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So oder so: Der Gott des Gemetzels. Massacre: Back From Beyond (Century Media/Universal)

Massacre, Back From BeyondEs mag sicherlich berechtigt sein, zu diskutieren, ob MASSACRE 2014 den anno 1991 selbst (und für ein ganzes Genre) gesetzten Standards noch genügen (können). Ob man klug beraten war, den neuen Full-length-Output „Back From Beyond“ vom Titel her an den in anderer Besetzung eingespielten Genre-Klassiker „From Beyond“ anzulehnen. Man mag auch die Frage stellen, ob sich die Band nicht möglicherweise einen Gefallen damit getan hätte, unter neuem Bandnamen anzutreten anstatt unter Beibehaltung des alten sich unweigerlich Vergleichen mit dem eigenen Frühwerk auszusetzen (die man nicht gewinnen kann) und Diskussionen zu provozieren, ob man dem eigenen Klassikerstatus – zumal in einer Besetzung ohne< Kam Lee und Bill Andrews – überhaupt noch gerecht zu werden imstande sei.

Das alles mag man diskutieren. Man kann „Back From Beyond“ aber auch ganz unverkrampft als eine Death-Metal-Scheibe hören, die 2014 (und nicht Mitte der 90er) erscheint und somit in eine Zeit fällt, in der die Grundfesten des Genres längst definiert, hunderte Male durchdekliniert und auf diese Weise zementiert wurden. Was um die Wende der 80ern zu den 90ern innovativ war, ist heute weithin anerkannte „Schule“. Was damals als extrem galt, ist heute unanfechtbar Standard und in der Mitte der (Metal-)Gesellschaft angekommen. Innovation findet im Death Metal zwar nach wie vor – und äußerst spannend – an den (mit dem Attribut „technisch“ nur unzureichend charakterisierten) Rändern statt (Ich erinnere z.B. an das jüngst erschienene zweite SOREPTION-Album); wer sich aber im Kernbereich des Genres aufstellt, der kann – und will – stilistisch nichts Neues mehr reißen, sondern tritt an, um zu demonstrieren, dass trotz aller schon vorhandenen Genre-Trademarks und -Axiome noch so einiges geht und noch längst nicht alles gesagt ist. Variation statt Innovation ist die Losung, Renaissance anstelle von Neuerfindung die Devise. Dass in den letzten Jahren eine kaum überschaubare Anzahl junger Bands angetreten ist, das Werk der Altvorderen mit frischem Wind in die Zukunft zu führen, ist der beste Beleg dafür: Bands wie SKELETAL REMAINS, DESERTED FEAR, KAOTIK, WOUND, SMOTHERED, MORFIN, ATOMWINTER und zahlreiche andere haben jüngst ernorm starke Alben abgeliefert, die ohne das Werk der Altvorderen (Bands wie DEATH, MASSACRE, REPULSION, MORBID ANGEL, TERRORIZER, OBITUARY, DEICIDE oder CANNIBAL CORPSE auf der einen und NIHILIST, ENTOMBED, DISMEMBER, CARCASS, GRAVE, UNLEASHED auf der anderen Seite des großen Teiches) undenkbar wären, deren Pionierarbeit zeitgemäß reinterpretieren und mit eigenen Nuancen versehen.

Die Rahmenbedingungen für einen neuen Output aus dem Hause MASSACRE sind somit gänzlich andere als zwei Dekaden zuvor: Die Band tritt nicht mehr als Innovator auf den Plan, sondern als Bewahrer einer alten (selbst mitinitiierten), aber immer noch hochproduktiven Tradition – womit man sich zugleich der Konkurrenz zahlreicher junger, hungriger und talentierter Bands stellen muss, die die Alten Meister bis ins letzte Detail studiert und verinnerlicht haben und daraus ihre eigene, schlagkräftige Version der alten Schule abgeleitet haben.

Kann „Back From Beyond“ in dieser veränderten „Old-School“-Death-Metal-Landschaft bestehen? Es kann. Sympathischerweise erfinden sich MASSACRE nicht wirklich neu, sondern konzentrieren sich auf das, was sie auch dato schon auszeichnete: Death-Metal-Songs, die ohne Sperenzchen zur Sache kommen, das Hirn durchrühren und jede Faser des Körpers ordentlich beuteln. Kompliziert sollen es andere machen: Hier regiert das simple, direkt auf den Punkt gebrachte Statement und nicht die Metapher, hier wird gehobelt anstatt gefeilt – auf souveränstem technischen Niveau und mit Songs, die auch im Midtempo heavy as fuck sind.

Klar: Einiges ist anders als in der klassischen Besetzung. Da wäre zum einen der Gesang: Einen Kam Lee kann man nicht ersetzen. Sehen wir MASSACRE 2014 aber einfach als eine neue Version von MASSACRE 1991, kommen wir nicht umhin, respektvoll zu konstatieren, dass Ed Webb einen verdammt überzeugenden Job macht. Auch klar: Mike Mazzonetto spielt die Drums anders als weiland Bill Andrews (Darauf hat Frank Albrecht in seiner Review im RockHard #323 hingewiesen). Warum aber auch nicht? Orientierte er sich am Minimalismus seines Vorgängers, würde man ihm möglicherweise mangelnde Eigenständigkeit vorhalten. Und wenn wir mal ganz ehrlich sind: Bringen die starken Fills und das unablässig sich abarbeitende Drumkit nicht jede Menge Druck und auch Abwechslung in die Songs?

Meine Mutter sagt immer: „Man kann das so oder so sehen.“ Damit entzieht sie sich ganz gerne mal einer eindeutigen Positionierung in Bezug auf kontroverse Themen. Eine rhetorisch geschickte Strategie, die man auf dieses Album aber ziemlich gut anwenden kann: Man kann MASSACRE 2014 an dero eigenem Frühwerk messen und (wie Herr Albrecht) ein paar, durchaus plausibel begründbare, Kritikpunkte ins Feld führen – und das Album dann letztlich doch irgendwie gut finden (Herr Albrecht konzediert selbst, dass seine „nur“ 7,5 von 10 Punkten möglicherweise etwas „zu streng“ seien). Oder man kann MASSACRE 2014 ganz unvoreingenommen angehen, „Back From Beyond“ unabhängig davon hören, dass es 1991 „From Beyond“ gab und 1991 einfach eine andere Zeit war – und sich ganz entspannt und nach allen Regeln der Kunst die Rübe abmörteln lassen.

Meine Anspieltipps: ‚Honor the Fallen‘ (erhaben!), ‚As We Wait To Die‘ und ‚Succumb To Rapture‘ (evil, rasiermesserscharf und oldschool), ‚Sands of Time‘ und ‚Darkness Falls‘ (simple wie effektive Gewitter!) – und auch der Rest des Materials läuft runter wie rußiges Schweröl am pockennarbigen Schiffsrumpf.

Nächster Halt: MASSACRE (+ Support) live im Siegener Vortex, 10.05.2014. :D

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Smothered, The Inevitable End (Soulseller/Soulfood, 2013)

Smothered, The Inevitable EndDie ungestüme Wucht von DISMEMBERs „Override the Overture“ oder NIHILISTs „Abnormally Deceased“ wird vermutlich keine Band der Welt mehr vergleichbar hinbekommen, den räudigen Groove von UNLEASHEDs „The Immortals“ ebenfalls nicht. Warum nicht? Weil heutigen Death-Metal-Bands das relevante Maß an Naivität fehlt, mit dem man nur in einem noch weitestgehend unerforschten Terrain (= der Spielwiese eines eben erst in Formung befindlichen neuen Genres) zu Werke gehen kann. Hat ein Genre bereits Geschichte (und die des Death Metal ist inzwischen fast zweieinhalb Jahrzehnte alt und entsprechend ausdifferenziert, vielfach durchreflektiert und mit wechselseitigen Querverweisen im Schaffen der heute aktiven dritten, vierten, fünften Generation von Bands verinnerlicht) und wurden dessen zentrale Trademarks bereits in zahlreichen Referenzwerken entwickelt, verfeinert und dokumentiert, dann ist ein „naiver“ (oder wahlweise auch „nativer“) Zugang kaum mehr möglich – und von heutigen, neu auf dem Genre-Parkett debütierenden Bands auch nicht mehr erwartbar. Wer heute im Death Metal anfängt, steht bereits – ob er es will oder nicht – auf den Schultern von Riesen und muss, will er einen eigenen Akzent setzen und Interesse auf sein künstlerisches Tun lenken, diese überragen, ohne dabei zu vergessen, dass ihm dieses überhaupt nur durch das Stehen auf den erwähnten Schultern möglich ist.

Die Spielräume, sich innerhalb eines Genres ein eigenständiges Profil zu erarbeiten, sind also extrem eng gesteckt, es wie die „Altvorderen“ zu einer Band mit Klassikerstatus zu bringen, ist ohnehin so gut wie ausgeschlossen. Nicht wenige Bands wählen daher den Weg in die Progressivität – und solche Bands braucht es, um die Innovationsmaschine am Laufen zu halten und durch die Reinterpretation und reflektierte Infragestellung des Etablierten immer wieder Neues auszuprobieren und zu schaffen: Neues, das sich möglicherweise eines Tages selbst zu einem Genre verfestigt, sich als eigenständige Struktur etabliert, Wurzeln und Triebe schlägt, auswuchert und sich verselbstständigt. Progressivität ist wichtig, denn – wie es der jedweder Metal-Affinität unverdächtige Herbert Grönemeyer einmal in einem Song auf den Punkt brachte – „Stillstand ist der Tod“. Auf der anderen Seite braucht es aber auch solche Bands, die die klassischen Standards am Leben halten und uns durch immer wieder neue Variation des Kanonischen vor Augen führen, wie zeitlos das Schaffen der Klassiker doch war und ist. Das schärft den Blick fürs Wesentliche und lädt ein zur Neuenteckung wie auch zur immer wieder neuen Analyse und Auseinandersetzung (und damit letztlich wieder zur Innovation).

Es ist daher sowohl erfrischend wie auch erfreulich, wenn einzelne Bands das Ungestüme der Pionier- und Entdeckerphase des Death Metal in einer Weise wiederaufleben lassen, die sehr nahe an den Geist der Anfangstage heranreicht, ohne dabei konstruiert oder gewollt wirken oder mit jeder Note in ehrfürchtiger Anbetung zu erstarren. Was damals Sprengkraft und Innovationspotenzial hatte, ist in seiner heutigen Rekonstruktion natürlich wertkonservativ und rückwärtsgewandt; als respektvolles Denkmal wie auch als Futter für all diejenigen, die für zusätzliche Releases aus der Frühzeit der oben erwähnten Pioniere des Stockholm-Sounds sich von Teilen ihrer sonstigen Plattensammlung, möglicherweise sogar von Körperteilen, trennen würden, taugt es aber optimal.

Der langen Rede kürzestmöglicher Sinn: Kauft euch SMOTHEREDs Debütalbum „The Inevitable End“ und die frühen 90er sind zurück: in eurem Ohr, in eurem Kopf, in eurem Leben, in dem Bier in eurer Hand. So einfach ist das. Und vor allem so geil.

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Was WAR und IST und WIRD: ein Blick zurück voraus (Rückblick 2013)

2013Was bleibt hängen aus einem Jahr mal mehr, mal weniger konzentrierter Beobachtung der gitarrenorientierten Musikszene? Welche Alben oder Songs, die einen direkt nach Erscheinen umgehauen haben, erweisen sich auch auf längere Sicht als langlebig, welche Veröffentlichungen hat man unterschätzt, was ist – wissentlich oder unwissentlich – an einem vorbeigegangen und welche Releases entpuppten sich subjektiv betrachtet als Strohfeuer mit zunächst großem Initialeffekt, aber letztlich doch eher kurzer Halbwertszeit?

Mein persönliches Album des Jahres ist ohne Zweifel „Pelagial“ von THE OCEAN. Auch DEFEATERs „Letters Home“, dessen Erscheinen ich sehr entgegengefiebert hatte, rangiert weit oben in meiner Alben-für-die-Insel-Liste für das Jahr 2013. Da ich mich zu beiden Releases bereits ausführlich hier und hier geäußert habe, will ich sie nicht erneut in derjenigen epischen Breite zelebrieren, die ihnen zweifelsohne zusteht, sondern mich an dieser Stelle denjenigen Alben zuwenden, zu denen ich über die Monate immer wieder mal „unbedingt noch was schreiben wollte“, die in diesem Blog dann aber doch – unverdientermaßen und meistens aus Zeitgründen – unberücksichtigt geblieben sind. Alben, die im vergangenen Jahr bereits mit eigenen Blog-Einträgen gewürdigt wurden (BOMBUS, MOTÖRHEAD, TWILIGHT OF THE GODS, PHIL ANSELMO, ONSLAUGHT, WOUND, BLACK TUSK, ORCHID, SODOM; siehe Übersicht), werde ich dabei nicht erneut aufführen.

2013 war das Jahr einiger sensationeller Comebacks. Da ist zum einen CARCASS‘ „Surgical Steel“ mit Übersongs wie „A Congleated Clot of Blood“, „The Granulating Dark Satanic Mills“ und „Mount of Extinction“ oder dem 80er-Relikt „Thrasher’s Abbatoir“. Auch wenn sich das Album eher an der „Necroticism“/“Heartwork“-Phase der Band orientiert und damit möglicherweise den einen oder anderen Fan der grindigen Frühphase enttäuscht hat, beweisen CARCASS, dass es auch 2013 kaum eine andere Band in ihrem Genre gibt, die groovenden Death Metal derart locker aus der Hüfte ballert wie die Liverpooler Genre-Pioniere. Zu Recht wurde das Album in der Metalpresse vielfach zum Album oder Comeback-Album des Jahres ausgerufen – und es steht zu hoffen, dass mit CARCASS auch künftig zu rechnen sein wird, nicht nur auf den Bühnen, sondern auch weiterhin in den Studios dieser Welt.

Als ähnlich souverän und über jede Kritik erhaben muss das Monument „13“ gelten, das BLACK SABBATH anno 2013 in Beinahe-Originalbesetzung abgeliefert haben und von dem ich mir im Vorfeld nicht einmal ansatzweise diejenige Klasse erträumt hatte, die es dann tatsächlich vorlegte. Tatsächlich hatte ich dem Sabbath-Comeback sogar schon lange vor Veröffentlichung jedwede Relevanz abgesprochen und mir das Album daher auch gar nicht direkt am Erscheinungstag besorgt – sondern erst drei oder vier Wochen später, und auch dann eher halbherzig denn aus echter Überzeugung (vermutlich einfach nur deshalb, weil ich als Fan der „alten“ Sabbath dann doch ein schlechtes Gewissen hatte, dieses Werk unbeachtet zu lassen). Umso schmerzhafter traf mich dann die Erkenntnis, dass ich mir mit meiner frevelhaften Ignoranz volle drei bis vier Wochen selbstverschuldete Nicht-Erleuchtung eingehandelt hatte: Die Herren Iommi, Butler & Osbourne versuchen sich erst gar nicht an einem stilistischen Querschnitt durch alle ihre gemeinsamen Klassiker, sondern knüpfen vielmehr sehr fokussiert an die eigene Frühphase an – nicht nur mit dem Outro, das eben jenes Regen-Sample verwendet, mit dem weiland 1970 das selbstbetitelte Album-Debüt sowie dessen selbstbetitelter Opener eingeleitet wurde (und das entsprechend zum Ausklang des neuen Albums für einen ordentlichen Gänsehauteffekt sorgt). Auf „13“ regiert das Midtempo, und einmal mehr beweist Riffgott Tony Iommi, ähnlich wie bereits auf dem 2009 unter dem Bandnamen HEAVEN & HELL mit Ronnie James Dio eingespielten Sabbath-Mark-II-Comeback „The Devil You Know“ souveränstmöglich, dass Heaviness alles andere als eine Sache der Geschwindigkeit ist. Brecher wie „End of the Beginning“ oder „God Is Dead?“ überraschen beim ersten Hören durch ihren gemächlich anmutenden Aufbau, fräsen sich dann aber mit einer derartigen Wucht und Hartnäckigkeit ins Hirn, dass sie dort auch Monate später noch ihr Unwesen treiben. Ein Paukenschlag, der seinesgleichen sucht – und entweder ein würdiger Abschluss für das bis dato unabgeschlossene Mark-I-Kapitel der Band oder eben auch ein neuer Anfang; die Liedzeile „Is this the end of the beginning / or the beginning of the end“ mag diesbezüglich als Cliffhanger gelesen werden und macht gespannt, ob hier noch etwas nachkommt (dann möglicherweise sogar mit Bill Ward an den Drums?).

Mit einem dicken Ausrufezeichen in den Veröffentlichungslisten für 2013 zu versehen sind darüber hinaus eine Reihe weiterer Alben – allen voran das unglaubliche selbstbetitelte Album der US-Prog-Thrasher REVOCATION, das über die volle Distanz von zehn eigenen Songs und einem Metallica-Cover mustergültig demonstriert, dass hochambitionierter technischer Anspruch kein bisschen zu Lasten der Songdienlichkeit gehen muss. Was das Trio aus Massachusetts hier auf Albumlänge darbietet, ist zum einen aberwitzige Handwerkskunst in Perfektion, zum anderen ein mitreißendes Thrash-/Death-Monster mit einer Fülle an brillanten Ideen, aus denen, wie es Frank Albrecht treffend fürs RockHard beschrieb, „andere Bands eine Diskographie stricken“ würden. Um das glauben zu können, muss man es selbst gehört haben.

Nicht zu vergessen auch das aktuelle Hardcore-Punk-Gewitter „Live By The Code“ mit dem Übersong „I’m Only Stronger“, das TERROR in diesem Jahr auf die Menschheit haben niedergehen lassen: Hier kommt jeder Song wie ein wütender Affront und ist jedes Riff eine musikgewordene Faust in die Fresse. Man mag diese Art Hardcore primitiv finden, man kann es aber auch als „Harte Schule, aufs Essenzielle reduziert“ und damit als minimalistisch(st)en Ausdruck eines rauen, räudigen Street-Punk mit Thrash-Gitarren begreifen. Oder auch einfach nur geil finden.

Nicht zu vergessen weiterhin das ironisch-pseudointellektualistische beziehungsweise sympathisch-versponnene „Nanobots“-Album von THEY MIGHT BE GIANTS, das zwar alles andere als Metal ist, das ich aber einfach nicht unerwähnt lassen kann. Wer schert sich schon um Genregrenzen? Wenn ein Popalbum ein derartiges Ideen-, Melodien- und Absurde-Pointen-Feuerwerk abbrennt wie dieses, dann ist mir herzlich egal, in welcher musikalischen Tradition es steht. Nicht umsonst lasse ich mir mit dem Untertitel dieses Blogs „Metal … and more ein Hintertürchen offen, meinen Senf quer durch die Bank und über Genregrenzen hinweg zu allem dazuzugeben, das mir würdig erscheint, aus der jährlich anwachsenden Masse der Releases herausgehoben und für zumindest einen Blogeintrag auf ein Podest gestellt und sorgsamer Musterung unterzogen zu werden.^^ Und weiter: AUGUST BURNS REDs „Rescue & Restore“, das ich erstmalig konzentriert auf einer langen Autofahrt durch Frankreich hörte und das mich direkt umgehauen hat. Ist Metalcore bis auf wenige Ausnahmen (die bislang auf Namen wie PARKWAY DRIVE und KILLSWITCH ENGAGE hörten) ansonsten eher nicht so mein Ding, hat mich dieses Album davon überzeugt, dass es auch im Metalcore (noch) herausragende und richtungsweisende Vertreter gibt, die sich durch Originalität und sogar eine gewisse Progressivität von der Masse der Übrigen abheben. Möglicherweise fällt mir das aber nur deshalb so sehr auf, weil für mich die breite Masse der Genrebands im Metalcore-Sektor einfach allzu austauschbar klingt und mir das Genre insgesamt als stilistisch viel zu eng gesteckt erscheint, als dass darin noch Originelles zu tun wäre. Wie auch immer: AUGUST BURNS RED hätten mit ihrer neuen Scheibe auf jeden Fall einen eigenen Blogeintrag verdient gehabt. Vielleicht später einmal.

Als eine weitere Sternstunde des Muskjahres ist darüber hinaus das außergewöhnliche, sich einer stereotypen Schubladisierung entziehende und ungemein suggestive „Sunbather“ von DEAFHEAVEN zu nennen. Das Album vertont die Glückseligkeit, sich durch geschlossene Augenlider dem Gleißen der Sonne hinzugeben. Um diese Erfahrung so eindringlich als möglich nachvollziehbar zu machen, wird unter Verwendung von Black-Metal-Patterns ein Effekt erzeugt, der maximales Eintauchen ermöglicht. Selten war Sonnenbaden derart intensiv. Fantastisch.

Fantastisch auch: STEVEN WILSONs Prog-Meisterwerk „The Raven That Refused To Sing“, das Doppelalbum „Opposites“ von BIFFY CLYRO, das beweist, dass klug komponierter Progressive Rock durchaus pop- und radiokompatibel sein kann („Different People“ war in diesem Jahr einer der großen Ohrwürmer, die mich nicht mehr losgelassen haben), „The Headless Ritual“ von AUTOPSY, auf dem sich die Death-Urgesteine altersgereift mit einem ihrer besten Outputs ever präsentieren (göttlich darauf u.a.: „She Is a Funeral“), sowie „One Of Us Is The Killer“ von THE DILLINGER ESCAPE PLAN, in dem Extremmetall und Pop-Appeal kongenial zum Wahnsinn mit Methode fusioniert werden. Waren die Dillingers mit ihrem ADHS-Metal früher bisweilen über längere Distanz dann doch etwas anstrengend, haben sie inzwischen zu einer beunruhigend perfekten Balance zwischen Irrsinn und Selbstkontrolle gefunden, bei welcher die Songs gerade durch ihre Eingängigkeit noch zusätzliche Energie gewinnen. Das hat gleichermaßen Wucht und Wirkung.

Äußerst druckvoll ausgefallen ist auch das Livedokument „Dying Alive“ zum 2012er Tourabschluss von KREATOR in der Oberhausener Turbinenhalle: eine erstklassige, interessant gefilmte Produktion, die zeigt, wie man trotz der Konkurrenz durch YouTube-Amateurvideos auch heute noch ein Konzert filmisch so in Szene kann, dass die Atmosphäre einer KREATOR-Show (beinahe) so konserviert wird, als sei man dabeigewesen. Natürlich ist das „echte“ Live-Feeling durch nichts zu toppen; als jemand, der beim Gig in Oberhausen vor Ort und im Getümmel war, hat mich der Film trotzdem begeistert. Sympathisch war auch die zugehörige Filmpremiere im August in der Essener Lichtburg – mit der kompletten Band und Teilen der Crew sowie anschließender Frage- und Autogrammstunde.

Zu Jahresende hat mich dann noch die neue DEICIDE „In The Minds Of Evil“ weggeblasen. Zwar ist die Platte als Ganze auf Dauer etwas monoton, das Teil groovt aber wie Sau und stellt das letzte Release der Gotteslästerer aus Florida noch einmal locker in den Schatten. Zusammen mit CARCASS und AUTOPSY belegen DEICIDE eindrücklich, dass diejenigen Bands, die sich Ende der 80er/Anfang der 90er aufmachten, tonnenschwere Pflöcke in das unerforschte Terrain des noch jungen Genres einzurammen, auch heutzutage bei der Definition von Death Metal noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben. Daneben haben in 2013 erneut verschiedene junge Bands gezeigt, dass die Orientierung an Old-School-Trademarks im Death Metal keineswegs zu einer nur rückwärtsgerichteten (und damit stilistisch stagnierenden) Entwicklung führen muss: Bands wie ATOMWINTER („Atomic Death Metal“) oder die bereits an anderer Stelle besprochenen WOUND („Inhale The Void“) halten klassische Tugenden höchst eindrucksvoll am Leben und zeigen damit, wie zeitlos der von den Genrepionieren (DISMEMBER, MERCILESS, NIHILIST, frühe ENTOMBED, frühe DEATH, MASSACRE sowie den oben erwähnten, noch oder wieder aktiven „Klassikern“) geprägte Stil auch heute noch funktioniert. Überhaupt war Death Metal auch 2013 wieder eines der spannendsten Genres mit vielen frischen Bands, die sich zwischen „klassischen“ Strukturen und modernen Sounds eigene Positionen erarbeiten und damit das Genre nicht nur am Leben halten, sondern auch – evo-, nicht revolutionär – weiterentwickeln.

Wie in jedem Jahr wurde 2013 (leider) auch in der Musikszene (wieder) gestorben. Besonders hart in diesem Jahr (für mich) der Tod von Lou Reed (siehe Nachruf) sowie (für die gesamte Metal-Szene) der Verlust von Jeff Hanneman. Tatsächlich stammen, wie ich mich noch einmal vergewissert habe, die allermeisten meiner SLAYER-Favourites aus der Feder von Jeff. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie ein neues SLAYER-Album klingen mag, auf dem Hanneman nicht am Songwriting beteiligt ist, lasse mich aber gerne überraschen. So unersetzlich der Hanneman-Pol im bisherigen künstlerischen Prozess von SLAYER auch war (und bleiben wird), so sehr sei es natürlich auch dieser Band – wie auch anderen vor ihnen – zugestanden, trotz des Todes eines zentralen Bandmitglieds weiterzumachen und – hoffentlich – wieder zu irgendeiner Art von Form zu finden (nicht nur live, sondern auch auf Tonträger). Neu erfinden werden sie sich dabei sicherlich nicht, denn alle Neu-Erfindung wäre nicht mehr SLAYER. Man wird im nächsten Jahr zu beobachten haben, wie die Band damit umgeht, trotz Verlusts von 50% ihrer Kernbesetzung (Lombardo wurde kurz vor Hannemans Tod von Kerry King gegangen) den Status quo zu erhalten. Kaum eine andere Band (außer MOTÖRHEAD natürlich) genießt quer durch alle Metal-Genres einen derartigen Kult-Status und eine derartige Szene-Credibility. Damit umzugehen wird für die Herren King und Araya sicherlich ein heikles Geschäft.

Worauf freue ich mich in 2014?

Zunächst darauf, dass das Jahr so weitergeht wie es beginnt: Als sporadischer Rezensent für das LEGACY-Magazin hatte ich bereits das Vergnügen, die kommenden Releases von DESCEND, MUSTASCH und CYNIC, die im Januar und Februar erscheinen werden, ausgiebig durchzuhören. Auch wenn das Jahr noch lang ist und genau besehen noch nicht einmal begonnen hat, muss ich DESCENDs „Wither“ schon jetzt als ersten Kandidaten für mein persönliches Album des Jahres in 2014 vormerken. Auch MUSTASCH werden mit „Thank You For The Demon“ nicht enttäuschen, und das neue CYNIC-Album „Kindly Bent To Free Us“ geht konsequent den Weg weiter, den die Herren Masdival und Reinert mit ihrer 2012er EP „Carbon-Based Anatomy“ eingeschlagen haben. Entsprechend wird auch dieses Album (wieder) polarisieren; für Fans, die bereit sind, die Entwicklug der Band seit „Focus“ (1993) mitzugehen (zu denen ich mich selbst zähle), handelt es sich fraglos um ein starkes Album. Mehr dazu in meiner Review für die März-Ausgabe des LEGACY.

Mehr als gespannt bin ich darüber hinaus auf die kommenden Alben von MASTODON, OVERKILL und LEGION OF THE DAMNED, auf die kürzlich von Jimmy Page in einem Interview angekündigten Re-Releases sämtlicher LED-ZEPPELIN-Alben mit zusätzlichem, unveröffentlichten Material sowie – sofern beide noch Wirklichkeit werden – auf die inzwischen mehrfach angekündigten und verschobenen Scheiben von ENTOMBED und SLAYER. Sowie auf all diejenigen Releases, von deren Existenz ich bislang noch überhaupt nichts weiß und die ich im Laufe des Jahres zu entdecken plane. Denn das Entdecken ist es doch, das die Musikszene insbesondere für Metal-Afficionados so spannend macht und spannend hält: Nicht anders als Alexander von Humboldt im 19. Jahrhundert vor den unerforschten Gebieten der Welt seiner Zeit stehen wir jedes Jahr im Dezember vor den weißen Flecken auf der musikalischen Landkarte des kommenden Jahres – hoffend, auch in den nächsten zwölf Monaten wieder ausgiebig finden, staunen und unseren Horizont erweitern zu dürfen. ;-)

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Mixtape-Dilemma, oder: Die Leiche lebt!

Death MetalEin Freund hat mich gebeten, eine Mix-CD mit einem Querschnitt durch das Genre Death Metal für ihn zu erstellen. Selbst auferlegt habe ich mir – leichtfertig, wie ich inzwischen feststellen muss!! –, die CD bis zum Carcass-Konzert am 7.11. in Oberhausen fertigzustellen.

Nachdem ich zunächst und eher nebenher bottom-up mit der intuitiven Zuordnung von Songs aus meiner digitalen Musiktruhe zu einer Brennliste begonnen habe, stellt sich mir mit zunehmendem Hin- und Herverschieben von Titeln immer wieder neu die Frage, was sich eigentlich auf der anvisierten Audio-CD unterbringen lässt und was auf ihr untergebracht werden sollte – und damit die Frage danach, welche Funktion eine Mix-CD, der die Eigenschaft der Begrenztheit auf ca. 70 Minuten Spieldauer physikalisch inhärent ist, eigentlich primär , was sie ganz grundsätzlich dokumentieren soll und welche Konsequenzen dies für die Formulierung und Gewichtung von Auswahlkriterien in Hinblick auf die Songzusammenstellung hat.

Natürlich könnte ich einfach irgendeine Auswahl vornehmen, etwa nach dem Kriterium „Ich gebe mir jetzt exakt 15 Minuten Zeit, um eine CD zusammenzustellen“ … und dann die Kugel). Der Vorteil eines solchen Vorgehens läge darin, intellektuelle Reflexionen über das Genre als solches sowie ein allzu langwieriges selbstkritisches Hinterfragen des subjektiven Auswahlverhaltens durch eine hart gesetzte Deadline zu unterbinden. Heraus käme ein stark subjektiv gefärbter Spontanquerschnitt durch das, was ich intuitiv dem Genre zurechne; auf der anderen Seite bliebe höchstwahrscheinlich vieles außen vor, was mir in eben jenen 15 Minuten zufälligerweise gerade nicht in den Sinn kommt, das mir bei einer Ausdehnung der Deadline auf 20, 30, 40 Minuten oder in einem anderen 15-Minuten-Zeitraum an einem anderen Tag und mit anderer Tagesform aber möglicherweise durchaus und sehr zentral eingefallen wäre.

Wäre ich mit einer solchen Auswahl aber auch morgen noch zufrieden? Spiegelte sie den Kern dessen wieder, was Death Metal eigentlich ist? Oder, um das Problem vom großen Ganzen ins kleinteilige Partikuläre zu verlagern: Kein Song repräsentiert für sich allein das gesamte Genre – und jeder Song ist anders. Wenn also schon ein Song keinen idealtypischen Eindruck vom Genre vermitteln kann, wie sollen es dann 12 oder maximal 15 unterschiedliche Songs tun (von denen jeder einzelne ja wiederum das Genre alleine bestensfalls ausschnitthaft und damit unzureichend charakterisiert)?

Die Herausforderung liegt darin, bei der Songauswahl zwar Vielfalt zuzulassen, zugleich aber nicht Vielfalt um jeden Preis anzustreben. Unternähme man Letzteres, liefe man Gefahr, nur die eher untypischen Extreme des Genres zu dokumentieren und somit den Kern, das Verbindende der Akteure im Genre unterzurepräsentieren. Zugleich waren aber gerade die extremen Randbereiche des Genres (beispielsweise die Grenzgänger zwischen Death Metal und Jazz, zwischen Death Metal und Grindcore, zwischen Death Metal und Ambient/Drone) diejenigen Bereiche, aus denen immer wieder Innovationen in den Kern des Genres zurückwirkten, die das Genre in einigermaßen regelmäßigen Abständen neu belebten oder die durch den Brückenschlag zu anderen musikalischen Ausdrucksformen und die Integration „fremder“ künstlerischer Mittel das, was das Genre im Kern ausmacht, zumindest indirekt stärkten und neu definierten.

Was gehört also auf eine Mix-CD, die einerseits – strukturell betrachtet – die stilistische Bandbreite des Genres, andererseits – genetisch betrachtet – in mindestens gleichem Maße auch die Entwicklung des Genres von dessen Pionierzeiten („Underground“) bis hin zu seiner heutigen Ausprägung umfasst? Wer die „Klassiker“ und – aus heutiger Sicht – die kanonisierten Säulenheiligen des Genres sind, ist schnell entschieden. Welche Ausschnitte aus dem Schaffen der Klassiker (wenn man nicht gerade – wie z.B. MASSACRE – nur eine einzige Scheibe veröffentlicht hat) aber als repräsentativ in eine Querschnitts-Compilation aufgenommen werden sollten, ist eine ganz andere Frage:

  • Ist beispielsweise DEATHs Crystal Mountain noch prototypischer US-Death-Metal oder bereits zu progressiv? Wären Open Casket, Pull the Plug oder gar Zombie Ritual nicht die viel bessere (und auch unter genetischer Perspektive sinnvollere) Wahl, auch wenn man damit der beachtlichen Entwicklung im Schaffen Chuck Schuldiners (sicherlich auch aus dessen eigener Sicht, ruhe er in Frieden) nur bedingt gerecht würde?
  • Sollte man von einer „klassischen“ Band wie GRAVE, die auch mit ihren gegenwärtigen Outputs noch sehr überzeugende Vertreter der Zunft abgeben, eher ein stilprägendes Frühwerk in die Auswahl aufnehmen – oder darf’s auch Disembodied Steps von dero letzten Output aus 2012 sein, das zwar nicht mehr jung und hungrig, dafür aber mit einem über die Jahre gereiften Groove daherkommt, der trotz der derzeitigen Schwemme junger, sich an eben jenem, von Grave mitgeprägten Sound orientierenden Bands seinesgleichen sucht?
  • Wäre es – nicht nur von der Produktion her – den anderen Klassikern in der Auswahl gegenüber unangemessen, AUTOPSY mit dem grandiosen She Is a Funeral aus ihrem 2013er Album zu berücksichtigen, das die gesamte Entwicklung des Doomdeath-Subgenres verinnerlicht und reflektiert hat (was den Frühwerken noch nicht möglich war)?
  • Darf in einer Auswahl, die anstrebt, jede ausgewählte Band mit nur jeweils einem Song zu berücksichtigen, neben einem Stück von ENTOMBED auch ein Stück von NIHILIST (also Entombed minus Johnny Hedlund) vertrteten sein, deren Demos den prototypischen Stockholm-Sound noch ursprünglicher, roher und unbehauener zur Geltung brachten als die nur unwesentlich späteren Album-Outputs der Erstgenannten, die dann einen zentralen Beitrag zur Explosion des Gernes in Nordeuropa leisteten?

Derolei Fragen aber noch nicht genug! Ganz unabhängig von der Frage der Auswahl einzelner Songs aus dem Oeuvre einzelner Klassiker ergeben sich weitere Komplikationen hinsichtlich der Frage nach der übergreifenden Signifikanz jüngerer Releases, nach der Auswahl von Songs in Abhängigkeit zur Funktion der Kompilation und nicht zuletzt hinsichtlich der Relevanz von Bands aus angrenzenden Genres:

  • Hat eine (neue) Band wie SKELETAL REMAINS, denen es in einzelnen Songs gelingt, den 90er-Jahre-US-Death-Metal direkter auf den Punkt bringen als manche der klassischen Florida-Bands (die z.T. eher im Albumformat, denn in Einzelsongs prototypisch für das Genre sind, das sie schufen), etwas in einer strukturell wie auch historisch begründbaren Auswahl wie der hier angestrebten zu suchen oder eher doch nicht?
  • Was ist generell mit der „New Wave of Death Metal“, die sich in den letzten Jahren abzeichnet und die solch vielversprechende Debüts wie jene von z.B. DESERTED FEAR (2012), KAOTIK (2012) oder WOUND (2013) hervorgebracht hat?
  • Bei der Auswahl einzelner Songs aus dem Schaffen einzelner Bands mehr Wert auf Eingängigkeit gelegt werden – oder darf eine technische Death-Metal-Band ruhig sehr technischen Stück vertreten sein? Ich denke hier an die Frage, wie man Bands wie MORBID ANGEL, NILE, CANNIBAL CORPSE, ATHEIST oder SUFFOCATION – beziehungsweise auf dieser Seite des Ozeans: SPAWN OF POSSESSION oder DECAPITATED – am besten zugäglich macht für Ohren, die mit der Spielart des „Technical Death Metal“ noch nicht oder nur bedingt vertraut sind.
  • Wo genau grenzt man Death Metal von Nachbargenres ab, wo wir doch wissen, dass Genregrenzen eher vage sind und bei genauerer Betrachtung eine Abstraktion darstellen, um deren Existenz sich die meisten der ernstzunehmenden Bands ohnehin kaum scheren? (Vergleiche die immer mal wieder wiederholte Aussage von Jeff Walker/CARCASS, seine Band spiele, wenn überhaupt ein bestimmtes Genre, dann „Heavy Metal“ beziehungsweise „Carcass-Musik“) Gehören beispielsweise bestimmte Alben von NAPALM DEATH zum Death Metal oder wäre diese Band für eine Songauswahl zum Thema „Was ist Death Metal?“ – obwohl sie fraglos nicht wenige innovative Impulse in den Kernbereich gerade auch des Death Metal eingebracht hat – dann doch zu randständig? Und überhaupt: Stilprägend für das Genre, gerade in der Anfangszeit, waren ja auch ganz zentral die frühen Thrash-Bands, auch wenn sich einige Todesmetaller in Statements z.T. sehr dezidiert von deren Stil absetzten; in der Pionierphase etwa des schwedischen Death Metal lässt sich die schrittweise Emanzipation aus dem Thrash sehr gut nachvollziehen (siehe z.B. die 3-CD-Kompilation zur Genregeschichte von Daniel Ekeroth).

… und, UND, und, und, und

Es ist und bleibt schwierig. Wer am Ende dieses Blogeintrags eine Art Fazit oder gar Lösung erwartet hat, muss (systematisch) enttäuscht werden. Vermutlich sollte man nur Mixtapes oder -CDs zu Genres zusammenstellen, in denen man nicht so sehr, sondern eher nur als Gelegenheitshörer sich heimisch fühlt. Persönlich ziehe ich als Fazit: Ich werde diese Aufgabe zuende bringen – und zwar zu einem Ende, mit dem ich hoffentlich werde leben können. Danach werde ich mich am Besten nie wieder daran versuchen, ein Death-Metal-Mixtape zusammenzustellen. Bestätigt hat mich das beschriebene Unterfangen aber einmal mehr in Folgendem: Das Genre lebt und ist auch nach inzwischen mehr als einem Vierteljahrhundert lebendig und dynamisch. Genau das ist es ja, was mir bei der Herstellung einer vernünftigen Songauswahl zum Dilemma gereicht. ;-)

In dieserlei Sinne: Die Leiche lebt! – Beziehungsweise (im genretypisch gewendeten Wortsinn:) Operation gelückt: Patient tot. :D


( Diskussionsthread zum Mixtape-Dilemma im RockHard-Forum )

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Renaissance, nicht „retro“: Wound, Inhale the Void (F.D.A. Rekotz/Soulfood, 2013)

woundWarum nicht einmal ein Stück Death Metal unter Nutzung lediglich simpelster ästhetischer Kategorien beschreiben? Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht?

Nun denn: Das Debütalbum der Wiesbadener Death-Metal-Formation Wound ist ein schönes Album geworden. Es erquickt das Herz und erfüllt die Seele mit Wonne – nicht nur (aber insbesondere auch) für denjenigen, der ein mit den Trademarks und Traditionslinien des Genres sozialisiertes und an schwerem Gerät der Marke Dismember oder Grave geeichtes Gehör sein Eigen nennt. Geschmackvolle Referenzen und ansprechende Remineszenzen an diese und andere Altvordere gibt es sattsam und zuhauf – und darüber hinaus noch einiges mehr (Elemente „klassischen“ Crustcores, Black Metals und Death’n’Rolls). Dabei agiert das Album einerseits bewahrend (im Sinne eines wohlverstandenen Konservatismus), andererseits aber mit einer relativen kompositorischen Beinfreiheit, die sich nicht darauf beschränkt, lediglich zum x-ten Male die Standards des Genres zu reproduzieren und sich innerhalb derer engen Grenzen kaum innovative Ambitionen zugesteht, sondern die mit Lust (aber nicht über Gebühr) ihre opulent und schmackhaft angerichteten (Blut-)Mahlzeiten mit Kräutern aus anderer Herren Botanisierbüchse würzt, dass es eine wahre Freude ist.

Besonders eindrücklich lässt sich dies am Song „Forever Denial“ nachvollziehen, der in viereinhalb Minuten die Quintessenz aller Einflüsse zusammenfasst, aus denen Wound schöpfen: Der Song beginnt mit angeschwärztem Black-Metal-Geblaste (ähnlich wie auf Teilen des letzten Unleashed-Outputs, aber ungezügelter und frischer), leitet dann über in eine Uptempo-Strophe mit bleischweren Riffs, die Sunlight-Gedächtnis-Sound auffahren und dem Death’n’Roll huldigen. Dann ein kurzes Rock’n’Roll-Lick, bis das Death’n’Roll-Riff wiederkehrt und gedoppelte Crust-Shouts, die sich auch auf einem neueren Napalm-Death-Release vortrefflich machen würden, den Song zum Höhepunkt treiben. Anschließend erneut angeschwärztes Geblaste, zweite Strophe, Rock’n’Roll-Lick, Crust, dann – wie geil ist das denn! – ein locker und unprätentiös aus der Hüfte geballertes Rock’n’Roll-Solo. Der Song schließt mit einem Moshpart, in dem noch mal mächtig Druck aufgebaut wird. Klingt zusammengepuzzelt? Mag man vermuten, ist es aber nicht: Der Song hat einen gewaltigen, immer in der Stockholm-Version des Death Metal wurzelnden Groove, in dem sich die verschiedenen stilistischen Elemente sehr natürlich zusammenfügen und der einen locker-flockig mit sich reißt („Like an Everflowing Stream“, irgendwer?).

Wer nun glaubt, Wound seien eine „progressive“ Band, die sich nur zwischen den Stilen zuhause fühlt und klassischen Death Metal letztlich nur als ein Stilmittel unter vielen denn als echtes Fundament nutzt, der irrt: Wound sind 100% purer, unverfälschter, roh und blutig servierter, „klassischer“ Death Metal – stellenweise sogar derart klassisch, dass man die Jungs fast noch im (schwedischen) Proto-Death-Metal verorten möchte, also in derjenigen Ära stilistischer Freiheit, in der sich der Death Metal noch gar nicht einer eigenen Genre-Existenz bewusst war, die Eckpfeiler dessen, was Death Metal grundlegend ausmacht, noch nicht einzementiert waren und diverse Pioniere, inspiriert von Thrash und Hardcore-Punk, sich gerade erst anschickten, neue Wege des Extremen in der Musik auszuloten. Wound gehen an diese Wurzeln zurück, erfinden dort das Rad (natürlich) nicht neu, legen aber noch mal eine gehörige Schippe neuen Drive drauf: Frühe Dismember, Grave, Entombed und die Nihilist-Demos lassen grüßen, sowohl soundtechnisch als auch in punkto Songwriting. Der Gesang ist ebenfalls viel näher an den Shouts schwedischer Genre-Pioniere wie Corpse, Merciless oder Nihilist als am Growling der fortgeschrittenen 90er. Für heutige Ohren klingt das wie eine Death-Metal-Stimme mit Black-Metal- und/oder Hardcore-Einschlag – aus Sicht der späten 80er ist es purster und ursprünglichster Death Metal.

Insgesamt umfasst „Inhale the Void“ acht vollwertige Songs, ein kurzes Intro sowie – als das Album beschließendes Stück und Titeltrack – eine Akustiknummer, die wehmütige Erinnerungen an Metallica zu Zeiten Cliff Burtons (!) heraufbeschwört.

FAZIT:

Nach ihrem bereits vielbeachteten Demo „Confess to Filth“, das der Band Ende 2012 die Auszeichnung als „Demoband des Monats“ im RockHard einbrachte, legen Wound mit „Inhale the Void“ den Grundstein für ein hoffentlich ebenso beachtliches künftiges Oeuvre. An einigen wenigen Stellen in dem einen oder anderen Song des Albums bleibt zwar kompositorisch noch ein wenig Luft nach oben – diese werden die vier Jungs aus Wiesbaden bis zu ihrem nächsten Release aber mit Sicherheit noch locker weginhalieren können. Insgesamt ist „Inhale the Void“ ein wummerndes und druckvolles, dabei ungemein bösartiges und ergo den geneigten DM-Hörer vollumfäglich(st) entzückendes Statement, mit welchem eine weitere Band (neben im Vorjahr herausragenden Acts wie Skeletal Remains, Deserted Fear oder Kaotik) den Nachweis antritt, dass im Death-Metal-Genre in kreativer Hinsicht auch heute noch jede Menge Potenzial schlummert. Die neue Garde genrespezifischer und hochklassiger Bands, die in den letzten zwei, drei Jahren – maßgeblich gefördert von Labels wie F.D.A. Rekotz, die auch Wound herausbringen – auf den Markt drängen, ist – trotz ihres Bekenntnisses zu alten bis z.T. sehr alten Referenzwerken – alles andere als „retro“: Sie ist nicht rückwärtsgerichtet, sondern knüpft an Kanonisches an, um Neues zu erschaffen und ihre Referenzen unter zeitgemäßen Vorzeichen weiterzuentwickeln. „Death-Metal-Renaissance wäre, wenn schon ein Etikett benötigt wird, daher deutlich angemessener.

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