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Legacy #88: Descend, Magenta Harvest, Mustasch u.a.

Legacy #88Mit der heute erscheinenden Ausgabe #88 des Legacy-Magazins begehe ich meinen Einstand als Legacy-Autor. Für #88 habe ich die folgenden Alben und Bands unter die Lupe genommen:

[1] Review: DESCEND „Wither“ (Inverse Records): Ein Meilenstein der progressiven Extremmusik und mein persönliches Album des Monats. (15/15 Punkte; Veröffentlichung: 24. Januar 2014).

[2] Artikel: DESCEND: Hintergrund-Interview zum neuen Album und zur Band; eine erweiterte Fassung des Artikels ist online auf http://www.legacy.de abrufbar.

[3] Review: MAGENTA HARVEST, „Volatile Waters“ (Inverse Records): Vielversprechendes Debüt der finnischen Melodic-Death-Debütanten, das enorm groovt und Laune macht. (12/15 Punkte; Veröffentlichung: 10. Januar 2014).

[4] Artikel: MAGENTA HARVEST: Interview mit Details zur Band sowie zum Songwriting und zu den Lyrics von „Volatile Waters“; eine erweiterte Fassung des Artikels ist online auf http://www.legacy.de abrufbar.

[5] Review: MUSTASCH „Thank You For The Demon“ (Gain Music/Sony): Das neue Album der schwedischen Heavyrocker – das mit der grandiosen Single „Feared and Hated“ bereits seit November seinen lautstarken Schatten vorauswirft. Mustasch-Fans (und solche, die es noch werden wollen) können hier bedenkenlos zugreifen. (11/15 Punkte; Veröffentlichung: 15. Januar 2014).

[6] Review: THE VELVET UNDERGROUND, „White Light / White Heat – 45th Anniversary Edition“ (Universal/Polydor/Verve): Eines der ganz großen Pionier- und Referenzwerke für Punk, Noise, Drone und extreme Musik schlechthin – zum 45-jährigen Jubiläum neu aufgelegt mit tonnenweise Bonusmaterial. Heute wie damals unverzichtbar. (Keine Punktwertung, da Klassiker; Veröffentlichung: 6. Dezember 2013).

[7] Review: RE-ARMED, „Rottendam“ (Eternal Sound/NMD): Eigentwilliger Titel, wenig überzeugende und in punkto Originalität & Songwriting auch nicht mehr als durchschnittliche Mixtur aus Groove, Thrash und Death Metal mit ein paar bemüht-progressiven Einsprengseln. Nichts, was im Ohr bleibt oder das man unbedingt haben müsste. (7/15 Punkte; Veröffentlichung: 21. Januar 2014).

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Set the Twilight Reeling: Zum Tode Lou Reeds (27. Oktober 2013)

Lou ReedEiner der größten Singer/Songwriter unserer Zeit ist tot. Im Englischen würde man sagen: „Lou Reed is gone„, was um so vieles freundlicher klingt als „ist von uns gegangen“. Denn das „von uns“ signalisiert Hilflosigkeit oder entlarvt zumindest die Metapher des Gehens als blanken Euphemismus.

Halten wir’s also mit dem Englischen: Lou Reed is gone. Einfach weg ist er, durch die Tür hinaus, ohne große Ankündigung, als wäre er nur eben mal kurz … nun ja, man kennt die Liedzeile.

Lou Reed is gone. Has left the building after the lights went out. Ganz einfach weg, die Tür schwingt sogar noch ein wenig in den Angeln. Ganz unprätentiös ist er eben mal raus – und ebenso unspektakulär könnte er auch in jedem Augenblick wieder hereinschauen, die Gitarre unterm Arm, um sie in einen einfachen Amp einzustöpseln und ein cooles „Hookywooky“ zum Besten zu geben. „Hookywooky“ vom letzten großen Wurf, dem Set the Twilight-Album. 1996, auch schon wieder eine Weile her. Siebzehn Jahre, eine halbe Ewigkeit. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich direkt am Erscheinungstag in einen MediaMarkt in Heidelberg fuhr, um mir die Scheibe zu besorgen. Oder „Dirty Boulevard“ vom großartigen New York. 1989, ich jobbte damals beim Radio und habe, wenn ichs noch richtig zusammenbekomme, vermutlich dort und schon vorab in die Scheibe reinhören können. Oder war das die Magic and Loss, 1992, die sich ebenso minimalistisch wie ergreifend mit der Erfahrung von Krankheit und Tod auseinandersetzte? „Magician“ und „Sword of Damocles“ von eben jenem Album haben mich damals tief bewegt.

Andere großartige Momente: „How Do You Speak To An Angel“ von der Growing Up In Public, 1980. „New York City Man“ und „Trade In“, zwei zeitlos schlichte und eben darum erhabene Klassiker (schon jetzt) vom 96er Set The Twilight, „Last Great American Whale“ (1989), „Street Hassle“ (1978), das unglaublich dichte Berlin-Album  (1973), die Warhol-Würdigung Songs For Drella, für die er sich 1990 wieder mit JohnCale zusammenraufte. Oder „All Though The Night“ vom ansonsten eher durchwachsenen The Bells (1979) – kaum ein Song (auch nicht Bob Geldofs „Great Song of Indifference“) ist zugleich derart ausgelassen und entspannt. Das atemberaubende Live-Album Rock and Roll Animal  von 1974, auf dem er sich – mal wieder – neu erfand, oder besser: neu inszenierte (diesmal als Rocker). Metal Machine Muisic, 1975: Die Zelebrierung des Krachs, für manche gar „Heavy Metal“ im pursten Wortsinn. Und natürlich – um sie nun doch noch zu nennen – die Songs von seiner zweiten Soloscheibe, Transformer, 1972, „Walk On The Wild Side“, „Satellite of Love“, „Perfect Day“, auf die er von allzu vielen leider viel zu oft reduziert wurde.

Auf Lou Reed gekommen bin ich seinerzeit über The Velvet Underground – während meiner Psychedelic-Phase, noch zu Schulzeiten. „What Goes On“, „All Tomorrow’s Parties“, „Here She Comes Now“, „Rock and Roll“, „Pale Blue Eyes“, „I’ll Be Your Mirror“, „Sweet Jane“, „Beginning To See The Light“ – zeitlos schöne Songs, auch heute noch. Die finstere Seite: „Sister Ray“, „Heroin“, „Run Run Run“.

Zuletzt: Das Lulu-Experiment mit Metallica. Die Scheibe, die es niemandem recht machen konnte. Die – erwartbar, vielleicht sogar kalkuliert – Fans aller Lager irritieren sollte. Sagen sollte: Hier bin ich noch, und ich mache es euch nicht leicht. Ich bleibe unberechenbar. Erwartet von mir kein einfaches „Abliefern“ dessen, was ihr meint, von mir erwarten müssen zu dürfen. Denn ich muss nicht, ich darf. Und ich werde. Oder so ähnlich.

Ein letztes großes, möglicherweise nachdenkliches, möglicherweise auch zorniges (?) Solowerk – das wäre es noch gewesen. So bleibt dieses Lebenswerk, obgleich in seinen zahlreichen Facetten vollendeter als die Lebenswerke vieler anderer Zeitgenossen zusammengenommen, unvollendet. Und irgendwie passt das dann auch wieder: Unvollendet, rastlos, suchend erschien Lou Reed stets. Suchend nach Ausdruck, konzentrierter künstlerischer Kraft in minimalsten Bewegungen. Erinnere mich an ein Interview anlässlich des Erscheinens der Magic and Loss, in der davon die Rede war, dass ein Studio für die Aufnahmen nur deshalb nicht in Frage kam, weil eine der ganz großen Trommeln, die für dessen Einspielung benötigt wurden, nicht durch die Tür passte. Und dabei war dieses Album doch so zurückhaltend in seiner Instrumentierung, in seinem ganzen musikalischen Duktus. Und gerade deshalb so bewegend.

Es gäbe noch so vieles zu sagen, so vieles wiederzuerinnern aus der Zeit, als ich nahezu täglich Lou Reed hörte. Trotz verschiedener Umzüge und Restrukturierungen meiner Musiksammlung bin ich nach wie vor recht sicher, dass irgendwo verstreut noch das gesamte (umfangreiche) Werk bei mir herumliegt. In zerkratzten Hüllen, durch häufigen Gebrauch ramponierten, als Resultat diverser Verleihaktionen zu Schul- und Studienzeiten verschiedentlich mit Edding markierten Jewelcases: Zeugnisse eines nicht unbeträchtlichen Abschnitts meines Lebens, den sie mich begleitet haben. Ich sollte sie alle mal wieder rausholen.

Dieses Posting bleibt unvollendet – wie auch der damit gewürdigte Künstler. Es gäbe noch so viel zu sagen, aber man drehte sich ohnehin immer nur im Kreis. Im Kreis um eine Mitte, der man sich höchstens annährt und die es zu begreifen gilt, die aber letztlich nichts als Ehrfurcht verdient.

Dieses Posting bleibt unvollendet – und auch unredigiert. Ich habe es, gewissermaßen im Modus „assoziativen Schreibens“, runtergetippt und werde es nicht noch mal überarbeiten, ja nicht einmal erneut durchlesen, weil in der Regel schon das Durchlesen dazu verleitet, dies oder jenes doch noch einmal zu überdenken, zu straffen, zu optimieren. Dieses Posting bleibt unredigiert. Unbehauen, unausgefeilt: Zeugnis spontaner Betroffenheit über die unmittelbar zuvor erhaltene Todesnachricht – und zugleich unverfälschter Ausdruck des Respekts, den ich schon immer für diesen Künstler empfinde.

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