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Set the Twilight Reeling: Zum Tode Lou Reeds (27. Oktober 2013)

Lou ReedEiner der größten Singer/Songwriter unserer Zeit ist tot. Im Englischen würde man sagen: „Lou Reed is gone„, was um so vieles freundlicher klingt als „ist von uns gegangen“. Denn das „von uns“ signalisiert Hilflosigkeit oder entlarvt zumindest die Metapher des Gehens als blanken Euphemismus.

Halten wir’s also mit dem Englischen: Lou Reed is gone. Einfach weg ist er, durch die Tür hinaus, ohne große Ankündigung, als wäre er nur eben mal kurz … nun ja, man kennt die Liedzeile.

Lou Reed is gone. Has left the building after the lights went out. Ganz einfach weg, die Tür schwingt sogar noch ein wenig in den Angeln. Ganz unprätentiös ist er eben mal raus – und ebenso unspektakulär könnte er auch in jedem Augenblick wieder hereinschauen, die Gitarre unterm Arm, um sie in einen einfachen Amp einzustöpseln und ein cooles „Hookywooky“ zum Besten zu geben. „Hookywooky“ vom letzten großen Wurf, dem Set the Twilight-Album. 1996, auch schon wieder eine Weile her. Siebzehn Jahre, eine halbe Ewigkeit. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich direkt am Erscheinungstag in einen MediaMarkt in Heidelberg fuhr, um mir die Scheibe zu besorgen. Oder „Dirty Boulevard“ vom großartigen New York. 1989, ich jobbte damals beim Radio und habe, wenn ichs noch richtig zusammenbekomme, vermutlich dort und schon vorab in die Scheibe reinhören können. Oder war das die Magic and Loss, 1992, die sich ebenso minimalistisch wie ergreifend mit der Erfahrung von Krankheit und Tod auseinandersetzte? „Magician“ und „Sword of Damocles“ von eben jenem Album haben mich damals tief bewegt.

Andere großartige Momente: „How Do You Speak To An Angel“ von der Growing Up In Public, 1980. „New York City Man“ und „Trade In“, zwei zeitlos schlichte und eben darum erhabene Klassiker (schon jetzt) vom 96er Set The Twilight, „Last Great American Whale“ (1989), „Street Hassle“ (1978), das unglaublich dichte Berlin-Album  (1973), die Warhol-Würdigung Songs For Drella, für die er sich 1990 wieder mit JohnCale zusammenraufte. Oder „All Though The Night“ vom ansonsten eher durchwachsenen The Bells (1979) – kaum ein Song (auch nicht Bob Geldofs „Great Song of Indifference“) ist zugleich derart ausgelassen und entspannt. Das atemberaubende Live-Album Rock and Roll Animal  von 1974, auf dem er sich – mal wieder – neu erfand, oder besser: neu inszenierte (diesmal als Rocker). Metal Machine Muisic, 1975: Die Zelebrierung des Krachs, für manche gar „Heavy Metal“ im pursten Wortsinn. Und natürlich – um sie nun doch noch zu nennen – die Songs von seiner zweiten Soloscheibe, Transformer, 1972, „Walk On The Wild Side“, „Satellite of Love“, „Perfect Day“, auf die er von allzu vielen leider viel zu oft reduziert wurde.

Auf Lou Reed gekommen bin ich seinerzeit über The Velvet Underground – während meiner Psychedelic-Phase, noch zu Schulzeiten. „What Goes On“, „All Tomorrow’s Parties“, „Here She Comes Now“, „Rock and Roll“, „Pale Blue Eyes“, „I’ll Be Your Mirror“, „Sweet Jane“, „Beginning To See The Light“ – zeitlos schöne Songs, auch heute noch. Die finstere Seite: „Sister Ray“, „Heroin“, „Run Run Run“.

Zuletzt: Das Lulu-Experiment mit Metallica. Die Scheibe, die es niemandem recht machen konnte. Die – erwartbar, vielleicht sogar kalkuliert – Fans aller Lager irritieren sollte. Sagen sollte: Hier bin ich noch, und ich mache es euch nicht leicht. Ich bleibe unberechenbar. Erwartet von mir kein einfaches „Abliefern“ dessen, was ihr meint, von mir erwarten müssen zu dürfen. Denn ich muss nicht, ich darf. Und ich werde. Oder so ähnlich.

Ein letztes großes, möglicherweise nachdenkliches, möglicherweise auch zorniges (?) Solowerk – das wäre es noch gewesen. So bleibt dieses Lebenswerk, obgleich in seinen zahlreichen Facetten vollendeter als die Lebenswerke vieler anderer Zeitgenossen zusammengenommen, unvollendet. Und irgendwie passt das dann auch wieder: Unvollendet, rastlos, suchend erschien Lou Reed stets. Suchend nach Ausdruck, konzentrierter künstlerischer Kraft in minimalsten Bewegungen. Erinnere mich an ein Interview anlässlich des Erscheinens der Magic and Loss, in der davon die Rede war, dass ein Studio für die Aufnahmen nur deshalb nicht in Frage kam, weil eine der ganz großen Trommeln, die für dessen Einspielung benötigt wurden, nicht durch die Tür passte. Und dabei war dieses Album doch so zurückhaltend in seiner Instrumentierung, in seinem ganzen musikalischen Duktus. Und gerade deshalb so bewegend.

Es gäbe noch so vieles zu sagen, so vieles wiederzuerinnern aus der Zeit, als ich nahezu täglich Lou Reed hörte. Trotz verschiedener Umzüge und Restrukturierungen meiner Musiksammlung bin ich nach wie vor recht sicher, dass irgendwo verstreut noch das gesamte (umfangreiche) Werk bei mir herumliegt. In zerkratzten Hüllen, durch häufigen Gebrauch ramponierten, als Resultat diverser Verleihaktionen zu Schul- und Studienzeiten verschiedentlich mit Edding markierten Jewelcases: Zeugnisse eines nicht unbeträchtlichen Abschnitts meines Lebens, den sie mich begleitet haben. Ich sollte sie alle mal wieder rausholen.

Dieses Posting bleibt unvollendet – wie auch der damit gewürdigte Künstler. Es gäbe noch so viel zu sagen, aber man drehte sich ohnehin immer nur im Kreis. Im Kreis um eine Mitte, der man sich höchstens annährt und die es zu begreifen gilt, die aber letztlich nichts als Ehrfurcht verdient.

Dieses Posting bleibt unvollendet – und auch unredigiert. Ich habe es, gewissermaßen im Modus „assoziativen Schreibens“, runtergetippt und werde es nicht noch mal überarbeiten, ja nicht einmal erneut durchlesen, weil in der Regel schon das Durchlesen dazu verleitet, dies oder jenes doch noch einmal zu überdenken, zu straffen, zu optimieren. Dieses Posting bleibt unredigiert. Unbehauen, unausgefeilt: Zeugnis spontaner Betroffenheit über die unmittelbar zuvor erhaltene Todesnachricht – und zugleich unverfälschter Ausdruck des Respekts, den ich schon immer für diesen Künstler empfinde.

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Renaissance, nicht „retro“: Wound, Inhale the Void (F.D.A. Rekotz/Soulfood, 2013)

woundWarum nicht einmal ein Stück Death Metal unter Nutzung lediglich simpelster ästhetischer Kategorien beschreiben? Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht?

Nun denn: Das Debütalbum der Wiesbadener Death-Metal-Formation Wound ist ein schönes Album geworden. Es erquickt das Herz und erfüllt die Seele mit Wonne – nicht nur (aber insbesondere auch) für denjenigen, der ein mit den Trademarks und Traditionslinien des Genres sozialisiertes und an schwerem Gerät der Marke Dismember oder Grave geeichtes Gehör sein Eigen nennt. Geschmackvolle Referenzen und ansprechende Remineszenzen an diese und andere Altvordere gibt es sattsam und zuhauf – und darüber hinaus noch einiges mehr (Elemente „klassischen“ Crustcores, Black Metals und Death’n’Rolls). Dabei agiert das Album einerseits bewahrend (im Sinne eines wohlverstandenen Konservatismus), andererseits aber mit einer relativen kompositorischen Beinfreiheit, die sich nicht darauf beschränkt, lediglich zum x-ten Male die Standards des Genres zu reproduzieren und sich innerhalb derer engen Grenzen kaum innovative Ambitionen zugesteht, sondern die mit Lust (aber nicht über Gebühr) ihre opulent und schmackhaft angerichteten (Blut-)Mahlzeiten mit Kräutern aus anderer Herren Botanisierbüchse würzt, dass es eine wahre Freude ist.

Besonders eindrücklich lässt sich dies am Song „Forever Denial“ nachvollziehen, der in viereinhalb Minuten die Quintessenz aller Einflüsse zusammenfasst, aus denen Wound schöpfen: Der Song beginnt mit angeschwärztem Black-Metal-Geblaste (ähnlich wie auf Teilen des letzten Unleashed-Outputs, aber ungezügelter und frischer), leitet dann über in eine Uptempo-Strophe mit bleischweren Riffs, die Sunlight-Gedächtnis-Sound auffahren und dem Death’n’Roll huldigen. Dann ein kurzes Rock’n’Roll-Lick, bis das Death’n’Roll-Riff wiederkehrt und gedoppelte Crust-Shouts, die sich auch auf einem neueren Napalm-Death-Release vortrefflich machen würden, den Song zum Höhepunkt treiben. Anschließend erneut angeschwärztes Geblaste, zweite Strophe, Rock’n’Roll-Lick, Crust, dann – wie geil ist das denn! – ein locker und unprätentiös aus der Hüfte geballertes Rock’n’Roll-Solo. Der Song schließt mit einem Moshpart, in dem noch mal mächtig Druck aufgebaut wird. Klingt zusammengepuzzelt? Mag man vermuten, ist es aber nicht: Der Song hat einen gewaltigen, immer in der Stockholm-Version des Death Metal wurzelnden Groove, in dem sich die verschiedenen stilistischen Elemente sehr natürlich zusammenfügen und der einen locker-flockig mit sich reißt („Like an Everflowing Stream“, irgendwer?).

Wer nun glaubt, Wound seien eine „progressive“ Band, die sich nur zwischen den Stilen zuhause fühlt und klassischen Death Metal letztlich nur als ein Stilmittel unter vielen denn als echtes Fundament nutzt, der irrt: Wound sind 100% purer, unverfälschter, roh und blutig servierter, „klassischer“ Death Metal – stellenweise sogar derart klassisch, dass man die Jungs fast noch im (schwedischen) Proto-Death-Metal verorten möchte, also in derjenigen Ära stilistischer Freiheit, in der sich der Death Metal noch gar nicht einer eigenen Genre-Existenz bewusst war, die Eckpfeiler dessen, was Death Metal grundlegend ausmacht, noch nicht einzementiert waren und diverse Pioniere, inspiriert von Thrash und Hardcore-Punk, sich gerade erst anschickten, neue Wege des Extremen in der Musik auszuloten. Wound gehen an diese Wurzeln zurück, erfinden dort das Rad (natürlich) nicht neu, legen aber noch mal eine gehörige Schippe neuen Drive drauf: Frühe Dismember, Grave, Entombed und die Nihilist-Demos lassen grüßen, sowohl soundtechnisch als auch in punkto Songwriting. Der Gesang ist ebenfalls viel näher an den Shouts schwedischer Genre-Pioniere wie Corpse, Merciless oder Nihilist als am Growling der fortgeschrittenen 90er. Für heutige Ohren klingt das wie eine Death-Metal-Stimme mit Black-Metal- und/oder Hardcore-Einschlag – aus Sicht der späten 80er ist es purster und ursprünglichster Death Metal.

Insgesamt umfasst „Inhale the Void“ acht vollwertige Songs, ein kurzes Intro sowie – als das Album beschließendes Stück und Titeltrack – eine Akustiknummer, die wehmütige Erinnerungen an Metallica zu Zeiten Cliff Burtons (!) heraufbeschwört.

FAZIT:

Nach ihrem bereits vielbeachteten Demo „Confess to Filth“, das der Band Ende 2012 die Auszeichnung als „Demoband des Monats“ im RockHard einbrachte, legen Wound mit „Inhale the Void“ den Grundstein für ein hoffentlich ebenso beachtliches künftiges Oeuvre. An einigen wenigen Stellen in dem einen oder anderen Song des Albums bleibt zwar kompositorisch noch ein wenig Luft nach oben – diese werden die vier Jungs aus Wiesbaden bis zu ihrem nächsten Release aber mit Sicherheit noch locker weginhalieren können. Insgesamt ist „Inhale the Void“ ein wummerndes und druckvolles, dabei ungemein bösartiges und ergo den geneigten DM-Hörer vollumfäglich(st) entzückendes Statement, mit welchem eine weitere Band (neben im Vorjahr herausragenden Acts wie Skeletal Remains, Deserted Fear oder Kaotik) den Nachweis antritt, dass im Death-Metal-Genre in kreativer Hinsicht auch heute noch jede Menge Potenzial schlummert. Die neue Garde genrespezifischer und hochklassiger Bands, die in den letzten zwei, drei Jahren – maßgeblich gefördert von Labels wie F.D.A. Rekotz, die auch Wound herausbringen – auf den Markt drängen, ist – trotz ihres Bekenntnisses zu alten bis z.T. sehr alten Referenzwerken – alles andere als „retro“: Sie ist nicht rückwärtsgerichtet, sondern knüpft an Kanonisches an, um Neues zu erschaffen und ihre Referenzen unter zeitgemäßen Vorzeichen weiterzuentwickeln. „Death-Metal-Renaissance wäre, wenn schon ein Etikett benötigt wird, daher deutlich angemessener.

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