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Legacy #92: Tom Angelripper, Deserted Fear, Decapitated, Earth, Earthship, Meshuggah & Co.

Legacy #92Juli und August waren heiße Monate – nicht nur meteorologisch, sondern auch in punkto neuer Releases. Da die LEGACY-Ausgabe #92 aufgrund der Festivalsaison gegenüber dem üblichen Zwei-Monats-Turnus verspätet erscheint, ist der Berichtszeitraum und damit die Fülle der Releases größer als sonst schon. Masse muss nicht Klasse heißen, doch in diesem Fall gab es diverse einschlägige Scheiben, auf deren analytische Inohrenscheinnahme ich mich teilweise bereits Monate im Voraus gefreut hatte.

Meine beiden persönlichen Alben der Saison kommen von EARTH und – wie könnte es anders sein – von MASTODON, beachtlich und ebenfalls herausragend sind weiterhin die Zweitlinge von EARTHSHIP und von BEYOND CREATION sowie – mit unfassbarem Hitpotenzial – die neue Scheibe von ONKEL TOM (die ich allesamt für die aktuelle Ausgabe rezensiert habe). Darüber hinaus sind auch die neuen Releases von CANNIBAL CORPSE und DECAPITATED erstklassig, beide Bands präsentieren sich stilistisch innovativ wie kaum zuvor.

Neben neun Reviews habe ich zur Ausgabe wieder verschiedene Interviews beigesteuert:

Mit Tom Angelripper führte ich ein einstündiges Telefoninterview, das sich als so ergiebig entpuppte, dass dabei nicht nur der für das Heft vorgesehene Zweiseiter, sondern darüber hinaus auch ein ebenso langer zusätzlicher Artikel heraussprang, der auf der LEGACY-Website veröffentlicht ist. Während der Text im Heft vor allem um das neue Studiowerk „H.E.L.D“ von ONKEL TOM kreist, geht es im Online-Bonusinterview um den ganzen Rest, insbesondere um ein mögliches neues SODOM-Release, die Metalszene im Allgemeinen sowie die „Goldenen Achzigerjahre“ im Speziellen

Mit Fabian von DESERTED FEAR habe ich neben einem Studio-Vorbericht zum (nicht nur von mir mit Spannung erwarteten) kommenden zweiten Album „Kingdom Of Worms“ ein Interview über die bewegten zwei Jahre seit dem vielbeachteten Debüt der Band sowie das Songwriting und die Aufnahme der neuen Scheibe geführt. Den Studiobericht gibt’s im Heft, das Interview online. Weil es so schön ist, wird es im nächsten LEGACY obendrauf noch einen weiteren Zweiseiter zum Album geben, diesmal u.a. mit Schwerpunkt auf den kleinen, aber feinen Weiterentwicklungen im Songwriting der Band sowie Hintergründen zu den Lyrics. Passend dazu kommt dann auch die schonungslose Review des am 24.10. erscheinenden Albums (das – so viel sei schon verraten – selbst kritischster Analyse souverän standhält und dessen die Band, dessen bin ich mir sicher, erneut ein deutliches Stück voranbringen wird).

Mit Vogg von DECAPITATED habe ich mich über das neue Album der polnischen Death-Metal-Institution, den Gesundheitszustand von Drummer Covan, den Alltag als Musiker und Bandmanager in Personalunion sowie die Lage der Welt unterhalten. Amüsant darüber hinaus auch mein Interview mit den brasilianischen Newcomern von CONSIDERED DEAD, bei dem es – aktuellen Ereignissen geschuldet – zwangsläufig nicht nur um Metal, sondern auch um Fußball im Allgemeinen sowie die geschichtsträchtige Halbfinalniederlage der Seleção gegen Deutschland ging. Wer auf Old-School-Death-Metal mit erkennbaren Thrash-Wurzeln (Slayyeeeeerrr!!) steht, sollte übrigens unbedingt das jüngst von F.D.A. Rekotz wiederveröffentlichte Demo dieser Band antesten (Anspieltipp: ‚Claiming Insanity‘).

Zum 25-jährigen Bandjubiläum von MESHUGGAH gab es im September übrigens ein Re-Release der Ein-Track-EP „I“. Das musste unbedingt auch noch einmal besprochen werden – nicht nur des Jubiläums wegen, sondern vor allem auch, weil das darauf enthaltene 25-minütige Stück Proggeschichte die stilistische Formel der Schweden so kongenial zusammenfasst wie vermutlich kaum ein anderes Werk der Band.

Die ausführlichen Releases zu allen von mir besprochenen Tonträgern finden sich im Heft. Als Teaser seien hier pro Album nur jeweils zwei zusammenfassende Sätze vorausgeschickt – den Rest sowie weitere 270 Seiten Lesestoff gibt es wie gewohnt beim Zeitschriftenhändler. ;-)

  • BEYOND CREATION „Earthborn Evolution“
    (Season of Mist)
    Die Kanadier präsentieren auf ihrem zweiten Album technischen, leicht angejazzten Death Metal, der zwar spielerisch und kompositorisch anspruchsvoll daherkommt, der aber dank eines durchgängig nachvollziehbaren Riffings, diverser grandioser Hooklines und epischer Gitarrensoli niemals verkopft wirkt. Wer sich für frühe Cynic oder die progressiven Alben aus dem Oeuvre von Death begeistern kann, wird an dieser Scheibe seine Freude haben. (13/15 Punkte)
  • EARTH „Primitive And Deadly“
    (Southern Lord)
    Wo sich der Großmeister der Langsamkeit, Dylan Carlson, in den vergangenen Jahren zugunsten glasklar zelebrierter Americana unter stetiger Reduktion des musikalisch Erforderlichen eine gewisse Askese auferlegte, wird nun wieder hemmungslos den fetten Garagensounds mit feinen, den Riffs immanenten Rückkopplungen gefrönt. EARTH gelingt es mit „Primitive And Deadly“, die Höhepunkte ihres bisherigen Schaffens in einzigartiger Weise zu integrieren und auf en neues Level zu heben. (13/15 Punkte)
  • MASTODON „Once More ‚Round The Sun“
    (Reprise/Warner)
    „Once More ‚Round The Sun“ vereint über weite Strecken die Trademarks der beiden letzten Alben, ohne die Sludge-Kante früherer Großtaten gänzlich abzulegen. Auch wenn man nicht die Einzigartigkeit von „Crack the Skye“ oder die Erbarmungslosigkeit eines „Leviathan“ erreicht, ergibt sich unterm Strich eine Scheibe, die einmal mehr und überzeugend beweist, welche stilistische Eigenständigkeit sich MASTODON innerhalb der Metalszene erspielt haben. Gäbe es diese Band nicht, man müsste sie erfinden. (12/15 Punkte)
  • EARTHSHIP „Withered“
    (Pelagic Records)
    EARTHSHIPs musikalische Signatur verknüpft die Sludge-Urgewalt von Mastodons Frühwerk („Remission“, anybody?) stilsicher einerseits mit Death’n’Roll-Elementen inklusive Sunlight-Sound und andererseits mit Bezügen auf ganz frühe Black Sabbath. Der Sound ist heavy as fuck und quetscht einen mit der Wucht eines im Standgas operierenden 40-Tonners gegen die Wand. Fans der genannten Einflüsse kommen an dieser Scheibe kaum vorbei. (12/15 Punkte)
  • CONSIDERED DEAD „Mentally Tortured“
    (FDA Rekotz)
    Was auf „Mentally Tortured“, dem Re-Release des Demos der brasilianischen Newcomer, aus den Boxen ballert, ist in ungefähr die Schnittmenge dessen, was frühe Slayer, klassische Sepultura sowie die Prototypen ganz alter Stockholmer und Ostküsten-Schule fabriziert haben: interkontinentaler Old-School-Death-Metal, der seine Thrash-Wurzeln stolz zur Schau stellt – oder auch schnörkellos effektiver US-Thrash mit ranziger Death-Metal-Schlagseite. Das Teil versprüht jede Menge Old-School-Charme bis hin zum organischen, nicht allzu transparenten Sound. (10/15 Punkte)
  • ONKEL TOM „H.E.L.D.“
    (Steamhammer/SPV)
    Erneut zelebriert der ONKEL seine prollig-charmante, gerne mal mit einem Augenzwinkern apostrophierte Mischung aus Deutschpunk, Deutschrock und Metal, und fährt dazu ein abwechslungsreiches 13-Gänge-Menü mit ungemeiner Hitdichte auf. Sämtliche Songs der Scheibe haben Ohrwurmcharakter, sind knackig, süffig und lassen sich direkt mitgrölen – sogar nüchern, wenn’s denn sein muss. (12/15 Punkte)
  • MESHUGGAH „I“ (Reissue)
    (Nuclear Blast)
    ‚I‘ bezeichnete 2004 nicht weniger als eine Vermessung des stilistischen Kosmos, den MESHUGGAH mit ihren ersten vier Alben entworfen hatten, und zugleich ein sperriges wie aufregendes Stück progressiven Thrash Metals, das Hirn und Ohr auf eine zieloffene musikalische Entdeckungsreise schickte, die auch beim x-ten Hören noch zu faszinieren verstand. Ein kleines Meisterwerk von zeitloser Größe, neu aufgelegt zum diesjährigen Bandjubiläum, das 25 Jahre MESHUGGAH paradigmatisch wie kein anderes Stück der Band auf den Punkt bringt. (–)
  • THEORY OF A DEADMAN „Savages“
    (Roadrunner)
    Wer sich immer schon gefragt hat, wie eine Band klingen mag, die null Prozent künstlerische Ambitionen hat und deren ausschließlicher Antrieb darin besteht, um jeden Preis ins Mainstreamradio kommen zu wollen, der braucht diese Scheibe unbedingt; ansonsten braucht sie keiner. Da der Monat so viele andere spannende Releases zu bieten hat, lässt sich der Rezensent dazu erweichen, die hier vorgelegte Dreistigkeit zumindest teilweise mit „Geschmäcker sind verschieden“ zu entschuldigen und das Album mit maßlos übertriebenen 4 Zählern zu würdigen, befürchtend, ihm damit eine seiner höchsten ernstgemeinten Bewertungen überhaupt zu bescheren. (4/15 Punkte)

Fürs nächste Heft, bei dem schon jetzt die redaktionelle Deadline naht, wird es von mir Reviews und Artikel u.a. zu den folgenden Bands geben (alphabetisch): 7 H.Target, Abysmal Dawn, Atriarch, Bastard Feast, Black Crown Initiate, Deserted Fear, Dying Out Flame, Robert Plant, Tantal. Das neue Album von Robert Plant ist bei mir natürlich außer jeder Konkurrenz (und schon jetzt, obgleich erst jüngst erschienen, der heißeste Anwärter auf mein persönliches Album des Jahres). Mein Album des Monats ist ansonsten die unfassbar wüste, herrlich wilde und arschcool runtergezockte BASTARD-FEAST-Scheibe „Osculum Infame“. Dazu dann aber mehr in Bälde… ;-)

 

 

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Legacy #91: Fallujah, Blackberry Smoke, Inanimate Existence, Pillory, Omnihility, The Black Dahlia Murder

Legacy #91Sommerloch geht anders: Der Juni war wieder LEGACY-Monat. Sollte der Sommer sonst nichts zu bieten haben, trägt einen die 290-seitige Ausgabe #91 bei wohldosierter Lektüre locker bis in den heißen Herbst. Beigetragen habe ich zum neuen Heft Reviews und Beiträge zu den folgenden Bands und Releases:

[1] Unter dem Titel „Bluest, soult, gospelt und rockt“ habe ich dem hierzulande noch als Geheimtipp gehandelten, in den USA aber längst auf Chartpositionen rangierenden Southern-Rock/Blues/Gospel/Country-Quintett BLACKBERRY SMOKE aus Georgia auf den Zahn gefühlt. Fans von Bob Seger, Lynyrd Skynyrd, den Black Crowes, den Rolling Stones, The Allman Brothers oder The Free sollten unbedingt ein Ohr riskieren; und auch, wer vom jüngsten Springsteen-Output enttäuscht ist, hat gute Chancen, aus dero Album „The Whippoorwill“ Trost und neuen Lebensmut zu schöpfen. Trotz „klassischer“ Vorbilder wirken BLACKBERRY SMOKE dabei niemals antiquiert; sie in die Retro-Ecke einzuordnen, wird ihrem Schaffen nicht gerecht. Hier wird nicht Gestriges wiederbelebt, sondern unverkrampft an ungebrochene Traditionen angeknüpft und diese in zeitgemäßem Gewand weitergeführt. Die Scheibe habe ich mit 13 von 15 Punkten rezensiert, im Interview äußern sich die fünf Bandmitglieder zu ihren stilistischen Wurzeln, zum Songwriting und zum Aufnahmeprozess.

[2] BLACKBERRY SMOKEs „The Whippoorwill“ ist fraglos ein klasse Album – mein persönliches Highlight des Monats hört aber auf den Namen „The Flesh Prevails“ und kommt von den US-Prog-Deathern FALLUJAH. Hier treffen Atheist auf Dream Theater, Deafheaven auf Pink Floyd, Cynic auf Portishead – aber nicht in Form anstrengenden „Musik-für-Musiker“-Gefrickels, sondern als ungemein stimmig wie stimmungsvoll arrangiertes, die Fühler weit in Richtung Progressive Metal ausstreckendes Stil- und Melodienfüllhorn. Die Fundamente bilden technischer und melodischer Death Metal; wer aber in so vielen musikalischen Welten zuhause ist wie FALLUJAH, der kann aus allen Welten das Beste schöpfen und daraus einen einzigartigen Breitwandfilm fürs innere Auge erschaffen. Ich habe lange überlegt, ob ich das Album mit 15 Punkten bewerten soll; dass es letztlich nur 14 wurden, ist eher dem Zaudern vor der Höchstpunktzahl als rationalen Erwägungen geschuldet. Im Interview spreche ich mit der Band unter der Überschrift „Goldene Zeiten“ darüber, wie man künstlerische Grenzen aufspürt und sprengt, auf den ersten Blick Unvereinbares zusammenbringt und sich kreativ immer wieder neu herausfordert. Angst vor künstlerischer Stagnation hat Alex Hofmann für die Zukunft nicht. Es gibt ja noch so viel zu entdecken…

[3] Progressiven Death Metal mit einigen Überraschungen bieten auch die Kalifornier INANIMATE EXISTENCE auf ihrem Zweitwerk „A Never-Ending Cycle Of Atonement“. Technischer Death Metal trifft hier auf smoothe Fusion-Parts und Instrumentierungen mit Flöte, Bongo und Harfe (!). Während FALLUJAH Genregrenzen sprengen, bleiben INANIMATE EXISTENCE klar im Tech Death verortet, erweitern diesen aber von innen heraus durch das Spiel mit ungewöhnlichen Klangfarben und durch die Integration von Jazz-Elementen. Ein ebenfalls beachtliches Album, lediglich die Vocals sind auf Dauer etwas eintönig. Das aber ist Jammern auf hohem Niveau. Es wird spannend sein, die weitere Entwicklung dieser Band im Auge zu behalten. Für das Album, gab es von mir 11 Punkte, im Interview habe ich mich mit der Band unter dem Titel „Das Ohr ist der Weg“ u.a. darüber unterhalten, was Songschreiben und Goldschürfen geminsam haben, welchen Einfluss Musiker wie Al Di Meola auf das Album hatten und welche übergreifende Rahmenhandlung die einzelnen Songs verbindet.

[4] Gäbe es einen Studiengang „Angewandter Death Metal“, so klänge ein Einser-Referat im Diplomandenseminar möglicherweise genau so wie das Album „Deathscapes Of The Subconscious“ von OMNIHILITY – nämlich nach einer enorm ambitionierten Umsetzung einschlägiger Lektionen aus dem Kanon des Faches, ausgeführt durch Personen, die mit profunder Sachkenntnis und ungeheurem Fleiß zu Werke gehen. In den besten Momenten gelingt es dabei, auch eigene Akzente zu setzen; für das nächste (dann dritte) Release sollte man aber ins Auge fassen, mehr stilistische Eigenständigkeit zu wagen, um sich deutlicher von der Masse an genrerelevanten Veröffentlichungen abzuheben. Fürs Album gabs 10 Punkte. Im Interview „Die for Metal? Live for Metal!“ gewährt die Band einen Blick hinter die Kulissen des Albums und gibt Auskunft über ihre nächsten Pläne, über Brückenschläge zur klassischen Musik und über die Metalszene in ihrer Heimat Oregon.

[5] Wem der Weg zur Schönheit nicht über zweispurig ausgebaute Auffahrtsstraßen, sondern über komplexe, vertrackte, eigenaktiv zu erarbeitende Pfade führt, der sollte sich mit dem Namen PILLORY anfreunden. Die Stücke auf „Evolutionary Miscarriage“ kommen klug ausgetüftelt daher und laden ein zur (Wieder-)Entdeckung des analytischen Gehörs. Statt fetter Groovewalze regieren an Jazz angelehnte Strukturen, über denen die einzelnen Instrumente mit mal mehr, mal weniger ausgeprägten Freiheitsgraden operieren. Hat man sich einmal in den Klangkosmos von PILLORY vorgetastet, funktionieren die Songs hervorragend als Sudoku für das intellektuell anspruchsvolle Synapsenkollektiv. Dafür satte 11 Punkte.

[6] Zu guter Letzt liefere ich in #91 die Review der neuen DVD „Fool ‚Em All“ von THE BLACK DAHLIA MURDER nach. Im letzten Heft habe ich zwar mit Band-Mastermind Trevor Strnad bereits über den Doppel-Silberling gesprochen, gesehen hatte ich ihn mangels Promocopy allerdings noch nicht. Das wurde nun nachgeholt – und zwar mit großem Genuss: Das Opus wartet mit einer 78-minütigen Tourdokumentation sowie 58 Minuten Liveaufnahmen aus dem Jahr 2013 auf. Die Konzertaufnahmen sind sauber produziert, ansprechend gefilmt und taugen hervorragend zum Headbangen vor dem heimischen Fernseher. In der Tourdokumentation präsentiert sich die Band inklusive Roadcrew hinter, neben und abseits der Bühne, gerne auch im Tourbus und bevorzugt in ausgelassenem Zustand, als Spaß- und Grasguerilla, die dem alltäglichen Wahnsinn des Tourlebens vor allem eines entgegensetzt: Jux und Dollerei bis zum Umfallen. Insgesamt ein gelungenes wie anarchisches Porträt einer grundsympathischen Band, das ohne aufgesetzte Dramaturgie auskommt und gerade dadurch besticht.

Für Heft #92 (Erscheinungstermin: 16. September) rezensiere ich u.a. die neuen Alben von MASTODON, EARTH, BEYOND CREATION, EARTHSHIP und ONKEL TOM, das auf FDA Rekotz neu aufgelegte erste Demo der brasilianischen Death-Threasher (oder Thrash-Deather?) von CONSIDERED DEAD sowie die zum 25. Bandjubiläum wiederveröffentlichte legendäre Ein-Track-EP „I“ von MESHUGGAH. Daneben interviewe ich Tom Angetripper (zum neuen ONKEL-TOM-Album, zu den nächsten Plänen von SODOM und zur Metalszene im Allgemeinenm), DESERTED FEAR (Studiobericht zum angekündigten, derzeit noch namenlosen zweiten Album, ergänzt um ein ausführliches, online erscheinendes Interview), DECAPITATED (zum neuen Album „Blood Mantra“) und CONSIDERED DEAD. Zum Ausnahmestatus von MASTODON müssen (auch wenn das neue Album die Klassiker der Band nicht unbedingt toppt) keine Worte mehr verloren werden. Wer auf Prog/Tech-Death der Marke DESCEND und INANIMATE EXISTENCE, gerne auch frühe CYNIC und DEATH, steht, der darf, kann und sollte sich schon jetzt das Album „Earthborn Evolution“ der Kanadier BEYOND CREATION auf dem Einkaufszettel vormerken. Unbedingt!

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Erstkontakt: Mastodons „Once More ‚Round The Sun“ (VÖ 20.6.). Ein Hörbericht

Mastodon, Once More 'Round The SunSeit Monaten warte ich auf dieses Album, mit der Vorab-Review-Copy hat es offenbar nicht hingehauen (oder die Band hat im Vorfeld nur sehr selektiv welche verteilt), entsprechend musste ich bis heute, 20. Juni, 0:00 Uhr MEZ, warten. So weit, so gut: 0:00 Uhr abgewartet, die amazon-Musikbibliothek upgedatet … und wiederholt upgedatet … und schließlich um 00:50 Uhr die Vorbesteller-AutoRip-MP3-Version heruntergeladen:

Erster Durchlauf, dabei nur spontane Notizen (begleitend zur Inohrenscheinnahme), basierend auf unmittelbaren ersten Eindrücken. Kein abschließendes Urteil, für heute nur Vorläufiges und Unredigiertes – Track by Track und ohne nachträgliche Überarbeitung:

(1) Tread Lightly

Atmosphärisch interessantes Intro. Orientalische Anklänge, dann pulsierender Einstieg. Vocals von Troy Sanders, ein wenig wie bei ‚Black Tongue‘. Ist die Zeile „Facing the unknown“ programmatisch für das gesamte Album? Man wird sehen. Stimmungsmäßig liegt der Song im Schnittbereich von ‚Oblivion‘ und ‚Black Tongue‘, der Chorus erinnert auch ein wenig an ‚All The Heavy Lifting‘. Gute, dynamische Nummer mit Mastodon-typischen Trademarks und abschließend einem kurzen Classic-Rock-Gitarrensolo – und ein starker Einstieg.

 (2) The Motherload

Der hohe Gesang von Brann Dailor („This time .. this time…“) erinnert mich spontan irgendwie … an alte Queensryche (‚Revolution Calling‘)?? Das kommt gut, ist für Mastodon aber recht ungewohnt. Der Song geht gut ins Ohr, trotzdem gewinnt man den Eindruck, man lausche einer gänzlich anderen Band als noch zuvor auf The Hunter (von den anderen vier Alben davor ganz zu schweigen). Das muss nicht schlecht sein – es ist ungewohnt und unerwartet. Aber Mastodon haben ja bereits auf Crack The Skye überrascht. Warum nicht auch jetzt wieder? Die Gitarrensoli klingen ebenfalls anders als bisher, noch deutlicher in Richtung Classic Rock gebürstet. Insgesamt entfaltet der Song einen guten Flow, die Gitarren werden noch stärker als auf manchen Songs von The Hunter als  homogen-fließender Wall of Sound in Szene gesetzt, und wenn ich mich nicht täusche, ist mindestens im Schlussteil zur Unterstützung noch eine Hammondorgel mit im Untergrund aktiv, die dem Ganzen zusätzlichen warmen Feinschliff verleiht. Noch einmal angemerkt: Ich schreibe weitgehend assoziativ und begleitend um Er-Hören der Scheibe. Um eine kohärente Beurteilung des großen Ganzen geht es mir an dieser Stelle (noch) nicht. Das kommt erst später. Wie ich den Song insgesamt einschätze, lasse ich fürs Erste offen. Einerseits ist er ungewohnt, andererseits sagt mir irgendeine Intuition, dass es sich dabei möglicherweise um eines der Kernstücke des Albums handeln könnte, das mit der Zeit noch wächst. Also erst einmal weiter einhören in den Mastodon-Sound des Jahres 2014.

 (3) High Road

Interessant, wie sich der schon vorab ausgekoppelte Song im Kontext des Albums anders macht als beim Einzeln-Hören. Gegenüber ‚The Motherload‘ hauen die Troy-Sanders-Vocals und das Grundriff erst mal ordentlich in die ‚Spectrelight‘-Kerbe, lassen womöglich sogar dies und jenes aus der Leviathan-Phase anklingen (ohne freilich dieselbe Brachialität zu erreichen, dazu agiert man anno 2014 deutlich stärker mainstream-orientiert), im Chorus dominiert dann wieder der Klargesang Brann Dailors. Genial die Twin-Gitarrenpassagen im letzten Drittel, die ein warmes und dichtes 70er-Flair verbreiten, ohne aber altbacken zu wirken. Der Song endet mit dem Grundriff. Auch hier: eine gewöhnungsbedürftige Mischung, die die härteren (aber auch dort gegenüber den Vorgängerwerken bereits geglätteten) Parts von The Hunter mit exponiertem melodischen Klargesang und einer noch deutlicher herausgearbeiteten Classic-Rock-Schlagseite zusammenbringt.

 (4) Once More ‚Round The Sun

Endlich kommt mal Brent Hinds zum Zuge! Sein quäkendes Organ hat man irgendwie schon vermisst. Klingt wie eine Mischung aus ‚Divinations‘, ‚All The Heavy Lifting‘ und ‚Octopus Has No Friends‘. Plus eine Prise Rock’n’Roll. Der Song könnte den evolutionären Übergang von Album Nr. 4 Crack The Skye zu Album Nr. 5 The Hunter symbolisieren. Aber wir sind ja inzwischen bereits bei Album Nr. 6.

 (5) Chimes At Midnight

Spacig-getragenes Intro (Verloren im All? Fortsetzung von ‚Stargasm‘?), dann nervöse Gitarrenarbeit à la ‚Bedazzled Fingernails‘, darüber Troy Sanders (vielleicht all zu deutlich) im Stile von ‚Spectrelight‘. Im Chorus dann erneut Brent Hinds – und auch hier irgendwie wieder Anklänge an ‚All The Heavy Lifting‘ (Die Harmonik und Vocals von ‚All The Heavy Lifting‘ müssen der Band ganz offenbar als zentrale Stilelemente aus den Aufnahmesessions zu The Hunter im Ohr hängengeblieben sein…). Als Outro gibt es noch mal das Intro.

 (6) Asleep In The Deep

Interessanter, Pink-Floyd-inspirierter Beginn; mehrstimmiger Gesang über klassischer U2-Gitarre und treibendem Schlagwerk. Atmosphärisch bestechend und originell. Schließlich ein Chorus mit irgendwie irrem Wechselgesang zweier zweistimmiger Vokalfraktionen. Eine zugleich eigenartige wie faszinierende Nummer, die ich mir noch genauer werde anhören müssen. Irgendwo im Hintergrund der Pink-Floyd-artigen Parts gibt es ab und an auch ein Bläser-Synthie. „Atom Heart Mother“ fand ich schon immer klasse. ;) Und irgendwie hat der Song (vor allem gegen Ende) auch was Grungiges. Irgendwie. Überzeugt mich jedenfalls bereits beim ersten Hören.

 (7) Feast Your Eyes

Der Beginn erinnert mich an ‚Octopus Has No Friends‘, der Song insgesamt hätte auch auf Crack The Skye stehen können – z.B. als vierter Track zwischen ‚Quintessence‘ und ‚The Czar‘. Progressive Gitarrenarbeit trifft auf melancholische Heaviness. Wie es scheint, ist die neue Scheibe stilistisch irgendwo zwischen den beiden Vorgängeralben angesiedelt, zwar meist mit einem deutlicheren Ausschlag zugunsten The Hunter, aber dieser Track greift weiter zurück.

 (8) Aunt Lisa

Brann Dailors Stimme ist auf dem neuen Album auffällig präsent; als Mastodon-Ersthörer kann man den Eindruck gewinnen, es handele sich bei ihm um den eigentlichen Sänger der Band, während Brent Hinds und Troy Sanders hin und wieder auch mal einen Part beisteuern. Das liegt natürlich daran, dass Dailor die melodisch prägnanteren Parts singt und daher klarer heraussticht. Ich mochte seine Gesangsbeiträge auf den Vorgängeralben, insbesondere im Song ‚Crack The Skye‘, in dem gerade der Kontrast von Sludge- und Klarvocals einen wesentlichen Teil des Gänsehautfaktors ausmachte. Allerdings hat Dailors Stimme im Vergleich den Stimmen von Hinds und Sanders und gegenüber den Vorgängeralben den geringsten Wiedererkennungswert – will sagen: Hier wurde auf Once More ‚Round The Sun offenbar mit deutlich verändertem Effektinstrumentarium gearbeitet. Während Dailors Stimme bislang sehr effektiv als Akzent im Hintergrund wirkte, rückt ihn die Produktion dieses Albums (nicht nur in diesem Song) wie einen Leadsänger in den Vordergrund. Ob das live funktioniert, wenn der Herr zugleich mit seinen – zumeist recht fordernden – Drumparts beschäftigt ist? Zu ‚Aunt Lisa‘: Der Beginn erinnert mich an ‚Divinations‘, die New-Wave-Rhythmik an den Chorus von ‚Crack The Skye‘. Neben Dailor kommen auch die beiden anderen Sänger zum Zuge. Schräg, bei Mastodon absolut nicht erwartbar, aber irgendwie saucool, sind im Schlussteil die weiblichen Gangshouts „Hey ho – let’s fucking go / hey ho – let’s get up and rock and roll“ über traditionellem Metalriffing – ein Songabschluss ähnlich überraschend wie weiland das unglaubliche Slayer-Riffing in den letzten 20 Sekunden von ‚Burning Man‘ auf dem Debütalbum. Wenn die Shouts nicht mal als augenzwinkernde Remineszenz an Joan Jett (‚I Love Rock’n’Roll‘) gedacht sind … für mich als Kind der 80er sind sie das. Mastodon entwickeln hier den Soundkosmos des Crack-The-Skye-Titeltracks weiter. Könnte einer der Songs sein, die aus dem Album unterm Strich als Highlights herausstechen – auch deshalb, weil man, im Gegensatz zu anderen Songs der Scheiben, nicht zu eng an Songmustern des Vorgängers klebt, sondern auch Neues ausprobiert. Dazu gehören auch die deutlich dominanteren Gesangsparts von Brann Dailor – die, mit Blick auf das Album insgesamt, unter Mastodon-Traditionalisten sicherlich auf geteiltes Echo stoßen dürften.

 (9) Ember City

Treibendes, eher klassisches Metal-Riff mit Mastodon-typischen Koloraturen. Der Wechsel von Troy-Sanders-Strophe zu Klargesang-Chorus gestaltet sich ähnlich wie bei ‚High Road‘ – zugleich ist ‚Ember City‘ ein weiterer Song, der sich (aufgrund des dominanten Klargesangs) weit von dem entfernt, was man von Mastodon erwartet und gewohnt ist. Erneut lässt mich der hohe Gesang frühe Queensryche assoziieren (‚Spreading The Disease‘). Im Mittelteil wird ordentlich – dann wieder Mastodon-typisch – gerifft und gegroovt.

 (10) Halloween

Flotter, treibender Song mit Brent Hinds und Brann Dailor im Wechsel. Der Chorus ist erneut maximal Mastodon-untypisch, aber recht originell. Es gibt einige nette harmonische Wechsel im Riffing. Das ausgedehnte klassische Gitarrensolo weist ein paar (sicherlich augenzwinkernde) Poser-Koloraturen auf (vermutlich Brent Hinds). Das Spiel mit Stereoeffekten während des ausufernden Solos im Schlussteil erinnert an vergleichbare Passagen Led Zeppelins ‚Whole Lotta Love‘ und ist mit Sicherheit eine bewusste Remineszenz. Insgesamt einer der stärksten Songs des Albums, bei dem Brent Hinds endlich mal richtig gut zur Geltung kommt. (Mir liegt noch nicht die CD-Version mit den Songwriting-Credits vor, aber ich gehe stark davon aus, dass dieser Song deutlich Hinds‘ Handschrift trägt.)

 (11) Diamond In The Witch House

Düsterer Midtempo-Groove mit Troy-Sanders-Gesang, der mich in punkto Grundstimmung und Heaviness entfernt an die Strophen von ‚Crack The Skye‘ und ‚Ghost Of Karelia‘ erinnert. Ein Song ohne Klargesang von Brann Dailor und damit ein starker Kontrast zu den vorangegangenen Songs. Der Song nimmt über die Distanz von 7:30 Minuten nicht an Fahrt auf, sondern bleibt im Midtempo und zelebriert den bleischweren Zeppelin so eindrucksvoll wie zuletzt mit ‚Ghost of Karelia‘. Enorm starker Abschluss.

Erste, vorläufige Quintessenz:

Das stilistische Fundament von Once More ‚Round The Sun bilden die Trademarks, die man über die letzten beiden Alben entwickelt hat. Den Gesang ausgenommen, kann man dem Songwriting mindestens Stagnation auf (sehr) hohem Niveau, wenn nicht gar eine kohärente Weiterentwicklung der mit Crack The Skye und The Hunter beschrittenen Pfade bescheinigen. Einigen Einflüssen des Vorgängeralbums spürt man dabei stellenweise noch bewusster nach (Classic Rock, Pink Floyd), die stärkste Veränderung im Gesamtsound sind aber die an vielen Stellen Leadsänger-like in Szene gesetzten Vocals von Brann Dailor – deren Akzente ich auf den beiden Vorgängeralben sehr geschätzt habe und die hier nun vom Kontrastakzent zum dominanten Stilmerkmal weiterentwickelt werden. Auch das Songwriting ordnet sich dem unter und sieht an jeweils prominenter Stelle Passagen vor, die auf die Stimme von Brann Dailor zugeschnitten sind. Das führt unweigerlich zu einer insgesamt deutlich veränderten Gesamtsignatur, an der sich die Geister scheiden werden. Mastodon standen schon immer für Überraschungen und Weiterentwicklung – bei Album Nr. 6 wird der eine oder andere möglicherweise sogar „Mainstream“ schreien. Man kann von einer Band (und gerade von einer Band wie Mastodon) aber nicht erwarten, dass sie rückwärtsgerichtet agiert. So sehr sich mancher ein zweites Remission, Leviathan oder Blood Mountain wünschen mag: Könnte uns ein solches Album tatsächlich überzeugen? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Daher sollte man (gerade) einer Band wie Mastodon zugestehen, sich kontinuierlich weiterzubewegen – auch wenn das Ergebnis unerwartet ist. Erwartungen zu erfüllen ist schließlich ebenfalls eine Art der Stagnation.

Die Zeit und wiederholtes Hören werden zeigen, wie sich die Songs auf Once More ‚Round The Sun für den Mastodon-affinen Hörer kohärent im Kontext des Gesamtwerks verorten lassen. Ein Reinfall ist die neue Scheibe beileibe nicht – gewöhnungsbedürftig schon. Und vielleicht gerade deshalb ein genialer Wurf. Die Zeit wird’s weisen.

Für mich heißt es nun: Zweite Runde
… oder auch: Once more ‚round Once More ‚Round The Sun! ;-)

Update: Etwa 20 Stunden später…

Nach meiner eher zurückhaltend-positiven ersten Einschätzung (s.o.) bin ich nun überzeugt, dass auch Once More ‚Round The Sun zu 100% Mastodon ist. Die Band hat sich weiterentwickelt – na und?! Oder anders ausgedrückt: Sie hat denjenigen Stil konsolidiert, mit dessen unterschiedlichen Facetten sie auf den Vorgängeralben verschiedentlich (auch dort schon genial) herumexperimentiert hat. Crack The Skye war ein Meisterwerk (keine Frage!), The Hunter in Anbetracht der neuen Scheibe wohl eher eine Zwischenstation, die wichtig dafür war, songdienlicher zu agieren. Man kann Once More ‚Round The Sun als Abschluss eines Dreischritts ansehen, an dessen Ende elf kompakte, atmosphärisch stimmige, songwriterisch disziplinierte Stücke griffigen Prog-Metals stehen, die sich stilistisch am besten dadurch charakterisieren lassen, dass man sie mit „Mastodon“ beschreibt. Denn das trifft es am präzisesten. Klar: Once More ‚Round The Sun ist stilistisch (meilen-)weit von Leviathan entfernt, und noch weiter von Remission. Aber auch Pink Floyd haben auf Dark Side of the Moon nich einmal mehr ansatzweise so geklungen wie auf Ummagumma oder Saucerful of Secrets. Es ist ein Trugschluss zu glauben, durch stilistische Weiterentwicklung würden stilistisch anders akzentuierte Frühwerke einer Band obsolet oder gar negiert. Im Gegenteil: Gerade durch die stilistische Weiterentwicklung funkeln die frühen Rohdiamanten um so faszinierender. Wo sich etwas bewegt und kreativ stets alles im Fluss ist, darf man im Laufe eines Bandlebens am meisten erwarten. Once More ‚Round The Sun überrascht – und steht dennoch für eine kontinuierliche Entwicklung (inklusive neuer Elemente, an die man sich gewöhnen muss, die aber kohärent ins Bild passen). Ich habe überhaupt kein Problem damit, auch weiterhin Remission und Leviathan zu hailen – und zugleich Once More ‚Round The Sun abzufeiern. Denn DAS (alles) ist MASTODON.

P.S.: Kleine Screenshot-Dokumentation meiner spontanen Anmerkungen zum soeben erfolgten neuerlichen Durchlauf der Scheibe.: ^^

Der Mastodon-Monolog

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Das Ohr ist der Weg: Mastodon, High Road (Vorab-Stream, 2014)

Mastodon, High RoadWie geil ist das denn. (Kein Ausrufezeichen, kein Fragezeichen, weil: weder Ausruf, noch rhetorische Frage, sondern: Feststellung. Will sagen: Sicherung von Fakten. Denn, Klammer zu:) Ein hypnotisches Riff, ein hymnischer Chorus, ein Hybrid aus 70er-Retro-Prog- und Proto-Thrash-Flair, rudimentär ins Oeuvre einzuordnen als Fusion aus ‚Spectrelight‘ von dero letztem und ‚Crack The Skye‘ vom vorletzten Album, angereichert um subtil eingestreute Dosen herzerwärmender Gitarrenarbeit (s. Zählerstand 2:32 und 3:12) – DAS zeichnet den neuen, heute online veröffentlichten MASTODON-Song ‚High Road‘ aus. Mehr ist nicht zu sagen, wo Wort gebricht und Ohr einstweilen atemlos mehr Ohr sein möchte als es kann.

Das Ohr ist der Weg: https://soundcloud.com/mastodonrocks/mastodon-high-road/s-kgi7V

„Once More Round The Sun“ (angekündigt für Juni) wird das Album des Jahres. Ungehört und unbenommen. Aber sowas von.

Ein Kommentar

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Lord Dying, Summon The Faithless (Relapse, 2013)

Lord Dying, Summon The FaithlessGäbe es eine Welt ohne Schweiß und weibliche Ermahnung, würde ich dieser Tage mein jüngst erworbenes LORD-DYING-Shirt spontan zur universellen Bekleidung erklären und bis auf Weiteres nicht wieder ablegen: „Summon The Faithless“ ist ein Album, das mich auch nach wiederholtem Hören restlos begeistert. Das Album wartet auf mit Tony-Iommi-Riffing, das durch den Sludgewolf gedreht und mit der Brachialität von Black Tusk, frühen Mastodon und jeder Menge Proto-Thrash angereichert wurde. In punkto Sound und Atmosphäre vereint man dabei die besten Elemente von frühen Black Sabbath und prototypischem Sunlight-Death-Metal. Räudige Mitten-in-die-Fresse-Vocals irgendwo zwischen Paul di Anno und Johnny Hedlund verpassen dem Ganzen den nötigen Dreck unter den Fingernägeln, dessen es bedarf, um bei Erstkontakt nachhaltig zu infizieren. Das Resultat sind acht Perlen feinster Sludge-Doom-Post-Death-wasauchimmer-Herrlichkeit: ‚Descend Into External‚, ‚Dreams Of Mercy‚, ‚Greed Is Your Horse‚ und ‚What Is Not … Is‚ grooven wie ins Doomige gewendete, bitterböse Bastarde aus Mastodon und Unleashed, ‚In A Frightened State Of Gnawed Dismemberment‚ fährt mehrere Sorten erhabener Sabbath-Gedächtnis-Riffs auf und kleidet diese in einen kompromisslosen Dismember-Sound, ‚Summoning The Faithless‚, ‚Perverse Osmosis‚ und ‚Water Under A Buring Bridge‚ sind schleppend-giftige Sludge-Doom-Monster mit wuchtigem Drumming und erbarmungslosem Zersetzungspotenzial. Diese Platte ist zugleich finsterer Hassklumpen, schonungslos und direkt wie prototypischer Hardcore-Punk, simpel und eingängig im Ansatz und voller heimtückischer Widerhaken. Sie wird, wenn du dich nicht vorsiehst, sich in deinem Gehör festsetzen, in dein Gehirn einfressen, dort eitrige Wurzeln schlagen, auswuchern und böse Früchte tragen, um dir schließlich von innen heraus den Schädel zu spalten. Wenn du dafür bereit bist: Bitteschön! Aber sag später nicht, man hätte dich nicht gewarnt!

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Was WAR und IST und WIRD: ein Blick zurück voraus (Rückblick 2013)

2013Was bleibt hängen aus einem Jahr mal mehr, mal weniger konzentrierter Beobachtung der gitarrenorientierten Musikszene? Welche Alben oder Songs, die einen direkt nach Erscheinen umgehauen haben, erweisen sich auch auf längere Sicht als langlebig, welche Veröffentlichungen hat man unterschätzt, was ist – wissentlich oder unwissentlich – an einem vorbeigegangen und welche Releases entpuppten sich subjektiv betrachtet als Strohfeuer mit zunächst großem Initialeffekt, aber letztlich doch eher kurzer Halbwertszeit?

Mein persönliches Album des Jahres ist ohne Zweifel „Pelagial“ von THE OCEAN. Auch DEFEATERs „Letters Home“, dessen Erscheinen ich sehr entgegengefiebert hatte, rangiert weit oben in meiner Alben-für-die-Insel-Liste für das Jahr 2013. Da ich mich zu beiden Releases bereits ausführlich hier und hier geäußert habe, will ich sie nicht erneut in derjenigen epischen Breite zelebrieren, die ihnen zweifelsohne zusteht, sondern mich an dieser Stelle denjenigen Alben zuwenden, zu denen ich über die Monate immer wieder mal „unbedingt noch was schreiben wollte“, die in diesem Blog dann aber doch – unverdientermaßen und meistens aus Zeitgründen – unberücksichtigt geblieben sind. Alben, die im vergangenen Jahr bereits mit eigenen Blog-Einträgen gewürdigt wurden (BOMBUS, MOTÖRHEAD, TWILIGHT OF THE GODS, PHIL ANSELMO, ONSLAUGHT, WOUND, BLACK TUSK, ORCHID, SODOM; siehe Übersicht), werde ich dabei nicht erneut aufführen.

2013 war das Jahr einiger sensationeller Comebacks. Da ist zum einen CARCASS‘ „Surgical Steel“ mit Übersongs wie „A Congleated Clot of Blood“, „The Granulating Dark Satanic Mills“ und „Mount of Extinction“ oder dem 80er-Relikt „Thrasher’s Abbatoir“. Auch wenn sich das Album eher an der „Necroticism“/“Heartwork“-Phase der Band orientiert und damit möglicherweise den einen oder anderen Fan der grindigen Frühphase enttäuscht hat, beweisen CARCASS, dass es auch 2013 kaum eine andere Band in ihrem Genre gibt, die groovenden Death Metal derart locker aus der Hüfte ballert wie die Liverpooler Genre-Pioniere. Zu Recht wurde das Album in der Metalpresse vielfach zum Album oder Comeback-Album des Jahres ausgerufen – und es steht zu hoffen, dass mit CARCASS auch künftig zu rechnen sein wird, nicht nur auf den Bühnen, sondern auch weiterhin in den Studios dieser Welt.

Als ähnlich souverän und über jede Kritik erhaben muss das Monument „13“ gelten, das BLACK SABBATH anno 2013 in Beinahe-Originalbesetzung abgeliefert haben und von dem ich mir im Vorfeld nicht einmal ansatzweise diejenige Klasse erträumt hatte, die es dann tatsächlich vorlegte. Tatsächlich hatte ich dem Sabbath-Comeback sogar schon lange vor Veröffentlichung jedwede Relevanz abgesprochen und mir das Album daher auch gar nicht direkt am Erscheinungstag besorgt – sondern erst drei oder vier Wochen später, und auch dann eher halbherzig denn aus echter Überzeugung (vermutlich einfach nur deshalb, weil ich als Fan der „alten“ Sabbath dann doch ein schlechtes Gewissen hatte, dieses Werk unbeachtet zu lassen). Umso schmerzhafter traf mich dann die Erkenntnis, dass ich mir mit meiner frevelhaften Ignoranz volle drei bis vier Wochen selbstverschuldete Nicht-Erleuchtung eingehandelt hatte: Die Herren Iommi, Butler & Osbourne versuchen sich erst gar nicht an einem stilistischen Querschnitt durch alle ihre gemeinsamen Klassiker, sondern knüpfen vielmehr sehr fokussiert an die eigene Frühphase an – nicht nur mit dem Outro, das eben jenes Regen-Sample verwendet, mit dem weiland 1970 das selbstbetitelte Album-Debüt sowie dessen selbstbetitelter Opener eingeleitet wurde (und das entsprechend zum Ausklang des neuen Albums für einen ordentlichen Gänsehauteffekt sorgt). Auf „13“ regiert das Midtempo, und einmal mehr beweist Riffgott Tony Iommi, ähnlich wie bereits auf dem 2009 unter dem Bandnamen HEAVEN & HELL mit Ronnie James Dio eingespielten Sabbath-Mark-II-Comeback „The Devil You Know“ souveränstmöglich, dass Heaviness alles andere als eine Sache der Geschwindigkeit ist. Brecher wie „End of the Beginning“ oder „God Is Dead?“ überraschen beim ersten Hören durch ihren gemächlich anmutenden Aufbau, fräsen sich dann aber mit einer derartigen Wucht und Hartnäckigkeit ins Hirn, dass sie dort auch Monate später noch ihr Unwesen treiben. Ein Paukenschlag, der seinesgleichen sucht – und entweder ein würdiger Abschluss für das bis dato unabgeschlossene Mark-I-Kapitel der Band oder eben auch ein neuer Anfang; die Liedzeile „Is this the end of the beginning / or the beginning of the end“ mag diesbezüglich als Cliffhanger gelesen werden und macht gespannt, ob hier noch etwas nachkommt (dann möglicherweise sogar mit Bill Ward an den Drums?).

Mit einem dicken Ausrufezeichen in den Veröffentlichungslisten für 2013 zu versehen sind darüber hinaus eine Reihe weiterer Alben – allen voran das unglaubliche selbstbetitelte Album der US-Prog-Thrasher REVOCATION, das über die volle Distanz von zehn eigenen Songs und einem Metallica-Cover mustergültig demonstriert, dass hochambitionierter technischer Anspruch kein bisschen zu Lasten der Songdienlichkeit gehen muss. Was das Trio aus Massachusetts hier auf Albumlänge darbietet, ist zum einen aberwitzige Handwerkskunst in Perfektion, zum anderen ein mitreißendes Thrash-/Death-Monster mit einer Fülle an brillanten Ideen, aus denen, wie es Frank Albrecht treffend fürs RockHard beschrieb, „andere Bands eine Diskographie stricken“ würden. Um das glauben zu können, muss man es selbst gehört haben.

Nicht zu vergessen auch das aktuelle Hardcore-Punk-Gewitter „Live By The Code“ mit dem Übersong „I’m Only Stronger“, das TERROR in diesem Jahr auf die Menschheit haben niedergehen lassen: Hier kommt jeder Song wie ein wütender Affront und ist jedes Riff eine musikgewordene Faust in die Fresse. Man mag diese Art Hardcore primitiv finden, man kann es aber auch als „Harte Schule, aufs Essenzielle reduziert“ und damit als minimalistisch(st)en Ausdruck eines rauen, räudigen Street-Punk mit Thrash-Gitarren begreifen. Oder auch einfach nur geil finden.

Nicht zu vergessen weiterhin das ironisch-pseudointellektualistische beziehungsweise sympathisch-versponnene „Nanobots“-Album von THEY MIGHT BE GIANTS, das zwar alles andere als Metal ist, das ich aber einfach nicht unerwähnt lassen kann. Wer schert sich schon um Genregrenzen? Wenn ein Popalbum ein derartiges Ideen-, Melodien- und Absurde-Pointen-Feuerwerk abbrennt wie dieses, dann ist mir herzlich egal, in welcher musikalischen Tradition es steht. Nicht umsonst lasse ich mir mit dem Untertitel dieses Blogs „Metal … and more ein Hintertürchen offen, meinen Senf quer durch die Bank und über Genregrenzen hinweg zu allem dazuzugeben, das mir würdig erscheint, aus der jährlich anwachsenden Masse der Releases herausgehoben und für zumindest einen Blogeintrag auf ein Podest gestellt und sorgsamer Musterung unterzogen zu werden.^^ Und weiter: AUGUST BURNS REDs „Rescue & Restore“, das ich erstmalig konzentriert auf einer langen Autofahrt durch Frankreich hörte und das mich direkt umgehauen hat. Ist Metalcore bis auf wenige Ausnahmen (die bislang auf Namen wie PARKWAY DRIVE und KILLSWITCH ENGAGE hörten) ansonsten eher nicht so mein Ding, hat mich dieses Album davon überzeugt, dass es auch im Metalcore (noch) herausragende und richtungsweisende Vertreter gibt, die sich durch Originalität und sogar eine gewisse Progressivität von der Masse der Übrigen abheben. Möglicherweise fällt mir das aber nur deshalb so sehr auf, weil für mich die breite Masse der Genrebands im Metalcore-Sektor einfach allzu austauschbar klingt und mir das Genre insgesamt als stilistisch viel zu eng gesteckt erscheint, als dass darin noch Originelles zu tun wäre. Wie auch immer: AUGUST BURNS RED hätten mit ihrer neuen Scheibe auf jeden Fall einen eigenen Blogeintrag verdient gehabt. Vielleicht später einmal.

Als eine weitere Sternstunde des Muskjahres ist darüber hinaus das außergewöhnliche, sich einer stereotypen Schubladisierung entziehende und ungemein suggestive „Sunbather“ von DEAFHEAVEN zu nennen. Das Album vertont die Glückseligkeit, sich durch geschlossene Augenlider dem Gleißen der Sonne hinzugeben. Um diese Erfahrung so eindringlich als möglich nachvollziehbar zu machen, wird unter Verwendung von Black-Metal-Patterns ein Effekt erzeugt, der maximales Eintauchen ermöglicht. Selten war Sonnenbaden derart intensiv. Fantastisch.

Fantastisch auch: STEVEN WILSONs Prog-Meisterwerk „The Raven That Refused To Sing“, das Doppelalbum „Opposites“ von BIFFY CLYRO, das beweist, dass klug komponierter Progressive Rock durchaus pop- und radiokompatibel sein kann („Different People“ war in diesem Jahr einer der großen Ohrwürmer, die mich nicht mehr losgelassen haben), „The Headless Ritual“ von AUTOPSY, auf dem sich die Death-Urgesteine altersgereift mit einem ihrer besten Outputs ever präsentieren (göttlich darauf u.a.: „She Is a Funeral“), sowie „One Of Us Is The Killer“ von THE DILLINGER ESCAPE PLAN, in dem Extremmetall und Pop-Appeal kongenial zum Wahnsinn mit Methode fusioniert werden. Waren die Dillingers mit ihrem ADHS-Metal früher bisweilen über längere Distanz dann doch etwas anstrengend, haben sie inzwischen zu einer beunruhigend perfekten Balance zwischen Irrsinn und Selbstkontrolle gefunden, bei welcher die Songs gerade durch ihre Eingängigkeit noch zusätzliche Energie gewinnen. Das hat gleichermaßen Wucht und Wirkung.

Äußerst druckvoll ausgefallen ist auch das Livedokument „Dying Alive“ zum 2012er Tourabschluss von KREATOR in der Oberhausener Turbinenhalle: eine erstklassige, interessant gefilmte Produktion, die zeigt, wie man trotz der Konkurrenz durch YouTube-Amateurvideos auch heute noch ein Konzert filmisch so in Szene kann, dass die Atmosphäre einer KREATOR-Show (beinahe) so konserviert wird, als sei man dabeigewesen. Natürlich ist das „echte“ Live-Feeling durch nichts zu toppen; als jemand, der beim Gig in Oberhausen vor Ort und im Getümmel war, hat mich der Film trotzdem begeistert. Sympathisch war auch die zugehörige Filmpremiere im August in der Essener Lichtburg – mit der kompletten Band und Teilen der Crew sowie anschließender Frage- und Autogrammstunde.

Zu Jahresende hat mich dann noch die neue DEICIDE „In The Minds Of Evil“ weggeblasen. Zwar ist die Platte als Ganze auf Dauer etwas monoton, das Teil groovt aber wie Sau und stellt das letzte Release der Gotteslästerer aus Florida noch einmal locker in den Schatten. Zusammen mit CARCASS und AUTOPSY belegen DEICIDE eindrücklich, dass diejenigen Bands, die sich Ende der 80er/Anfang der 90er aufmachten, tonnenschwere Pflöcke in das unerforschte Terrain des noch jungen Genres einzurammen, auch heutzutage bei der Definition von Death Metal noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben. Daneben haben in 2013 erneut verschiedene junge Bands gezeigt, dass die Orientierung an Old-School-Trademarks im Death Metal keineswegs zu einer nur rückwärtsgerichteten (und damit stilistisch stagnierenden) Entwicklung führen muss: Bands wie ATOMWINTER („Atomic Death Metal“) oder die bereits an anderer Stelle besprochenen WOUND („Inhale The Void“) halten klassische Tugenden höchst eindrucksvoll am Leben und zeigen damit, wie zeitlos der von den Genrepionieren (DISMEMBER, MERCILESS, NIHILIST, frühe ENTOMBED, frühe DEATH, MASSACRE sowie den oben erwähnten, noch oder wieder aktiven „Klassikern“) geprägte Stil auch heute noch funktioniert. Überhaupt war Death Metal auch 2013 wieder eines der spannendsten Genres mit vielen frischen Bands, die sich zwischen „klassischen“ Strukturen und modernen Sounds eigene Positionen erarbeiten und damit das Genre nicht nur am Leben halten, sondern auch – evo-, nicht revolutionär – weiterentwickeln.

Wie in jedem Jahr wurde 2013 (leider) auch in der Musikszene (wieder) gestorben. Besonders hart in diesem Jahr (für mich) der Tod von Lou Reed (siehe Nachruf) sowie (für die gesamte Metal-Szene) der Verlust von Jeff Hanneman. Tatsächlich stammen, wie ich mich noch einmal vergewissert habe, die allermeisten meiner SLAYER-Favourites aus der Feder von Jeff. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie ein neues SLAYER-Album klingen mag, auf dem Hanneman nicht am Songwriting beteiligt ist, lasse mich aber gerne überraschen. So unersetzlich der Hanneman-Pol im bisherigen künstlerischen Prozess von SLAYER auch war (und bleiben wird), so sehr sei es natürlich auch dieser Band – wie auch anderen vor ihnen – zugestanden, trotz des Todes eines zentralen Bandmitglieds weiterzumachen und – hoffentlich – wieder zu irgendeiner Art von Form zu finden (nicht nur live, sondern auch auf Tonträger). Neu erfinden werden sie sich dabei sicherlich nicht, denn alle Neu-Erfindung wäre nicht mehr SLAYER. Man wird im nächsten Jahr zu beobachten haben, wie die Band damit umgeht, trotz Verlusts von 50% ihrer Kernbesetzung (Lombardo wurde kurz vor Hannemans Tod von Kerry King gegangen) den Status quo zu erhalten. Kaum eine andere Band (außer MOTÖRHEAD natürlich) genießt quer durch alle Metal-Genres einen derartigen Kult-Status und eine derartige Szene-Credibility. Damit umzugehen wird für die Herren King und Araya sicherlich ein heikles Geschäft.

Worauf freue ich mich in 2014?

Zunächst darauf, dass das Jahr so weitergeht wie es beginnt: Als sporadischer Rezensent für das LEGACY-Magazin hatte ich bereits das Vergnügen, die kommenden Releases von DESCEND, MUSTASCH und CYNIC, die im Januar und Februar erscheinen werden, ausgiebig durchzuhören. Auch wenn das Jahr noch lang ist und genau besehen noch nicht einmal begonnen hat, muss ich DESCENDs „Wither“ schon jetzt als ersten Kandidaten für mein persönliches Album des Jahres in 2014 vormerken. Auch MUSTASCH werden mit „Thank You For The Demon“ nicht enttäuschen, und das neue CYNIC-Album „Kindly Bent To Free Us“ geht konsequent den Weg weiter, den die Herren Masdival und Reinert mit ihrer 2012er EP „Carbon-Based Anatomy“ eingeschlagen haben. Entsprechend wird auch dieses Album (wieder) polarisieren; für Fans, die bereit sind, die Entwicklug der Band seit „Focus“ (1993) mitzugehen (zu denen ich mich selbst zähle), handelt es sich fraglos um ein starkes Album. Mehr dazu in meiner Review für die März-Ausgabe des LEGACY.

Mehr als gespannt bin ich darüber hinaus auf die kommenden Alben von MASTODON, OVERKILL und LEGION OF THE DAMNED, auf die kürzlich von Jimmy Page in einem Interview angekündigten Re-Releases sämtlicher LED-ZEPPELIN-Alben mit zusätzlichem, unveröffentlichten Material sowie – sofern beide noch Wirklichkeit werden – auf die inzwischen mehrfach angekündigten und verschobenen Scheiben von ENTOMBED und SLAYER. Sowie auf all diejenigen Releases, von deren Existenz ich bislang noch überhaupt nichts weiß und die ich im Laufe des Jahres zu entdecken plane. Denn das Entdecken ist es doch, das die Musikszene insbesondere für Metal-Afficionados so spannend macht und spannend hält: Nicht anders als Alexander von Humboldt im 19. Jahrhundert vor den unerforschten Gebieten der Welt seiner Zeit stehen wir jedes Jahr im Dezember vor den weißen Flecken auf der musikalischen Landkarte des kommenden Jahres – hoffend, auch in den nächsten zwölf Monaten wieder ausgiebig finden, staunen und unseren Horizont erweitern zu dürfen. ;-)

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Was glücklich macht: Bombus, The Poet and the Parrot (Century Media/Universal, 2013)

bombusDieses Album kommt auf den ersten Blick, vor allem soundtechnisch, im Stoner-Gewand daher, wurzelt aber wenn nicht knie-, dann zumindest knöcheltief in der frühen New Wave of British Heavy Metal, als Hardrock und Punk kongenial fusionierten. Zunächst einmal wurden die Hawkwind-Spacerock-Abfahrten des Debuts deutlich zurückgefahren zugunsten eines knackigeren, rock’n‘rolligeren Grundansatzes, der immer mal wieder frühe Motörhead als Referenz durchscheinen lässt. Die Hooks lassen hier und da frühe Maiden anklingen, vereinzelt finden sich sogar Twin-Leads in bester Lizzy-Manier. Bisweilen erinnert (mich) das (entfernt) an das Nucleus-Album von Dawnbringer (eines meiner persönlichen Top-10-Alben der letzten fünf Jahre). Während Dawnbringer riff- und hooktechnisch die Apotheose der frühen NWOBHM (vor allem Maiden) aber sehr explizit betreiben, bleiben die entsprechenden stilistischen Symbole bei Bombus mehr Verweis und Zitat als konzeptuelle Folie und Fundament: Bombus haben, das muss betont werden, einen sehr eigenständigen, ausgereiften, in sich stimmigen und originellen Gesamtansatz, zu dem sich kaum direkte Vergleiche ziehen lassen. Wenig informativ (für mich auch nur bedingt nachvollziehbar) sind die bemühten Vergleiche in einschlägigen Rezensionen wie etwa (sinngemäß) „Mastodon, die ihre alten Entombed-Platten wiederentdeckt haben“ oder „Motörhead gekreuzt mit Entombed und Venom“. Das alles trifft es bestensfalls ansatzweise, denn das Ergebnis geht, wenngleich gewisse Stilelemente der benannten Bands fraglos vorhanden sein mögen, in punkto Sound und Gesamteindruck dann doch in eine sehr eigene Richtung: Bombus zelebrieren einen warmen Stoner-Sound mit fließendem, kaum über Midtempo hinausgehenden Groove, manch überraschender harmonischer Wendung und einer coolen Bassarbeit (die man eindrucksvoll z.B. in der zweiten Hälfte des Titelstücks nachhören kann). Der (durchgängig gedoppelte) Gesang oszilliert irgendwo zwischen dem jungen Herrn Kilmister, frühen Mastodon und Chris Black (Dawnbringer). Auch wenn hin und wieder mal in schönster „Overkill“-Tradition Druck gemacht wird (etwa im Opener „Enter the Night“ und in dem vorab als Single veröffentlichten „Apparatus“) so ist der überwiegende Teil des Materials eher getragen, wuchtig und erhaben, in gewisser Weise sogar hymnisch. Der Ansatz beim Songwriting mag dabei auf den ersten Blick simpel anmuten, bei näherem Hinhören finden sich aber zahlreiche originelle Details und überraschende Wendungen, die einem – ja, genau! – unwillkürlich ein beseeltes Grinsen ins Gesicht zaubern. Hat man sich einmal in den Ansatz der Band eingehört (bei mir hat es nicht sofort „Klick“ gemacht – ab Mitte des zweiten Durchlaufs dann aber doppelt), entfaltet das Album enormes Suchtpotenzial und – macht glücklich (So einfach kann das manchmal sein!).

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