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Was WAR und IST und WIRD: ein Blick zurück voraus (Rückblick 2013)

2013Was bleibt hängen aus einem Jahr mal mehr, mal weniger konzentrierter Beobachtung der gitarrenorientierten Musikszene? Welche Alben oder Songs, die einen direkt nach Erscheinen umgehauen haben, erweisen sich auch auf längere Sicht als langlebig, welche Veröffentlichungen hat man unterschätzt, was ist – wissentlich oder unwissentlich – an einem vorbeigegangen und welche Releases entpuppten sich subjektiv betrachtet als Strohfeuer mit zunächst großem Initialeffekt, aber letztlich doch eher kurzer Halbwertszeit?

Mein persönliches Album des Jahres ist ohne Zweifel „Pelagial“ von THE OCEAN. Auch DEFEATERs „Letters Home“, dessen Erscheinen ich sehr entgegengefiebert hatte, rangiert weit oben in meiner Alben-für-die-Insel-Liste für das Jahr 2013. Da ich mich zu beiden Releases bereits ausführlich hier und hier geäußert habe, will ich sie nicht erneut in derjenigen epischen Breite zelebrieren, die ihnen zweifelsohne zusteht, sondern mich an dieser Stelle denjenigen Alben zuwenden, zu denen ich über die Monate immer wieder mal „unbedingt noch was schreiben wollte“, die in diesem Blog dann aber doch – unverdientermaßen und meistens aus Zeitgründen – unberücksichtigt geblieben sind. Alben, die im vergangenen Jahr bereits mit eigenen Blog-Einträgen gewürdigt wurden (BOMBUS, MOTÖRHEAD, TWILIGHT OF THE GODS, PHIL ANSELMO, ONSLAUGHT, WOUND, BLACK TUSK, ORCHID, SODOM; siehe Übersicht), werde ich dabei nicht erneut aufführen.

2013 war das Jahr einiger sensationeller Comebacks. Da ist zum einen CARCASS‘ „Surgical Steel“ mit Übersongs wie „A Congleated Clot of Blood“, „The Granulating Dark Satanic Mills“ und „Mount of Extinction“ oder dem 80er-Relikt „Thrasher’s Abbatoir“. Auch wenn sich das Album eher an der „Necroticism“/“Heartwork“-Phase der Band orientiert und damit möglicherweise den einen oder anderen Fan der grindigen Frühphase enttäuscht hat, beweisen CARCASS, dass es auch 2013 kaum eine andere Band in ihrem Genre gibt, die groovenden Death Metal derart locker aus der Hüfte ballert wie die Liverpooler Genre-Pioniere. Zu Recht wurde das Album in der Metalpresse vielfach zum Album oder Comeback-Album des Jahres ausgerufen – und es steht zu hoffen, dass mit CARCASS auch künftig zu rechnen sein wird, nicht nur auf den Bühnen, sondern auch weiterhin in den Studios dieser Welt.

Als ähnlich souverän und über jede Kritik erhaben muss das Monument „13“ gelten, das BLACK SABBATH anno 2013 in Beinahe-Originalbesetzung abgeliefert haben und von dem ich mir im Vorfeld nicht einmal ansatzweise diejenige Klasse erträumt hatte, die es dann tatsächlich vorlegte. Tatsächlich hatte ich dem Sabbath-Comeback sogar schon lange vor Veröffentlichung jedwede Relevanz abgesprochen und mir das Album daher auch gar nicht direkt am Erscheinungstag besorgt – sondern erst drei oder vier Wochen später, und auch dann eher halbherzig denn aus echter Überzeugung (vermutlich einfach nur deshalb, weil ich als Fan der „alten“ Sabbath dann doch ein schlechtes Gewissen hatte, dieses Werk unbeachtet zu lassen). Umso schmerzhafter traf mich dann die Erkenntnis, dass ich mir mit meiner frevelhaften Ignoranz volle drei bis vier Wochen selbstverschuldete Nicht-Erleuchtung eingehandelt hatte: Die Herren Iommi, Butler & Osbourne versuchen sich erst gar nicht an einem stilistischen Querschnitt durch alle ihre gemeinsamen Klassiker, sondern knüpfen vielmehr sehr fokussiert an die eigene Frühphase an – nicht nur mit dem Outro, das eben jenes Regen-Sample verwendet, mit dem weiland 1970 das selbstbetitelte Album-Debüt sowie dessen selbstbetitelter Opener eingeleitet wurde (und das entsprechend zum Ausklang des neuen Albums für einen ordentlichen Gänsehauteffekt sorgt). Auf „13“ regiert das Midtempo, und einmal mehr beweist Riffgott Tony Iommi, ähnlich wie bereits auf dem 2009 unter dem Bandnamen HEAVEN & HELL mit Ronnie James Dio eingespielten Sabbath-Mark-II-Comeback „The Devil You Know“ souveränstmöglich, dass Heaviness alles andere als eine Sache der Geschwindigkeit ist. Brecher wie „End of the Beginning“ oder „God Is Dead?“ überraschen beim ersten Hören durch ihren gemächlich anmutenden Aufbau, fräsen sich dann aber mit einer derartigen Wucht und Hartnäckigkeit ins Hirn, dass sie dort auch Monate später noch ihr Unwesen treiben. Ein Paukenschlag, der seinesgleichen sucht – und entweder ein würdiger Abschluss für das bis dato unabgeschlossene Mark-I-Kapitel der Band oder eben auch ein neuer Anfang; die Liedzeile „Is this the end of the beginning / or the beginning of the end“ mag diesbezüglich als Cliffhanger gelesen werden und macht gespannt, ob hier noch etwas nachkommt (dann möglicherweise sogar mit Bill Ward an den Drums?).

Mit einem dicken Ausrufezeichen in den Veröffentlichungslisten für 2013 zu versehen sind darüber hinaus eine Reihe weiterer Alben – allen voran das unglaubliche selbstbetitelte Album der US-Prog-Thrasher REVOCATION, das über die volle Distanz von zehn eigenen Songs und einem Metallica-Cover mustergültig demonstriert, dass hochambitionierter technischer Anspruch kein bisschen zu Lasten der Songdienlichkeit gehen muss. Was das Trio aus Massachusetts hier auf Albumlänge darbietet, ist zum einen aberwitzige Handwerkskunst in Perfektion, zum anderen ein mitreißendes Thrash-/Death-Monster mit einer Fülle an brillanten Ideen, aus denen, wie es Frank Albrecht treffend fürs RockHard beschrieb, „andere Bands eine Diskographie stricken“ würden. Um das glauben zu können, muss man es selbst gehört haben.

Nicht zu vergessen auch das aktuelle Hardcore-Punk-Gewitter „Live By The Code“ mit dem Übersong „I’m Only Stronger“, das TERROR in diesem Jahr auf die Menschheit haben niedergehen lassen: Hier kommt jeder Song wie ein wütender Affront und ist jedes Riff eine musikgewordene Faust in die Fresse. Man mag diese Art Hardcore primitiv finden, man kann es aber auch als „Harte Schule, aufs Essenzielle reduziert“ und damit als minimalistisch(st)en Ausdruck eines rauen, räudigen Street-Punk mit Thrash-Gitarren begreifen. Oder auch einfach nur geil finden.

Nicht zu vergessen weiterhin das ironisch-pseudointellektualistische beziehungsweise sympathisch-versponnene „Nanobots“-Album von THEY MIGHT BE GIANTS, das zwar alles andere als Metal ist, das ich aber einfach nicht unerwähnt lassen kann. Wer schert sich schon um Genregrenzen? Wenn ein Popalbum ein derartiges Ideen-, Melodien- und Absurde-Pointen-Feuerwerk abbrennt wie dieses, dann ist mir herzlich egal, in welcher musikalischen Tradition es steht. Nicht umsonst lasse ich mir mit dem Untertitel dieses Blogs „Metal … and more ein Hintertürchen offen, meinen Senf quer durch die Bank und über Genregrenzen hinweg zu allem dazuzugeben, das mir würdig erscheint, aus der jährlich anwachsenden Masse der Releases herausgehoben und für zumindest einen Blogeintrag auf ein Podest gestellt und sorgsamer Musterung unterzogen zu werden.^^ Und weiter: AUGUST BURNS REDs „Rescue & Restore“, das ich erstmalig konzentriert auf einer langen Autofahrt durch Frankreich hörte und das mich direkt umgehauen hat. Ist Metalcore bis auf wenige Ausnahmen (die bislang auf Namen wie PARKWAY DRIVE und KILLSWITCH ENGAGE hörten) ansonsten eher nicht so mein Ding, hat mich dieses Album davon überzeugt, dass es auch im Metalcore (noch) herausragende und richtungsweisende Vertreter gibt, die sich durch Originalität und sogar eine gewisse Progressivität von der Masse der Übrigen abheben. Möglicherweise fällt mir das aber nur deshalb so sehr auf, weil für mich die breite Masse der Genrebands im Metalcore-Sektor einfach allzu austauschbar klingt und mir das Genre insgesamt als stilistisch viel zu eng gesteckt erscheint, als dass darin noch Originelles zu tun wäre. Wie auch immer: AUGUST BURNS RED hätten mit ihrer neuen Scheibe auf jeden Fall einen eigenen Blogeintrag verdient gehabt. Vielleicht später einmal.

Als eine weitere Sternstunde des Muskjahres ist darüber hinaus das außergewöhnliche, sich einer stereotypen Schubladisierung entziehende und ungemein suggestive „Sunbather“ von DEAFHEAVEN zu nennen. Das Album vertont die Glückseligkeit, sich durch geschlossene Augenlider dem Gleißen der Sonne hinzugeben. Um diese Erfahrung so eindringlich als möglich nachvollziehbar zu machen, wird unter Verwendung von Black-Metal-Patterns ein Effekt erzeugt, der maximales Eintauchen ermöglicht. Selten war Sonnenbaden derart intensiv. Fantastisch.

Fantastisch auch: STEVEN WILSONs Prog-Meisterwerk „The Raven That Refused To Sing“, das Doppelalbum „Opposites“ von BIFFY CLYRO, das beweist, dass klug komponierter Progressive Rock durchaus pop- und radiokompatibel sein kann („Different People“ war in diesem Jahr einer der großen Ohrwürmer, die mich nicht mehr losgelassen haben), „The Headless Ritual“ von AUTOPSY, auf dem sich die Death-Urgesteine altersgereift mit einem ihrer besten Outputs ever präsentieren (göttlich darauf u.a.: „She Is a Funeral“), sowie „One Of Us Is The Killer“ von THE DILLINGER ESCAPE PLAN, in dem Extremmetall und Pop-Appeal kongenial zum Wahnsinn mit Methode fusioniert werden. Waren die Dillingers mit ihrem ADHS-Metal früher bisweilen über längere Distanz dann doch etwas anstrengend, haben sie inzwischen zu einer beunruhigend perfekten Balance zwischen Irrsinn und Selbstkontrolle gefunden, bei welcher die Songs gerade durch ihre Eingängigkeit noch zusätzliche Energie gewinnen. Das hat gleichermaßen Wucht und Wirkung.

Äußerst druckvoll ausgefallen ist auch das Livedokument „Dying Alive“ zum 2012er Tourabschluss von KREATOR in der Oberhausener Turbinenhalle: eine erstklassige, interessant gefilmte Produktion, die zeigt, wie man trotz der Konkurrenz durch YouTube-Amateurvideos auch heute noch ein Konzert filmisch so in Szene kann, dass die Atmosphäre einer KREATOR-Show (beinahe) so konserviert wird, als sei man dabeigewesen. Natürlich ist das „echte“ Live-Feeling durch nichts zu toppen; als jemand, der beim Gig in Oberhausen vor Ort und im Getümmel war, hat mich der Film trotzdem begeistert. Sympathisch war auch die zugehörige Filmpremiere im August in der Essener Lichtburg – mit der kompletten Band und Teilen der Crew sowie anschließender Frage- und Autogrammstunde.

Zu Jahresende hat mich dann noch die neue DEICIDE „In The Minds Of Evil“ weggeblasen. Zwar ist die Platte als Ganze auf Dauer etwas monoton, das Teil groovt aber wie Sau und stellt das letzte Release der Gotteslästerer aus Florida noch einmal locker in den Schatten. Zusammen mit CARCASS und AUTOPSY belegen DEICIDE eindrücklich, dass diejenigen Bands, die sich Ende der 80er/Anfang der 90er aufmachten, tonnenschwere Pflöcke in das unerforschte Terrain des noch jungen Genres einzurammen, auch heutzutage bei der Definition von Death Metal noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben. Daneben haben in 2013 erneut verschiedene junge Bands gezeigt, dass die Orientierung an Old-School-Trademarks im Death Metal keineswegs zu einer nur rückwärtsgerichteten (und damit stilistisch stagnierenden) Entwicklung führen muss: Bands wie ATOMWINTER („Atomic Death Metal“) oder die bereits an anderer Stelle besprochenen WOUND („Inhale The Void“) halten klassische Tugenden höchst eindrucksvoll am Leben und zeigen damit, wie zeitlos der von den Genrepionieren (DISMEMBER, MERCILESS, NIHILIST, frühe ENTOMBED, frühe DEATH, MASSACRE sowie den oben erwähnten, noch oder wieder aktiven „Klassikern“) geprägte Stil auch heute noch funktioniert. Überhaupt war Death Metal auch 2013 wieder eines der spannendsten Genres mit vielen frischen Bands, die sich zwischen „klassischen“ Strukturen und modernen Sounds eigene Positionen erarbeiten und damit das Genre nicht nur am Leben halten, sondern auch – evo-, nicht revolutionär – weiterentwickeln.

Wie in jedem Jahr wurde 2013 (leider) auch in der Musikszene (wieder) gestorben. Besonders hart in diesem Jahr (für mich) der Tod von Lou Reed (siehe Nachruf) sowie (für die gesamte Metal-Szene) der Verlust von Jeff Hanneman. Tatsächlich stammen, wie ich mich noch einmal vergewissert habe, die allermeisten meiner SLAYER-Favourites aus der Feder von Jeff. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie ein neues SLAYER-Album klingen mag, auf dem Hanneman nicht am Songwriting beteiligt ist, lasse mich aber gerne überraschen. So unersetzlich der Hanneman-Pol im bisherigen künstlerischen Prozess von SLAYER auch war (und bleiben wird), so sehr sei es natürlich auch dieser Band – wie auch anderen vor ihnen – zugestanden, trotz des Todes eines zentralen Bandmitglieds weiterzumachen und – hoffentlich – wieder zu irgendeiner Art von Form zu finden (nicht nur live, sondern auch auf Tonträger). Neu erfinden werden sie sich dabei sicherlich nicht, denn alle Neu-Erfindung wäre nicht mehr SLAYER. Man wird im nächsten Jahr zu beobachten haben, wie die Band damit umgeht, trotz Verlusts von 50% ihrer Kernbesetzung (Lombardo wurde kurz vor Hannemans Tod von Kerry King gegangen) den Status quo zu erhalten. Kaum eine andere Band (außer MOTÖRHEAD natürlich) genießt quer durch alle Metal-Genres einen derartigen Kult-Status und eine derartige Szene-Credibility. Damit umzugehen wird für die Herren King und Araya sicherlich ein heikles Geschäft.

Worauf freue ich mich in 2014?

Zunächst darauf, dass das Jahr so weitergeht wie es beginnt: Als sporadischer Rezensent für das LEGACY-Magazin hatte ich bereits das Vergnügen, die kommenden Releases von DESCEND, MUSTASCH und CYNIC, die im Januar und Februar erscheinen werden, ausgiebig durchzuhören. Auch wenn das Jahr noch lang ist und genau besehen noch nicht einmal begonnen hat, muss ich DESCENDs „Wither“ schon jetzt als ersten Kandidaten für mein persönliches Album des Jahres in 2014 vormerken. Auch MUSTASCH werden mit „Thank You For The Demon“ nicht enttäuschen, und das neue CYNIC-Album „Kindly Bent To Free Us“ geht konsequent den Weg weiter, den die Herren Masdival und Reinert mit ihrer 2012er EP „Carbon-Based Anatomy“ eingeschlagen haben. Entsprechend wird auch dieses Album (wieder) polarisieren; für Fans, die bereit sind, die Entwicklug der Band seit „Focus“ (1993) mitzugehen (zu denen ich mich selbst zähle), handelt es sich fraglos um ein starkes Album. Mehr dazu in meiner Review für die März-Ausgabe des LEGACY.

Mehr als gespannt bin ich darüber hinaus auf die kommenden Alben von MASTODON, OVERKILL und LEGION OF THE DAMNED, auf die kürzlich von Jimmy Page in einem Interview angekündigten Re-Releases sämtlicher LED-ZEPPELIN-Alben mit zusätzlichem, unveröffentlichten Material sowie – sofern beide noch Wirklichkeit werden – auf die inzwischen mehrfach angekündigten und verschobenen Scheiben von ENTOMBED und SLAYER. Sowie auf all diejenigen Releases, von deren Existenz ich bislang noch überhaupt nichts weiß und die ich im Laufe des Jahres zu entdecken plane. Denn das Entdecken ist es doch, das die Musikszene insbesondere für Metal-Afficionados so spannend macht und spannend hält: Nicht anders als Alexander von Humboldt im 19. Jahrhundert vor den unerforschten Gebieten der Welt seiner Zeit stehen wir jedes Jahr im Dezember vor den weißen Flecken auf der musikalischen Landkarte des kommenden Jahres – hoffend, auch in den nächsten zwölf Monaten wieder ausgiebig finden, staunen und unseren Horizont erweitern zu dürfen. ;-)

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Orchid, The Mouths of Madness (Nuclear Blast, 2013)

Orchid, The Mouths of MadnessWie soll man sich dem neuen Album einer Band nähern, das aufgrund des kürzlich erfolgten Majordeals mit Nuclear Blast zum Erscheinungstermin in den meisten der einschlägigen Rock- und Metalmagazinen mit ganzseitigen Anzeigen beworben wird und das dementsprechend PR-bedingt gegenüber anderen Veröffentlichungen von vornherein einen Medienaufmerksamkeitsbonus einfährt? Kritisch natürlich.

Um es gleich vorwegzunehmen: Bereits vor der neuen Veröffentlichung habe ich mich als einen großen Bewunderer der Band betrachtet – und daran hat sich auch nach intensivem Antesten des neuen Albums „The Mouths of Madness“ nichts geändert – eher im Gegenteil, denn:

(1) Die Band macht auf ihrem neuen Album nicht nur so gut wie alles alles richtig (was im optimalen Falle das Erwartbare gewesen wäre), sondern

(2) versteht es zudem, mit diversen Stücken und Stilelementen durchaus zu überraschen (was nicht zwangsläufig erwartbar gewesen wäre: Es gibt genügend junge Bands, die, gerade nach Abschließen eines Major-Deals, eher auf Nummer sicher gehen würden, um die mühsam erspielte Fangemeinde nicht zu verschrecken).

Orchid gelingt es mit ihrem neuen Album eindrucksvoll, sich von den immer mal wieder kritisch geäußerten Vorwürfen eines Mitschwimmens auf der 70er-Retrowelle ohne eigenständige Stilmerkmale freizuschwimmen. Der Band ist mit „The Mouths of Madness“ ein überzeugendes Statement gelungen, dass sie weit mehr sind (und können) als eine bloße Black-Sabbath-Kopie – wenngleich, und das betont die Band ja gerne selbst häufig in Interviews, die Sabbath der 70er ganz klar und nach wie vor einen (man beachten: „einen“, nicht „den“!) Haupteinfluss ihrer Musik darstellen.

Doch eins nach dem anderen:

Allzu oft werden Orchid auf ihre Bezüge zu frühen Black Sabbath reduziert. Es ist sonnenklar, dass neun von zehn Songs aus den bisherigen Releases „Through the Devil’s Doorway“ (EP, 2009), „Capricorn“ (Album, 2011) und „Heretic“ (EP, 2012) den Geist der 70er-Sabbath-Ära nicht nur atmen, sondern tief inhaliert haben, und dass in jedem dieser Songs Remineszenzen an jeweils zwei oder mehr klassische Sabbath-Nummern anklingen. Diese Band schwimmt – in Ermangelung einer besseren Metapher wähle ich diese – auf einem See großartiger Sabbath-Kompositionen und greift davon ausgehend nach anderen Gewächsen, die an dessen Rändern wuchern. Und das kommt der Sache, um die es geht, wohl am nächsten: Orchid sind eben kein bloßes Plagiat des Originals, sondern eine Art logischer Weiterentwicklung. Oder besser: eine evolutionsgeschichtliche Nebenlinie. Sie knüpfen da an, wo Sabbath so um 1975, maximal 1978 standen, und führen vor, wie ausgehend von diesem Stand in einem Paralleluniversum (das in Orchid dann durchaus real wird) die Sabbath-Geschichte hätte weitergehen können. Dabei – Hier greift die Evolutionsperspektive durchaus! – starten sie zunächst als weitgehend Sabbath-getreue Kopie („Through the Devil’s Doorway“, 2009) und beziehen dann schrittweise und mit Bedacht weitere Elemente mit ein: auf dem Debüt „Capricorn“ (2011) durchaus vorhanden, aber eher noch verhalten, auf dem vorliegenden Zweitling „The Mouths of Madness“ weitaus deutlicher und selbstbewusster. Die Einflüsse beziehen Orchid selbstverständlich komplett aus dem 70er-Universum. Die Melange, die Orchid aus dem Füllhorn dieser Ära schöpfen, kann dabei – und dies ist eines der Hauptverdienste der Band – durchaus als eigenständiges Gebräu gewürdigt werden, das Songwriting und die Produktion ebenfalls: Bei aller soundtechnischer Liebe zum (originalen wie originellen) Detail wirkt die Verarbeitung der 70er an keiner Stelle wie ein Griff in die Mottenkiste, sondern wie eine den Originalen angemessene Transposition in die Gegenwart – mit deutlicher eigener Note.

Randnotiz: Während in bisherigen Analysen zur Band eigentlich immer nur die Sabbath-Bezüge herausgestellt wurden, wird ihr Bezug zu Led Zeppelin hingegen viel zu selten thematisiert. Das neue Album bestätigt mich nicht nur in der Annahme, dass Orchid ihre Einflüsse insgesamt deutlich breiter offenlegen als bisher, sondern auch darin, dass insbesondere der Zeppelin-Einfluss (der ansatzweise auch schon auf „Capricorn“ zu erkennen war) nun z.T. wesentlich klarer zutage tritt. Darüber hinaus geht Theo Mindells Stimme nur noch ansatzweise als authentische Kopie des „Madman“ Ozzy durch und ist jetzt – noch deutlicher als bisher schon – in Äquidistanz zum frühen Ozzy und zu Blackie Lawless zu verorten.

Die Songs auf „The Mouths of Madness“ in der Einzelkritik:

Bereits beim Album-Opener fällt mir auf, dass man für eine angemessene Bewertung der einzelnen Songs und des Albums als Ganzem kaum umhinkommt, detailliert Bezüge zu diesen und jenen Einflüssen herauszuarbeiten. Es ist ein wesentliches Merkmal des Orchid’schen Songwritings, diverse Einflüsse zusammenzubringen und daraus – in den meisten Fällen erfolgreich – etwas Eigenes zu köcheln. Also dann:

  • THE MOUTHS OF MADNESS: Ein erhabener Opener, der die Scheibe würdig eröffnet und gekonnt die Brücke von „Capricorn“ zur Erweiterung des eigenen stilistischen Spektrums schlägt: Dem mächtigen Eingangsriff, das den Refrain vorwegnimmt, folgt eine treibende Strophe mit galoppierendem Beat, der den Gesang vor sich hertreibt (in Richtung Schafott? ;). Freunde von The Devil’s Blood werden an dieser Strophe ihre Freude haben – Orchid-Fans sowieso. Die Band zeigt alle ihre Stärken – insbesondere diejenige, Songs zu schreiben, die sich direkt beim ersten Hören im Ohr verhaken. Die Bridge ab 03:36 bringt ein Jimi-Hendrix-Gedenk-Lick, bevor sie sich mit einer Iommi-Überleitung zum erneuten Gesangseinsatz steigert. Kleines Detail: Das Mini-Lick zwischen dem jeweils ersten und zweiten Durchgang des Hauptriffs (im Intro und in den Refrains) kann man als subtile Remineszenz an Hendrix‘ Crosstown Traffic lesen. Wenn man denn möchte. ;) Auf jeden Fall macht der Song das 70er-Panoptikum schon mal weit auf – inklusive düsterer Psychedelic-Schwaden und allem, was dazugehört. Das Outro bringt einen kleinen, aber nicht weiter vertieften Querverweis auf War Pigs – womit das „Wir können auch Sabbath, aber nicht nur„-Trademark gesetzt ist.
  • MARCHING DOGS OF WAR und SILENT ONE sind die Songs mit den direktesten Sabbath-Bezügen auf der Scheibe: Das treibende Hauptriff von MARCHING DOGS wie auch die Gesangslinie der Strophe erinnern unwillkürlich an Children of the Grave. Auch Capricorn, der starke Titeltrack des Vorgängeralbums, klingt an. Überraschend dann ab 03:15 der bluesige Instrumentalpart mit – wie schon in anderen Rezensionen erwähnt – an den Roadhouse Blues der Doors erinnernder Mundharmonika (N.B.: Auch in Sabbaths The Wizard gab es einen Harmonica-Part). Das Gitarrensolo lässt Led Zeppelin anklingen (Stairway to Heaven, Schlussteil). Das Intro von SILENT ONE zitiert War Pigs wie auch N.I.B., gefolgt von einem typischen Iommi-Riff. Ab 04:52 wird es dann psychedelisch-finster mit schauriger Friedhofsglocke (Das Intro des allerersten Sabbath-Albums lässt grüßen). Der Text behandelt – dazu passend – den Cthulhu-Mythos von Lovecraft.
  • NOMAD: Im Intro lassen Pink Floyd grüßen, das simple Hauptriff könnte auch von Boston stammen, die Gitarrenphrase im Refrain klingt wie Iommi auf dem letzten Heaven-and-Hell-Album „The Devil You Know“. Der schnelle, rock’n’rollige Mittelteil erinnert an die Strophe von Never Say Die. Während bei den übrigen Songs des Albums die verschiedenen stilistischen Einflüsse homogen ineinanderfließen, wirkt dieser Song eher puzzlehaft. Für meinen Geschmack der schwächste Song des Albums.
  • MOUNTAINS OF STEEL: Das Eingangsriff lässt das Intro zu Sabbaths A National Acrobat anklingen. Ein getragener Song im fetten warmen 70er-Sound. Rötliche Abendsonne über dem Highway ins Nirgendwo. Plötzlich taucht auch noch ein Blues-Piano am Straßenrand auf und bringt – wie so oft bei Orchid – eine unerwartete Wendung. Während der erste Teil des Songs gefällig und irgendwie „schön“ vor sich hinwogte, schleicht sich nun in die Indian-Summer-Stimmung eine unterschwellige dramatische Note ein. Der Song markiert die Mitte des Albums – oder eröffnet dessen grandiosen zweiten Teil (je nach Perspektive).
  • LEAVING IT ALL BEHIND: Das Intro mit seinem Flanger-Gitarreneffekt erinnert mich an einen meiner All-time-Led-Zeppelin-Favourites: Night Flight vom gewaltigen „Physical Graffiti“-Doppelalbum. Die Strophe dann hat einen ähnlich stampfenden Unterbau wie When the Levee Breaks, dem monumentalen letzten Song der „Led Zeppelin IV“, darüber flirren Southern-Rock-Gitarren, was einen irren Kontrast zwischen stahlschwerem Groove und Leichtigkeit schafft. Diese Spannung behält der Song über die volle Siebeneinhalbminuten-Distanz bei. Ab Minute 4:30 finden wir eine weitere Remineszenz an den Schlussteil von Stairway to Heaven … und irgendwie wünscht man sich bei diesem Schlussteil als Krönung noch die „uh-uh“s aus Sympathy for the Devil von den Stones hinzu. Letztere bleibt die Band zwar schuldig – der Song ist dennoch grandios. Die einzige Fehlentscheidung ist das Fade-out am Schluss – das überdies viel zu früh kommt. Fade-outs sind – dies finde ich generell – in den allermeisten Fällen verzichtbar bis ärgerlich – sofern sie nicht bewusst als Stilmittel eingesetzt werden (z.B. um das Thema des Songs zu untermauern -> siehe z.B. manche Songs von Bolt Thrower, bei denen die Kriegsmaschinerie halt immer weiter walzt…). Wenn ich mir das überflüssige Fade-out wegdenke, ist dieser Song für mich das große Highlight dieses Albums.
  • LOVING HAND OF GOD: Witzig, wenngleich von der Band sicherlich nicht beabsichtigt (oder etwa doch?): Der Basspart, der den Song dominant durchzieht, erinnert an das großartige Papa was a Rolling Stone von The Temptations und verleiht dem gesamten Song ein souliges Fundament. Die Strophe kann insgesamt als soulig reinterpretierte War Pigs-Variation durchgehen; die Überleitung und der Instrumentalteil ab 03:12 untermauern die War Pigs-Orientierung. Eine coole Nummer, die in den Strophen die in LEAVING IT ALL BEHIND vorgegebene Kontrastierung von Leichtigkeit und Schwere unter anderen stilistischen Vorzeichen wiederaufgreift.
  • WIZARD OF WAR: Dieser Song ist simpel. Dieser Song ist fokussiert, nicht ausladend und verzichtet auf jede überflüssige Note. Er leistet sich im Vergleich zu den beiden im Albumkontext vorangehenden Songs auch keinerlei Schnörkel. Der Song wurde vorab auf EP veröffentlicht und wurde von mir daher vor dem Release des Albums schon etliche Male ausführlich laut gehört. Der Song hat sich dabei nicht im mindesten abgenutzt – im Gegenteil: Er ist einfach ein Kracher, der sich als genau das ausgibt, was er ist: ein knochentrockenes Stück Hardrock, das keine acht Sekunden benötigt, um auf den Punkt zu kommen und bei dem nach 3 Minuten und 18 Sekunden auch alles gesagt ist – in exakt dem Zeitraum, dessen es bedurft hätte, um wirklich alles, aber kein einziges Wort zu wenig oder zu viel zu sagen. Der Song kann als die logische Weiterentwicklung des Openers Into the Sun von der 2009er-EP „Through the Devil’s Doorway“ durchgehen. Und klar: Hier stand – natürlich – auch Paranoid von Black Sabbath Pate. Geschenkt. Geiler Song.
  • SEE YOU ON THE OTHER SIDE: Das Intro klingt, als seien Blue Öyster Cults Don’t Fear the Reaper und die schnellen Parts aus Dazed and Confused von der „Led Zeppelin I“ als Kontrahenten in einen Boxring geworfen worden – sehr geil! Die Licks erinnern an Thin Lizzy und an Led Zeppelin (eher die späteren als die frühen), der Gesang stellenweise an Radar Love von Golden Earring. Überraschend und intensiv ist der Zwischenteil mit Flamenco-Gitarre – der den langsamen, erdigen Parts von Led Zeppelin ähnelt, über denen sich Robert Plant mit bluesigem Timbre frei variierend austobt (vergleiche hier ebenfalls Dazed and Confused sowie Babe I’m Gonna Leave You oder Since I’ve Been Loving You. In struktureller Hinsicht weist der Song Parallelen zu Sabbaths Sabbra Cadabra auf – sowohl was die groovigen Parts anbetrifft als auch hinsichtlich des unerwarteten bluesigen Mittelteils.

FAZIT: See You on the Other Side bildet einen großartigen Abschluss zu einem insgesamt überzeugenden Album, das einerseits von stilistischer Offenheit und, erneut, vom großartigen Songwriting-Potenzial der Band zeugt, das aber zugleich andeutet, dass der Band nicht so ganz klar ist, wo sie auf längere Sicht stilistisch hinwill. Das ist nicht schlimm, sondern Teil einer normalen Entwicklung und macht gespannt auf Weiteres. Insgesamt präsentiert das Album einige Meisterwerke und kaum Durchhänger. Der „ganz große Wurf“ ist es, wie der Rezensent des Metal Hammer feststellte, noch nicht – aber diese Einschätzung hat möglicherweise auch damit zu tun, dass der Band – u.a. aufgrund des großen Hypes, der seit bei Erscheinen ihres Debütalbums seitens einiger Journalisten um sie gemacht wurde und wird – mit leicht überzogenen Erwartungen begegnet wird. Schraubt man die Erwartungen auf Normalmaß zurück, kann man, mit kleinen Abstrichen, durchaus von einem beachtlichen Wurf sprechen – wobei diverse Songs des Albums andeuten, dass bei der Band nach wie vor Luft nach oben ist. Das schmälert aber nicht die vorgelegte Leistung, sondern spricht vielmehr für die Ausnahmequalität der Band.

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