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Erstkontakt: Mastodons „Once More ‚Round The Sun“ (VÖ 20.6.). Ein Hörbericht

Mastodon, Once More 'Round The SunSeit Monaten warte ich auf dieses Album, mit der Vorab-Review-Copy hat es offenbar nicht hingehauen (oder die Band hat im Vorfeld nur sehr selektiv welche verteilt), entsprechend musste ich bis heute, 20. Juni, 0:00 Uhr MEZ, warten. So weit, so gut: 0:00 Uhr abgewartet, die amazon-Musikbibliothek upgedatet … und wiederholt upgedatet … und schließlich um 00:50 Uhr die Vorbesteller-AutoRip-MP3-Version heruntergeladen:

Erster Durchlauf, dabei nur spontane Notizen (begleitend zur Inohrenscheinnahme), basierend auf unmittelbaren ersten Eindrücken. Kein abschließendes Urteil, für heute nur Vorläufiges und Unredigiertes – Track by Track und ohne nachträgliche Überarbeitung:

(1) Tread Lightly

Atmosphärisch interessantes Intro. Orientalische Anklänge, dann pulsierender Einstieg. Vocals von Troy Sanders, ein wenig wie bei ‚Black Tongue‘. Ist die Zeile „Facing the unknown“ programmatisch für das gesamte Album? Man wird sehen. Stimmungsmäßig liegt der Song im Schnittbereich von ‚Oblivion‘ und ‚Black Tongue‘, der Chorus erinnert auch ein wenig an ‚All The Heavy Lifting‘. Gute, dynamische Nummer mit Mastodon-typischen Trademarks und abschließend einem kurzen Classic-Rock-Gitarrensolo – und ein starker Einstieg.

 (2) The Motherload

Der hohe Gesang von Brann Dailor („This time .. this time…“) erinnert mich spontan irgendwie … an alte Queensryche (‚Revolution Calling‘)?? Das kommt gut, ist für Mastodon aber recht ungewohnt. Der Song geht gut ins Ohr, trotzdem gewinnt man den Eindruck, man lausche einer gänzlich anderen Band als noch zuvor auf The Hunter (von den anderen vier Alben davor ganz zu schweigen). Das muss nicht schlecht sein – es ist ungewohnt und unerwartet. Aber Mastodon haben ja bereits auf Crack The Skye überrascht. Warum nicht auch jetzt wieder? Die Gitarrensoli klingen ebenfalls anders als bisher, noch deutlicher in Richtung Classic Rock gebürstet. Insgesamt entfaltet der Song einen guten Flow, die Gitarren werden noch stärker als auf manchen Songs von The Hunter als  homogen-fließender Wall of Sound in Szene gesetzt, und wenn ich mich nicht täusche, ist mindestens im Schlussteil zur Unterstützung noch eine Hammondorgel mit im Untergrund aktiv, die dem Ganzen zusätzlichen warmen Feinschliff verleiht. Noch einmal angemerkt: Ich schreibe weitgehend assoziativ und begleitend um Er-Hören der Scheibe. Um eine kohärente Beurteilung des großen Ganzen geht es mir an dieser Stelle (noch) nicht. Das kommt erst später. Wie ich den Song insgesamt einschätze, lasse ich fürs Erste offen. Einerseits ist er ungewohnt, andererseits sagt mir irgendeine Intuition, dass es sich dabei möglicherweise um eines der Kernstücke des Albums handeln könnte, das mit der Zeit noch wächst. Also erst einmal weiter einhören in den Mastodon-Sound des Jahres 2014.

 (3) High Road

Interessant, wie sich der schon vorab ausgekoppelte Song im Kontext des Albums anders macht als beim Einzeln-Hören. Gegenüber ‚The Motherload‘ hauen die Troy-Sanders-Vocals und das Grundriff erst mal ordentlich in die ‚Spectrelight‘-Kerbe, lassen womöglich sogar dies und jenes aus der Leviathan-Phase anklingen (ohne freilich dieselbe Brachialität zu erreichen, dazu agiert man anno 2014 deutlich stärker mainstream-orientiert), im Chorus dominiert dann wieder der Klargesang Brann Dailors. Genial die Twin-Gitarrenpassagen im letzten Drittel, die ein warmes und dichtes 70er-Flair verbreiten, ohne aber altbacken zu wirken. Der Song endet mit dem Grundriff. Auch hier: eine gewöhnungsbedürftige Mischung, die die härteren (aber auch dort gegenüber den Vorgängerwerken bereits geglätteten) Parts von The Hunter mit exponiertem melodischen Klargesang und einer noch deutlicher herausgearbeiteten Classic-Rock-Schlagseite zusammenbringt.

 (4) Once More ‚Round The Sun

Endlich kommt mal Brent Hinds zum Zuge! Sein quäkendes Organ hat man irgendwie schon vermisst. Klingt wie eine Mischung aus ‚Divinations‘, ‚All The Heavy Lifting‘ und ‚Octopus Has No Friends‘. Plus eine Prise Rock’n’Roll. Der Song könnte den evolutionären Übergang von Album Nr. 4 Crack The Skye zu Album Nr. 5 The Hunter symbolisieren. Aber wir sind ja inzwischen bereits bei Album Nr. 6.

 (5) Chimes At Midnight

Spacig-getragenes Intro (Verloren im All? Fortsetzung von ‚Stargasm‘?), dann nervöse Gitarrenarbeit à la ‚Bedazzled Fingernails‘, darüber Troy Sanders (vielleicht all zu deutlich) im Stile von ‚Spectrelight‘. Im Chorus dann erneut Brent Hinds – und auch hier irgendwie wieder Anklänge an ‚All The Heavy Lifting‘ (Die Harmonik und Vocals von ‚All The Heavy Lifting‘ müssen der Band ganz offenbar als zentrale Stilelemente aus den Aufnahmesessions zu The Hunter im Ohr hängengeblieben sein…). Als Outro gibt es noch mal das Intro.

 (6) Asleep In The Deep

Interessanter, Pink-Floyd-inspirierter Beginn; mehrstimmiger Gesang über klassischer U2-Gitarre und treibendem Schlagwerk. Atmosphärisch bestechend und originell. Schließlich ein Chorus mit irgendwie irrem Wechselgesang zweier zweistimmiger Vokalfraktionen. Eine zugleich eigenartige wie faszinierende Nummer, die ich mir noch genauer werde anhören müssen. Irgendwo im Hintergrund der Pink-Floyd-artigen Parts gibt es ab und an auch ein Bläser-Synthie. „Atom Heart Mother“ fand ich schon immer klasse. ;) Und irgendwie hat der Song (vor allem gegen Ende) auch was Grungiges. Irgendwie. Überzeugt mich jedenfalls bereits beim ersten Hören.

 (7) Feast Your Eyes

Der Beginn erinnert mich an ‚Octopus Has No Friends‘, der Song insgesamt hätte auch auf Crack The Skye stehen können – z.B. als vierter Track zwischen ‚Quintessence‘ und ‚The Czar‘. Progressive Gitarrenarbeit trifft auf melancholische Heaviness. Wie es scheint, ist die neue Scheibe stilistisch irgendwo zwischen den beiden Vorgängeralben angesiedelt, zwar meist mit einem deutlicheren Ausschlag zugunsten The Hunter, aber dieser Track greift weiter zurück.

 (8) Aunt Lisa

Brann Dailors Stimme ist auf dem neuen Album auffällig präsent; als Mastodon-Ersthörer kann man den Eindruck gewinnen, es handele sich bei ihm um den eigentlichen Sänger der Band, während Brent Hinds und Troy Sanders hin und wieder auch mal einen Part beisteuern. Das liegt natürlich daran, dass Dailor die melodisch prägnanteren Parts singt und daher klarer heraussticht. Ich mochte seine Gesangsbeiträge auf den Vorgängeralben, insbesondere im Song ‚Crack The Skye‘, in dem gerade der Kontrast von Sludge- und Klarvocals einen wesentlichen Teil des Gänsehautfaktors ausmachte. Allerdings hat Dailors Stimme im Vergleich den Stimmen von Hinds und Sanders und gegenüber den Vorgängeralben den geringsten Wiedererkennungswert – will sagen: Hier wurde auf Once More ‚Round The Sun offenbar mit deutlich verändertem Effektinstrumentarium gearbeitet. Während Dailors Stimme bislang sehr effektiv als Akzent im Hintergrund wirkte, rückt ihn die Produktion dieses Albums (nicht nur in diesem Song) wie einen Leadsänger in den Vordergrund. Ob das live funktioniert, wenn der Herr zugleich mit seinen – zumeist recht fordernden – Drumparts beschäftigt ist? Zu ‚Aunt Lisa‘: Der Beginn erinnert mich an ‚Divinations‘, die New-Wave-Rhythmik an den Chorus von ‚Crack The Skye‘. Neben Dailor kommen auch die beiden anderen Sänger zum Zuge. Schräg, bei Mastodon absolut nicht erwartbar, aber irgendwie saucool, sind im Schlussteil die weiblichen Gangshouts „Hey ho – let’s fucking go / hey ho – let’s get up and rock and roll“ über traditionellem Metalriffing – ein Songabschluss ähnlich überraschend wie weiland das unglaubliche Slayer-Riffing in den letzten 20 Sekunden von ‚Burning Man‘ auf dem Debütalbum. Wenn die Shouts nicht mal als augenzwinkernde Remineszenz an Joan Jett (‚I Love Rock’n’Roll‘) gedacht sind … für mich als Kind der 80er sind sie das. Mastodon entwickeln hier den Soundkosmos des Crack-The-Skye-Titeltracks weiter. Könnte einer der Songs sein, die aus dem Album unterm Strich als Highlights herausstechen – auch deshalb, weil man, im Gegensatz zu anderen Songs der Scheiben, nicht zu eng an Songmustern des Vorgängers klebt, sondern auch Neues ausprobiert. Dazu gehören auch die deutlich dominanteren Gesangsparts von Brann Dailor – die, mit Blick auf das Album insgesamt, unter Mastodon-Traditionalisten sicherlich auf geteiltes Echo stoßen dürften.

 (9) Ember City

Treibendes, eher klassisches Metal-Riff mit Mastodon-typischen Koloraturen. Der Wechsel von Troy-Sanders-Strophe zu Klargesang-Chorus gestaltet sich ähnlich wie bei ‚High Road‘ – zugleich ist ‚Ember City‘ ein weiterer Song, der sich (aufgrund des dominanten Klargesangs) weit von dem entfernt, was man von Mastodon erwartet und gewohnt ist. Erneut lässt mich der hohe Gesang frühe Queensryche assoziieren (‚Spreading The Disease‘). Im Mittelteil wird ordentlich – dann wieder Mastodon-typisch – gerifft und gegroovt.

 (10) Halloween

Flotter, treibender Song mit Brent Hinds und Brann Dailor im Wechsel. Der Chorus ist erneut maximal Mastodon-untypisch, aber recht originell. Es gibt einige nette harmonische Wechsel im Riffing. Das ausgedehnte klassische Gitarrensolo weist ein paar (sicherlich augenzwinkernde) Poser-Koloraturen auf (vermutlich Brent Hinds). Das Spiel mit Stereoeffekten während des ausufernden Solos im Schlussteil erinnert an vergleichbare Passagen Led Zeppelins ‚Whole Lotta Love‘ und ist mit Sicherheit eine bewusste Remineszenz. Insgesamt einer der stärksten Songs des Albums, bei dem Brent Hinds endlich mal richtig gut zur Geltung kommt. (Mir liegt noch nicht die CD-Version mit den Songwriting-Credits vor, aber ich gehe stark davon aus, dass dieser Song deutlich Hinds‘ Handschrift trägt.)

 (11) Diamond In The Witch House

Düsterer Midtempo-Groove mit Troy-Sanders-Gesang, der mich in punkto Grundstimmung und Heaviness entfernt an die Strophen von ‚Crack The Skye‘ und ‚Ghost Of Karelia‘ erinnert. Ein Song ohne Klargesang von Brann Dailor und damit ein starker Kontrast zu den vorangegangenen Songs. Der Song nimmt über die Distanz von 7:30 Minuten nicht an Fahrt auf, sondern bleibt im Midtempo und zelebriert den bleischweren Zeppelin so eindrucksvoll wie zuletzt mit ‚Ghost of Karelia‘. Enorm starker Abschluss.

Erste, vorläufige Quintessenz:

Das stilistische Fundament von Once More ‚Round The Sun bilden die Trademarks, die man über die letzten beiden Alben entwickelt hat. Den Gesang ausgenommen, kann man dem Songwriting mindestens Stagnation auf (sehr) hohem Niveau, wenn nicht gar eine kohärente Weiterentwicklung der mit Crack The Skye und The Hunter beschrittenen Pfade bescheinigen. Einigen Einflüssen des Vorgängeralbums spürt man dabei stellenweise noch bewusster nach (Classic Rock, Pink Floyd), die stärkste Veränderung im Gesamtsound sind aber die an vielen Stellen Leadsänger-like in Szene gesetzten Vocals von Brann Dailor – deren Akzente ich auf den beiden Vorgängeralben sehr geschätzt habe und die hier nun vom Kontrastakzent zum dominanten Stilmerkmal weiterentwickelt werden. Auch das Songwriting ordnet sich dem unter und sieht an jeweils prominenter Stelle Passagen vor, die auf die Stimme von Brann Dailor zugeschnitten sind. Das führt unweigerlich zu einer insgesamt deutlich veränderten Gesamtsignatur, an der sich die Geister scheiden werden. Mastodon standen schon immer für Überraschungen und Weiterentwicklung – bei Album Nr. 6 wird der eine oder andere möglicherweise sogar „Mainstream“ schreien. Man kann von einer Band (und gerade von einer Band wie Mastodon) aber nicht erwarten, dass sie rückwärtsgerichtet agiert. So sehr sich mancher ein zweites Remission, Leviathan oder Blood Mountain wünschen mag: Könnte uns ein solches Album tatsächlich überzeugen? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Daher sollte man (gerade) einer Band wie Mastodon zugestehen, sich kontinuierlich weiterzubewegen – auch wenn das Ergebnis unerwartet ist. Erwartungen zu erfüllen ist schließlich ebenfalls eine Art der Stagnation.

Die Zeit und wiederholtes Hören werden zeigen, wie sich die Songs auf Once More ‚Round The Sun für den Mastodon-affinen Hörer kohärent im Kontext des Gesamtwerks verorten lassen. Ein Reinfall ist die neue Scheibe beileibe nicht – gewöhnungsbedürftig schon. Und vielleicht gerade deshalb ein genialer Wurf. Die Zeit wird’s weisen.

Für mich heißt es nun: Zweite Runde
… oder auch: Once more ‚round Once More ‚Round The Sun! ;-)

Update: Etwa 20 Stunden später…

Nach meiner eher zurückhaltend-positiven ersten Einschätzung (s.o.) bin ich nun überzeugt, dass auch Once More ‚Round The Sun zu 100% Mastodon ist. Die Band hat sich weiterentwickelt – na und?! Oder anders ausgedrückt: Sie hat denjenigen Stil konsolidiert, mit dessen unterschiedlichen Facetten sie auf den Vorgängeralben verschiedentlich (auch dort schon genial) herumexperimentiert hat. Crack The Skye war ein Meisterwerk (keine Frage!), The Hunter in Anbetracht der neuen Scheibe wohl eher eine Zwischenstation, die wichtig dafür war, songdienlicher zu agieren. Man kann Once More ‚Round The Sun als Abschluss eines Dreischritts ansehen, an dessen Ende elf kompakte, atmosphärisch stimmige, songwriterisch disziplinierte Stücke griffigen Prog-Metals stehen, die sich stilistisch am besten dadurch charakterisieren lassen, dass man sie mit „Mastodon“ beschreibt. Denn das trifft es am präzisesten. Klar: Once More ‚Round The Sun ist stilistisch (meilen-)weit von Leviathan entfernt, und noch weiter von Remission. Aber auch Pink Floyd haben auf Dark Side of the Moon nich einmal mehr ansatzweise so geklungen wie auf Ummagumma oder Saucerful of Secrets. Es ist ein Trugschluss zu glauben, durch stilistische Weiterentwicklung würden stilistisch anders akzentuierte Frühwerke einer Band obsolet oder gar negiert. Im Gegenteil: Gerade durch die stilistische Weiterentwicklung funkeln die frühen Rohdiamanten um so faszinierender. Wo sich etwas bewegt und kreativ stets alles im Fluss ist, darf man im Laufe eines Bandlebens am meisten erwarten. Once More ‚Round The Sun überrascht – und steht dennoch für eine kontinuierliche Entwicklung (inklusive neuer Elemente, an die man sich gewöhnen muss, die aber kohärent ins Bild passen). Ich habe überhaupt kein Problem damit, auch weiterhin Remission und Leviathan zu hailen – und zugleich Once More ‚Round The Sun abzufeiern. Denn DAS (alles) ist MASTODON.

P.S.: Kleine Screenshot-Dokumentation meiner spontanen Anmerkungen zum soeben erfolgten neuerlichen Durchlauf der Scheibe.: ^^

Der Mastodon-Monolog

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