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Philip H. Anselmo & The Illegals, Walk Through Exits Only (Season of Mist/Soulfood, 2013)

anselmoEndlich mal wieder eine wahrhaft außergewöhnliche Scheibe!

„Walk Through Exits Only“ wird polarisieren – was wesentlich vom Blickwinkel und Zugang zum musikalisch Dargebotenen abhängen dürfte. Erwartet man eine Platte, die direkt eingängig daherkommt wie z.B. ein Großteil (nicht alles) des (zweifelsohne großartigen) Pantera-Backkatalogs, so wird man zweifelsohne rüde enttäuscht: Anselmo bietet nichts an, was sich als eingängige Beschallung für die Thrash-Party oder als Begleitsound fürs Rübeschütteln auf ermüdenden Autofahrten eignet.

Aber: Herr Anselmo hat solches (a) gar nicht nötig und (b) auch überhaupt nicht im Sinn. Bereits das Intro „Music Media is My Whore“ proklamiert, was auf der Scheibe von vorne bis hinten Programm ist, und das ist: „The rise of authentic anti-music“, und zwar in derolei größtmöglich „relentless“ vorexerzierter und auf maximale „distortion“ (gesellschaftlich oder klanglich, oder beides) angelegter Ausgestaltung.

Was uns Anselmo hier präsentiert, ist ein musikalisches Dokument, das nur jemand in dieser Form überzeugend abgeben kann, der verschiedene Traditionslinien – Thrash Metal, Hardcore, klassischen Heavy Metal, Southern Metal -, biographisch wie musikalisch glaubhaft, komplett durchreflektiert, kritisch gewürdigt und mit dem Skalpell auf ihr Wesentliches (Ursprüngliches) reduziert hat, um mit den gewonnenen Quintessenz(en) bar jeglicher genre- und subgenre-spezifischen stilistischen Restriktionen frei als Stilmittel operieren zu können. Das Ergebnis ist konzeptionell mehr Statement denn breitenwirksam angelegtes musikalisches Produkt, stellt aber sehr wohl – und genau deshalb bleibt es in jeder Sekunde Musik und nicht verkopfte Programmkunst – ein primär ästhetisch motiviertes Zeugnis des Ringens mit musikalischen Traditionslinien dar, das gezielt mit Hör- und Strukturerwartungen bricht, dabei aber nie ins Beliebige, Mittelmäßige oder Unentschiedene abdriftet. Im Gegenteil: Das vorgelegte Ergebnis des – man kann es aus den Kompositionen heraushören – sicherlich schwierigen und zermürbenden kreativen Prozesses ist alles andere als unentschieden; in punkto Intensität und Brutalität hängt es sogar diverse neuere Releases im Grindcore-, Hardcore- und Death-Metal-Segment locker ab, ohne auch nur einmal in den Rückspiegel zu blicken.

Das bedeutet aber nicht, dass Anselmo eine Grind- oder Hardcore- oder Death-Metal-Scheibe abgeliefert hat – beileibe nicht: „Walk Through Exits Only“ ist nichts von all dem. „Walk Through Exits Only“ ist sperrig, sperrig, und nochmals sperrig. Eingängigkeit im Sinne von Strukturen, die sich dem mit einem oder mehreren der benannten Genres sozialisierten Ohr unmittelbar erschließen, gibt es nicht. Nicht vordergründig, nicht plakativ. Und dennoch gibt es Strukturen, Aha-Erlebnisse, fiese Ankerhaken, die enormes Suchtpotenzial eröffnen – die sich aber oftmals erst auf den zweiten, dritten, vierten Blick erschließen – und die dann, über Umwege, über Kontrastierungen mit den eigenen Hörgewohnheiten und Genreerfahrungen (Thrash, Death, Sludge, Hardcore, Noise, Industrial, Trip Hop, Drone, Free Jazz) eben doch wieder „eingängig“ werden (können), hängen bleiben, sich eingraben, -fräsen, -hämmern, die einem Brust, Kehle und Synapsen zuschnüren, verknoten, verschweißen, neu verdrahten und in brutalsten Drum-, Gitarren- und Keif-Eruptionen wieder freisprengen.

Sein Konzept stellt Anselmo von vorn herein klar. Messerscharf. Insofern muss die eingangs benannte erste Perspektive auf das Werk notwendigerweise zu Frustrationen führen, da sie die künstlerische Intention eklatant verkennt und folgerichtig einem Missverständnis aufsitzt: „Authentic anti-music“ will alles andere als an konventionelle Hörerwartungen anknüpfen. Und das ist nur konsequent: Jemand mit der künstlerischen Biographie eines Anselmo könnte mit dem Versuch, an eigene frühere Großtaten (Pantera, Down, etc.) stilistisch anzuknüpfen, nur verlieren. Entsprechend ist sein eigener Spielraum mit fortschreitender künstlerischer Biographie mehr und mehr begrenzt, jeder neue Schritt zu 95% ein Schritt in die falsche Richtung. Auf den Schultern von Riesen zu stehen, die man selbst miterrichtet hat, hat schon so manchen in die Jahre gekommenen Künstler zur „lame duck“ verkommen lassen. Nicht so Anselmo: sein Befreiungsschlag ist das Ausbrechen aus dem Erwarteten, Nicht-Erfüllbaren, Konventionellen, hin zu einem gereiften Meta-Werk zum Zustand der Gesellschaft, der Musikindustrie, der eigenen Psyche. „Walk Through Exits Only“ ist pure, destillierte, 100%-ige Aggression, Vernichtung, musikalische wie inhaltliche Dekonstruktion – und das gleichermaßen überzeugend wie wuchtig. Dem gesamten Album unterliegt, trotz seiner vielfältigen (mit ans Sadistische grenzendem Genuss zelebrierten) Brüche und bewusst provozierten Hör-Irritationen, ein hundsgemeiner, rollender, sich ins Hirn fräsender und dort Gift und Galle verspritzender Groove. Über diesem Fundament, das in seinen besten Momenten in apokalyptisches Kriegsgetümmel zu kippen droht, ohne aber den schmalen Grat zum wahllosen Chaos jemals tatsächlich zu überschreiten, thronen erhaben Anselmos Shouts mit einem Grad von Angepisstheit, den man in dieser Qualität und Eindringlichkeit, zugleich auch Verletzlichkeit, von ihm noch nicht gehört hat. Und man hat schon einiges von ihm gehört.

Wie eingangs schon gesagt: Ein wahrhaft außergewöhnliches Album, das schon jetzt einen festen und hohen Platz in meiner persönlichen Bestenliste für 2013 gebucht hat. Ein vergleichbar überzeugend und kohärent eingelöstes Versprechen auf „authentic“ und „relentless“ vorgetragene „anti-music“ wird man mit Sicherheit lange nicht mehr zu hören bekommen. Hut ab, Philip Hansen Anselmo, für dieses unglaubliche Spätwerk!

P.S.: Als Anspieltipp fürs vorsichtige Herantasten sei das vorab als Video ausgekoppelte „Bedridden“ empfohlen, das – sofern man dieses Attribut überhaupt auf „Walk Through Exits Only“ anwenden kann – unter den acht Stücken des Albums noch am ehesten „konventionelle“ Züge aufweist.

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Eingeordnet unter Hardcore, Heavy Metal, Thrash Metal

Black Tusk, Tend No Wounds (Relapse, 2013)

blacktuskVorab: Schön, dass mit Black Tusk eine weitere Band das EP-Format für eine zeitgemäße Demonstration ihrer Kunst nutzen. In Zeiten digitaler Song-by-Song-Downloads, in denen Full-Length-Alben nur dann Sinn machen, wen man tatsächlich auf Albumlänge etwas mitzuteilen hat, bietet die EP ein interessantes Format, um kompakt – aber deutlich über Single-Länge – einen Eindruck vom aktuellen Entwicklungsstand des eigenen künstlerischen Schaffens oder einfach nur eine Momentaufnahme dessen zu bieten, wozu man gerade Lust hatte.

Und davon bieten Black Tusk auf „Tend No Wounds“ eine ganze Menge: Die Scheibe ist kompakt, ist schnörkellos, klingt wie aus einem Guss und – bis auf das unerwartete Cello-Intro zu „The Weak and the Wise“ – nach der Methode „Jungs, kommt rüber, ich habe Bier da, lasst uns ein paar Songs jammen und aufnehmen, hallodaseidihrjaschon, ab in die Garage, Stecker rein und los!“ erarbeitet. Die Scheibe ist eine Midtempo-Groovewalze, die fast gänzlich – naja, gänzlich – auf Schnörkel oder sonstige virtuose Kapriolen verzichtet, dafür mit einem Gitarrensound aufwartet, der direkt aus dem Sumpf geschöpft ist, der schwül, schlammig, schweren Kopfes, mit schweißnassem Shirt und sechzehn Tequilas zu viel im Hirn gegen drückende Hitze und träge Moskitoschwärme ansägt – „swamp metal“, wie es die Band selbst einmal genannt hat. Die Kompositionen klingen durchweg nach Jam und – dies für alle, die hier Musik für den verkopften Informationszeitaltergenossen von heute erwarten – alles andere als „Ich setz mich jetzt mal an mein Klavier oder meine Akustische und denk mir ein paar feine, durchdachte Liedchen mit dazugehörigen Präludien, Bridges und Tempowechseln aus, notiere diese feinsäuberlich im Partitursatz auf büttengeschöpftem Notenpapier, entlocke dazu dann noch in einer inspirierten Stunde bei Kerzenschein meinem komplizierten Gehirn ein paar wohltemperierte Zeilen, möglicherweise gar ein Sonett, – dann nehme ich dazu ein Demo auf, und am Ende arrangier ich das mit den anderen hochgradig komplexen Jungs zu einem trefflichen Stück Tonkunst, das auf verschiedenen Bewusstseins- und Strukturebenen unerschöplich aufs Neue zu Interpretationen und Deutungen einlädt!“.

Das alles gibt es bei Black Tusk nicht. Dafür: ein Bekenntnis dazu, dass man andere auch dadurch glücklich machen kann, indem man ihnen eine simple Struktur in gemächlicher Gelassenheit, aber mit der größtmöglichen Wucht und Selbstverständlichkeit in die Gehirne hämmert. Das Ausreizen einfachster Riffs gepaart mit zum Maximum aufgedrehter Distortion erreicht in einigen Passagen der Scheibe nahezu Drone-Qualitäten, wird dabei aber nie abgehoben, sondern bleibt stets auf ein aufs Notwendigste reduziertes Rock- und Hardcore-Fundament zementiert. Hier gibt es nichts, aber auch gar nichts (also rieng! nada!), was auch nur im Ansatz als „progressiv“ (miss-)interpretiert werden könnte; nicht einmal am Rande lassen Black Tusk irgendwelche songwriterisch kühnen Ambitionen erkennen. Ihre sporadischen Tourkollegen von Red Fang haben das Trio aus Savannah mal als „echte Road Dogs“ bezeichnet – und genau das ist es, was die EP „Tend No Wounds“ so geil macht: ihre Ungestümheit, ihre Unmittelbarkeit, das Erdige und vollständig Anti-Artifizielle, das Ganze vorgetragen mit einer derart relaxten Attitüde, wie sie sich vermutlich nur nach vier Wochen im Minivan on the road mit nur einer einzigen Dusche (am Anfang) und maximal zwei Shirts, dafür einigen hundert Dosen Bier im Gepäck erwerben lässt. Entsprechend lassen die Songs auf „Tend No Wounds“ vollgestopfte, winzige, verschwitzte Clubkeller assoziieren, in denen Band und ergebenes Publikum interaktiv subtropisches Klima und hemmungsloses Ausrasten zelebrieren.

  • Anspieltipp: alles (Einen Komplett-Stream der EP gibt es hier).
  • Zum Einstieg ins Oeuvre: alles (inklusive der Vorgängeralben „Set the Dial“ und „Taste the Sin“).
  • Wenn’s mal ganz schnell gehen muss: Der letzte Track der EP, „In Days of Woe“, der einen guten Eindruck vom Gesamtbild vermittelt und der bereits vorab im Netz veröffentlicht wurde (hier beziehungsweise hier).

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Eingeordnet unter Hardcore, Heavy Metal

The Ocean, Pelagial (Metal Blade, 2013)

ocean-pelagialEines vorweg: In dieser Annäherung an das neue Album von The Ocean – das selbst eine Annäherung zum Thema hat – wird es zunächst einmal über weite Strecken überhaupt nicht um die Musik gehen. Oder vielleicht doch um Musik – aber nicht so sehr darum, wie das Album klingt, als darum, was das Album musikalisch beschreibt und in welcher Tradition des künstlerischen Zugriffs auf die außermusikalische „Wirklichkeit“ die Band mit diesem ihrem Anspruch steht. Der Vollständigkeit halber – und um den Erwartungen an eine Musik-Rezension gerecht zu werden – werde ich am Ende aber auch noch den Versuch einer stilistischen Einordnung vornehmen und Bezugs- und Vergleichspunkte zu anderen Künstlern und Werken im weiten Feld des Rock/Metal aufzeigen, und damit werde ich selbstverständlich scheitern, denn jeder Versuch der Einordnung, „Schubladisierung“ und somit Homogenisierung muss bei einem Werk, das als Konzeptkunst angelegt ist und seine musikalischen und stilistischen Mittel der Angemessenheit zum Konzept unterordnet, zwangsläufig fehlschlagen. Aber auch das Fehlgehen stilistischer Beschreibung vermag viel über ein Werk auszusagen (sozusagen ex negativo), und entsprechend wird auch das programmierte Scheitern am Ende dieses kurzen Versuchs über Pelagial nicht ganz sinnlos sein.

Klar: Es lässt sich immer sagen „Hör dir die Platte doch einfach an, wenn du wissen willst, wie sie klingt und was sie auszeichnet“ – und letztlich darum geht es ja beim kritisch-würdigenden Schreiben über Musik. Dennoch hat auch der Versuch der intellektuellen Erschließung dessen, was ein Werk im Kern ausmacht (also die Herausforderung, seine Quintessenz in ein anderes, nicht-musikalisches Medium mit klaren Beschränkungen – die Sprache – zu übertragen), einen eigenen Wert. Zumindest, wenn es darum geht, den Eindruck vom Werk intersubjektiv fassbar und kommunizierbar zu machen. (Wem es bereits an dieser Stelle zu abgedreht zugeht, der möge hier einfach aussteigen. Denn:)

Pelagial ist große Konzeptkunst. Etwas, das man analytisch ganz anders angehen muss als die neuen Alben von Sodom und Orchid, über die ich meine letzten beiden Betrachtungen verfasst habe (und die ebenfalls „Knaller“ sind, aber eben in einem gänzlich anderen Feld).

Pelagial ist eine einzige lange Komposition (Der Begriff „Song“ wird dem Werk nicht gerecht) von 53 Minuten Länge, die musikalisch einen sukzessiven Abstieg von der Wasseroberfläche bis zum Grund der Tiefsee beschreibt: Programmmusik im besten Sinne und vom Impetus her zutiefst romantisch, sofern man Parallelen zur „klassischen“ Musik ziehen und in einer Rezension im Feld „Metal“ zulassen möchte (wobei Genregrenzen bei der Besprechung dieses Werks eher hinderlich als hilfreich sind und schon gar nicht auf den Kern der Sache führen, um den es hier – und den Musikern – geht).

Liszt, Smetana, Mahler assoziiert man als typische Vertreter des Instrumentalmusik-zu-einem-Konzept-Schreibens aus der Romantik, aber auch Camille Saint-Saens (Karneval der Tiere) und Ottorino Respighi mit Römische Brunnen (Fontane di Roma, 1916) und Römische Pinien (Pini di Roma, 1924). Vor allem Letzterer ist mir beim Hören von Pelagial als interessanter Vergleich unmittelbar in den Sinn gekommen – wohlgemerkt: nicht stilistisch (The Ocean machen keine „klassische“ Musik im engeren Sinne, sondern nach wie vor etwas im Schnittbereich und Spannungsfeld aus Postrock, Progressive Rock, Hardcore, Thrash Metal, Sludge, Doom, Drone und Ambient), aber durchaus konzeptuell. Dennoch ist ein Vergleich des Beginns der Fontane di Roma (Hörbeispiel) mit dem Pelagial-Intro „Epipelagic“ (Hörbeispiel) nicht ohne Reiz.

Die Parallele zur Programmmusik klassischer Prägung gewinnt auch dadurch an Schärfe, dass Pelagial ursprünglich als reines Instrumentalwerk konzipiert und sogar bereits aufgenommen war, bevor kurzfristig doch noch eine alternative Version mit Gesang ausgearbeitet wurde. Die Band selbst enthält sich – sehr gut! – der Entscheidung, welche der beiden Versionen die Referenzversion für ihr Konzept darstellen soll und hat einfach beide Versionen auf das Album gepackt. Die weitere Rezeption des Werks wird entscheiden, welche Version sich als die kanonische durchsetzen wird; vermutlich – konventionellen Hörerwartungen geschuldet – wird es diejenige mit Gesangsspur(en) sein, und das ist durchaus zu rechtfertigen, bringt doch der Gesang diverse zusätzliche Facetten ins Spiel, die weit mehr als reine Dreingaben zum instrumental ausgereiften Opus darstellen. Umgekehrt hat die rein instrumentale Version aber ebenfalls ihre Reize und manch feine Facetten, die sich gerade erst bei Nichtvorhandensein des Gesangs erschließen. Eine Präferenz für eine der beiden Versionen macht die andere somit nicht verzichtbar; stattdessen bekommt man zwei alternative Zugänge zum Konzept (Programm), um dessen künstlerische Bearbeitung es Pelagial geht.

Thematisch beschreibt das Album einen Abstieg in die Tiefe. Spätestens seit Frank Schätzings Der Schwarm gehört es zum populären Wissen über die Meere, dass wir über den Weltraum (= die Tiefe über uns) weit mehr wissen als über die Tiefsee (= die Tiefe unter uns). Pelagial nimmt den tiefsten bekannten Punkt der Weltmeere – den Marianengraben – als Punkt maximaler Entgrenzung und beschreibt die Annäherung an diesen Punkt in einem kontinuierlichen Abstieg, der in den lichtdurchfluteten Strömungen knapp unterhalb der Wasseroberfläche beginnt und dann Schritt um Schritt in immer dunklere und ungewissere Bereiche vordringt, in denen das Versiegen des Lichts, der Anstieg des Wasserdrucks sowie das Fehlen gesicherten Wissens darum, was dort eigentlich ist, kongenial in Musik umgesetzt werden.

Als Bezugspunkte für die strukturelle Entfaltung des Themas dienen dabei die verschiedenen Tiefenzonen der offenen See (Pelagial), nach denen das Album benannt ist und zu denen z.B. die Wikipedia eine kompakte Übersicht bietet. In der Komposition sind für das selektive Hören formal elf Anwahlpunkte gesetzt, deren erste neun sich auf die fünf Tiefenzonen beziehen; dennoch handelt es sich insgesamt um eine übergangslose Komposition, in der die Tiefenzonen nicht einzeln abgehandelt werden, sondern fließend ineinander übergehen. Einzelne „Tracks“ herauszugreifen macht dabei ebensowenig Sinn wie die Tracks in einer anderen Reihenfolge zu hören als derjenigen, die der Konzeption des Werks entspricht: Das zentrale Thema ist die kontinuierliche und langsame Abwärtsbewegung hin ins Ungewisse, ewig Dunkle und Unergründliche, in die Zone maximalster Lebensfeindlichkeit im (eigentlich das Leben symbolisierenden) Element Wasser. Die letzten beiden Teile der Komposition (Tracks 10 und 11) beschreiben das endgültige Absinken auf den absoluten Grund (Demersal, Benthal).

Neben seiner thematischen hat Pelagial auch eine philosophisch-ästhetische Dimension: Es leistet einen Beitrag zur Bestätigung des „Sinns“ von künstlerischen Zugriffen auf Themen und auf die Wirklichkeit: Kunst bildet Wirklichkeit nicht ab – Kunst schafft vielmehr Wirklichkeit(en) über Wirklichkeit und macht gerade dadurch Wirklichkeit, die entweder nicht erfahrbar oder ohne Interpretation nicht begreifbar ist (oder beides), erfahrbar im Sinne einer Vorstellung, die erzeugt wird auf dem Wege einer ästhetischen Konstruktion, deren Medium in diesem Fall der musikalische Ausdruck ist: Wie auch immer sich ein Abstieg in die Tiefsee tatsächlich anfühlen mag, das eigentliche Thema des Albums ist das Ungewisse, das Vordringen von der Zone des Lebens hin in die Zone maximaler Lebensfeindlichkeit, die sukzessive Aufgabe von Sicherheit und Orientierung zugunsten eines Übergangs in einen Bereich absoluten Nicht-Wissens, der sich mit keinerlei Begrifflichkeit mehr fassen lässt, die im „Leben oben“ Sinn und Orientierung stiften. Die Reise in die Tiefe ist dabei irreversibel konzipiert: Langsam und kontinuierlich passt sich der Organismus, passen sich die musikalischen Mittel den sich verändernden Licht-, Druck-, Orientierungs-, Wissens- und Erkenntnisverhältnissen an. Das musikalische Ich transformiert, am Ende ist es da, wo es angekommen ist, und nur da noch sinnhaft daseinsfähig. Entsprechend kann man den Abstieg bis auf den Grund auch als eine Entgrenzung lesen, als Transformationsprozess eines Individuums oder Bewusstseins, das sich in seinem Denken, Wahernehmen, Empfinden, vielleicht auch in seiner Morphologie, immer weiter von denjenigen, die in der Zone des Lebens geblieben sind (uns Hörern), entfernt und dessen Berichte, die aus zunehmender Tiefe zu uns empordringen, für uns zunehmend unverständlicher, schwerer fassbar, mysteriöser werden, bis es seine Sprache schließlich gänzlich verliert und das Ende der Komposition erreicht ist, an welchem „es“ – je nach Perspektive – entweder am Ziel seiner Wünsche angekommen ist (Track 11 trägt den Zwischentitel „Benthic: The Origin of our Wishes“) oder aber einen Zustand maximaler Entgrenzung zu seiner Art erreicht hat.

Das Werk lädt zu allerlei Assoziationen ein – und auch zu verschiedenen weiteren Lesarten als denen, die ich hier skizziert habe (und die für eine erste Annäherung an das Werk genügen sollen). Die Texte der Fassung mit Gesang, die von Andrei Tarkowskis Film „Stalker“ (1979) inspiriert sind, habe ich dabei noch gar nicht miteinbezogen, sondern mich auf das Konzept und den musikalischen Ausdruck beschränkt, die für beide Fassungen in gleicher Weise gültig sind.

Zuletzt noch der konventionelle Teil einer Musikrezension: der des programmierten Scheiterns (s.o.), will sagen: des Versuchs einer stilistischen Einordnung des Albums:

Vom Songwriting erinnert Pelagial an die ganz frühen Genesis (Peter-Gabriel-Ära): Das Stück ist lyrisch und durchkomponiert, zu jeder Zeit transparent und verarbeitet eine Fülle an Melodien, Strukturen und Instrumentierungen, ohne eine davon plakativ dominant zu setzen, was dem Ganzen einen zentralen Teil seines Reizes (auch beim wiederholten Hören) verleiht. „Supper’s Ready“ von 1972 mit seinen 23 Minuten Spielzeit gibt eine gute Referenz ab, um die Parallelen zu entdecken. Loïc Rossetti zeigt neben Sludge- und Hardcore-Shouts in diversen Passagen einen hochkonzentrierten, narrativen Klargesang, der mich – zusammen mit den Instrumentierungen, über denen er operiert – stark an das vorgenannte und weitere Stücke der frühen Genesis mit Peter Gabriel erinnert (als Beispiel seien etwa die ersten Takte des zweiten Gesangseinsatzes in „Bathyalpelagic I: Impasses“ oder auch der zunächst instrumentale Part in den Minuten 5 bis 7 von „Hadopelagic I: Let Them Believe“ angeführt).

Das Opus beginnt verspielt, leicht, variantenreich, lichtdurchflutet, beim Eintauchen in die See berstend vor Lust am Spiel mit dem Element Wasser. Mit dem Vordringen in die Tiefe wird das musikalische Fundament dann zunehmend doomiger, sludgiger, fetter, verzerrter, roher, drückender, doch auch hier finden sich immer wieder überraschend lyrische Wendungen. Periphery, Tesseract, Animals as Leaders lassen verschiedentlich stilistisch grüßen, auch frühe Dream Theater oder gar Threshold, das Ganze wirkt aber, wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, erstaunlicherweise nie verkopft, sondern wie aus einem Guss. Die Sterilität und Artifizialität, ja der bisweilen „akademische“ Stil manch anderer Progrock-Acts geht The Ocean völlig ab. Trotz aller Konzipiertheit und Durchdachtheit geht die Hauptstoßrichtung des Dargebotenen trotzdem primär immer auf den Bauch und auf die eher instinktgesteuerten Teile des Bewusstseins – und genau das verleiht dem Werk sein großes suggestives Potenzial. Daneben gibt es unglaublich viel zu entdecken, und ich spreche hier nicht nur von unerwarteten kompositorischen Wendungen und „Tricks“, sondern vor allem auch von musikalischen Überraschungen, die sich aber stets organisch ins Gesamtkonzept fügen.

Ganz besonders hervorzuheben als stilistische Nachbarn und Einflussgeber sind Mastodon, und hier insbesondere deren grandioses Überalbum Crack the Skye von 2009, dessen stilistisches Toolkit bei Pelagial verschiedentlich Pate gestanden hat (exemplarisch hierfür sei „Bathyalpelagic II: The Wish in Dreams“ angeführt). Daneben finden sich aber auch Parallelen zum zweiten Mastodon-Opus Leviathan (2004), das bezeichnenderweise ebenfalls das Element Wasser auf Albumlänge behandelte. Dennoch sind The Ocean natürlich weit davon entfernt, als Mastodon-Kopie durchzugehen – dafür ist ihr Stil viel zu eigenständig. Und das macht sie so verdammt gut.

Fazit:

Pelagial ist für mich das bislang außergewöhnlichste und faszinierendste, auch intellektuell herausforderndste, Album des Jahres 2013 – ein Album, das einem auf höchstem musikalischen Niveau und mit einem überzeugend umgesetzten Gesamtkonzept vor Ohren führt, was das Wort „Hör-Erlebnis bedeuten kann. Dass das Album trotz des komplexen Themas und seiner ungewöhnlichen Struktur in allen Teilen transparent und nachvollziehbar, über weite Teile sogar durchaus eingängig, bleibt, zeugt von der kompositorischen Gereiftheit und Klasse, die hier aufgefahren wird. Hier wird nie der Blick fürs Ganze verloren, an keiner Stelle verlieren sich die Arrangements in reinem Gefrickel. Lässt man sich einmal auf dieses Album ein, braucht es keine mehreren Durchgänge, um sich – wie es häufiger mal in Rezensionen zu Prog-Alben heißt – dessen Reiz und Wert „zu erarbeiten“. Statt dessen zieht dieses Werk unmittelbar in Bann. Dass es bei wiederholtem Wieder-Hören dann immer noch neue Details zu entdecken gibt, ist ganz großes Kino. Trotz im Einzelnen stilistischer Parallelen zum Schaffen manch anderer Prog-Acts legen The Ocean dabei sehr souverän ein ganz eigenes stilistisches Gesamtkonzept vor.

Insofern teile ich voll und ganz die Einschätzung anderer Rezensenten, dass The Ocean mit Pelagial auf Augenhöhe mit Mastodons Crack the Skye angekommen sind, und freue mich auf den gemeinsamen Gig von Mastodon und The Ocean am 31.5.2013 in der Kölner Essigfabrik.

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