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Legacy #91: Fallujah, Blackberry Smoke, Inanimate Existence, Pillory, Omnihility, The Black Dahlia Murder

Legacy #91Sommerloch geht anders: Der Juni war wieder LEGACY-Monat. Sollte der Sommer sonst nichts zu bieten haben, trägt einen die 290-seitige Ausgabe #91 bei wohldosierter Lektüre locker bis in den heißen Herbst. Beigetragen habe ich zum neuen Heft Reviews und Beiträge zu den folgenden Bands und Releases:

[1] Unter dem Titel „Bluest, soult, gospelt und rockt“ habe ich dem hierzulande noch als Geheimtipp gehandelten, in den USA aber längst auf Chartpositionen rangierenden Southern-Rock/Blues/Gospel/Country-Quintett BLACKBERRY SMOKE aus Georgia auf den Zahn gefühlt. Fans von Bob Seger, Lynyrd Skynyrd, den Black Crowes, den Rolling Stones, The Allman Brothers oder The Free sollten unbedingt ein Ohr riskieren; und auch, wer vom jüngsten Springsteen-Output enttäuscht ist, hat gute Chancen, aus dero Album „The Whippoorwill“ Trost und neuen Lebensmut zu schöpfen. Trotz „klassischer“ Vorbilder wirken BLACKBERRY SMOKE dabei niemals antiquiert; sie in die Retro-Ecke einzuordnen, wird ihrem Schaffen nicht gerecht. Hier wird nicht Gestriges wiederbelebt, sondern unverkrampft an ungebrochene Traditionen angeknüpft und diese in zeitgemäßem Gewand weitergeführt. Die Scheibe habe ich mit 13 von 15 Punkten rezensiert, im Interview äußern sich die fünf Bandmitglieder zu ihren stilistischen Wurzeln, zum Songwriting und zum Aufnahmeprozess.

[2] BLACKBERRY SMOKEs „The Whippoorwill“ ist fraglos ein klasse Album – mein persönliches Highlight des Monats hört aber auf den Namen „The Flesh Prevails“ und kommt von den US-Prog-Deathern FALLUJAH. Hier treffen Atheist auf Dream Theater, Deafheaven auf Pink Floyd, Cynic auf Portishead – aber nicht in Form anstrengenden „Musik-für-Musiker“-Gefrickels, sondern als ungemein stimmig wie stimmungsvoll arrangiertes, die Fühler weit in Richtung Progressive Metal ausstreckendes Stil- und Melodienfüllhorn. Die Fundamente bilden technischer und melodischer Death Metal; wer aber in so vielen musikalischen Welten zuhause ist wie FALLUJAH, der kann aus allen Welten das Beste schöpfen und daraus einen einzigartigen Breitwandfilm fürs innere Auge erschaffen. Ich habe lange überlegt, ob ich das Album mit 15 Punkten bewerten soll; dass es letztlich nur 14 wurden, ist eher dem Zaudern vor der Höchstpunktzahl als rationalen Erwägungen geschuldet. Im Interview spreche ich mit der Band unter der Überschrift „Goldene Zeiten“ darüber, wie man künstlerische Grenzen aufspürt und sprengt, auf den ersten Blick Unvereinbares zusammenbringt und sich kreativ immer wieder neu herausfordert. Angst vor künstlerischer Stagnation hat Alex Hofmann für die Zukunft nicht. Es gibt ja noch so viel zu entdecken…

[3] Progressiven Death Metal mit einigen Überraschungen bieten auch die Kalifornier INANIMATE EXISTENCE auf ihrem Zweitwerk „A Never-Ending Cycle Of Atonement“. Technischer Death Metal trifft hier auf smoothe Fusion-Parts und Instrumentierungen mit Flöte, Bongo und Harfe (!). Während FALLUJAH Genregrenzen sprengen, bleiben INANIMATE EXISTENCE klar im Tech Death verortet, erweitern diesen aber von innen heraus durch das Spiel mit ungewöhnlichen Klangfarben und durch die Integration von Jazz-Elementen. Ein ebenfalls beachtliches Album, lediglich die Vocals sind auf Dauer etwas eintönig. Das aber ist Jammern auf hohem Niveau. Es wird spannend sein, die weitere Entwicklung dieser Band im Auge zu behalten. Für das Album, gab es von mir 11 Punkte, im Interview habe ich mich mit der Band unter dem Titel „Das Ohr ist der Weg“ u.a. darüber unterhalten, was Songschreiben und Goldschürfen geminsam haben, welchen Einfluss Musiker wie Al Di Meola auf das Album hatten und welche übergreifende Rahmenhandlung die einzelnen Songs verbindet.

[4] Gäbe es einen Studiengang „Angewandter Death Metal“, so klänge ein Einser-Referat im Diplomandenseminar möglicherweise genau so wie das Album „Deathscapes Of The Subconscious“ von OMNIHILITY – nämlich nach einer enorm ambitionierten Umsetzung einschlägiger Lektionen aus dem Kanon des Faches, ausgeführt durch Personen, die mit profunder Sachkenntnis und ungeheurem Fleiß zu Werke gehen. In den besten Momenten gelingt es dabei, auch eigene Akzente zu setzen; für das nächste (dann dritte) Release sollte man aber ins Auge fassen, mehr stilistische Eigenständigkeit zu wagen, um sich deutlicher von der Masse an genrerelevanten Veröffentlichungen abzuheben. Fürs Album gabs 10 Punkte. Im Interview „Die for Metal? Live for Metal!“ gewährt die Band einen Blick hinter die Kulissen des Albums und gibt Auskunft über ihre nächsten Pläne, über Brückenschläge zur klassischen Musik und über die Metalszene in ihrer Heimat Oregon.

[5] Wem der Weg zur Schönheit nicht über zweispurig ausgebaute Auffahrtsstraßen, sondern über komplexe, vertrackte, eigenaktiv zu erarbeitende Pfade führt, der sollte sich mit dem Namen PILLORY anfreunden. Die Stücke auf „Evolutionary Miscarriage“ kommen klug ausgetüftelt daher und laden ein zur (Wieder-)Entdeckung des analytischen Gehörs. Statt fetter Groovewalze regieren an Jazz angelehnte Strukturen, über denen die einzelnen Instrumente mit mal mehr, mal weniger ausgeprägten Freiheitsgraden operieren. Hat man sich einmal in den Klangkosmos von PILLORY vorgetastet, funktionieren die Songs hervorragend als Sudoku für das intellektuell anspruchsvolle Synapsenkollektiv. Dafür satte 11 Punkte.

[6] Zu guter Letzt liefere ich in #91 die Review der neuen DVD „Fool ‚Em All“ von THE BLACK DAHLIA MURDER nach. Im letzten Heft habe ich zwar mit Band-Mastermind Trevor Strnad bereits über den Doppel-Silberling gesprochen, gesehen hatte ich ihn mangels Promocopy allerdings noch nicht. Das wurde nun nachgeholt – und zwar mit großem Genuss: Das Opus wartet mit einer 78-minütigen Tourdokumentation sowie 58 Minuten Liveaufnahmen aus dem Jahr 2013 auf. Die Konzertaufnahmen sind sauber produziert, ansprechend gefilmt und taugen hervorragend zum Headbangen vor dem heimischen Fernseher. In der Tourdokumentation präsentiert sich die Band inklusive Roadcrew hinter, neben und abseits der Bühne, gerne auch im Tourbus und bevorzugt in ausgelassenem Zustand, als Spaß- und Grasguerilla, die dem alltäglichen Wahnsinn des Tourlebens vor allem eines entgegensetzt: Jux und Dollerei bis zum Umfallen. Insgesamt ein gelungenes wie anarchisches Porträt einer grundsympathischen Band, das ohne aufgesetzte Dramaturgie auskommt und gerade dadurch besticht.

Für Heft #92 (Erscheinungstermin: 16. September) rezensiere ich u.a. die neuen Alben von MASTODON, EARTH, BEYOND CREATION, EARTHSHIP und ONKEL TOM, das auf FDA Rekotz neu aufgelegte erste Demo der brasilianischen Death-Threasher (oder Thrash-Deather?) von CONSIDERED DEAD sowie die zum 25. Bandjubiläum wiederveröffentlichte legendäre Ein-Track-EP „I“ von MESHUGGAH. Daneben interviewe ich Tom Angetripper (zum neuen ONKEL-TOM-Album, zu den nächsten Plänen von SODOM und zur Metalszene im Allgemeinenm), DESERTED FEAR (Studiobericht zum angekündigten, derzeit noch namenlosen zweiten Album, ergänzt um ein ausführliches, online erscheinendes Interview), DECAPITATED (zum neuen Album „Blood Mantra“) und CONSIDERED DEAD. Zum Ausnahmestatus von MASTODON müssen (auch wenn das neue Album die Klassiker der Band nicht unbedingt toppt) keine Worte mehr verloren werden. Wer auf Prog/Tech-Death der Marke DESCEND und INANIMATE EXISTENCE, gerne auch frühe CYNIC und DEATH, steht, der darf, kann und sollte sich schon jetzt das Album „Earthborn Evolution“ der Kanadier BEYOND CREATION auf dem Einkaufszettel vormerken. Unbedingt!

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Legacy #90: Die Ränder des Extremen, The Black Dahlia Murder, Alterbeast & more

Legacy #90In Ausgabe #90 des Legacy-Magazins (Erscheinungstermin: 30. April) gibt es wieder verschiedene Beiträge aus meiner (digitalen) Feder:

[1] Ich habe mich gefreut, diesmal die traditionsreiche Rubrik „Dead .. But Not Buried“ mit Leben füllen und fünf (nicht tagesaktuelle) Alben meiner Wahl im Zusammenhang besprechen zu dürfen. Dabei habe ich mich für einen thematischen Rahmen entschieden, in den Alben gehören, die zwar alle irgendwie mit Death Metal zu tun haben (insofern sie entweder – als „Proto-Death“-Scheiben – für das Genre prägend waren oder von prominenten seiner Vertreter hervorgebracht wurden), die aber im engeren Sinne allesamt keine echten Death-Metal-Alben sind. Mindestens zwei davon sind nicht einmal ansatzweise dem Todesschrot zuzurechnen, eines davon ist sogar maximalstmöglich von Breakdowns, Growls und tödlich heruntergestimmtem Gitarrenwerk entfernt. Und dennoch: Gerade in der Heterogenität der Zusammenstellung liegt ihr Reiz (zumindest für mich, der ich natürlich inständig hoffe, dass irgendjemand mein Reizerleben teilt): Die Alben sind allesamt an den historischen oder stilistischen Rändern des Genres angesiedelt oder greifen deutlich über diese hinaus: Sie sind Fast-, Noch-nicht-, Mehr-als- oder Nicht-mehr-Death-Metal-Scheiben. Konkret geht es um die folgenden Werke: REPULSION „Horrified“ (1989), MERCILESS „The Awakening“ (1990), THEORY IN PRACTICE „Colonizing The Sun“ (2002), CONTROL DENIED „The Fragile Art Of Existence“ (1999) und ÆON SPOKE „Æon Spoke“ (2007).

[2] Überaus witzig war mein Interview mit Trevor Strnad von THE BLACK DAHLIA MURDER: Unter dem Titel „Leichen im Keller und Monster voraus“ habe ich mich mit ihm über die DVD „Fool ‚Em All“ unterhalten, die zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht einmal als Promo-Copy verfügbar war. Aber man kann ja trotzdem schon mal drüber sprechen und dem Herrn auf den Zahn fühlen, weshalb man diese DVD unbedingt haben muss. Ganz nebenbei habe ich dabei auch noch erfahren, dass der Erfolg von THE BLACK DAHLIA MURDER auf nichts weiter als Lug, Trug, skrupelloser Trickserei und erbarmungslosem Ohrabkauen beruht. Glaubt ihr nicht? Dann lest!

[3] Ebenfalls interessant: Mein Gespräch mit den kalifornischen Tech-Deathern ALTERBEAST aus Kalifornien: Deren Debütalbum „Immortal“ ist im wahrsten Sinne „Futter für die Bestie„. Wer (wie ich) mit dem (in Legacy #89 besprochenen) SOREPTION-Album oder auch mit Acts wie SPAWN OF POSSESSION, ATHEIST, MORBID ANGEL, DECAPITATED, NECROPHAGIST oder DYING FETUS etwas anfangen kann, möglicherweise bei dem einen oder anderen Namen gar Appetit auf wohltemperierte und technisch bestechende Gewalt bekommt, der sollte gemessenen Schrittes, aber nicht zu zögerlich, rückwirkend zum 18. März das Fleischereifachgeschäft seines Vertrauens auf- und heimsuchen und das Produkt eintüten.

[4] Eine Scheibe, die ganz offensichtlich einen langwierigen, kaum geradlinigen und schwierigen Entstehungsprozess hatte, ist das Album-Debüt „Antidote“ der schwedischen Thrasher BENEATH, das ganze zwanzig Jahre zum Werden benötigt hat. Leider klingt das Ganze nicht wirklich nach dem krönenden Ergebnis eines derart langen Reifungsprozesses: Zwar hat das Opus durchaus seine Momente; vieles ist aber halbgar und hätte dringend der strukturierenden Hand eines erfahrenen Produzenten bedurft. Statt einen solchen zu Rate zu ziehen, hat man lieber selbst produziert. Wirklich „schlecht“ ist das Album nicht – so gut wie alles auf der Scheibe hat man in den vergangenen zwanzig Jahren (und auch schon davor) aber leider von zig anderen Bands schon zigmal und um Klassen überzeugender gehört; zum großenteils eher mittelmäßigen Songwriting gesellt sich ein Gesang, der über weite Strecken eher bemüht, stellenweise auch amateurhaft rüberkommt. Insgesamt ist das Album – das räumt die Band selbst ein – eher als Abschluss einer gemeinsamen Bandgeschichte gedacht denn als Eintrittskarte in eine professionelle Zukunft. Aber wer weiß? Wer sich ausführlicher informieren möchte, findet die Details in meinem Interview mit der Band und auch in meiner Review, in der ich die Scheibe – wohlwollend, zugegebenermaßen – mit (noch) 8 von 15 Punkten bedacht habe.

[5] Deutlich überzeugender fällt dagegen „Exilium“ aus, das dritte Album der spanischen Extremmetaller NOCTEM: Freunde epischen Death Metals ohne Berührungsängste zu deutlichen schwarzmetallischen Anleihen sowie der einen oder anderen fetten Synthiefläche dürften hier durchaus in Verzückung verfallen. Ich selbst bin Synthies gegenüber in der Regel eher skeptisch, lasse mich aber bei diesem Album an der einen oder anderen Stelle durchaus mal mitreißen, was insbesondere auch am abwechslungs- und facettenreichen Songwriting liegt. Mein persönlicher Anspieltipp ist der Albumcloser ‚The Adamantine Doors‘. Wert war mir die ganze Sache satte 11 Punkte.

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