. Die Band hat sich weiterentwickelt – na und?! Oder anders ausgedrückt: Sie hat denjenigen Stil konsolidiert, mit dessen unterschiedlichen Facetten sie auf den Vorgängeralben verschiedentlich (auch dort schon genial) herumexperimentiert hat. Crack The Skye war ein Meisterwerk (keine Frage!), The Hunter in Anbetracht der neuen Scheibe wohl eher eine Zwischenstation, die wichtig dafür war, songdienlicher zu agieren. Man kann Once More ‚Round The Sun als Abschluss eines Dreischritts ansehen, an dessen Ende elf kompakte, atmosphärisch stimmige, songwriterisch disziplinierte Stücke griffigen Prog-Metals stehen, die sich stilistisch am besten dadurch charakterisieren lassen, dass man sie mit „Mastodon“ beschreibt. Denn das trifft es am präzisesten. Klar: Once More ‚Round The Sun ist stilistisch (meilen-)weit von Leviathan entfernt, und noch weiter von Remission. Aber auch Pink Floyd haben auf Dark Side of the Moon nich einmal mehr ansatzweise so geklungen wie auf Ummagumma oder Saucerful of Secrets. Es ist ein Trugschluss zu glauben, durch stilistische Weiterentwicklung würden stilistisch anders akzentuierte Frühwerke einer Band obsolet oder gar negiert. Im Gegenteil: Gerade durch die stilistische Weiterentwicklung funkeln die frühen Rohdiamanten um so faszinierender. Wo sich etwas bewegt und kreativ stets alles im Fluss ist, darf man im Laufe eines Bandlebens am meisten erwarten. Once More ‚Round The Sun überrascht – und steht dennoch für eine kontinuierliche Entwicklung (inklusive neuer Elemente, an die man sich gewöhnen muss, die aber kohärent ins Bild passen). Ich habe überhaupt kein Problem damit, auch weiterhin Remission und Leviathan zu hailen – und zugleich Once More ‚Round The Sun abzufeiern. Denn DAS (alles) ist MASTODON.

P.S.: Kleine Screenshot-Dokumentation meiner spontanen Anmerkungen zum soeben erfolgten neuerlichen Durchlauf der Scheibe.: ^^

Der Mastodon-Monolog

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Gigantisch: Descend, Wither (Inverse Records, 2014)

Descend, WitherAlle paar Monate einmal kommt es vor, dass man auf ein Album stößt, das einen direkt hellauf begeistert und dessen Faszination auch nach vielfachem Wiederhören ungebrochen bleibt. Im vergangenen Jahr ging mir das so mit THE OCEANs „Pelagial“ sowie vor wenigen Wochen mit OPETHs „Heritage“, das ich leider erst sehr verspätet ernsthaft zur Kenntnis genommen habe und von dem ich inzwischen nicht mehr lassen kann. Bisweilen wünscht man sich, die Frequenz solcher „Erweckungserlebnisse“ (denn mit nichts anderem lässt sich der Eindruck beschreiben) wäre höher und man komme viel häufiger in den Genuss solcher außergewöhnlicher Entdeckungen. Jeder Mensch, der zumindest halbwegs für Musik zu brennen versteht, wird diese Erfahrung teilen. Und dann ist es aber auch wieder gerade richtig, dass man nur alle Jubelmonate einmal auf Alben stößt, die einem selbst zu persönlichen Klassikern werden – denn käme dies regelmäßiger vor, würde es erwartbar, und wäre es erwartbar, hätten wir ein Schema dafür. Und haben wir einmal ein Schema für etwas, ordnen wir es mit anderen Dingen zusammen, und wenn wir das tun, können wir das Einzigartige des Einzelexemplars schon rein kognitiv gar nicht mehr angemessen fassen.

Es lebe also das seltene Glück des Entdeckens, welches gerade dadurch zum hohen Gut wird, weil es rar gesät ist und einem bisweilen lange Durststrecken aufbürdet. Umso mehr betrachte ich mich als vom Glück begünstigt, der ich im November zum dritten Mal in diesem Jahr mit einer gar außergewöhnlichen Platte zusammengeführt wurde (Hat sie mich gefunden – oder ich sie? Wer weiß…). Die Rede ist von „Wither“, dem zweiten Album der schwedischen Progressive-Death-Metaller DESCEND, das am 24. Januar 2014 (zufälliger- oder auch bezeichnenderweise meinem Geburtstag) erscheinen wird und das ich fürs LEGACY bereits vorab in Ohrenschein nehmen und reviewen durfte. Inzwischen habe ich die Scheibe nicht nur mit 15 von 15 Punkten bewertet (s. LEGACY #88), sondern sie auch deutlich mehr als zwanzigmal durchgehört, von vorne bis hinten und von hinten bis vorn, kreuz und quer, selektiv, konzentriert-analytisch wie auch intuitiv-ertastend, dann wieder konventionell von vorne nach hinten – und immer noch kann ich keinerlei Schwachstelle, sondern ausnahmslos Faszination entdecken. Wenngleich das Album den Verfall programmatisch im Titel trägt – die Songs darauf haben in der Vielzahl der Erkundungen, die ich an und mit ihnen durchgeführt habe, kein bisschen an Eindringlichkeit verloren.

Der Sound von „Wither“ ruht auf einem (melodischen) Death-Metal-Fundament, das Elemente aus unterschiedlichen musikalischen Traditionen (Doom, Folk, Progrock, Fusion Jazz) organisch integriert. Dennoch wirkt das Werk zu keiner Sekunde verkopft und lassen die Songs dem Zuhörer Raum zum Denken, zum Atmen und zu eigener Erkundung. Anstatt der Standardstimmung verwendet die Band eine offene DADGAD-Gitarrenstimmung, die ursprünglich aus dem Folk-Bereich kommt, die zeitweilig aber auch von Jimmy Page verwendet wurde. Zentrales stilistisches Merkmal ist die Kontrastierung von Death-Metal-Parts mit Passagen von zurückgenommener, vielfach akustischer, Instrumentierung. Vereinzelt gibt es auch jazzige Parts, die in Richtung CYNIC verweisen. Auch OPETH dürfen als Referenz nicht unerwähnt bleiben, wenngleich DESCEND ohne Klargesang auskommen. Nichts anderes als gigantisch sind die Momente, in denen aus Düsternis und Verzweiflung plötzlich eine getragene epische Gitarrenmelodie hervorbricht und von Licht kündet, wo Dunkelheit herrscht. Dabei agieren DESCEND zu keiner Zeit egozentrisch oder mit Bombast – ganz im Gegenteil: Über die volle Distanz ist die Performance erstaunlich unprätentiös, unegozentrisch; die Musiker – allesamt fraglos technisch exzellent – nehmen sich wie selbstverständlich zugunsten des Gesamteindrucks zurück, so dass die Songs auf eine natürliche Weise für sich zu stehen scheinen anstatt nur die Band zu präsentieren.

Man ist gut beraten, sich den Namen DESCEND nachhaltig einzuprägen: „Wither“ ist ein in jeder Hinsicht makelloses, perfekt arrangiertes und süchtig machendes Klangkunstwerk von hoher suggestiver Kraft. Das Album hat das Zeug zu einem Meilenstein auf dem Feld der progressiven Extremmusik – und auch darüber hinaus. Entsprechend wünsche ich dieser (bislang noch wenig bekannten) Band, dass ihr für diese Leistung derjenige Erfolg zuteil wird, den sie verdient hat.

Spread the word … und kauft euch diese Platte!

Zum Weiterlesen: Mein Interview mit DESCEND auf der LEGACY-Website

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Was WAR und IST und WIRD: ein Blick zurück voraus (Rückblick 2013)

2013Was bleibt hängen aus einem Jahr mal mehr, mal weniger konzentrierter Beobachtung der gitarrenorientierten Musikszene? Welche Alben oder Songs, die einen direkt nach Erscheinen umgehauen haben, erweisen sich auch auf längere Sicht als langlebig, welche Veröffentlichungen hat man unterschätzt, was ist – wissentlich oder unwissentlich – an einem vorbeigegangen und welche Releases entpuppten sich subjektiv betrachtet als Strohfeuer mit zunächst großem Initialeffekt, aber letztlich doch eher kurzer Halbwertszeit?

Mein persönliches Album des Jahres ist ohne Zweifel „Pelagial“ von THE OCEAN. Auch DEFEATERs „Letters Home“, dessen Erscheinen ich sehr entgegengefiebert hatte, rangiert weit oben in meiner Alben-für-die-Insel-Liste für das Jahr 2013. Da ich mich zu beiden Releases bereits ausführlich hier und hier geäußert habe, will ich sie nicht erneut in derjenigen epischen Breite zelebrieren, die ihnen zweifelsohne zusteht, sondern mich an dieser Stelle denjenigen Alben zuwenden, zu denen ich über die Monate immer wieder mal „unbedingt noch was schreiben wollte“, die in diesem Blog dann aber doch – unverdientermaßen und meistens aus Zeitgründen – unberücksichtigt geblieben sind. Alben, die im vergangenen Jahr bereits mit eigenen Blog-Einträgen gewürdigt wurden (BOMBUS, MOTÖRHEAD, TWILIGHT OF THE GODS, PHIL ANSELMO, ONSLAUGHT, WOUND, BLACK TUSK, ORCHID, SODOM; siehe Übersicht), werde ich dabei nicht erneut aufführen.

2013 war das Jahr einiger sensationeller Comebacks. Da ist zum einen CARCASS‘ „Surgical Steel“ mit Übersongs wie „A Congleated Clot of Blood“, „The Granulating Dark Satanic Mills“ und „Mount of Extinction“ oder dem 80er-Relikt „Thrasher’s Abbatoir“. Auch wenn sich das Album eher an der „Necroticism“/“Heartwork“-Phase der Band orientiert und damit möglicherweise den einen oder anderen Fan der grindigen Frühphase enttäuscht hat, beweisen CARCASS, dass es auch 2013 kaum eine andere Band in ihrem Genre gibt, die groovenden Death Metal derart locker aus der Hüfte ballert wie die Liverpooler Genre-Pioniere. Zu Recht wurde das Album in der Metalpresse vielfach zum Album oder Comeback-Album des Jahres ausgerufen – und es steht zu hoffen, dass mit CARCASS auch künftig zu rechnen sein wird, nicht nur auf den Bühnen, sondern auch weiterhin in den Studios dieser Welt.

Als ähnlich souverän und über jede Kritik erhaben muss das Monument „13“ gelten, das BLACK SABBATH anno 2013 in Beinahe-Originalbesetzung abgeliefert haben und von dem ich mir im Vorfeld nicht einmal ansatzweise diejenige Klasse erträumt hatte, die es dann tatsächlich vorlegte. Tatsächlich hatte ich dem Sabbath-Comeback sogar schon lange vor Veröffentlichung jedwede Relevanz abgesprochen und mir das Album daher auch gar nicht direkt am Erscheinungstag besorgt – sondern erst drei oder vier Wochen später, und auch dann eher halbherzig denn aus echter Überzeugung (vermutlich einfach nur deshalb, weil ich als Fan der „alten“ Sabbath dann doch ein schlechtes Gewissen hatte, dieses Werk unbeachtet zu lassen). Umso schmerzhafter traf mich dann die Erkenntnis, dass ich mir mit meiner frevelhaften Ignoranz volle drei bis vier Wochen selbstverschuldete Nicht-Erleuchtung eingehandelt hatte: Die Herren Iommi, Butler & Osbourne versuchen sich erst gar nicht an einem stilistischen Querschnitt durch alle ihre gemeinsamen Klassiker, sondern knüpfen vielmehr sehr fokussiert an die eigene Frühphase an – nicht nur mit dem Outro, das eben jenes Regen-Sample verwendet, mit dem weiland 1970 das selbstbetitelte Album-Debüt sowie dessen selbstbetitelter Opener eingeleitet wurde (und das entsprechend zum Ausklang des neuen Albums für einen ordentlichen Gänsehauteffekt sorgt). Auf „13“ regiert das Midtempo, und einmal mehr beweist Riffgott Tony Iommi, ähnlich wie bereits auf dem 2009 unter dem Bandnamen HEAVEN & HELL mit Ronnie James Dio eingespielten Sabbath-Mark-II-Comeback „The Devil You Know“ souveränstmöglich, dass Heaviness alles andere als eine Sache der Geschwindigkeit ist. Brecher wie „End of the Beginning“ oder „God Is Dead?“ überraschen beim ersten Hören durch ihren gemächlich anmutenden Aufbau, fräsen sich dann aber mit einer derartigen Wucht und Hartnäckigkeit ins Hirn, dass sie dort auch Monate später noch ihr Unwesen treiben. Ein Paukenschlag, der seinesgleichen sucht – und entweder ein würdiger Abschluss für das bis dato unabgeschlossene Mark-I-Kapitel der Band oder eben auch ein neuer Anfang; die Liedzeile „Is this the end of the beginning / or the beginning of the end“ mag diesbezüglich als Cliffhanger gelesen werden und macht gespannt, ob hier noch etwas nachkommt (dann möglicherweise sogar mit Bill Ward an den Drums?).

Mit einem dicken Ausrufezeichen in den Veröffentlichungslisten für 2013 zu versehen sind darüber hinaus eine Reihe weiterer Alben – allen voran das unglaubliche selbstbetitelte Album der US-Prog-Thrasher REVOCATION, das über die volle Distanz von zehn eigenen Songs und einem Metallica-Cover mustergültig demonstriert, dass hochambitionierter technischer Anspruch kein bisschen zu Lasten der Songdienlichkeit gehen muss. Was das Trio aus Massachusetts hier auf Albumlänge darbietet, ist zum einen aberwitzige Handwerkskunst in Perfektion, zum anderen ein mitreißendes Thrash-/Death-Monster mit einer Fülle an brillanten Ideen, aus denen, wie es Frank Albrecht treffend fürs RockHard beschrieb, „andere Bands eine Diskographie stricken“ würden. Um das glauben zu können, muss man es selbst gehört haben.

Nicht zu vergessen auch das aktuelle Hardcore-Punk-Gewitter „Live By The Code“ mit dem Übersong „I’m Only Stronger“, das TERROR in diesem Jahr auf die Menschheit haben niedergehen lassen: Hier kommt jeder Song wie ein wütender Affront und ist jedes Riff eine musikgewordene Faust in die Fresse. Man mag diese Art Hardcore primitiv finden, man kann es aber auch als „Harte Schule, aufs Essenzielle reduziert“ und damit als minimalistisch(st)en Ausdruck eines rauen, räudigen Street-Punk mit Thrash-Gitarren begreifen. Oder auch einfach nur geil finden.

Nicht zu vergessen weiterhin das ironisch-pseudointellektualistische beziehungsweise sympathisch-versponnene „Nanobots“-Album von THEY MIGHT BE GIANTS, das zwar alles andere als Metal ist, das ich aber einfach nicht unerwähnt lassen kann. Wer schert sich schon um Genregrenzen? Wenn ein Popalbum ein derartiges Ideen-, Melodien- und Absurde-Pointen-Feuerwerk abbrennt wie dieses, dann ist mir herzlich egal, in welcher musikalischen Tradition es steht. Nicht umsonst lasse ich mir mit dem Untertitel dieses Blogs „Metal … and more ein Hintertürchen offen, meinen Senf quer durch die Bank und über Genregrenzen hinweg zu allem dazuzugeben, das mir würdig erscheint, aus der jährlich anwachsenden Masse der Releases herausgehoben und für zumindest einen Blogeintrag auf ein Podest gestellt und sorgsamer Musterung unterzogen zu werden.^^ Und weiter: AUGUST BURNS REDs „Rescue & Restore“, das ich erstmalig konzentriert auf einer langen Autofahrt durch Frankreich hörte und das mich direkt umgehauen hat. Ist Metalcore bis auf wenige Ausnahmen (die bislang auf Namen wie PARKWAY DRIVE und KILLSWITCH ENGAGE hörten) ansonsten eher nicht so mein Ding, hat mich dieses Album davon überzeugt, dass es auch im Metalcore (noch) herausragende und richtungsweisende Vertreter gibt, die sich durch Originalität und sogar eine gewisse Progressivität von der Masse der Übrigen abheben. Möglicherweise fällt mir das aber nur deshalb so sehr auf, weil für mich die breite Masse der Genrebands im Metalcore-Sektor einfach allzu austauschbar klingt und mir das Genre insgesamt als stilistisch viel zu eng gesteckt erscheint, als dass darin noch Originelles zu tun wäre. Wie auch immer: AUGUST BURNS RED hätten mit ihrer neuen Scheibe auf jeden Fall einen eigenen Blogeintrag verdient gehabt. Vielleicht später einmal.

Als eine weitere Sternstunde des Muskjahres ist darüber hinaus das außergewöhnliche, sich einer stereotypen Schubladisierung entziehende und ungemein suggestive „Sunbather“ von DEAFHEAVEN zu nennen. Das Album vertont die Glückseligkeit, sich durch geschlossene Augenlider dem Gleißen der Sonne hinzugeben. Um diese Erfahrung so eindringlich als möglich nachvollziehbar zu machen, wird unter Verwendung von Black-Metal-Patterns ein Effekt erzeugt, der maximales Eintauchen ermöglicht. Selten war Sonnenbaden derart intensiv. Fantastisch.

Fantastisch auch: STEVEN WILSONs Prog-Meisterwerk „The Raven That Refused To Sing“, das Doppelalbum „Opposites“ von BIFFY CLYRO, das beweist, dass klug komponierter Progressive Rock durchaus pop- und radiokompatibel sein kann („Different People“ war in diesem Jahr einer der großen Ohrwürmer, die mich nicht mehr losgelassen haben), „The Headless Ritual“ von AUTOPSY, auf dem sich die Death-Urgesteine altersgereift mit einem ihrer besten Outputs ever präsentieren (göttlich darauf u.a.: „She Is a Funeral“), sowie „One Of Us Is The Killer“ von THE DILLINGER ESCAPE PLAN, in dem Extremmetall und Pop-Appeal kongenial zum Wahnsinn mit Methode fusioniert werden. Waren die Dillingers mit ihrem ADHS-Metal früher bisweilen über längere Distanz dann doch etwas anstrengend, haben sie inzwischen zu einer beunruhigend perfekten Balance zwischen Irrsinn und Selbstkontrolle gefunden, bei welcher die Songs gerade durch ihre Eingängigkeit noch zusätzliche Energie gewinnen. Das hat gleichermaßen Wucht und Wirkung.

Äußerst druckvoll ausgefallen ist auch das Livedokument „Dying Alive“ zum 2012er Tourabschluss von KREATOR in der Oberhausener Turbinenhalle: eine erstklassige, interessant gefilmte Produktion, die zeigt, wie man trotz der Konkurrenz durch YouTube-Amateurvideos auch heute noch ein Konzert filmisch so in Szene kann, dass die Atmosphäre einer KREATOR-Show (beinahe) so konserviert wird, als sei man dabeigewesen. Natürlich ist das „echte“ Live-Feeling durch nichts zu toppen; als jemand, der beim Gig in Oberhausen vor Ort und im Getümmel war, hat mich der Film trotzdem begeistert. Sympathisch war auch die zugehörige Filmpremiere im August in der Essener Lichtburg – mit der kompletten Band und Teilen der Crew sowie anschließender Frage- und Autogrammstunde.

Zu Jahresende hat mich dann noch die neue DEICIDE „In The Minds Of Evil“ weggeblasen. Zwar ist die Platte als Ganze auf Dauer etwas monoton, das Teil groovt aber wie Sau und stellt das letzte Release der Gotteslästerer aus Florida noch einmal locker in den Schatten. Zusammen mit CARCASS und AUTOPSY belegen DEICIDE eindrücklich, dass diejenigen Bands, die sich Ende der 80er/Anfang der 90er aufmachten, tonnenschwere Pflöcke in das unerforschte Terrain des noch jungen Genres einzurammen, auch heutzutage bei der Definition von Death Metal noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben. Daneben haben in 2013 erneut verschiedene junge Bands gezeigt, dass die Orientierung an Old-School-Trademarks im Death Metal keineswegs zu einer nur rückwärtsgerichteten (und damit stilistisch stagnierenden) Entwicklung führen muss: Bands wie ATOMWINTER („Atomic Death Metal“) oder die bereits an anderer Stelle besprochenen WOUND („Inhale The Void“) halten klassische Tugenden höchst eindrucksvoll am Leben und zeigen damit, wie zeitlos der von den Genrepionieren (DISMEMBER, MERCILESS, NIHILIST, frühe ENTOMBED, frühe DEATH, MASSACRE sowie den oben erwähnten, noch oder wieder aktiven „Klassikern“) geprägte Stil auch heute noch funktioniert. Überhaupt war Death Metal auch 2013 wieder eines der spannendsten Genres mit vielen frischen Bands, die sich zwischen „klassischen“ Strukturen und modernen Sounds eigene Positionen erarbeiten und damit das Genre nicht nur am Leben halten, sondern auch – evo-, nicht revolutionär – weiterentwickeln.

Wie in jedem Jahr wurde 2013 (leider) auch in der Musikszene (wieder) gestorben. Besonders hart in diesem Jahr (für mich) der Tod von Lou Reed (siehe Nachruf) sowie (für die gesamte Metal-Szene) der Verlust von Jeff Hanneman. Tatsächlich stammen, wie ich mich noch einmal vergewissert habe, die allermeisten meiner SLAYER-Favourites aus der Feder von Jeff. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie ein neues SLAYER-Album klingen mag, auf dem Hanneman nicht am Songwriting beteiligt ist, lasse mich aber gerne überraschen. So unersetzlich der Hanneman-Pol im bisherigen künstlerischen Prozess von SLAYER auch war (und bleiben wird), so sehr sei es natürlich auch dieser Band – wie auch anderen vor ihnen – zugestanden, trotz des Todes eines zentralen Bandmitglieds weiterzumachen und – hoffentlich – wieder zu irgendeiner Art von Form zu finden (nicht nur live, sondern auch auf Tonträger). Neu erfinden werden sie sich dabei sicherlich nicht, denn alle Neu-Erfindung wäre nicht mehr SLAYER. Man wird im nächsten Jahr zu beobachten haben, wie die Band damit umgeht, trotz Verlusts von 50% ihrer Kernbesetzung (Lombardo wurde kurz vor Hannemans Tod von Kerry King gegangen) den Status quo zu erhalten. Kaum eine andere Band (außer MOTÖRHEAD natürlich) genießt quer durch alle Metal-Genres einen derartigen Kult-Status und eine derartige Szene-Credibility. Damit umzugehen wird für die Herren King und Araya sicherlich ein heikles Geschäft.

Worauf freue ich mich in 2014?

Zunächst darauf, dass das Jahr so weitergeht wie es beginnt: Als sporadischer Rezensent für das LEGACY-Magazin hatte ich bereits das Vergnügen, die kommenden Releases von DESCEND, MUSTASCH und CYNIC, die im Januar und Februar erscheinen werden, ausgiebig durchzuhören. Auch wenn das Jahr noch lang ist und genau besehen noch nicht einmal begonnen hat, muss ich DESCENDs „Wither“ schon jetzt als ersten Kandidaten für mein persönliches Album des Jahres in 2014 vormerken. Auch MUSTASCH werden mit „Thank You For The Demon“ nicht enttäuschen, und das neue CYNIC-Album „Kindly Bent To Free Us“ geht konsequent den Weg weiter, den die Herren Masdival und Reinert mit ihrer 2012er EP „Carbon-Based Anatomy“ eingeschlagen haben. Entsprechend wird auch dieses Album (wieder) polarisieren; für Fans, die bereit sind, die Entwicklug der Band seit „Focus“ (1993) mitzugehen (zu denen ich mich selbst zähle), handelt es sich fraglos um ein starkes Album. Mehr dazu in meiner Review für die März-Ausgabe des LEGACY.

Mehr als gespannt bin ich darüber hinaus auf die kommenden Alben von MASTODON, OVERKILL und LEGION OF THE DAMNED, auf die kürzlich von Jimmy Page in einem Interview angekündigten Re-Releases sämtlicher LED-ZEPPELIN-Alben mit zusätzlichem, unveröffentlichten Material sowie – sofern beide noch Wirklichkeit werden – auf die inzwischen mehrfach angekündigten und verschobenen Scheiben von ENTOMBED und SLAYER. Sowie auf all diejenigen Releases, von deren Existenz ich bislang noch überhaupt nichts weiß und die ich im Laufe des Jahres zu entdecken plane. Denn das Entdecken ist es doch, das die Musikszene insbesondere für Metal-Afficionados so spannend macht und spannend hält: Nicht anders als Alexander von Humboldt im 19. Jahrhundert vor den unerforschten Gebieten der Welt seiner Zeit stehen wir jedes Jahr im Dezember vor den weißen Flecken auf der musikalischen Landkarte des kommenden Jahres – hoffend, auch in den nächsten zwölf Monaten wieder ausgiebig finden, staunen und unseren Horizont erweitern zu dürfen. ;-)

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Orchid, The Mouths of Madness (Nuclear Blast, 2013)

Orchid, The Mouths of MadnessWie soll man sich dem neuen Album einer Band nähern, das aufgrund des kürzlich erfolgten Majordeals mit Nuclear Blast zum Erscheinungstermin in den meisten der einschlägigen Rock- und Metalmagazinen mit ganzseitigen Anzeigen beworben wird und das dementsprechend PR-bedingt gegenüber anderen Veröffentlichungen von vornherein einen Medienaufmerksamkeitsbonus einfährt? Kritisch natürlich.

Um es gleich vorwegzunehmen: Bereits vor der neuen Veröffentlichung habe ich mich als einen großen Bewunderer der Band betrachtet – und daran hat sich auch nach intensivem Antesten des neuen Albums „The Mouths of Madness“ nichts geändert – eher im Gegenteil, denn:

(1) Die Band macht auf ihrem neuen Album nicht nur so gut wie alles alles richtig (was im optimalen Falle das Erwartbare gewesen wäre), sondern

(2) versteht es zudem, mit diversen Stücken und Stilelementen durchaus zu überraschen (was nicht zwangsläufig erwartbar gewesen wäre: Es gibt genügend junge Bands, die, gerade nach Abschließen eines Major-Deals, eher auf Nummer sicher gehen würden, um die mühsam erspielte Fangemeinde nicht zu verschrecken).

Orchid gelingt es mit ihrem neuen Album eindrucksvoll, sich von den immer mal wieder kritisch geäußerten Vorwürfen eines Mitschwimmens auf der 70er-Retrowelle ohne eigenständige Stilmerkmale freizuschwimmen. Der Band ist mit „The Mouths of Madness“ ein überzeugendes Statement gelungen, dass sie weit mehr sind (und können) als eine bloße Black-Sabbath-Kopie – wenngleich, und das betont die Band ja gerne selbst häufig in Interviews, die Sabbath der 70er ganz klar und nach wie vor einen (man beachten: „einen“, nicht „den“!) Haupteinfluss ihrer Musik darstellen.

Doch eins nach dem anderen:

Allzu oft werden Orchid auf ihre Bezüge zu frühen Black Sabbath reduziert. Es ist sonnenklar, dass neun von zehn Songs aus den bisherigen Releases „Through the Devil’s Doorway“ (EP, 2009), „Capricorn“ (Album, 2011) und „Heretic“ (EP, 2012) den Geist der 70er-Sabbath-Ära nicht nur atmen, sondern tief inhaliert haben, und dass in jedem dieser Songs Remineszenzen an jeweils zwei oder mehr klassische Sabbath-Nummern anklingen. Diese Band schwimmt – in Ermangelung einer besseren Metapher wähle ich diese – auf einem See großartiger Sabbath-Kompositionen und greift davon ausgehend nach anderen Gewächsen, die an dessen Rändern wuchern. Und das kommt der Sache, um die es geht, wohl am nächsten: Orchid sind eben kein bloßes Plagiat des Originals, sondern eine Art logischer Weiterentwicklung. Oder besser: eine evolutionsgeschichtliche Nebenlinie. Sie knüpfen da an, wo Sabbath so um 1975, maximal 1978 standen, und führen vor, wie ausgehend von diesem Stand in einem Paralleluniversum (das in Orchid dann durchaus real wird) die Sabbath-Geschichte hätte weitergehen können. Dabei – Hier greift die Evolutionsperspektive durchaus! – starten sie zunächst als weitgehend Sabbath-getreue Kopie („Through the Devil’s Doorway“, 2009) und beziehen dann schrittweise und mit Bedacht weitere Elemente mit ein: auf dem Debüt „Capricorn“ (2011) durchaus vorhanden, aber eher noch verhalten, auf dem vorliegenden Zweitling „The Mouths of Madness“ weitaus deutlicher und selbstbewusster. Die Einflüsse beziehen Orchid selbstverständlich komplett aus dem 70er-Universum. Die Melange, die Orchid aus dem Füllhorn dieser Ära schöpfen, kann dabei – und dies ist eines der Hauptverdienste der Band – durchaus als eigenständiges Gebräu gewürdigt werden, das Songwriting und die Produktion ebenfalls: Bei aller soundtechnischer Liebe zum (originalen wie originellen) Detail wirkt die Verarbeitung der 70er an keiner Stelle wie ein Griff in die Mottenkiste, sondern wie eine den Originalen angemessene Transposition in die Gegenwart – mit deutlicher eigener Note.

Randnotiz: Während in bisherigen Analysen zur Band eigentlich immer nur die Sabbath-Bezüge herausgestellt wurden, wird ihr Bezug zu Led Zeppelin hingegen viel zu selten thematisiert. Das neue Album bestätigt mich nicht nur in der Annahme, dass Orchid ihre Einflüsse insgesamt deutlich breiter offenlegen als bisher, sondern auch darin, dass insbesondere der Zeppelin-Einfluss (der ansatzweise auch schon auf „Capricorn“ zu erkennen war) nun z.T. wesentlich klarer zutage tritt. Darüber hinaus geht Theo Mindells Stimme nur noch ansatzweise als authentische Kopie des „Madman“ Ozzy durch und ist jetzt – noch deutlicher als bisher schon – in Äquidistanz zum frühen Ozzy und zu Blackie Lawless zu verorten.

Die Songs auf „The Mouths of Madness“ in der Einzelkritik:

Bereits beim Album-Opener fällt mir auf, dass man für eine angemessene Bewertung der einzelnen Songs und des Albums als Ganzem kaum umhinkommt, detailliert Bezüge zu diesen und jenen Einflüssen herauszuarbeiten. Es ist ein wesentliches Merkmal des Orchid’schen Songwritings, diverse Einflüsse zusammenzubringen und daraus – in den meisten Fällen erfolgreich – etwas Eigenes zu köcheln. Also dann:

  • THE MOUTHS OF MADNESS: Ein erhabener Opener, der die Scheibe würdig eröffnet und gekonnt die Brücke von „Capricorn“ zur Erweiterung des eigenen stilistischen Spektrums schlägt: Dem mächtigen Eingangsriff, das den Refrain vorwegnimmt, folgt eine treibende Strophe mit galoppierendem Beat, der den Gesang vor sich hertreibt (in Richtung Schafott? ;). Freunde von The Devil’s Blood werden an dieser Strophe ihre Freude haben – Orchid-Fans sowieso. Die Band zeigt alle ihre Stärken – insbesondere diejenige, Songs zu schreiben, die sich direkt beim ersten Hören im Ohr verhaken. Die Bridge ab 03:36 bringt ein Jimi-Hendrix-Gedenk-Lick, bevor sie sich mit einer Iommi-Überleitung zum erneuten Gesangseinsatz steigert. Kleines Detail: Das Mini-Lick zwischen dem jeweils ersten und zweiten Durchgang des Hauptriffs (im Intro und in den Refrains) kann man als subtile Remineszenz an Hendrix‘ Crosstown Traffic lesen. Wenn man denn möchte. ;) Auf jeden Fall macht der Song das 70er-Panoptikum schon mal weit auf – inklusive düsterer Psychedelic-Schwaden und allem, was dazugehört. Das Outro bringt einen kleinen, aber nicht weiter vertieften Querverweis auf War Pigs – womit das „Wir können auch Sabbath, aber nicht nur„-Trademark gesetzt ist.
  • MARCHING DOGS OF WAR und SILENT ONE sind die Songs mit den direktesten Sabbath-Bezügen auf der Scheibe: Das treibende Hauptriff von MARCHING DOGS wie auch die Gesangslinie der Strophe erinnern unwillkürlich an Children of the Grave. Auch Capricorn, der starke Titeltrack des Vorgängeralbums, klingt an. Überraschend dann ab 03:15 der bluesige Instrumentalpart mit – wie schon in anderen Rezensionen erwähnt – an den Roadhouse Blues der Doors erinnernder Mundharmonika (N.B.: Auch in Sabbaths The Wizard gab es einen Harmonica-Part). Das Gitarrensolo lässt Led Zeppelin anklingen (Stairway to Heaven, Schlussteil). Das Intro von SILENT ONE zitiert War Pigs wie auch N.I.B., gefolgt von einem typischen Iommi-Riff. Ab 04:52 wird es dann psychedelisch-finster mit schauriger Friedhofsglocke (Das Intro des allerersten Sabbath-Albums lässt grüßen). Der Text behandelt – dazu passend – den Cthulhu-Mythos von Lovecraft.
  • NOMAD: Im Intro lassen Pink Floyd grüßen, das simple Hauptriff könnte auch von Boston stammen, die Gitarrenphrase im Refrain klingt wie Iommi auf dem letzten Heaven-and-Hell-Album „The Devil You Know“. Der schnelle, rock’n’rollige Mittelteil erinnert an die Strophe von Never Say Die. Während bei den übrigen Songs des Albums die verschiedenen stilistischen Einflüsse homogen ineinanderfließen, wirkt dieser Song eher puzzlehaft. Für meinen Geschmack der schwächste Song des Albums.
  • MOUNTAINS OF STEEL: Das Eingangsriff lässt das Intro zu Sabbaths A National Acrobat anklingen. Ein getragener Song im fetten warmen 70er-Sound. Rötliche Abendsonne über dem Highway ins Nirgendwo. Plötzlich taucht auch noch ein Blues-Piano am Straßenrand auf und bringt – wie so oft bei Orchid – eine unerwartete Wendung. Während der erste Teil des Songs gefällig und irgendwie „schön“ vor sich hinwogte, schleicht sich nun in die Indian-Summer-Stimmung eine unterschwellige dramatische Note ein. Der Song markiert die Mitte des Albums – oder eröffnet dessen grandiosen zweiten Teil (je nach Perspektive).
  • LEAVING IT ALL BEHIND: Das Intro mit seinem Flanger-Gitarreneffekt erinnert mich an einen meiner All-time-Led-Zeppelin-Favourites: Night Flight vom gewaltigen „Physical Graffiti“-Doppelalbum. Die Strophe dann hat einen ähnlich stampfenden Unterbau wie When the Levee Breaks, dem monumentalen letzten Song der „Led Zeppelin IV“, darüber flirren Southern-Rock-Gitarren, was einen irren Kontrast zwischen stahlschwerem Groove und Leichtigkeit schafft. Diese Spannung behält der Song über die volle Siebeneinhalbminuten-Distanz bei. Ab Minute 4:30 finden wir eine weitere Remineszenz an den Schlussteil von Stairway to Heaven … und irgendwie wünscht man sich bei diesem Schlussteil als Krönung noch die „uh-uh“s aus Sympathy for the Devil von den Stones hinzu. Letztere bleibt die Band zwar schuldig – der Song ist dennoch grandios. Die einzige Fehlentscheidung ist das Fade-out am Schluss – das überdies viel zu früh kommt. Fade-outs sind – dies finde ich generell – in den allermeisten Fällen verzichtbar bis ärgerlich – sofern sie nicht bewusst als Stilmittel eingesetzt werden (z.B. um das Thema des Songs zu untermauern -> siehe z.B. manche Songs von Bolt Thrower, bei denen die Kriegsmaschinerie halt immer weiter walzt…). Wenn ich mir das überflüssige Fade-out wegdenke, ist dieser Song für mich das große Highlight dieses Albums.
  • LOVING HAND OF GOD: Witzig, wenngleich von der Band sicherlich nicht beabsichtigt (oder etwa doch?): Der Basspart, der den Song dominant durchzieht, erinnert an das großartige Papa was a Rolling Stone von The Temptations und verleiht dem gesamten Song ein souliges Fundament. Die Strophe kann insgesamt als soulig reinterpretierte War Pigs-Variation durchgehen; die Überleitung und der Instrumentalteil ab 03:12 untermauern die War Pigs-Orientierung. Eine coole Nummer, die in den Strophen die in LEAVING IT ALL BEHIND vorgegebene Kontrastierung von Leichtigkeit und Schwere unter anderen stilistischen Vorzeichen wiederaufgreift.
  • WIZARD OF WAR: Dieser Song ist simpel. Dieser Song ist fokussiert, nicht ausladend und verzichtet auf jede überflüssige Note. Er leistet sich im Vergleich zu den beiden im Albumkontext vorangehenden Songs auch keinerlei Schnörkel. Der Song wurde vorab auf EP veröffentlicht und wurde von mir daher vor dem Release des Albums schon etliche Male ausführlich laut gehört. Der Song hat sich dabei nicht im mindesten abgenutzt – im Gegenteil: Er ist einfach ein Kracher, der sich als genau das ausgibt, was er ist: ein knochentrockenes Stück Hardrock, das keine acht Sekunden benötigt, um auf den Punkt zu kommen und bei dem nach 3 Minuten und 18 Sekunden auch alles gesagt ist – in exakt dem Zeitraum, dessen es bedurft hätte, um wirklich alles, aber kein einziges Wort zu wenig oder zu viel zu sagen. Der Song kann als die logische Weiterentwicklung des Openers Into the Sun von der 2009er-EP „Through the Devil’s Doorway“ durchgehen. Und klar: Hier stand – natürlich – auch Paranoid von Black Sabbath Pate. Geschenkt. Geiler Song.
  • SEE YOU ON THE OTHER SIDE: Das Intro klingt, als seien Blue Öyster Cults Don’t Fear the Reaper und die schnellen Parts aus Dazed and Confused von der „Led Zeppelin I“ als Kontrahenten in einen Boxring geworfen worden – sehr geil! Die Licks erinnern an Thin Lizzy und an Led Zeppelin (eher die späteren als die frühen), der Gesang stellenweise an Radar Love von Golden Earring. Überraschend und intensiv ist der Zwischenteil mit Flamenco-Gitarre – der den langsamen, erdigen Parts von Led Zeppelin ähnelt, über denen sich Robert Plant mit bluesigem Timbre frei variierend austobt (vergleiche hier ebenfalls Dazed and Confused sowie Babe I’m Gonna Leave You oder Since I’ve Been Loving You. In struktureller Hinsicht weist der Song Parallelen zu Sabbaths Sabbra Cadabra auf – sowohl was die groovigen Parts anbetrifft als auch hinsichtlich des unerwarteten bluesigen Mittelteils.

FAZIT: See You on the Other Side bildet einen großartigen Abschluss zu einem insgesamt überzeugenden Album, das einerseits von stilistischer Offenheit und, erneut, vom großartigen Songwriting-Potenzial der Band zeugt, das aber zugleich andeutet, dass der Band nicht so ganz klar ist, wo sie auf längere Sicht stilistisch hinwill. Das ist nicht schlimm, sondern Teil einer normalen Entwicklung und macht gespannt auf Weiteres. Insgesamt präsentiert das Album einige Meisterwerke und kaum Durchhänger. Der „ganz große Wurf“ ist es, wie der Rezensent des Metal Hammer feststellte, noch nicht – aber diese Einschätzung hat möglicherweise auch damit zu tun, dass der Band – u.a. aufgrund des großen Hypes, der seit bei Erscheinen ihres Debütalbums seitens einiger Journalisten um sie gemacht wurde und wird – mit leicht überzogenen Erwartungen begegnet wird. Schraubt man die Erwartungen auf Normalmaß zurück, kann man, mit kleinen Abstrichen, durchaus von einem beachtlichen Wurf sprechen – wobei diverse Songs des Albums andeuten, dass bei der Band nach wie vor Luft nach oben ist. Das schmälert aber nicht die vorgelegte Leistung, sondern spricht vielmehr für die Ausnahmequalität der Band.

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