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Legacy #92: Tom Angelripper, Deserted Fear, Decapitated, Earth, Earthship, Meshuggah & Co.

Legacy #92Juli und August waren heiße Monate – nicht nur meteorologisch, sondern auch in punkto neuer Releases. Da die LEGACY-Ausgabe #92 aufgrund der Festivalsaison gegenüber dem üblichen Zwei-Monats-Turnus verspätet erscheint, ist der Berichtszeitraum und damit die Fülle der Releases größer als sonst schon. Masse muss nicht Klasse heißen, doch in diesem Fall gab es diverse einschlägige Scheiben, auf deren analytische Inohrenscheinnahme ich mich teilweise bereits Monate im Voraus gefreut hatte.

Meine beiden persönlichen Alben der Saison kommen von EARTH und – wie könnte es anders sein – von MASTODON, beachtlich und ebenfalls herausragend sind weiterhin die Zweitlinge von EARTHSHIP und von BEYOND CREATION sowie – mit unfassbarem Hitpotenzial – die neue Scheibe von ONKEL TOM (die ich allesamt für die aktuelle Ausgabe rezensiert habe). Darüber hinaus sind auch die neuen Releases von CANNIBAL CORPSE und DECAPITATED erstklassig, beide Bands präsentieren sich stilistisch innovativ wie kaum zuvor.

Neben neun Reviews habe ich zur Ausgabe wieder verschiedene Interviews beigesteuert:

Mit Tom Angelripper führte ich ein einstündiges Telefoninterview, das sich als so ergiebig entpuppte, dass dabei nicht nur der für das Heft vorgesehene Zweiseiter, sondern darüber hinaus auch ein ebenso langer zusätzlicher Artikel heraussprang, der auf der LEGACY-Website veröffentlicht ist. Während der Text im Heft vor allem um das neue Studiowerk „H.E.L.D“ von ONKEL TOM kreist, geht es im Online-Bonusinterview um den ganzen Rest, insbesondere um ein mögliches neues SODOM-Release, die Metalszene im Allgemeinen sowie die „Goldenen Achzigerjahre“ im Speziellen

Mit Fabian von DESERTED FEAR habe ich neben einem Studio-Vorbericht zum (nicht nur von mir mit Spannung erwarteten) kommenden zweiten Album „Kingdom Of Worms“ ein Interview über die bewegten zwei Jahre seit dem vielbeachteten Debüt der Band sowie das Songwriting und die Aufnahme der neuen Scheibe geführt. Den Studiobericht gibt’s im Heft, das Interview online. Weil es so schön ist, wird es im nächsten LEGACY obendrauf noch einen weiteren Zweiseiter zum Album geben, diesmal u.a. mit Schwerpunkt auf den kleinen, aber feinen Weiterentwicklungen im Songwriting der Band sowie Hintergründen zu den Lyrics. Passend dazu kommt dann auch die schonungslose Review des am 24.10. erscheinenden Albums (das – so viel sei schon verraten – selbst kritischster Analyse souverän standhält und dessen die Band, dessen bin ich mir sicher, erneut ein deutliches Stück voranbringen wird).

Mit Vogg von DECAPITATED habe ich mich über das neue Album der polnischen Death-Metal-Institution, den Gesundheitszustand von Drummer Covan, den Alltag als Musiker und Bandmanager in Personalunion sowie die Lage der Welt unterhalten. Amüsant darüber hinaus auch mein Interview mit den brasilianischen Newcomern von CONSIDERED DEAD, bei dem es – aktuellen Ereignissen geschuldet – zwangsläufig nicht nur um Metal, sondern auch um Fußball im Allgemeinen sowie die geschichtsträchtige Halbfinalniederlage der Seleção gegen Deutschland ging. Wer auf Old-School-Death-Metal mit erkennbaren Thrash-Wurzeln (Slayyeeeeerrr!!) steht, sollte übrigens unbedingt das jüngst von F.D.A. Rekotz wiederveröffentlichte Demo dieser Band antesten (Anspieltipp: ‚Claiming Insanity‘).

Zum 25-jährigen Bandjubiläum von MESHUGGAH gab es im September übrigens ein Re-Release der Ein-Track-EP „I“. Das musste unbedingt auch noch einmal besprochen werden – nicht nur des Jubiläums wegen, sondern vor allem auch, weil das darauf enthaltene 25-minütige Stück Proggeschichte die stilistische Formel der Schweden so kongenial zusammenfasst wie vermutlich kaum ein anderes Werk der Band.

Die ausführlichen Releases zu allen von mir besprochenen Tonträgern finden sich im Heft. Als Teaser seien hier pro Album nur jeweils zwei zusammenfassende Sätze vorausgeschickt – den Rest sowie weitere 270 Seiten Lesestoff gibt es wie gewohnt beim Zeitschriftenhändler. ;-)

  • BEYOND CREATION „Earthborn Evolution“
    (Season of Mist)
    Die Kanadier präsentieren auf ihrem zweiten Album technischen, leicht angejazzten Death Metal, der zwar spielerisch und kompositorisch anspruchsvoll daherkommt, der aber dank eines durchgängig nachvollziehbaren Riffings, diverser grandioser Hooklines und epischer Gitarrensoli niemals verkopft wirkt. Wer sich für frühe Cynic oder die progressiven Alben aus dem Oeuvre von Death begeistern kann, wird an dieser Scheibe seine Freude haben. (13/15 Punkte)
  • EARTH „Primitive And Deadly“
    (Southern Lord)
    Wo sich der Großmeister der Langsamkeit, Dylan Carlson, in den vergangenen Jahren zugunsten glasklar zelebrierter Americana unter stetiger Reduktion des musikalisch Erforderlichen eine gewisse Askese auferlegte, wird nun wieder hemmungslos den fetten Garagensounds mit feinen, den Riffs immanenten Rückkopplungen gefrönt. EARTH gelingt es mit „Primitive And Deadly“, die Höhepunkte ihres bisherigen Schaffens in einzigartiger Weise zu integrieren und auf en neues Level zu heben. (13/15 Punkte)
  • MASTODON „Once More ‚Round The Sun“
    (Reprise/Warner)
    „Once More ‚Round The Sun“ vereint über weite Strecken die Trademarks der beiden letzten Alben, ohne die Sludge-Kante früherer Großtaten gänzlich abzulegen. Auch wenn man nicht die Einzigartigkeit von „Crack the Skye“ oder die Erbarmungslosigkeit eines „Leviathan“ erreicht, ergibt sich unterm Strich eine Scheibe, die einmal mehr und überzeugend beweist, welche stilistische Eigenständigkeit sich MASTODON innerhalb der Metalszene erspielt haben. Gäbe es diese Band nicht, man müsste sie erfinden. (12/15 Punkte)
  • EARTHSHIP „Withered“
    (Pelagic Records)
    EARTHSHIPs musikalische Signatur verknüpft die Sludge-Urgewalt von Mastodons Frühwerk („Remission“, anybody?) stilsicher einerseits mit Death’n’Roll-Elementen inklusive Sunlight-Sound und andererseits mit Bezügen auf ganz frühe Black Sabbath. Der Sound ist heavy as fuck und quetscht einen mit der Wucht eines im Standgas operierenden 40-Tonners gegen die Wand. Fans der genannten Einflüsse kommen an dieser Scheibe kaum vorbei. (12/15 Punkte)
  • CONSIDERED DEAD „Mentally Tortured“
    (FDA Rekotz)
    Was auf „Mentally Tortured“, dem Re-Release des Demos der brasilianischen Newcomer, aus den Boxen ballert, ist in ungefähr die Schnittmenge dessen, was frühe Slayer, klassische Sepultura sowie die Prototypen ganz alter Stockholmer und Ostküsten-Schule fabriziert haben: interkontinentaler Old-School-Death-Metal, der seine Thrash-Wurzeln stolz zur Schau stellt – oder auch schnörkellos effektiver US-Thrash mit ranziger Death-Metal-Schlagseite. Das Teil versprüht jede Menge Old-School-Charme bis hin zum organischen, nicht allzu transparenten Sound. (10/15 Punkte)
  • ONKEL TOM „H.E.L.D.“
    (Steamhammer/SPV)
    Erneut zelebriert der ONKEL seine prollig-charmante, gerne mal mit einem Augenzwinkern apostrophierte Mischung aus Deutschpunk, Deutschrock und Metal, und fährt dazu ein abwechslungsreiches 13-Gänge-Menü mit ungemeiner Hitdichte auf. Sämtliche Songs der Scheibe haben Ohrwurmcharakter, sind knackig, süffig und lassen sich direkt mitgrölen – sogar nüchern, wenn’s denn sein muss. (12/15 Punkte)
  • MESHUGGAH „I“ (Reissue)
    (Nuclear Blast)
    ‚I‘ bezeichnete 2004 nicht weniger als eine Vermessung des stilistischen Kosmos, den MESHUGGAH mit ihren ersten vier Alben entworfen hatten, und zugleich ein sperriges wie aufregendes Stück progressiven Thrash Metals, das Hirn und Ohr auf eine zieloffene musikalische Entdeckungsreise schickte, die auch beim x-ten Hören noch zu faszinieren verstand. Ein kleines Meisterwerk von zeitloser Größe, neu aufgelegt zum diesjährigen Bandjubiläum, das 25 Jahre MESHUGGAH paradigmatisch wie kein anderes Stück der Band auf den Punkt bringt. (–)
  • THEORY OF A DEADMAN „Savages“
    (Roadrunner)
    Wer sich immer schon gefragt hat, wie eine Band klingen mag, die null Prozent künstlerische Ambitionen hat und deren ausschließlicher Antrieb darin besteht, um jeden Preis ins Mainstreamradio kommen zu wollen, der braucht diese Scheibe unbedingt; ansonsten braucht sie keiner. Da der Monat so viele andere spannende Releases zu bieten hat, lässt sich der Rezensent dazu erweichen, die hier vorgelegte Dreistigkeit zumindest teilweise mit „Geschmäcker sind verschieden“ zu entschuldigen und das Album mit maßlos übertriebenen 4 Zählern zu würdigen, befürchtend, ihm damit eine seiner höchsten ernstgemeinten Bewertungen überhaupt zu bescheren. (4/15 Punkte)

Fürs nächste Heft, bei dem schon jetzt die redaktionelle Deadline naht, wird es von mir Reviews und Artikel u.a. zu den folgenden Bands geben (alphabetisch): 7 H.Target, Abysmal Dawn, Atriarch, Bastard Feast, Black Crown Initiate, Deserted Fear, Dying Out Flame, Robert Plant, Tantal. Das neue Album von Robert Plant ist bei mir natürlich außer jeder Konkurrenz (und schon jetzt, obgleich erst jüngst erschienen, der heißeste Anwärter auf mein persönliches Album des Jahres). Mein Album des Monats ist ansonsten die unfassbar wüste, herrlich wilde und arschcool runtergezockte BASTARD-FEAST-Scheibe „Osculum Infame“. Dazu dann aber mehr in Bälde… ;-)

 

 

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Robert Plant, lullaby and … the Ceaseless Roar (Nonesuch/Warner Bros. Records, 2014)

Robert Plant, lullaby and ... the Ceaseleass RoarWas Robert Plant auf seinem zehnten Solo-Album präsentiert, ist die Quintessenz eines Musikerlebens, das stilistisch nie auf der Stelle trat oder frühere Großtaten zu konservieren sich bemühte, sondern stets mit offenem Ohr durch die Welt reisend Neues in sein künstlerisches Repertoire integriert und dabei Schritt um Schritt alles Prätentiöse, Gekünstelte, Gewollte, jedwede überpointierte Phrase, jede noch so kleine Überstilisierung im Ausdruck abgelegt hat. Was uns 2014 begegnet, ist Skelett und Kern der Plant’schen Seele, vielleicht die vollendete Formel dessen, was im optimalsten Fall im letzten Drittel eines erfüllten Musikerlebens stehen kann: eine maximale Reduktion der eingesetzten Mittel bei gleichzeitiger maximaler Verfeinerung des emotionalen Ausdrucks. Das Beeindruckende daran: Das Ganze wirkt zu keiner Sekunde so, als habe Plant seine Mittel nur deshalb reduziert, weil seine Stimme, altersbedingt, heutzutage mit einem geringeren Stimmumfang auskommen und auch mit Volumen und Dynamik klug haushalten muss. Hier sind wir Zeuge einer ästhetischen Verfeinerung mit dem durch das Alter geklärten Blick für das Wesentliche, das Relevante, das wirklich Notwendige und das im Schlichten Schöne. Vorgetragen werden die Stücke so natürlich, so selbstverständlich, fast wie beiläufig, dass es einem vorkommt, als stünde er gerade hier neben uns, der Robert, an der Bushaltestelle, vor dem Teeregal im Supermarkt, sinnierend vor einer Werbetafel mit dem Aufdruck „Manic Nirvana“ oder in sonstiger profaner Umgebung, und summte einfach so vor sich hin, gedankenverloren bei alltäglichen Verrichtungen, einfach weil ihm gerade danach ist.

Das ist große Kunst.

Auch die Instrumentierung ist nicht plakativ, sondern luftig, bedacht, zurückgenommen, und gerade dadurch an genau den richtigen Stellen enorm akzentuiert. Hier gibt es viel Freiraum zum Atmen – Freiraum, den der junge Plant mit der Allmacht seiner stimmlichen Gewalt raumgreifend wie respekteinflößend ausgefüllt und gestaltet hätte. Der alte Plant gestaltet ebenfalls, tritt dabei aber kaum mehr in den Vordergrund als die bedacht agierenden Instrumentalisten – und dominiert die Szene dennoch wie ein stets präsentes, Freiräume beanspruchendes, sich seiner Historizität bewusstes (diese aber nur punktuell aufblitzen lassendes) Orakel. Musikalisch findet sich in der herrlich spärlichen Instrumentierung bei genauem Hinhören vieles wieder, was Plants musikalischen Weg gekreuzt und definiert hat: Bluesiges, Folkiges, Orientalisches, ganz selten auch mal ein harter Akkord – alles in größtmöglicher Zurückhaltung, ganz so als wolle uns der Künstler sagen „Seht her: Dies alles sind Schnappschüsse dessen, was ich war oder hätte sein können. Und ich war so vieles. All das habe ich in früheren Phasen meines Schaffens bis ins Kleinste studiert, verinnerlicht, durchexerziert – und damit war alles gesagt. Deshalb deute ich es hier einfach nur mal kurz an, wo es mir gerade in den Sinn kommt. Tiefergehende Einlassungen zur Sache entnehmt bitte meinen früherem Werk. Das müsst ihr aber nicht hören – die Andeutung genügt. Ich habe mir ihre Formgebung reiflich überlegt, und sie repräsentiert nur und genau das, was ich im Laufe meines Lebens über diesen und jenen Stil gelernt habe. Also vergeudet nicht eure Zeit mit Rekonstruktion, mit dem Schwelgen im Gestern, sondern hört euch nur dieses eine Album an, das die Quintessenz all dessen enthält, womit ich mich über Jahrzehnte beschäftigt habe – und verwendet die dadurch gesparte Zeit auf euer eigenes Leben. Auf dass es ein gutes und erfülltes werde.“

Das Herrliche ist, dass Plant 2014 so down to earth ist. So menschlich. Er war es auf seinen vorigen Alben schon, mindestens seit „Fate of Nations“. Wurde es immer mehr. Und ist jetzt ganz bei uns angekommen, ganz zuhause, im Wohnzimmer, nicht ins Sofa gefläzt, sondern eher auf kurzem Besuch an die Küchendurchreiche gelehnt. Einer von uns. Ganz authentisch. Aber eben immer eine Spur empfindsamer als wir Normalsterblichen. Und trotzdem unüberheblich, wiewohl stets und überall die Signatur der Legende hinterlassend. So glaubhaft, dass er im Gegenzug wieder damit kokettieren kann.

Robert Plant 2014 macht uns Staunen – gerade in seiner Schlichtheit, die ein Resultat umsichtiger, sich stetig vorwärts tastender, neugieriger, nie stillstehender Verfeinerung ist.

Jeder Mensch trägt in sich das Egozentrische, Narzisstische, das Widerstreben, Göttern zu huldigen. Robert Plants neues Album lehrt uns zu gleichen Teilen schmerzhaft und erfüllend, dass es immer mindestens einen gibt, vor dem wir uns unserer Nichtigkeit bewusst werden: den Ausnahmesänger des 20. Jahrhunderts, der auch mit 66 Jahren nichts, aber auch gar nichts von seiner Gabe eingebüßt hat, uns die Welt zu erschließen, in feinen und feinsten Nuancen.

Robert Plant ist so vieles. Sein neues Album ist aber vor allem eines: Anrührend. Perfekt.

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Orchid, The Mouths of Madness (Nuclear Blast, 2013)

Orchid, The Mouths of MadnessWie soll man sich dem neuen Album einer Band nähern, das aufgrund des kürzlich erfolgten Majordeals mit Nuclear Blast zum Erscheinungstermin in den meisten der einschlägigen Rock- und Metalmagazinen mit ganzseitigen Anzeigen beworben wird und das dementsprechend PR-bedingt gegenüber anderen Veröffentlichungen von vornherein einen Medienaufmerksamkeitsbonus einfährt? Kritisch natürlich.

Um es gleich vorwegzunehmen: Bereits vor der neuen Veröffentlichung habe ich mich als einen großen Bewunderer der Band betrachtet – und daran hat sich auch nach intensivem Antesten des neuen Albums „The Mouths of Madness“ nichts geändert – eher im Gegenteil, denn:

(1) Die Band macht auf ihrem neuen Album nicht nur so gut wie alles alles richtig (was im optimalen Falle das Erwartbare gewesen wäre), sondern

(2) versteht es zudem, mit diversen Stücken und Stilelementen durchaus zu überraschen (was nicht zwangsläufig erwartbar gewesen wäre: Es gibt genügend junge Bands, die, gerade nach Abschließen eines Major-Deals, eher auf Nummer sicher gehen würden, um die mühsam erspielte Fangemeinde nicht zu verschrecken).

Orchid gelingt es mit ihrem neuen Album eindrucksvoll, sich von den immer mal wieder kritisch geäußerten Vorwürfen eines Mitschwimmens auf der 70er-Retrowelle ohne eigenständige Stilmerkmale freizuschwimmen. Der Band ist mit „The Mouths of Madness“ ein überzeugendes Statement gelungen, dass sie weit mehr sind (und können) als eine bloße Black-Sabbath-Kopie – wenngleich, und das betont die Band ja gerne selbst häufig in Interviews, die Sabbath der 70er ganz klar und nach wie vor einen (man beachten: „einen“, nicht „den“!) Haupteinfluss ihrer Musik darstellen.

Doch eins nach dem anderen:

Allzu oft werden Orchid auf ihre Bezüge zu frühen Black Sabbath reduziert. Es ist sonnenklar, dass neun von zehn Songs aus den bisherigen Releases „Through the Devil’s Doorway“ (EP, 2009), „Capricorn“ (Album, 2011) und „Heretic“ (EP, 2012) den Geist der 70er-Sabbath-Ära nicht nur atmen, sondern tief inhaliert haben, und dass in jedem dieser Songs Remineszenzen an jeweils zwei oder mehr klassische Sabbath-Nummern anklingen. Diese Band schwimmt – in Ermangelung einer besseren Metapher wähle ich diese – auf einem See großartiger Sabbath-Kompositionen und greift davon ausgehend nach anderen Gewächsen, die an dessen Rändern wuchern. Und das kommt der Sache, um die es geht, wohl am nächsten: Orchid sind eben kein bloßes Plagiat des Originals, sondern eine Art logischer Weiterentwicklung. Oder besser: eine evolutionsgeschichtliche Nebenlinie. Sie knüpfen da an, wo Sabbath so um 1975, maximal 1978 standen, und führen vor, wie ausgehend von diesem Stand in einem Paralleluniversum (das in Orchid dann durchaus real wird) die Sabbath-Geschichte hätte weitergehen können. Dabei – Hier greift die Evolutionsperspektive durchaus! – starten sie zunächst als weitgehend Sabbath-getreue Kopie („Through the Devil’s Doorway“, 2009) und beziehen dann schrittweise und mit Bedacht weitere Elemente mit ein: auf dem Debüt „Capricorn“ (2011) durchaus vorhanden, aber eher noch verhalten, auf dem vorliegenden Zweitling „The Mouths of Madness“ weitaus deutlicher und selbstbewusster. Die Einflüsse beziehen Orchid selbstverständlich komplett aus dem 70er-Universum. Die Melange, die Orchid aus dem Füllhorn dieser Ära schöpfen, kann dabei – und dies ist eines der Hauptverdienste der Band – durchaus als eigenständiges Gebräu gewürdigt werden, das Songwriting und die Produktion ebenfalls: Bei aller soundtechnischer Liebe zum (originalen wie originellen) Detail wirkt die Verarbeitung der 70er an keiner Stelle wie ein Griff in die Mottenkiste, sondern wie eine den Originalen angemessene Transposition in die Gegenwart – mit deutlicher eigener Note.

Randnotiz: Während in bisherigen Analysen zur Band eigentlich immer nur die Sabbath-Bezüge herausgestellt wurden, wird ihr Bezug zu Led Zeppelin hingegen viel zu selten thematisiert. Das neue Album bestätigt mich nicht nur in der Annahme, dass Orchid ihre Einflüsse insgesamt deutlich breiter offenlegen als bisher, sondern auch darin, dass insbesondere der Zeppelin-Einfluss (der ansatzweise auch schon auf „Capricorn“ zu erkennen war) nun z.T. wesentlich klarer zutage tritt. Darüber hinaus geht Theo Mindells Stimme nur noch ansatzweise als authentische Kopie des „Madman“ Ozzy durch und ist jetzt – noch deutlicher als bisher schon – in Äquidistanz zum frühen Ozzy und zu Blackie Lawless zu verorten.

Die Songs auf „The Mouths of Madness“ in der Einzelkritik:

Bereits beim Album-Opener fällt mir auf, dass man für eine angemessene Bewertung der einzelnen Songs und des Albums als Ganzem kaum umhinkommt, detailliert Bezüge zu diesen und jenen Einflüssen herauszuarbeiten. Es ist ein wesentliches Merkmal des Orchid’schen Songwritings, diverse Einflüsse zusammenzubringen und daraus – in den meisten Fällen erfolgreich – etwas Eigenes zu köcheln. Also dann:

  • THE MOUTHS OF MADNESS: Ein erhabener Opener, der die Scheibe würdig eröffnet und gekonnt die Brücke von „Capricorn“ zur Erweiterung des eigenen stilistischen Spektrums schlägt: Dem mächtigen Eingangsriff, das den Refrain vorwegnimmt, folgt eine treibende Strophe mit galoppierendem Beat, der den Gesang vor sich hertreibt (in Richtung Schafott? ;). Freunde von The Devil’s Blood werden an dieser Strophe ihre Freude haben – Orchid-Fans sowieso. Die Band zeigt alle ihre Stärken – insbesondere diejenige, Songs zu schreiben, die sich direkt beim ersten Hören im Ohr verhaken. Die Bridge ab 03:36 bringt ein Jimi-Hendrix-Gedenk-Lick, bevor sie sich mit einer Iommi-Überleitung zum erneuten Gesangseinsatz steigert. Kleines Detail: Das Mini-Lick zwischen dem jeweils ersten und zweiten Durchgang des Hauptriffs (im Intro und in den Refrains) kann man als subtile Remineszenz an Hendrix‘ Crosstown Traffic lesen. Wenn man denn möchte. ;) Auf jeden Fall macht der Song das 70er-Panoptikum schon mal weit auf – inklusive düsterer Psychedelic-Schwaden und allem, was dazugehört. Das Outro bringt einen kleinen, aber nicht weiter vertieften Querverweis auf War Pigs – womit das „Wir können auch Sabbath, aber nicht nur„-Trademark gesetzt ist.
  • MARCHING DOGS OF WAR und SILENT ONE sind die Songs mit den direktesten Sabbath-Bezügen auf der Scheibe: Das treibende Hauptriff von MARCHING DOGS wie auch die Gesangslinie der Strophe erinnern unwillkürlich an Children of the Grave. Auch Capricorn, der starke Titeltrack des Vorgängeralbums, klingt an. Überraschend dann ab 03:15 der bluesige Instrumentalpart mit – wie schon in anderen Rezensionen erwähnt – an den Roadhouse Blues der Doors erinnernder Mundharmonika (N.B.: Auch in Sabbaths The Wizard gab es einen Harmonica-Part). Das Gitarrensolo lässt Led Zeppelin anklingen (Stairway to Heaven, Schlussteil). Das Intro von SILENT ONE zitiert War Pigs wie auch N.I.B., gefolgt von einem typischen Iommi-Riff. Ab 04:52 wird es dann psychedelisch-finster mit schauriger Friedhofsglocke (Das Intro des allerersten Sabbath-Albums lässt grüßen). Der Text behandelt – dazu passend – den Cthulhu-Mythos von Lovecraft.
  • NOMAD: Im Intro lassen Pink Floyd grüßen, das simple Hauptriff könnte auch von Boston stammen, die Gitarrenphrase im Refrain klingt wie Iommi auf dem letzten Heaven-and-Hell-Album „The Devil You Know“. Der schnelle, rock’n’rollige Mittelteil erinnert an die Strophe von Never Say Die. Während bei den übrigen Songs des Albums die verschiedenen stilistischen Einflüsse homogen ineinanderfließen, wirkt dieser Song eher puzzlehaft. Für meinen Geschmack der schwächste Song des Albums.
  • MOUNTAINS OF STEEL: Das Eingangsriff lässt das Intro zu Sabbaths A National Acrobat anklingen. Ein getragener Song im fetten warmen 70er-Sound. Rötliche Abendsonne über dem Highway ins Nirgendwo. Plötzlich taucht auch noch ein Blues-Piano am Straßenrand auf und bringt – wie so oft bei Orchid – eine unerwartete Wendung. Während der erste Teil des Songs gefällig und irgendwie „schön“ vor sich hinwogte, schleicht sich nun in die Indian-Summer-Stimmung eine unterschwellige dramatische Note ein. Der Song markiert die Mitte des Albums – oder eröffnet dessen grandiosen zweiten Teil (je nach Perspektive).
  • LEAVING IT ALL BEHIND: Das Intro mit seinem Flanger-Gitarreneffekt erinnert mich an einen meiner All-time-Led-Zeppelin-Favourites: Night Flight vom gewaltigen „Physical Graffiti“-Doppelalbum. Die Strophe dann hat einen ähnlich stampfenden Unterbau wie When the Levee Breaks, dem monumentalen letzten Song der „Led Zeppelin IV“, darüber flirren Southern-Rock-Gitarren, was einen irren Kontrast zwischen stahlschwerem Groove und Leichtigkeit schafft. Diese Spannung behält der Song über die volle Siebeneinhalbminuten-Distanz bei. Ab Minute 4:30 finden wir eine weitere Remineszenz an den Schlussteil von Stairway to Heaven … und irgendwie wünscht man sich bei diesem Schlussteil als Krönung noch die „uh-uh“s aus Sympathy for the Devil von den Stones hinzu. Letztere bleibt die Band zwar schuldig – der Song ist dennoch grandios. Die einzige Fehlentscheidung ist das Fade-out am Schluss – das überdies viel zu früh kommt. Fade-outs sind – dies finde ich generell – in den allermeisten Fällen verzichtbar bis ärgerlich – sofern sie nicht bewusst als Stilmittel eingesetzt werden (z.B. um das Thema des Songs zu untermauern -> siehe z.B. manche Songs von Bolt Thrower, bei denen die Kriegsmaschinerie halt immer weiter walzt…). Wenn ich mir das überflüssige Fade-out wegdenke, ist dieser Song für mich das große Highlight dieses Albums.
  • LOVING HAND OF GOD: Witzig, wenngleich von der Band sicherlich nicht beabsichtigt (oder etwa doch?): Der Basspart, der den Song dominant durchzieht, erinnert an das großartige Papa was a Rolling Stone von The Temptations und verleiht dem gesamten Song ein souliges Fundament. Die Strophe kann insgesamt als soulig reinterpretierte War Pigs-Variation durchgehen; die Überleitung und der Instrumentalteil ab 03:12 untermauern die War Pigs-Orientierung. Eine coole Nummer, die in den Strophen die in LEAVING IT ALL BEHIND vorgegebene Kontrastierung von Leichtigkeit und Schwere unter anderen stilistischen Vorzeichen wiederaufgreift.
  • WIZARD OF WAR: Dieser Song ist simpel. Dieser Song ist fokussiert, nicht ausladend und verzichtet auf jede überflüssige Note. Er leistet sich im Vergleich zu den beiden im Albumkontext vorangehenden Songs auch keinerlei Schnörkel. Der Song wurde vorab auf EP veröffentlicht und wurde von mir daher vor dem Release des Albums schon etliche Male ausführlich laut gehört. Der Song hat sich dabei nicht im mindesten abgenutzt – im Gegenteil: Er ist einfach ein Kracher, der sich als genau das ausgibt, was er ist: ein knochentrockenes Stück Hardrock, das keine acht Sekunden benötigt, um auf den Punkt zu kommen und bei dem nach 3 Minuten und 18 Sekunden auch alles gesagt ist – in exakt dem Zeitraum, dessen es bedurft hätte, um wirklich alles, aber kein einziges Wort zu wenig oder zu viel zu sagen. Der Song kann als die logische Weiterentwicklung des Openers Into the Sun von der 2009er-EP „Through the Devil’s Doorway“ durchgehen. Und klar: Hier stand – natürlich – auch Paranoid von Black Sabbath Pate. Geschenkt. Geiler Song.
  • SEE YOU ON THE OTHER SIDE: Das Intro klingt, als seien Blue Öyster Cults Don’t Fear the Reaper und die schnellen Parts aus Dazed and Confused von der „Led Zeppelin I“ als Kontrahenten in einen Boxring geworfen worden – sehr geil! Die Licks erinnern an Thin Lizzy und an Led Zeppelin (eher die späteren als die frühen), der Gesang stellenweise an Radar Love von Golden Earring. Überraschend und intensiv ist der Zwischenteil mit Flamenco-Gitarre – der den langsamen, erdigen Parts von Led Zeppelin ähnelt, über denen sich Robert Plant mit bluesigem Timbre frei variierend austobt (vergleiche hier ebenfalls Dazed and Confused sowie Babe I’m Gonna Leave You oder Since I’ve Been Loving You. In struktureller Hinsicht weist der Song Parallelen zu Sabbaths Sabbra Cadabra auf – sowohl was die groovigen Parts anbetrifft als auch hinsichtlich des unerwarteten bluesigen Mittelteils.

FAZIT: See You on the Other Side bildet einen großartigen Abschluss zu einem insgesamt überzeugenden Album, das einerseits von stilistischer Offenheit und, erneut, vom großartigen Songwriting-Potenzial der Band zeugt, das aber zugleich andeutet, dass der Band nicht so ganz klar ist, wo sie auf längere Sicht stilistisch hinwill. Das ist nicht schlimm, sondern Teil einer normalen Entwicklung und macht gespannt auf Weiteres. Insgesamt präsentiert das Album einige Meisterwerke und kaum Durchhänger. Der „ganz große Wurf“ ist es, wie der Rezensent des Metal Hammer feststellte, noch nicht – aber diese Einschätzung hat möglicherweise auch damit zu tun, dass der Band – u.a. aufgrund des großen Hypes, der seit bei Erscheinen ihres Debütalbums seitens einiger Journalisten um sie gemacht wurde und wird – mit leicht überzogenen Erwartungen begegnet wird. Schraubt man die Erwartungen auf Normalmaß zurück, kann man, mit kleinen Abstrichen, durchaus von einem beachtlichen Wurf sprechen – wobei diverse Songs des Albums andeuten, dass bei der Band nach wie vor Luft nach oben ist. Das schmälert aber nicht die vorgelegte Leistung, sondern spricht vielmehr für die Ausnahmequalität der Band.

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